Die orthodoxe Kirche als transnationaler Ordnungsfaktor bei der Neugestaltung der Rus' im politischen Spannungsfeld Eurasiens (1308-1378)

Die orthodoxe Kirche als transnationaler Ordnungsfaktor bei der Neugestaltung der Rus' im politischen Spannungsfeld Eurasiens (1308-1378)

Veranstalter
Global and European Studies Institute (GESI) der Universität Leipzig
Ort
Leipzig
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.07.2009 - 30.06.2011
Von
Stefan Troebst

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert von 2009 bis 2011 das historische Forschungsprojekt „Die orthodoxe Kirche als transnationaler Ordnungsfaktor bei der Neugestaltung der Rus' im politischen Spannungsfeld Eurasiens (1308-1378)“. Projektleiter ist Prof. Dr. Stefan Troebst (GWZO, Institut für Slavistik sowie Global and European Studies Institute der Universität Leipzig), die Projektkoordination und -bearbeitung hat Dr. Wolfram von Scheliha (GESI) übernommen.

Das Forschungsprojekt untersucht, in welchem Maße und auf welche Weise die orthodoxe Kirche im 14. Jahrhundert im eurasischen Raum als ein politischer Ordnungsfaktor in Erscheinung trat und welchen Anteil sie dadurch an der politischen Neugestaltung der Rus' hatte. Diese Neugestaltung zeigte sich am Aufstieg des Fürstentums Moskau zur führenden Macht in der nordöstlichen Rus', dem Festsetzen Litauens in den Gebieten Weiß- und Schwarzrusslands und dem Erwerb des Fürstentums Galizien und Teilen Wolhyniens durch die polnische Krone. Diese Entwicklung trug in den folgenden Jahrhunderten wesentlich zur Herausbildung der drei ostslavischen Nationen von Russen, Ukrainern und Weißrussen bei. Im 14. Jahrhundert war jedoch trotz der sich verfestigenden politischen Trennung noch die Einheit der alten Rus' erkennbar, die institutionell durch den Metropoliten von Kiev verkörpert wurde, zu dessen Eparchie die gesamte Rus' zählte. In dieser Phase der Desintegration der Rus' und der Entstehung von Protonationen war die Kirche als transnationale, integrative Institution erheblichen Spannungen ausgesetzt. Ein weiterer wichtiger Akteur war das Kipčak-Khanat, das große Teile der nordöstlichen Rus' beherrschte und sie so zu einem Teil des „Mongol Commonwealth“ (Stephen Kotkin) machte, der von Peking bis Moskau reichte.

Ein Arbeitsschwerpunkt des Projekts liegt darin, die Bedeutung der kirchlichen Politik in dem internationalen Spannungsfeld Eurasiens zu ergründen. Der Fokus ist dabei auf drei Bereiche gerichtet: (1) auf das Verhältnis der orthodoxen (byzantinischen) Kirche zum Kipčak-Khanat, (2) auf die Politik der römisch-katholischen Kirche gegenüber den Mongolen und deren Folgen für die Rus' und (3) auf die Frage der Christianisierung Litauens, die für das Machtgefüge im eurasischen Raum von zentraler Bedeutung war.

Den zweiten Schwerpunkt bildet die Ordnungsfunktion der russischen Kirche. Im Zentrum stehen die Beziehungen der russischen Kirche zum Kipčak-Khanat. Hierbei ist die privilegierte Stellung der Kirche im mongolischen Herrschaftsbereich neu zu bewerten. Vor dem Hintergrund neuerer Forschungsergebnisse, die das traditionelle Bild von der „mongolischen Toleranz“ infrage stellen, soll der Zusammenhang zwischen mongolischer Macht- und Kirchenpolitik beleuchtet und die Rolle der Metropoliten von Kiev (mit inoffiziellem Sitz in Moskau) bei der Neuordnung der Rus' insgesamt und bei den Machtkämpfen in der nordöstlichen Rus' um die Großfürstenwürde untersucht werden.

Beim dritten Schwerpunkt steht der transnationale Charakter der russischen Kirche im Mittelpunkt. Gefragt wird nach dessen Bedeutung angesichts der Desintegration der Rus' und des Entstehens verschiedener konkurrierender Nationenbildungsansätze. Diese Problematik soll anhand der Konflikte um die Gründung von separaten orthodoxen Metropolien in Galizien und in Litauen studiert werden. Zudem wird die Rolle der Kirche bei der Herausbildung einer „moskowitischen Identität“ und einer Identität in Bezug auf den mongolischen Ulus betrachtet.

Abschließend wird die These von einem Zusammenprall von mongolischen und byzantinischen Einflüssen in der nordöstlichen Rus' und dessen Folgen für das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Macht sowie für die Herausbildung der spezifischen Form der Moskauer Autokratie erörtert. Dabei soll insbesondere auch der Verlust des transnationalen Charakters und die „Nationalisierung“ der russischen Kirche im 15. Jahrhundert Berücksichtigung finden.

Im Rahmen des Projektes sind u.a. folgende Aktivitäten geplant: 1) Internationaler Workshop zum Thema „Politik und Kirche in der Rus' im 14. Jahrhundert“ stattfinden, 2) Publikation eines Sammelbandes, der aus den Beiträgen zum Workshop und zusätzlichen Aufsätzen bestehen soll und 3) die Erstellung einer Monographie mit den Ergebnissen des Projekts.