Religion und Gesellschaft in Ost und West (2013), 10

Titel
Religion und Gesellschaft in Ost und West (2013), 10.
Weitere Titelangaben
Themenheft: Protest in Russland


Hrsg. v.
Institut G2W. Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West
Heft(e)
10
Erschienen
Zürich 2013: Medienpark
Umfang
32 S.
Preis
CHF 10,00/EURO 7,00 (zzgl. Versandkosten)
Herausgeber d. Zeitschrift
Institut G2W. Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West
Erscheinungsweise
monatlich
Kontakt
Institut G2W Birmensdorferstr. 52 Postfach 9329 CH-8036 Zürich

Das vorliegende Heft ist der russischen Protestbewegung von 2011 bis 2012 gewidmet. Obwohl der Protest aufgrund der repressiven Maßnahmen der Regierung wieder leise geworden ist, stellen die meisten Beobachter eine qualitative Veränderung im sozialpolitischen Bewusstsein und eine wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung fest. Für tausende von Protestteilnehmenden war die Erfahrung des gemeinsamen friedlichen Protests ein Schlüsselerlebnis. Laut Mischa Gabowitsch waren neben der unerwarteten Massenhaftigkeit der Proteste auch deren Ziele neu: Demonstrierten russische Bürger bisher vor allem im lokalen Rahmen für den Erhalt sozialer Garantien, so pochten sie nun auf die Beachtung formaler, in der russischen Verfassung festgeschriebener Regeln.

Neben Maria Lipman vom Carnegie Zentrum Moskau erläutern vier junge Hochschulabsolventen aus Russland die gegenwärtige Situation der neuen Protestkultur. Ebenso werden die machtpragmatische Haltung bzw. das Protestpotential innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche erörtert.

Ein weiterer Beitrag beleuchtet die „Verwestlichung“ der sowjetischen Kultur in den 1970er Jahren am Beispiel der Ukraine.

INHALT

Im Fokus: Nur ein vorläufiger Sieg der Macht
von Volker Pabst, NZZ

Maria Lipman: Die Protestbewegung und die Antwort der Staatsmacht
Das Aufkommen einer Protestbewegung in Russland markiert eine neue Entwicklung, die Unzufriedenheit mit dem politischen Systems Putins wächst. Die Staatsmacht hat auf die Protestbewegung mit einer Reihe repressiver Maßnahmen reagiert: mit einer Wende zum sozialen Konservativismus, einer Kampagne gegen NGOs und rechtlicher Verfolgung. Dennoch ertönt der Ruf nach politischer Teilhabe weiter.

Viktorija Matsneva und Anna Fatjanova: Zivilgesellschaft und politische Kultur in Russland
In den russischen Großstädten und insbesondere in Moskau ist seit 2009 ein Aufschwung zivilgesellschaftlichen Engagements zu beobachten. Trotz dem Abflauen der Protestwelle von 2011/2012 nimmt in Russland weiterhin eine mobile, materiell unabhängigere Mittelschicht zu, die langfristig zum Aufbau einer politischen Kultur und zum Demokratisierungsprozess beitragen kann.

Georgij I. Kutyrev: Die politische Opposition in Russland
Die herkömmlichen russischen Oppositionsparteien agieren häufig als Pseudoopposition. Erst mit der spontanen Protestbewegung zwischen Dezember 2011 und Mai 2012 sind neue Formen der politischen Opposition entstanden. Diese neuen politischen Kräfte müssen sich allerdings noch stärker institutionalisieren und organisieren.

Ekaterina Sokur: Das neue NGO-Gesetz in Russland
Je nach Auslegung können die jüngsten Gesetzesänderungen im Gesetz über nicht-kommerzielle Organisationen in Russland als Versuch gelten, die staatliche Souveränität zu schützen oder die politische Opposition zu unterdrücken. Bisher hat sich noch keine unabhängige NGO freiwillig als „ausländischer Agent“ registrieren lassen. Dass sie dazu von der Staatsanwaltschaft gedrängt werden, verstärkt jedoch die Befürchtung, dass das Gesetz vor allem der Kontrolle der Opposition dient.

Kristina Stöckl: Politikkoordination zwischen Kirche und Staat in Russland
Im Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Russland ist eine neue Phase eingetreten, die sich – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven – durch eine enge Politikkoordination in Fragen der Sozial- und Sicherheitspolitik auszeichnet. Laut Umfragen stehen jedoch viele Gläubige der Politisierung der Kirche kritisch gegenüber und stellen in Frage, ob der „Machtpragmatismus“ des Moskauer Patriarchats zu der gewünschten moralischen Erneuerung führt.

Michail D. Suslov: Gibt es ein Protestpotential im orthodoxen Denken?
Dass die Russische Orthodoxe Kirche nicht auf der Seite der aktuellen Protestbewegung steht, bedeutet nicht, dass sie über keine revolutionäre Energie verfügt. Hinter der Förderung der „Verkirchlichung“ der Gesellschaft durch die aktuelle Kirchenleitung erahnt der Autor das Konzept einer „orthodoxen Bürgergesellschaft“, das früher oder später mit der staatlichen Ordnung kollidieren muss.

Sergei I. Zhuk: Die symbolische Landschaft der Moderne in der sowjetischen Ukraine
Mit dem Beginn der Entspannungspolitik in den 1970er Jahren gelangten immer mehr westliche Kulturgüter in die Sowjetunion. Die westliche Rock- und Discomusik sowie Filme führten auch in der Provinz zu einer Verwestlichung der kulturellen Praktiken. Am Beispiel der Ukraine zeigt der Autor auf, wie sich unter dem Einfluss westlicher Kulturprodukte die Lebenswelten sowjetischer Jugendlicher veränderten.

Buchanzeigen:

Mischa Gabowitsch: Putin kaputt!? Berlin 2013

Jarrett Zigon (ed.): Multiple Moralities and Religions in Post-Soviet Russia

Katja Richters: The Post-Soviet Russian Orthodox Church

Irina Papkova: The Orthodox Church and Russian Politics

Zitation
Religion und Gesellschaft in Ost und West (2013), 10. in: H-Soz-Kult, 29.09.2013, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-7831>.
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