Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 62 (2014), 2

Titel
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 62 (2014), 2.


Hrsg. v.
Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte herausgegeben von Helmut Altrichter, Horst Möller und Andreas Wirsching
Heft(e)
02
Erschienen
München 2014: Oldenbourg Verlag
Preis
Jahresabo: 59,80€, Stud.abo: 34,80€ Mitgl.abo. hist. u pol. Fachverbände: 49,80€, Online-Zugang: 49€, Print+Online-Abo 72€
Herausgeber d. Zeitschrift
Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte herausgegeben von Helmut Altrichter, Horst Möller, Margit Szöllösi-Janze und Andreas Wirsching
Erscheinungsweise
vierteljährlich
Kontakt
Redaktion Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Institut für Zeitgeschichte Leonrodstraße 46b 80636 München

Das Aprilheft der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ist erschienen.

Gute Lektüre wünscht Ihr Oldenbourg Wissenschaftsverlag.

INHALTSVERZEICHNIS

Aufsätze

Jenny Pleinen/Lutz Raphael,
Zeithistoriker in den Archiven der Sozialwissenschaften. Erkenntnispotenziale und Relevanzgewinne für die Disziplin

Der Aufsatz diskutiert die methodischen und theoretischen Herausforderungen, die sich für die Zeitgeschichte aus den Daten und Deutungen der zeitgenössischen Sozialwissenschaften ergeben. Er plädiert dafür, die kritische Historisierung sozialwissenschaftlicher Analysen zu kombinieren mit einer methodisch reflektierten Nutzung der ihnen zugrundeliegenden qualitativen wie quantitativen Daten. Beispiele solcher Möglichkeiten bieten Theorien und Daten zum Wertewandel, die Nutzung amtlicher Daten und Statistiken für die Migrationsgeschichte und die Analyse von Forschungsdaten der Industriesoziologie und des sozio-oekonomischen Panels für die Sozialgeschichte der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren.

Jenny Pleinen/Lutz Raphael,
Contemporary Historians in the Archives of the Social Sciences. Potential Insights and Increased Relevance for the Discipline

The article discusses the methodical and theoretical challenges which contemporary history faces when dealing with data and interpretations derived from the contemporary social sciences. It calls for combining a critical historicisation of analyses generated by the social sciences with a methodically reflected use of the underlying data. Examples for such possibilities for a social history of the Federal Republic of Germany since the 1970s include theories and data on changing societal values, the use of public statistics for migration history and the analysis of research results of industrial sociology and the German Socio-Economic Panel Study (SOEP).

Hajime Konno,
Die liberalen und konservativen Interpretationen der deutschen Politik an der Kaiserlichen Universität Tokio 1905–1933. Sakuzo Yoshino und Shinkichi Uesugi im Vergleich.

Deutschland war bekanntlich das einflussreichste Modell der modernen japanischen Politik seit der erzwungenen Öffnung des Landes. Der Aufsatz erläutert dies am Beispiel von Sakuzo Yoshino (1878–1933) und Shinkichi Uesugi (1878–1929), zwei Professoren an der Kaiserlichen Universität Tokio und zugleich bedeutenden politischen Publizisten. Beide hatten in Heidelberg studiert, nahmen jedoch die deutsche Politik auf ganz unterschiedliche Weise wahr: während Yoshino den deutschen „Sonderweg“ entschlossen ablehnte und zur angelsächsischen Demokratie neigte, verteidigte Uesugi die politische Rolle des japanischen Kaisers gerade aufgrund seiner deutschen Erfahrungen. Der Aufsatz versucht Erklärungen dafür zu finden, weshalb und wie Yoshino und Uesugi zu diametral entgegengesetzten Auffassungen gelangten.

Hajime Konno,
The Liberal and Conservative Interpretations of German Politics at the Imperial University of Tokyo, 1905–1933. Sakuzo Yoshino and Shinkichi Uesugi in Comparison.

Germany was the most influential model for modern Japanese politics since the forced opening of the country. The article illustrates this by way of the example of Sakuzo Yoshino (1878–1933) and Shinkichi Uesugi (1878–1929), two professors at the Imperial University of Tokyo who were simultaneously important commentators on public affairs. Both had studied in Heidelberg, but perceived German politics in very different ways: while Yoshino decidedly rejected the German Sonderweg and was positively disposed towards Anglo-Saxon democracy, Uesugi defended the political role of the Japanese Emperor precisely because of his German experiences. The article tries to find explanations as to why and how Yoshino and Uesugi reached such diametrically opposed views.

Hans Schafranek,
NS-Fememorde in der Steiermark

Im Gefolge des NSDAP-Verbots in Österreich (19.Juni 1933) setzte eine massive Terrorwelle der illegalen Nationalsozialisten ein, die am 25.Juli 1934 in einem (missglückten) Aufstandsversuch und der Ermordung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß kulminierte. Diese Versuche der gewalttätigen Destabilisierung Österreichs forderten Hunderte Todesopfer. Nach dem gescheiterten Putsch wurde die österreichische Partei von der „reichsdeutschen“ weitgehend „abgekoppelt“, auch lag eine Fortsetzung des offen terroristischen Kurses nicht im Interesse der deutschen Außenpolitik. Während die Zahl der schweren politischen Gewalttaten insgesamt erheblich sank, gewann die „Liquidierung“ von „Verrätern“ innerhalb der illegalen NS-Bewegung massiv an Bedeutung. Fast die Hälfte der nach 1934 von Nationalsozialisten verübten Tötungsdelikte sind als „Fememorde“ einzustufen. Dabei handelte es sich keineswegs um spontane Racheaktionen, sondern um gut vorbereitete Auftragsmorde, die von kleinen Terrortrupps der SA bzw. SS durchgeführt wurden. Als Drahtzieher fungierten zumeist organisatorische Mittelinstanzen der SA bzw. SS mit Wissen und Zustimmung der jeweiligen Gauleitungen. „Reichsdeutsche“ Stellen waren an der Vorbereitung dieser Fememorde nicht beteiligt, sehr wohl aber an der Fluchthilfe der Täter, die im Deutschen Reich eine neue Identität erhielten. Diese Fememorde sollten vor allem einen abschreckenden Effekt erzielen und eine starke Präsenz und Kontrollmöglichkeit der „Illegalen“ demonstrieren. Auch wurden dadurch die nachrichtendienstlichen Strukturen des „austrofaschistischen“ Polizeiapparats empfindlich gestört. Resümierend ist festzustellen, dass die Fememorde einem in herrschaftstechnischer Hinsicht durchaus zweckrationalen Kalkül entsprangen und den geplanten Abschreckungseffekt tatsächlich erreichten.

Hans Schafranek,
Nazi Feme Murders in Styria

Following the suppression of the Nazi Party in Austria (19 June 1933), a massive wave of terrorist attacks by the illegal National Socialists arose, culminating in the failed coup attempt against and murder of Federal Chancellor Engelbert Dollfuß on 25 July 1934. After the failed coup, the Austrian Nazi Party was mostly “decoupled” from the German party; a continuation of the openly terrorist course was also not in the interest of German foreign policy. While the number of serious politically motivated offences sank significantly, the “liquidation” of “traitors” within the illegal Nazi movement gained in considerably importance. Almost half of all homicides committed by National Socialists after 1934 have to be classified as “Feme Murders”, well prepared contract killings executed by small-sized SA or SS terror squads. Intermediary SA or SS authorities were usually pulling the strings, with the knowledge and assent of the respective Nazi Gauleitung. German Nazi bodies were not involved in the preparation of these Feme Murders, but certainly assisted the getaway of the perpetrators, who received asylum in the German Reich.

Sven Feyer,
Otto Meyer: MAN-Vorstand im Dritten Reich

Otto Meyer war seit 1926 Vorstandsmitglied der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN), wenige Jahre später stand er an ihrer Spitze. Auch nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, war es für den konservativen Unternehmer eine selbstverständliche Pflicht, die deutschen Rüstungsanstrengungen zu unterstützen. Dabei entwickelte sich die MAN durch die Herstellung von U-Bootmotoren und durch die Produktion moderner Panzer zu einem unverzichtbaren Bestandteil der deutschen Kriegswirtschaft. Auf der anderen Seite war Meyer nicht zuletzt aufgrund seiner früh emigrierten jüdischen Ehefrau den Anfeindungen der Nationalsozialisten ausgesetzt. Nichtsdestotrotz führte er die MAN nicht nur bis zum Ende des NS-Regimes, sondern darüber hinaus erfolgreich während der schwierigen Zeit des Wiederaufbaus. Am Beispiel Otto Meyers lässt sich nicht nur die Kontinuität der Wirtschaftselite von der Weimarer Republik bis in die Bundesrepublik zeigen. Vielmehr manifestiert sich in seiner Person die Zerrissenheit zwischen Pflichterfüllung gegenüber Unternehmen und Vaterland auf der einen und der Ablehnung des Nationalsozialismus auf der anderen Seite, wie man sie gerade im konservativen Milieu häufig findet.

Sven Feyer,
Otto Meyer: MAN Board Member During the Third Reich

Otto Meyer became a member of executive board of the Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) in 1926, where after only a couple of years he became its head. After the National Socialists took power in Germany, the conservative business leader understood it as his duty to support the intense efforts of German rearmament. MAN’s production of engines for submarines and manufacturing of modern tanks turned it into an essential part of Germany’s war economy. On the other hand Meyer faced hostility from the National Socialists due to his Jewish wife, who emigrated to Switzerland early on. Nevertheless he led MAN not only until the end of the Nazi regime but moreover successfully throughout the difficult post-war reconstruction period. The example of Otto Meyer clearly demonstrates the continuity of Germany’s economic elite from the Weimar to the Federal Republic. Moreover he is a manifestation of the dichotomy of conservative self-conception between dedication to one’s duty to the company and fatherland on the one hand and the rejection of National Socialism on the other.

Thorsten Holzhauser,
„Niemals mit der PDS“? Zum Umgang der SPD mit der SED-Nachfolgepartei zwischen Ausgrenzungs- und Integrationsstrategie (1990–1998)

Wie man mit der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) umgehen sollte, gehörte zu den großen Streitfragen der deutschen Politik der 1990er Jahre, vor allem in der Sozialdemokratischen Partei. Nach dem Ende des Kommunismus in Ostdeutschland beschwor die Sozialdemokratie zunächst einen sogenannten „Konsens aller Demokraten“ gegen die „SED-Nachfolgepartei“. Doch schon 1994 begannen einige in der Partei, die Exklusionsstrategie zu überdenken und sich für Formen rot-roter Zusammenarbeit zu öffnen – bis hin zur ersten SPD/PDS-Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern 1998. Der Aufsatz analysiert die kontroverse Debatte innerhalb der SPD-Führung und stellt die Frage, warum es ihr nicht gelang, einen Konsens im Umgang mit der PDS herzustellen. Es wird gezeigt, dass die Partei nicht einfach zwischen ost- und westdeutschen Teilen gespalten war. Vielmehr finden sich tiefergehende strategische und politisch-kulturelle Differenzen zwischen den Vertretern einer antikommunistischen Traditionslinie und jenen, die dieser fernstanden. Die PDS-Frage fachte daher eine Langzeitdebatte um Abgrenzung und Kooperation innerhalb der deutschen Linken an, die bis heute andauert.

Thorsten Holzhauser,
“Never with the PDS”? The SPD Position Towards the Successor Party of the SED Between Strategies of Exclusion and Integration (1990–1998)

One of the pivotal questions in German politics of the 1990s, especially for the Social Democratic Party (SPD), was how to deal with the Party of Democratic Socialism (PDS). After the fall of communism in East Germany, Social Democrats proclaimed a so-called “democratic consensus” against the “SED successor party”. However, already in 1994, some party officials started to rethink their strategy of exclusion and opened up their party to left-wing cooperation which resulted in the first SPD/PDS state government in Mecklenburg-Western Pomerania in 1998. This article analyses the controversial debate inside the SPD leadership and the reasons for its failure to arrange a consensus on this matter. It shows that the primary division concerning this question was not between eastern and western party officials. Instead, there were somewhat deeper internal divisions of a political and cultural nature between those Social Democrats who followed an anti-communist tradition and those who did not. Thus, the PDS question fuelled a long-standing debate about demarcation and cooperation inside the German left which continues to this day.

Zitation
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 62 (2014), 2. in: H-Soz-Kult, 05.05.2014, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-8232>.
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Veröffentlicht am
05.05.2014
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