Überleben ungewiss. Das Schicksal der Kinder von Zwangsarbeiterinnen in Schleswig-Holstein

Überleben ungewiss. Das Schicksal der Kinder von Zwangsarbeiterinnen in Schleswig-Holstein

Veranstalter
Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V. (Akens)
PLZ
29456
Ort
Hitzacker
Land
Deutschland
Von
Tino Jacobs

Zwischen 1943 und dem Kriegsende kamen in Schleswig-Holstein mehrere Hundert Kinder von Zwangsarbeiterinnen ums Leben. Bis heute wissen wir fast nichts über diese weitgehend unbeachtete Opfergruppe.

Um die Arbeitskraft schwangerer Zwangsarbeiterinnen optimal ausbeuten zu können, wurden ab 1943 Geburt und Betreuung ihrer Kinder staatlich geregelt. Unter dem irreführenden Begriff „Ausländerkinder-Pflegestätten“ waren in jedem Landkreis und/oder in größeren Lagern Einrichtungen zu schaffen, in denen die Kinder zur Welt kommen und betreut werden sollten, während die Mütter bereits nach wenigen Tagen wieder arbeiten mussten. In vielen dieser „Pflegestätten“ ließ man die Kinder vermutlich ohne ausreichende Pflege und Versorgung sterben; viele überlebten nur wenige Tage, die Todesraten waren hoch.

Der Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V. (Akens) hat nun ein Forschungsprojekt gestartet, um das Schicksal dieser Kinder für Schleswig-Holstein endlich aufzuarbeiten – ein Desiderat, das erst beschämende 75 Jahre nach dem Tod der Kinder in den Blick genommen wird. „In Kooperation mit derzeit 20 Historikerinnen und Historikern aus Norddeutschland wollen wir zum einen den Kindern ihre Namen zurückgeben, sie auf diese Weise aus dem Vergessen holen und würdigen. Zum anderen untersuchen wir auch die generellen Bedingungen ihrer Geburt, ihres oft nur sehr kurzen Lebens und ihres Sterbens“, heißt es in der Projektskizze des Arbeitskreises.

Ausgangslage und Forschungsstand

Der Forschungsstand zum genannten Themenkomplex ist für Schleswig-Holstein sehr unbefriedigend, es gibt nur wenig Literatur. Daher basiert das Forschungsprojekt auf umfangreichen Aktenbeständen, aus denen heraus die Kinder mit den Orten ihrer Geburt und ihres Todes identifiziert werden können. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass die organisatorischen Vorschriften vermutlich nicht in der damals vorgegebenen Form umgesetzt wurden – nur wenige der identifizierten Einrichtungen dürften den Vorgaben der angeordneten „Ausländerkinder-Pflegestätten“ entsprochen haben. Daneben scheinen vielfältige Sonderformen existiert zu haben: Betreuungseinrichtungen entstanden in bereits bestehenden Lagern, etwa in Pinneberg, Geesthacht, Lübeck oder Kiel; lokal kam es zu pragmatischen Lösungen. Aber es tauchen auch Hinweise und Belege zu bislang unbekannten Einrichtungen an neuen Orten auf, die nun der Nachrecherche in regionalen und lokalen Archiven bedürfen.

Das Forschungsprojekt hat nicht nur den Anspruch, alle zwischen 1943 und 1945 in Schleswig-Holstein ums Leben gekommenen Kinder soweit möglich namhaft zu machen und auf diese Weise zu würdigen. Es soll auch die bisher oft pauschal als Tötungseinrichtungen kategorisierten „Ausländerkinder-Pflegestätten“ näher untersuchen. Das Ziel ist, die Handlungsspielräume zwischen institutionalisierter Vernachlässigung, bewusstem Sterbenlassen, organisiertem Mord, aber auch aktiver Hilfe differenzierter auszuleuchten und konkret zu beschreiben.

Ablauf und Realisierung

Derzeit befindet sich das Projekt im ersten umfassenden Recherche-Stadium, um die Kinder sowie die Orte ihrer Geburt und ihres Todes zu ermitteln. Daran werden sich vertiefende Archivrecherchen anschließen, um die Vorgänge und Verantwortlichkeiten in den identifizierten Einrichtungen aufzuklären und nachzuzeichnen.

Die Ergebnisse des Forschungsvorhabens sollen in jeweils geeigneten Medienformaten auf Landes-, Regional- und Lokalebene präsentiert werden – von Ausstellungen über Schulprojekte und Workshops bis zu Vorträgen. Da der Lehrstuhl für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt zur Geschichte Schleswig-Holsteins am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel als assoziierter Partner mit dem Akens kooperiert, sollen die Ergebnisse auch im Rahmen eines Symposiums der wissenschaftlichen Öffentlichkeit präsentiert und diskutiert werden. Außerdem beteiligen sich Studierende der CAU an den Forschungen.

Bei weiterhin gutem Fortgang der Arbeiten könnten die Grundrecherchen bis Jahresende 2020 abgeschlossen sein. Erste öffentliche Präsentationen dürften ab Herbst 2021 möglich sein. Sämtliche Ergebnisse werden abschließend in einem Forschungsband publiziert. Für dieses Projekt kehrt der Akens zu seinem ursprünglichen und namensgebenden Charakter als Arbeitskreis zurück. Wir freuen uns, dass neben langjährigen Mitstreitern auch viele neue engagierte Autorinnen und Autoren für das Vorhaben gewonnen werden konnten.

Weitere Mitarbeiter*innen, Unterstützung und Hinweise jeglicher Art sind jederzeit willkommen.

Koordination des Projektes: Rolf Schwarz und Kay Dohnke (Akens).

Redaktion
Veröffentlicht am
24.08.2020
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