ZeitenWelten. Zur Verschränkung von Weltdeutung und Zeitwahrnehmung im frühen und hohen Mittelalter

ZeitenWelten. Zur Verschränkung von Weltdeutung und Zeitwahrnehmung im frühen und hohen Mittelalter

Laufzeit Beginn
01.07.2012
Laufzeit Ende
01.07.2017
Projektträger
Universität Duisburg-Essen
PLZ des Projektträgers
45117
Ort des Projektträgers
Essen u. Basel
Land
Deutschland
Kontakt Projekt
Anja Rathmann-Lutz Departement Geschichte der Universität Basel Hirschgässlein 21 Anja.Lutz@unibas.ch
Von
Anja Rathmann-Lutz

Zeit und Raum sind Grundbedingungen unserer Existenz, nicht zuletzt deshalb sind ihre unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen Gegenstand wissenschaftlichen wie auch gesellschaftlichen Interesses. Raum und Zeit haben als Thema unter dem Eindruck massiver Veränderungen unserer Lebensumstände an Aktualität gewonnen. Beide entziehen sich einer logisch-objektiven Messbarkeit und haben trotz aller Bemühungen, sie in objektiven Systemen zu erfassen, eine bedeutende subjektive, aus sozialen Zusammenhängen heraus entstehende Dimension – ein Faktum, das sich in unserer globalisierten Welt verstärkt zeigt.

Mit einer Reihe wichtiger Arbeiten zur historischen Wahrnehmung von Raum hat sich die Mediävistik in die aktuelle Debatte eingeschaltet. Die Kategorie der Zeit jedoch blieb bislang weitgehend unberücksichtigt. Dabei könnte gerade die Mediävistik zum Ideengeber werden, da das Mittelalter seine Zeitkonzepte nicht nur aus der kausalen Sequenzierung von Zeit schöpfte. Mittelalterliche Zeitmodelle sind durch ein Wechselspiel von zyklischer, linearer und geschichteter Zeit geprägt und wurden anhand der Bibel oder an ihr erprobter Deutungsmuster definiert, wobei sich mit heutigen Phänomenen vergleichbare, der linearen Sequenzierung von Zeit enthobene Strukturen ergeben. Obwohl die mittelalterlichen Bedingungen der Zeitwahrnehmung also ein aktuelles Forschungsfeld sein sollten, sind sie kein gängiges Anliegen mediävistischer Forschung. Eben diese Forschungslücke möchte das Netzwerk füllen, indem es aus unterschiedlichen Perspektiven und mit einem interdisziplinären Zugang Prozesse beleuchtet, die zur Konstruktion und Konstitution zeitlicher Zusammenhänge beitrugen.

Die Fragestellungen des Projekts ergeben sich aus einem Paradigmenwechsel der Kulturwissenschaften, der Zeit nicht mehr alleine als eine lineare Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denkt, sondern dynamische und mehrdimensionale Modelle von Zeit favorisiert. Deshalb sollen zum einen aktuelle dynamische Modelle der Zeit in den Blick genommen, jedoch auch – gerade durch den Blick auf alteritäre, vormoderne Phänomene – neue Perspektiven entwickelt werden. Am Beispiel früh- und hochmittelalterlichen Umgangs mit Zeitkonzepten kann zudem das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass Zeit eine veränderbare Kategorie ist und dass die Betrachtung von Zeitkonzepten ein hohes gesellschaftsanalytisches Potential besitzt.

Ausgegangen wird dabei von der Grundthese, dass die mittelalterliche Verwurzelung der Zeit im Kontext der eschatologischen Paradigmen ein enormes Interpretationspotential freisetzt, in dessen Spannungsfeld die eigenen politischen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen beschrieben und erklärt werden. Hier ergeben sich interessante Schnittpunkte zu modernen Ansätzen, denn wenn Zeit in die Logik der Heilsgeschichte eingerückt wird, entwickeln sich spezifische Vorstellungen übergreifender Entwicklungszusammenhänge, die in Teilen dem heute von den Kulturwissenschaften konstatierten Kollaps der linearen Zeit entsprechen.

An dieser Stelle setzt das von der DFG geförderte Netzwerk an, da die Teilprojekte nicht die lineare Dynamik der Zeit, sondern stärker die dynamische Zeitformung abseits der Sequenzierung der Zeit in den Mittelpunkt rücken. Nicht nur abstrakte Zeitkonzeptionen werden mit einbezogen, vielmehr soll beleuchtet werden, wie zeitliche Denksysteme in Handlungen überführt werden oder Handlungen in zeitlichen Systemen erfaßt werden. Es wird bei der Analyse stets darum gehen, die Aufmerksamkeit auf die Rezeptionsspuren der Ambivalenz und Ambiguitäten der theoretischen Deutungsmodelle zu lenken. Gleichzeitig sollen die Fragestellungen erweitert werden. So verknüpfen sich die heutigen Theorien meist mit der Frage der Konstruktion von Geschichte, Vorstellungen von Zeitlichkeit gehen aber über die Modelle von Vergangenheit hinaus, was durch die Vergegenwärtigung komplexer mittelalterlicher Zeitmodelle und ihrer abstrakten und konkreten Umsetzung deutlich werden kann.

Die Ergebnisse des Netzwerks werden voraussichtlich 2015 in einem Sammelband mit Beiträgen aller Mitglieder erscheinen.

Mitglieder des Netzwerks und ihre Teilprojekte:

Dr. Dr. Jörg Bölling, Universität Göttingen (D)
Zeremonie und Zeit. Zur Petrus-Verehrung in sächsischen Kathedralen der Salierzeit

Dr. Eva-Maria Butz, TU Dortmund (D)
Zeit- und Raumkonzepte in der liturgischen Memoria

Dr. Patrizia Carmassi, HAB Wolfenbüttel (D)
a) Die liturgischen Quellen Halberstadts und die Herausbildung einer kirchlichen Identität im Mittelalter
b) Zeitwahrnehmung in der Glossierung antiker Texte

Dr. Richard Corradini, Universität Wien (A)
Das Zeitbuch des Walafrid Strabo. Langzeitperspektiven und Nachhaltigkeitskonzepte

Dr. Miriam Czock, Universität Duisburg-Essen (D)
Die Auslegung der gewissen Zukunft im frühen Mittelalter – Zeitverständnis vor dem Hintergrund der Apokalypse

Dr. Uta Kleine, FernUniversität Hagen (D)
Zukunft zwischen Diesseits und Jenseits. Zeitschichtungen und ihre Visualisierung in mittelalterlicher Visionsliteratur

Delia Kottmann, M.A., Universität Dresden (D)
Romanische Bildprogramme in Kirchenräumen als Ausdruck politischer Stellungnahme innerhalb der Gregorianischen Reform

Dr. Anja Rathmann-Lutz, Universität Basel (CH)
Monastische Zeit – Höfische Zeit oder: Wie lang ist der Weg von St.-Denis nach Paris und Reims?

Prof. Dr. Barbara Schlieben, HU Berlin (D)
Herrscheradvent und Kirchenfest. Verschränkung von Raum und Zeit im Itinerar

Hanna Vorholt, Warburg Institute, London (GB)
Strukturen der Heilsgeschichte: Typologie in der Kunst des zwölften Jahrhunderts

Petra Waffner, M.A., FernUniversität Hagen (D)
Konstruierung von Zeit im altfranzösischen Livre de Sidrac als Mittel der Legitimation eines prophetischen Textes

Geleitet wird das Netzwerk von Miriam Czock (miriam.czock@uni-due.de) und Anja Rathmann-Lutz (Anja.Lutz@unibas.ch). Aktuelle Mitteilungen, weitere Informationen und Kontaktdaten finden sich demnächst unter: www.zeitenwelten.unibas.ch.

Kontakt

Anja Rathmann-Lutz

Departement Geschichte der Universität Basel
Hirschgässlein 21

Anja.Lutz@unibas.ch