Historische Sozialkunde 44 (2014), 4

Titel
Historische Sozialkunde 44 (2014), 4.
Weitere Titelangaben
Empirische Geschichtsdidaktik


Hrsg. v.
Verein für Geschichte und Sozialkunde
Heft(e)
4
Erschienen
Umfang
48 S
Preis
€ 6,-
Herausgeber d. Zeitschrift
Verein für Geschichte und Sozialkunde
Erscheinungsweise
vierteljährlich
Kontakt
Verein für Geschichte und Sozialkunde, c/o Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, Universitätsring 1, A-1010 Wien, Tel. +43-1-4277-41305 (41301), Fax: +43-1-4277-9413

Oftmals wird die Geschichtsdidaktik als „Wissenschaft vom Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft“ (Jeismann) auf den Bereich der Methodik des Fachunterrichtes reduziert. Gleichwohl beschäftigt sie sich als Teildisziplin der Geschichtswissenschaft aber immer auch mit theoretischen Grundlagen, um auf deren Basis Hinweise und Systematiken für eine Pragmatik zu generieren, und mit empirischen Erkundungen und Tiefenbohrungen, um evidenzbasierte Aussagen über historisches Denken und seine Manifestationen treffen zu können.

Die empirische Forschung gilt vor allem im österreichischen Kontext noch als Stiefkind der Disziplin. Im engen Austausch mit der deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Community wurden jedoch in den letzten Jahren vermehrt Anstrengungen unternommen, im Rahmen geschichtsdidaktischer Untersuchungen das Gebiet des historischen Lernens bzw. den Umgang mit Vergangenheit und Geschichte in unterschiedlichen Bereichen zu beforschen. Dieses Heft stellt daher verschiedene Beispiele einer solchen empirischen geschichtsdidaktischen Forschung in den Mittelpunkt.

Im einleitenden Beitrag widmet sich Heinrich Ammerer aus einer interkulturell vergleichenden Perspektive dem Geschichtsbewusstsein in Österreich und Kanada und lässt sich dabei auf die geschichtsdidaktischen Diskurse der beiden Länder ein. Er ortet dabei auf österreichischer Seite insbesondere ein Defizit der SchülerInnen im Verständnis historischer Signifikanz und im Bereich moralischen Bewusstseins und sieht hier die Notwendigkeit der gezielten Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien und der verstärkten Forcierung des Prinzips der Multiperspektivität im Unterricht.

Der empirische Erziehungswissenschafter Herbert Neureiter präsentiert in einem sehr detaillierten Beitrag Entwicklungen aus dem Forschungsprojekt „Large Scale Testing in History“, welches an der PH Salzburg angesiedelt ist und mit dem deutschen Projekt „HiTCH“ kooperiert. Neureiter diskutiert die Itementwicklung von PISA-ähnlichen Aufgabenstellungen für das historische Lernen und skizziert den sehr komplexen Prozess des Designs von aus statistischer Sicht konsistenten Befragungsunterlagen in Hinblick auf den Einsatz von offenen und geschlossenen Antwortformaten bei textbasierten Prüfungsfragen.

Sabine Hofmann wendet sich hingegen den NovizInnen des historischen Lernens zu. Sie fragt in einer empirischen Untersuchung nach den konzeptionellen Vorstellungen zum Zeitbegriff am Übergang von der Volksschule zur Sekundarstufe. Sie verweist auf die Diskrepanzen zwischen den in der Grundstufe vermittelten technischen Kompetenzen bei der Handhabung von Zeitmessinstrumenten wie Uhr und Kalender und der Anbahnung von Geschichtsbewusstsein in Hinblick auf die Verortung von historischen Zeiträumen. „Besonders die nur in geringem Maße mögliche Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen früher, jetzt und später (…) bedingt, individuelle Förder- , aber auch Fordermaßnahmen für den Geschichtsunterricht zu entwickeln.“ (S35f in diesem Heft) .

Philipp Mittnik wirft hingegen einen Blick auf die gymnasiale Oberstufe. Er analysierte Maturaaufgaben aus dem Jahr 2013 aus Wien hinsichtlich ihrer Qualitäten und Ausprägungen vor dem Hintergrund einer fachspezifischen Kompetenzorientierung. Seine Arbeit beruht auf einem umfangreichen, statistisch repräsentativen Corpus. Die Ergebnisse seiner Forschung deuten darauf hin, dass der Schritt zur Kompetenzorientierung des Geschichtsunterrichts hierzulande zwar auf legistischer Ebene vollzogen ist, in der Unterrichtspraxis jedoch sehr unzureichend Einzug gehalten zu haben scheint, verweist doch die Fragepraxis bei Reifeprüfungen in Geschichte/Politische Bildung auf ein sehr tradiertes Geschichtsmodell, in welchem nach wie vor eine ereignisgeschichtliche, daten- und faktenorientierte Herange-hensweise vorherrscht.

Neben diesen österreichischen Arbeiten gibt Christiane Bertram einen Einblick in ihre empirische Forschungstätigkeit zum Bereich des historischen Lernens im Kontext von Zeitzeugeninterviews. Sie betrachtet dabei sowohl die damit in Zusammenhang stehende Motivation als auch die Anbahnung von historischen Kompetenzen und konstatiert auf Basis einer Studie über die „Friedliche Revolution in der DDR“ für einen besonneneren Umgang mit Zeitzeugenbesuchen. Die Studie ist noch nicht abgeschlossen, aber bereits im Verlauf der Entwicklung des Studiendesigns und der Durchführung diesbezüglicher Vortests zeigte sich die unbedingte Notwendigkeit eines sehr reflektierten Einsatzes von Zeitzeugen und audiovisuellen Zeitzeugendokumenten. „Bei einer sorgfältigen Vor- und Nachbereitung bieten Zeitzeugenbefragungen im Geschichtsunterricht Lerngelegenheiten hinsichtlich eines Einblicks in die Grundlagen von Geschichte. (…) Werden Zeitzeugen hingegen lediglich aus motivatio-nalen Gründen in den Unterricht eingeladen, ohne die Befragung im Nachhinein zu reflektieren, dann wird den Lernenden nicht nur eine notwendigerweise einseitige Sicht auf die Vergangenheit präsentiert, sondern sie könnten darüber hinaus in ihrem (selbst-)reflexivem historischen Denken beeinträchtigt werden.“ (S42 in diesem Heft)

Es bleibt zu hoffen, dass Ergebnisse und Erkenntnisse aus solchen empirischen Studien vermehrt Eingang in den Schulalltag finden. Hier ist die Aus- und insbesondere die Fortbildung von Lehrenden gefordert, den notwendigen Niederschlag in der Unterrichtspraxis sicherzustellen.

Christoph Kühberger (Heftredaktion) / Eduard Fuchs

Inhalt

Eduard Fuchs/Christoph Kühberger
Editorial, S 2–3

Heinrich Ammerer
Einfühlsame KanadierInnen, kritische ÖsterreicherInnen?
Eine vergleichende interkulturelle Pilotstudie zum Geschichtsbewusstsein, S 4–11

Herbert Neureiter
Möglichkeiten und Grenzen des Generierens quantitativer Daten aus qualitativen Daten, S 12-19

Sabine Hofmann-Reiter
Zeitverständnis am Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe
Ergebnisse einer empirischen Studie, S 20–25

Philipp Mittnik
Zentrale Themen des Geschichtsunterrichts in Österreich
Analyse der Reifeprüfungsaufgaben an Wiener AHS, S 26–37

Christiane Bertram
Von der Vergangenheit erzählen oder historisches Denken lernen?
Zeitzeugenbefragungen im Geschichtsunterricht, 38–43

Herbert Neureiter/Eduard Fuchs
Glossar, S 44–45

Rezension von Christine Kaiser
Fritz Reheis: Politische Bildung – Eine kritische Einführung, S 46–47

Zitation
Historische Sozialkunde 44 (2014), 4. in: H-Soz-Kult, 22.04.2015, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-8919>.
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