Religion und Gesellschaft in Ost und West (2014), 3

Titel
Religion und Gesellschaft in Ost und West (2014), 3.
Weitere Titelangaben
Russland-Schweiz: 200 Jahre Begegnungen und Beziehungen


Hrsg. v.
Institut G2W. Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West
Heft(e)
03
Erschienen
Zürich 2014: Selbstverlag
Umfang
32 S.
Preis
CHF 10,00 / EURO 8,00 (zzgl. Versandkosten)
Herausgeber d. Zeitschrift
Institut G2W. Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West
Erscheinungsweise
monatlich
Kontakt
Institut G2W Birmensdorferstr. 52 Postfach 9329 CH-8036 Zürich

In diesem Jahr können die Schweiz und Russland auf 200 Jahre diplomatische Beziehungen zurückblicken. Anlässlich dieses Jubiläums haben wir – die Schweizerische Osteuropabibliothek (SOB) in Bern und das Institut G2W – uns auf Spurensuche begeben und nach Wegmarken im schweizerisch-russischen Verhältnis der letzten 200 Jahre gefragt. Der rote Faden durch dieses Heft ist daher ein biographischer: Wir haben die Autorinnen und Autoren gebeten, anhand von Personen aus verschiedenen Kontexten (Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur) in exemplarischer Weise Facetten des schweizerisch-russischen Beziehungsgeflechts der letzten 200 Jahre herauszuarbeiten.

INHALT

Thomas Bürgisser: Russische Militärflüchtlinge in der Schweiz im Ersten Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs gelangten viele geflohene russische Kriegsgefangene in die Schweiz. Ihre Ankunft stieß anfangs auf reges Interesse, mit zunehmender Dauer des Krieges und nach der Oktoberrevolution wurden sie jedoch immer misstrauischer beäugt und gerieten zwischen die Fronten der verschiedenen politischen Lager. Zudem wurden die internierten Flüchtlinge zu „Arbeitseinsätzen im öffentlichen Interesse“ gezwungen.

Julia Richers: Lenin, Zimmerwald und die Schweiz

In der kleinen Gemeinde Zimmerwald im Berner Oberland spielte sich vor beinahe 100 Jahren Welthistorisches ab: Lenin konnte hier einen radikalen linken Block bilden und seine Ideen eines revolutionären Bürgerkriegs proklamieren. In der Sowjetunion wurde daher Zimmerwald als einem zentralen Erinnerungsort gedacht, während die Zimmerwalder selbst äußerst unglücklich über diese Bedeutung ihres Ortes waren.

Interview mit Botschafter Pierre Helg: „Nur wer gute Beziehungen hat, kann auch Unangenehmes ansprechen“

Im Interview mit Pierre Helg von der Schweizerischen Botschaft in Moskau erinnert der Botschafter an den Beginn der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland und geht auf deren wechselvolle Geschichte ein. Die gegenwärtigen Beziehungen seien so intensiv wie nie zuvor, und beide Länder pflegten in vielerlei Hinsicht eine gute Zusammenarbeit. Gerade angesichts der negativen öffentlichen Wahrnehmung Russlands plädiert der Botschafter für einen Austausch, um von einander zu lernen.

Eva Maeder: Eduard von Muralt und seine Karriere in St. Petersburg

Die Biographie des reformierten Theologen Eduard von Muralt ist typisch für viele Schweizer Spezialisten im Dienste des Zarenhofs. Bereits in jungen Jahren verließ Eduard von Muralt die Schweiz und folgte seinem Onkel nach St. Petersburg. Dort erklomm er rasch die Karriereleiter und wurde Bibliothekar in der Eremitage. Trotz seiner Karriere in Russland pflegte von Muralt jedoch ein ambivalentes Russland-Bild und kehrte in die Schweiz zurück.

Marianna Emelianova: Der Mensch dazwischen – Fritz Lieb

Der reformierte Theologe und Slawist Fritz Lieb (1892–1970) hat sich zeit seines Lebens für einen Dialog zwischen Ost und West sowie für eine bessere Kenntnis Russlands im Westen eingesetzt. Diesem Ziel diente auch seine umfangreiche russisch-slawische Bibliothek, die er 1951 der Universitätsbibliothek Basel schenkte. Enttäuscht von den stalinistischen Exzessen in der Sowjetunion zog sich Lieb später in eine Art „innere“ Emigration zurück, hielt aber an einer Synthese zwischen Christentum und Sozialismus fest.

Regula M. Zwahlen: Anna Tumarkin und die sachlichen Schweizer

Der Tumarkinweg in Bern ist der russisch-jüdischen Philosophin Anna Tumarkin gewidmet. Als erste Frau in ganz Europa wurde sie 1909 in Bern zur außerordentlichen Professorin ernannt. Sie lehrte Philosophie und Ästhetik und engagierte sich in der Schweizer Frauenbewegung. Das „Wesen des schweizerischen Geisteslebens“ sah sie in der schweizerischen Sachlichkeit und Menschlichkeit – Eigenschaften, für die sie selbst hoch geschätzt wurde.

Edward Świderski: Joseph Bocheński und die philosophische Sowjetologie in Fribourg

Das Osteuropa-Institut der Universität Fribourg ist 1958 vom katholischen Priester und Philosophieprofessor Joseph Bocheński gegründet worden. Unter anderen Institutionen des Kalten Kriegs zeichnete es sich durch eine ernsthafte Erforschung der sowjetischen akademischen Philosophie aus. Laut Bocheński hat das Institut damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des gefährlichen Wechselspiels zwischen Philosophie und Weltanschauung geleistet.

Christophe von Werdt: Peter Sager und die Ostforschung in der Schweiz

Der Gründer der Schweizerischen Osteuropabibliothek und des Schweizerischen Ost-Instituts (SOI) in Bern, Peter Sager, gehörte während des Kalten Kriegs zu den prägenden Gestalten der Ostforschung in der Schweiz. Das SOI hatte neben seiner wissenschaftlichen eine klar politische antikommunistische Ausrichtung. Peter Sager sammelte auch Karten und Drucke zu Russland und schuf so die einzigartige Sammlung Rossica Europeana.

Korine Amacher: Herzen, Dostojevskij und die Genfer Bise

Zu den vielen Russen, die in Genf im 19. Jahrhundert Zuflucht fanden, zählten auch Alexander Herzen und Fjodor Dostojevskij. Während ersterer bewundernd und angewidert zugleich die Langeweile der Schweizer Demokratie beobachtete, fand Dostojevskij aufgrund seiner katastrophalen persönlichen Situation kein gutes Wort für die Stadt. Beiden behagte weder das meteorologische noch das geistige Klima in der Reformationsstadt Calvins.

Natalia Bakschi: Zur Rezeption der Schweizer Literatur in Russland nach 1945

Zu sowjetischen Zeiten wurden in Russland vor allem Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt rezipiert, da sich die Leser in ihren eigenen Nöten von den beiden Autoren angesprochen fühlten. In postsowjetischer Zeit ist erst in den letzten Jahren ein neues Interesse an Schweizer Literatur zu beobachten, nicht zuletzt dank des Engagements der Kulturstiftung Pro Helvetia. Dabei zieht die literarische Schweiz den russischen Leser zugleich an und stößt ihn ab.

Galina M. Gorenko: Rätoromanisch in Russland

In Russland wissen nur wenige, dass es in der Schweiz eine vierte Landessprache gibt. In der russischen Romanistik hingegen finden sich seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder Sprach- und Kulturwissenschaftler, die sich für das Rätoromanische begeistern. Dass die Beschäftigung mit der Sprache eher ein Kuriosum geblieben ist, liegt aber auch an der Schweiz, die wenig unternimmt, die Kenntnis und das Studium ihrer vierten Landessprache im Ausland zu fördern.

Zitation
Religion und Gesellschaft in Ost und West (2014), 3. in: H-Soz-Kult, 24.03.2014, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-8108>.
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