Mediale Praktiken und Soziale Frage im Etablierungsprozess neuer Projektionsmedien um 1900

Mediale Praktiken und Soziale Frage im Etablierungsprozess neuer Projektionsmedien um 1900

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Universität Trier
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Trier
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.10.2009 - 14.11.2012
Von
Brigitte Braun, FB II - Medienwissenschaft/ Mediengeschichte, Universität Trier

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt untersucht mediale Praktiken zur Inszenierung der Sozialen Frage in Live-Aufführungen von Foto- und Filmprojektionen um 1900 in Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den USA. Karitative und sozialpolitisch aktive Organisationen setzten Projektionsmedien erfolgreich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit ein. Um die Notwendigkeit sozialer Veränderungen zu zeigen und um finanzielle oder ehrenamtliche Unterstützung einzuwerben, wurden berührende Bilder des Elends an die Wand geworfen. In der Ausbildung der eigenen Mitarbeiter gaben sie Einblick in die Einsatzgebiete sozialer Arbeit. Shows für die Klientel der Armen verknüpften belehrende Absichten mit Unterhaltung – etwa in der oft drastischen Aufklärung zum Thema Alkoholismus.

Motivgestaltung, Inszenierungsvorgaben, Präsentationspraxis, Verbreitung und Rezeption sozialer Themen der historischen Lichtspielkultur (Screen Culture) lassen sich rekonstruieren anhand von Glasbilderserien, Filmen und schriftlichen Quellen. In drei Teiluntersuchungen werden bisher kaum beachtete soziale Aspekte der internationalen Entwicklung der Projektionsmedien um 1900 erforscht:

1) Lichtbilderaufführungen in der britischen Armenfürsorge um 1900.
2) Sozialdokumentarische Fotografien im Medieneinsatz der Sozialarbeit um 1900.
3) Armutsdarstellungen und Wohltätigkeit im frühen Kino.

Ziel des Projekts ist die Ermittlung der sozial- und mediengeschichtlichen Relevanz, die der Einsatz von ‚Projektionskunst’ und ‚Kinematographie’ in der Armenfürsorge für ihre Etablierung als Massenmedien hatte: Welche Rolle spielten Live-Aufführungen mit Lichtbildern und frühen Filmen in der Arbeit der Organisationen, die sie in der Armenfürsorge einsetzten? Und welche Bedeutung hatte dieser nicht-kommerzielle Mediengebrauch für die Entwicklung der historischen Projektionsmedien ‚Projektionskunst’ und ‚Kinematographie’ vor dem Ersten Weltkrieg?

Projektionskunst ist die historische Bezeichnung für die Gestaltung von Lichtbilderaufführungen (Magic Lantern Shows): Gemalte oder fotografierte Glasbilder (Slides) wurden mit einem Projektionsapparat (Magic Lantern) in Lichtbilder und Projektionseffekte auf großen Leinwänden verwandelt – live begleitet von Rezitation, Musik, Gesang und Geräuscheffekten. Durch technische Reproduktionsverfahren, genormte Bildformate und effiziente Gerätetechnik erreichte die Projektionskunst im späten 19. Jahrhundert ein Massenpublikum.

Kinematographie bezeichnet die fotografische Aufzeichnung und Wiedergabe von Bewegung. Der Begriff geht zurück auf den 1895 in Paris vorgestellten Cinématographe Lumière (Filmkamera und Filmprojektor der Brüder Lumière). In Anlehnung an die medialen Praktiken der Projektionskunst führt das frühe Kino abwechslungsreiche Programme stummer Kurzfilme mit akustischen Live-Darbietungen auf.

Projektleiter ist Prof. Dr. Martin Loiperdinger, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Trier, Projektmitarbeiter sind Dr. Ludwig Vogl-Bienek und Karen Eifler, M.A.

Kontakt

Prof. Dr. Martin Loiperdinger

Universität Trier, FB II - Medienwissenschaft, 54286 Trier

loiperdinger@uni-trier.de

Redaktion
Veröffentlicht am
29.08.2010
Beiträger