Wissenschaftliches Netzwerk „Imitation: Mechanismen eines kulturellen Prinzips im Mittelalter“

Wissenschaftliches Netzwerk „Imitation: Mechanismen eines kulturellen Prinzips im Mittelalter“

Veranstalter
Technische Universität Dresden
Ort
Dresden
Land
Deutschland
Vom - Bis
06.11.2014 -
Von
Zermatten, Coralie

Vom 6.-8. November 2014 wurde das wissenschaftliche Netzwerk „Imitation: Mechanismen eines kulturellen Prinzips im Mittelalter“ im Rahmen eines ersten Workshops in Dresden eröffnet.

Das Netzwerk wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über drei Jahre hinweg finanziert, und vereint 15 Forscherinnen und Forscher, mehrheitlich Nachwuchswissenschaftler, aus Deutschland, England, Russland und der Schweiz und geht auf die Initiative von JÖRG SONNTAG (Dresden) und GERALD SCHWEDLER (Zürich) zurück.

Ziel des Netzwerks ist es, das Prinzip der Imitation im Mittelalter zu untersuchen und damit einen Beitrag zum Verständnis der kulturtragenden Mechanismen der europäischen Gesellschaft zu leisten. Das Phänomen der Nachahmung, einer immer wieder verschwiegenen oder heruntergespielten Facette der conditio humana, verdeutlicht, dass die Vorstellung vom Menschen als stets kreativem und individuellem Selbst keine alternativlose Vorstellung ist. Kreativität nämlich zeigt sich erst im Spiel mit Vorformen im Sinne von Imitation und Varianz. Das Netzwerk adressiert die Imitation daher vor allem im Sinne eines Akts bewusster Nachahmung von Personen und Gegenständen, Handlungen und Vorstellungen, mithin als omnipräsentes Orientierungs-, Verhaltens- und Erziehungsmuster. Gerade die breit gefächerten Forschungsgebiete der Netzwerkmitglieder – vom byzantinischen oder päpstlichen Hof, über die Stadt des hohen Mittelalters bis hin zu den Klöstern des frühen 16. Jahrhunderts – bieten beste Voraussetzungen für einen genre-, raum- oder zeitübergreifenden Vergleich der diversen Imitationstypen, -quantitäten, -qualitäten oder -umstände. Aktuelle Forschungsprojekte zu programmatisch-konzeptionellen Imitationen in Architektur, Text und Ritual werden nun zusammengeführt und die über Eigen- und Fremdwahrnehmungen greifbaren Nachahmungen in ihren moralischen, sozialen, rechtlichen, politischen, theologischen und künstlerisch-kreativen Dimensionen erstmals empirisch erhoben und analytisch ergründet. Darüber hinaus werden die Einzelergebnisse in und zwischen den Lebensbereichen des Mittelalters begrifflich wie inhaltlich vergleichend zusammengeführt und historisch ausgewertet.

In mehreren Tagungen und Workshops sollen einzelne Aspekte der Imitation als kulturelles Prinzip im Mittelalter vertieft behandelt werden. Es ist geplant, neben den Veröffentlichungen in klassischer Form (Zeitschriften, Sammelbände) eine Quellenanthologie zur Imitation im Mittelalter zu erarbeiten. Gegliedert anhand der verschiedenen Imitationstypen wird der internationalen Forschungslandschaft eine neuartige Sammlung und Kommentierung paradigmatischer Quellenbeispiele in englischer Übersetzung angeboten. Durch die Kooperation mit auswärtigen Gästen können die Forschungsperspektiven des Netzwerks nicht nur präzisiert oder erweitert werden. Zugleich können sie einen Auftakt für neue internationale Kooperationen zur Entschlüsselung der grundlegenden Facetten und Mechanismen der Nachahmung bilden.

Die feierliche Eröffnung des Netzwerkes „Imitation“ fand am Vormittag des 7. November 2014 an der Katholischen Akademie in Dresden statt. Neben den zwei Organisatoren waren MELANIE BRUNNERT aus Leeds, ANDREAS BÜTTNER aus Heidelberg, BIRGIT KYNAST aus Mainz, IRINA REDKOVA aus Moskau, CHRISTOF ROLKER aus Konstanz, MARKUS SPÄTH aus Giessen und CORALIE ZERMATTEN aus Dresden anwesend. Zuerst spannten Jörg Sonntag und Gerald Schwedler den theoretischen Rahmen des Netzwerkes auf, wobei sie namentlich jene Vielgestaltigkeit von Imitationen methodisch aufschlüsselten. Sie demonstrierten beispielweise deren ungleiche ‚magischen‘ Qualitäten, da Imitationen von in der Immanenz verbleibenden Nachahmungen bis hin zu die Transzendenz Gottes eröffnenden (imitatio Christi) reichten. Die Sprecher betonten ferner die differente Intensität nachgeahmter Teilelemente, denn im Sinne der kreativen Selektionsleistung der Imitierenden konnten Imitationen (nahezu) vollumfänglich oder nur teilweise stattfinden. Auch akzentuierten sie das Phänomen der Wahrnehmung, quasi der Identifikation, denn Nachahmungen mochten verdeckt (und als Original ausgewiesen) geschehen oder aber bewusst vom Erreichen des Wiedererkennungseffektes eines imitierten Musters profitieren. Der zeitgenössische Beobachter konnte sich also in durchaus anderer Weise als der Imitierende mit der Imitierung identifizieren. Weil Imitationen, so die Ausgangsthese des Netzwerkes, zunächst völlig wertfrei eine Situation ‚Als-ob’ herstellten, erlaube gerade ihre systematische Analyse eine Bestimmung der ordnungsstiftenden und kulturtragenden Kraft des Illusorischen in der Gesellschaft des europäischen Mittelalters.

Die darauffolgenden Sitzungen fanden in der Bibliothek der Forschungsstelle für vergleichende Ordensgeschichte (FOVOG) an der Technischen Universität Dresden statt. Hier stellten die Mitglieder ihre eigenen Projektvorhaben vor, worauf Gespräche über eine zielorientierte Verknüpfung der Arbeitsfelder folgten. Der Workshop zur Eröffnung des Netzwerkes stellte für die Mitglieder auch die erste Gelegenheit dar, sich über den Aufbau der geplanten Anthologie auszutauschen.

Der erste große Tagung des Netzwerkes wird vom 16.-18. April 2015 in Eisenach stattfinden und dem Thema „Imitation als kulturelles Prinzip im Mittelalter – Theoretische Grundlagen und historische Voraussetzungen“ verschrieben sein.

Dem Netzwerk „Imitation“ gehören an:

Sprecher: Dr. Jörg Sonntag (Leipzig/Dresden)
Sprecher: Dr. Gerald Schwedler (Zürich)
Prof. Dr. Andreas Bihrer (Kiel)
Dr. Melanie Brunner (Leeds, UK)
Dr. Andreas Büttner (Heidelberg)
PD Dr. Eva Elm (Berlin)
Prof. Dr. Michael Grünbart
Birgit Kynast, M.A. (Mainz)
Prof. Dr. Dr. Hubertus Lutterbach (Duisburg/Essen)
Dr. Irina Redkova (Moskau)
PD Dr. Christof Rolker (Konstanz)
Dr. Regina D. Schiewer (Eichstätt)
PD Dr. Jörg Schwarz (München)
Dr. Markus Späth (Gießen)
Dr. Coralie Zermatten (Dresden)

Coralie Zermatten, Dresden
E-Mail:<coralie.zermatten@tu-dresden.de>

Redaktion
Veröffentlicht am
02.03.2015
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