Religion und Gesellschaft in Ost und West (2015), 2

Titel
Religion und Gesellschaft in Ost und West (2015), 2.
Weitere Titelangaben
Religionsgemeinschaften nach dem Majdan in der Ukraine


Hrsg. v.
Institut G2W. Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West
Heft(e)
02
Erschienen
Zürich 2015: Selbstverlag
Umfang
32 S.
Preis
Einzelheft zu CHF 10.- / € 8.- (zzgl. Versandkosten)
Herausgeber d. Zeitschrift
Institut G2W. Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West
Erscheinungsweise
monatlich
Kontakt
Institut G2W Birmensdorferstr. 52 Postfach 9329 CH-8036 Zürich

Im schwierigen Reformprozess der Ukraine müssen sich die Religionsgemeinschaften in ihrem Verhältnis zu Staat und Gesellschaft neu positionieren. Auch nach den gemeinsamen positiven Erfahrungen auf dem Euromajdan müssen sie nicht nur untereinander, sondern auch weiterhin intern mit schwierigen Differenzen umgehen. Dies zeigt sich nach wie vor am Beispiel der mehrfach gespaltenen ukrainischen Orthodoxie wie auch an unterschiedlichen Strömungen unter den muslimischen Krimtataren. Mehr dazu erfahren Sie in diesem Heft, das Einblicke in die Überlegungen von kirchlich engagierten Akademikern über die Entwicklungen auf und nach dem Euromajdan bietet.

INHALT

Catherine Wanner: Orthodoxie und Perspektiven einer säkularen Gesellschaft nach dem Majdan

Mit der „Revolution der Würde“ auf dem Majdan stellt sich auch die Frage nach einer grundlegenden Neuausrichtung des Verhältnisses von Religion und Politik in der Ukraine. Die Alternativen sind die Schaffung politischer Legitimität durch den Rückgriff auf religiöse Traditionen oder eine säkulare Ordnung, innerhalb derer Religion als gesellschaftliche Bindekraft fungiert. Angesichts der Multikonfessionalität der ukrainischen Bevölkerung besteht die Herausforderung darin, eine säkulare politische Identität ohne religiöse Aura herauszubilden.

Oleksandr Sagan: Die Kirche-Staat-Beziehungen nach dem Majdan

Eine zentrale Forderung der Demonstranten auf dem Majdan war eine grundlegende Reform der staatlichen Verwaltung. Auch das Verhältnis von Kirche und Staat in der Ukraine bedarf einer Neuordnung. Aufgrund von Kompetenzwirrwarr, versuchter staatlicher Einflussnahme auf das kirchliche Leben und Bevorteilung der großen Kirchen plädiert der Autor für eine Abschaffung der staatlichen Abteilung für religiöse Angelegenheiten.

Nikolay Mitrokhin:

Die Ukrainische Orthodoxe Kirche–Moskauer Patriarchat hat nach dem Tod ihres langjährigen Oberhaupts, Metropolit Volodymyr (Sabodan) von Kiew, im August 2014 ein neues Oberhaupt gewählt. Die Wahl war von kircheninternen Auseinandersetzungen um die zukünftige Ausrichtung der Kirche begleitet, dabei geht es vor allem um den Grad der Unabhängigkeit von Moskau. Das neue Kirchenoberhaupt, Metropolit Onufrij (Beresovskij) von Czernovitz, verfolgt dabei eine ausgleichende Linie.

Toomas Schvak: Orthodoxe Kirchen im Baltikum

In allen drei baltischen Ländern gibt es große orthodoxe Bevölkerungsgruppen, in Estland stellen die Orthodoxen mittlerweile sogar die größte Religionsgemeinschaft dar. Die orthodoxen Kirchen im Baltikum bieten vor allem den russischsprachigen Bewohnern eine geistliche Heimat. Besonders kompliziert ist die Situation in Estland, wo die Orthodoxie in zwei konkurrierende autonome Kirchen gespalten ist.

Myroslav Marynovych: "Kirche-Sein" in Zeiten der Krise

Während der Revolution auf dem Majdan haben sich die ukrainischen Kirchen und Religionsgemeinschaften in nie dagewesener Einigkeit auf die Seite der Demonstranten gestellt. Der Autor reflektiert über den Beitrag der Kirchen zu dieser überkonfessionellen „Revolution der Würde“. Er mahnt eine theologische Reflexion der Ereignisse im Rahmen der kirchlichen Soziallehre an. Kritisch äußert er sich zur Haltung der Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Moskauer Patriarchat und der römisch-katholischen Kirche.

Mykhailo Cherenkov: Die ukrainischen Protestanten

Protestantische Christen stellen eine kleine Minderheit in der Ukraine dar, dennoch gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppierungen (Baptisten, Pfingstler, Mennoniten, Charismatiker). In seinem Beitrag nimmt der Autor die gesellschaftliche Stellung und Positionierung der ukrainischen Protestanten vor und nach dem Majdan in den Blick. Erst mit dem Majdan seien sich die Protestanten ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bewusst geworden. Gleichzeitig habe dieser jedoch zu einer innerkirchlichen Spaltung geführt.

Yuriy Chornomorets: Die Verantwortung der Kirchen in der ukrainischen Krise

Die Kirchen in der Ukraine haben bereits im Dezember 2011 mit einem gemeinsamen Aufruf zu mehr Solidarität und Rechtsstaatlichkeit auf die gärende soziale und politische Krise reagiert. Laut dem Autor wurde damals eine ukrainische „Befreiungstheologie“ gegen das neofeudale System entwickelt. Auf dem Euromajdan fehlte den Kirchen jedoch der Mut, konkrete politische Verantwortung zu übernehmen. Sie hätten noch mehr tun sollen, um die gewaltsame Eskalation der Revolution zu verhindern.

Oleg Yarosh: Die ukrainischen Muslime nach der "Revolution der Würde"

In der Ukraine gibt es mehrere muslimische Institutionen, die sich unterschiedlich zum Majdan positioniert haben. Unter der Annexion der Krim haben vor allem die Muslime auf der Halbinsel zu leiden, wo im September 2014 ein prorussisches Taurisches Muftiat in Konkurrenz zur traditionellen Geistlichen Verwaltung der Krimtataren gegründet wurde. Letztere steht vor der Aufgabe, zwischen den unterschiedlichen Interessegruppen zu vermitteln und ein konstruktives Verhältnis zu den russischen muslimischen Institutionen aufzubauen.

Juliana Smilianskaja: Jüdisches Leben in der unabhängigen Ukraine

In der Ukraine hat sich seit 1991 wieder eine Vielzahl jüdischer Gemeinden sowie gemeinnütziger und kultureller Organisationen etabliert. Restituierte und neue Synagogen dienen als religiöse und kulturelle Zentren. Die jüdischen Institutionen setzen sich für die Integration der Geschichte der ukrainischen Juden ins historische Gedächtnis der Ukraine ein. Ukrainische Juden haben auch auf dem Majdan protestiert.

Wilfried Jilge: Zwischen "Mutter Heimat" und hl. Maria: Das Unabhängigkeitsdenkmal in Kiew

Das Unabhängigkeitsdenkmal auf dem Majdan in Kiew verweist in seiner Symbolik auf pagane, christliche, nationale und sowjetische Traditionen. Im Mittelpunkt steht dabei das Bild des „Mädchens Ukraine“ als Beschützerin. Das Denkmal ist bewusst bedeutungsoffen gestaltet, damit es in der pluralistischen gesellschaftlichen und kirchlichen Landschaft in der Ukraine auf Akzeptanz stößt.

Buchanzeigen:

Simon Geissbühler: Kiew – Revolution 3.0, Stuttgart 2014

Alexander Kyrleschew: Die russische Orthodoxie nach dem Kommunismus. Das byzantinische Erbe und die Moderne, Herne 2014

Martin George u.a. (Hg.): Tolstoj als theologischer Denker und Kirchenkritiker, Göttingen 2014

Zitation
Religion und Gesellschaft in Ost und West (2015), 2. in: H-Soz-Kult, 01.03.2015, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-8791>.
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