Deutschland Archiv 42 (2009), 2

Titel
Deutschland Archiv 42 (2009), 2.
Weitere Titelangaben
Stadt(planungs)geschichte


Hrsg. v.
W. Bertelsmann Verlag im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn
Heft(e)
2
Erschienen
Bielefeld 2009: W. Bertelsmann Verlag
Umfang
192 S.
Preis
8,00 EUR
Herausgeber d. Zeitschrift
Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Dr. Hans-Georg Golz (verantwortlich)
Erscheinungsweise
4x im Jahr
Kontakt
]init[ Redaktion Köpenicker Straße 9 10997 Berlin

EDITORIAL
In einem Interview mit der Südthüringer Zeitung hat Ende Februar der Spitzenkandidat der Linkspartei in Thüringen, Bodo Ramelow, erklärt, »dass ich die DDR nach meinem Verständnis nicht für einen Rechtsstaat gehalten habe. Aber dass ich den politischen Begriff ›Unrechtsstaat‹ nicht verwenden würde.« In sehr gewundenen Formulierungen gestand Ramelow zwar ein, dass es in der DDR keine Rechtssicherheit gegeben habe, doch letztlich sei ihm das, »was der Begriff ›Unrechtsstaat‹ aussagen soll, […] schwer fassbar«. Das Faktum allerdings, dass es in der DDR keine Rechtssicherheit gab, dass die Justiz von Ermittlungsbehörden wie dem Ministerium für Staatssicherheit und vor allem von der politischen Führung, der SED, kontrolliert und wiederholt missbraucht wurde, genügt, um die DDR als Unrechtsstaat zu klassifizieren.

Für Streit sorgt seit geraumer Zeit allerdings weniger die Diskussion über diese Charakteristik des SED-Staates als die juristische Auseinandersetzung mit seinen Tätern. Dabei geht es weniger um die Ahndung der von ihnen begangenen Straftaten als um die Nennung ihrer Namen. Zahlreiche Personen aus Wissenschaft und Journalismus, vor allem aber Aufarbeitungsinitiativen sehen sich seit einigen Jahren angefeindet und mit Unterlassungsbegehren konfrontiert, weil sie es wag(t)en, die Namen einstiger Täter des SED-Regimes zu nennen. Einen solchen Fall hatte in der letzten Ausgabe des Deutschland Archivs André Gursky, Leiter der Gedenkstätte »Roter Ochse« in Halle (Saale), beschrieben. Im vorliegenden Heft bildet dieser Fall einen der Ausgangspunkte für die juristische Antwort auf die Frage: Darf man Stasi-Mitarbeiter beim Namen nennen?

Das DA versucht damit, dem großen Interesse an diesem Problem gerecht zu werden. Denn dieses Thema ist wesentlich für die weitere Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Soll die DDR kein abstraktes Gebilde bleiben – was sie ja auch nie gewesen ist –, so muss alles und müssen alle benannt werden dürfen, was und wer zu ihrer Gestaltung und zu ihrem Erhalt, aber auch zu ihrem Zusammenbruch und zur Überwindung der SED-Diktatur beigetragen hat.

Wie verschieden Gestaltungs(frei)räume in der DDR angelegt waren, beleuchtet nicht nur die politische Geschichte des SED-Staates. Wesentliche Antworten auf diese Frage können auch Forschungen zu Bereichen geben, die scheinbar an der Peripherie von Staat und Gesellschaft angesiedelt waren. Dazu gehört die Stadt(planungs)geschichte, der das Deutschland Archiv in der vorliegenden Ausgabe einen Themenschwerpunkt widmet. Hierbei spielen nicht nur Strukturen, sondern ebenfalls Personen eine wichtige Rolle, hing doch von deren Engagement, von ihren Kompetenzen die Entwicklung und Umsetzung zentralistisch vorgegebener Leitlinien ebenso ab wie deren Überwindung. Die Konzepte für Stadtentwicklung und Städtebau, neue Architektur- und Siedlungsformen wie auch der Umgang mit dem baulichen Erbe vergangener Zeiten geben wichtige Aufschlüsse über Gesellschaftsformationen ganz allgemein. Das gilt im Besonderen auch für die DDR. Städtebau und Stadtplanung prägten ganz entscheidend das Leben in der DDR und das Bild (von) der DDR.

Das Bild, das Menschen sich von der DDR machen und das Medien ihnen nahebringen, dient vielen als ein Indikator dafür, wie es um die »innere Einheit« Deutschlands im 20. Jahr seiner staatlichen Einheit bestellt ist. Der Begriff der »inneren Einheit« erlebt immer wieder gewisse Konjunkturen, und die anstehenden Jubiläen von 20 Jahren Mauerfall und deutscher Einheit werden eine solche erneut befördern. Anlass genug also, diesen Begriff im Deutschland Archiv einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

ZEITGESCHEHEN

Thomas Starke: »Ach wie gut, dass niemand weiß …«. Darf man die Namen von Stasi-Mitarbeitern nennen?
S. 197-206

Heinrich Bortfeldt: Kein Verhältnis zu Europa. Der Europaparteitag der Linken in Essen
S. 207-211

Günter Agde: Bilder mit Rissen
S. 211-215

Manfred Jäger: Fortlaufendes Nach-Denken. Zum 80. Geburtstag von Christa Wolf
S. 215-223

Jörg Bernhard Bilke: Karl-Heinz Jakobs zum 80. Geburtstag
S. 224-226

Anmerkungen zu: Peter Maser, Gedenken, Erinnern, Lernen und Tagen. Der Erfurter Gedenk- und Lernort Andreasstraße als zentraler Ort der Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur in Thüringen (DA, 1/2009,
S. 16 – 22)

Hildigund Neubert: 46,6 Quadratmeter für 6 000 Haftschicksale
S. 226-229

Peter Maser: Gegen jede Monopolisierung des Gedenkens
S. 229-230

ZEITGESCHICHTE

Hans-Christian Herrmann: „Die kleine Wiedervereinigung“. 50 Jahre nach der Einführung der D-Mark im Saarland
S. 231-238

Sven Schultze: Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) in der SBZ/DDR. Zur Geschichte einer vergessenen landwirtschaftlichen Organisation 1946 – 1951
S. 239-246

Werner Landmann: Vom lästigen Anhängsel zum sozialpolitischen Flaggschiff. Vergleichende Untersuchung der Wohnungspolitik im Nationalsozialismus und in der DDR
S. 246-255

Christoph Bernhardt: Die Peripherie als Seismograph. Einblicke in neuere Forschungsergebnisse zur DDR-Stadt(planungs)geschichte
S. 256-260

Eduard Kögel: Rudolf Hamburger. Ein Leben zwischen Anpassung und Selbstbehauptung
S. 261-266

Max Welch Guerra: „Städtebau als Triebkraft“. Ein fachpolitischer Reformflügel in der späten DDR
S. 267-275

Harald Engler: Stadtplanung und Stadtentwicklung in einer kleinen DDR-Mittelstadt in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Das Beispiel Prenzlau
S. 276-285

Henriette von Preuschen: Ungeliebtes Erbe? Zum Umgang mit kriegszerstörten Kirchen in der DDR am Beispiel der Bezirkshauptstadt Magdeburg
S. 285-293

Thomas Hoscislawski: Wiederaufbauplanungen für das Leipziger Stadtzentrum 1945 bis 1990
S. 293-300

Anmerkungen zu: Julian-André Finke, Selbstbestimmter Staat oder Vasall Moskaus? Zur Souveränität der DDR am Beispiel des Diensthabenden Systems der Luftverteidigung, DA 41 (2008) 6, S. 993 – 1002
Karl Harms
S. 301

Julian-André Finke: Antwort auf Karl Harms
S. 301-302

FORUM

Markus Linden: Innere Einheit. Konjunkturen und Defizite einer Debatte
S. 303-312

Thomas Moser: RAF und kein Ende. Wer erschoss Generalbundesanwalt Siegfried Buback? Immer neue Fragen zu einem politischen Attentat
S. 314-322

TAGUNGEN, VERANSTALTUNGEN

Hendrik Bindewald: Die deutsche, eine sensible Frage. Tagung in Berlin
S. 323-326

Elke Kimmel: 20 Jahre friedliche Revolution und deutsche Einheit. Geschichtsmesse in Suhl
S. 326-328

Martina Thiele: Geschichtsjournalismus zwischen Information und Inszenierung. Tagung in Eichstätt
S. 329-331

Silke Flegel: „Die Erfahrung der Freiheit“. Ein europäisches Gespräch in Bochum
S. 331-333

REZENSIONEN

Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel (Wolfgang Templin)
S. 335-337

Deutsch-deutsche Geschichte: Umgang mit der NS-Vergangenheit, Hg. FWU/Bundesstiftung Aufarbeitung; Deutsch-deutsche Geschichte: Jugend in Ost und West, Hg. FWU/Bundesstiftung Aufarbeitung; Die 68er, Hg. FWU; Zeitenwende 1989/90, Hg. FWU/Bundesstiftung Aufarbeitung (Ulrich Bongertmann)
S. 337-340

Thomas Großbölting, Dirk Hofmann (Hg.): Vergangenheit in der Gegenwart (Irmgard Zündorf)
S. 341-342

Uta Franke: Sand im Getriebe (Martin Jankowski)
S. 342-343

Ulrike Guckes: Opferentschädigung nach zweierlei Maß? (Achim Beyer)
S. 343-344

Rita Pawlowski (Hg.): „Unsere Frauen stehen ihren Mann“ (Gerda Weber)
S. 344-346

Sönke Friedreich: Autos bauen im Sozialismus (Renate Hürtgen)
S. 346-348

Thomas Schmidt-Lux: Wissenschaft als Religion (Igor Polianski)
S. 348-349

Matthias Rogg: Armee des Volkes? (Tilmann Siebeneichner)
S. 350-351

Bernd Biedermann: Offizier, Diplomat und Aufklärer der NVA (Walter Jablonsky)
S. 351-352

Armin Wagner, Matthias Uhl: BND contra Sowjetarmee (Bernd Stöver)
S. 352-354

Herbert Elzer: Die Schmeisser-Affäre (Wolfgang Buschfort)
S. 354-355

Petra Winter: „Zwillingsmuseen“ im geteilten Berlin (Martin Hollender)
S. 355-356

Jochen Staadt, Tobias Voigt, Stefan Wolle: Operation Fernsehen (Sandra Pingel-Schliemann)
S. 356-358

Peter Pragal: Der geduldete Klassenfeind (Hans Jürgen Fink)
S. 358-359

Hans-Dieter Schütt: Spielzeit Lebenszeit – Thomas Langhoff (Heinz Klunker)
S. 360-361

Carola Hähnel-Mesnard: La littérature autoéditée en RDA dans les années 1980 (Steffen Kaudelka)
S. 361-362

Alena Wagnerová: Helden der Hoffnung (Udo Scheer)
S. 362-363

Bill Niven: Das Buchenwaldkind (Eberhard Görner)
S. 363-364

Arno Herzig: Schlesien (Bärbel Gafert)
S. 365-366

Nina Tatter: Verortung durch Geschmack (Klaus Christoph)
S. 366-367

Annotationen
S. 367-370: Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder (Lu Seegers); Karl Heinz Jahnke: Gegen das Vergessen! (Kurt Schilde); Werner Theuer †, Arno Polzin, Bernd Florath: Aktenlandschaft Havemann (Hermann Weber); Joachim Heise (Hg.): Christa Lewek (Rudolf Mau); Jost-Arend Bösenberg: Die Aktuelle Kamera (Gunter Holzweißig); Steffen Hirsch: Der Typus des „sozial desintegrierten“ Straftäters in Kriminologie und Strafrecht der DDR (Eva Klärner); Bettina Ernst-Bertram, Jens Planer-Friedrich: Pfarrerskinder in der DDR (Marc-Dietrich Ohse)

AKTUELLES AUS DER DDR-FORSCHUNG

1/2009. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
S. 371-382

Die Autorinnen und Autoren dieses Heftes
S. 383-384

Impressum
S. 384

Zitation
Deutschland Archiv 42 (2009), 2. in: H-Soz-Kult, 09.04.2009, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-4813>.
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