Der Göttinger Arbeitskreis für transkulturelle Geschichte der Vormoderne

Der Göttinger Arbeitskreis für transkulturelle Geschichte der Vormoderne

Laufzeit Beginn
01.05.2006
Projektträger
Universität Bonn
Ort des Projektträgers
Göttingen
Land
Deutschland
Kontakt Projekt
Dr. Wolfram Drews, Universität Bonn: wdrews@uni-bonn.de
Von
Drews, Wolfram

Während die Erforschung außereuropäischer Geschichte im 18. Jahrhundert noch selbstverständlicher Bestandteil der Universalgeschichte und damit Forschungsgebiet allgemeinhistorisch arbeitender Gelehrter war, wurde im 19. Jahrhundert zur Zeit des Imperialismus und Kolonialismus die Dichotomie zwischen Europa und Nichteuropa in getrennten Disziplinen verankert. Die Postulierung eines okzidentalen Sonderwegs und die gleichzeitige Stilisierung der europäischen Entwicklung zum ausschlaggebenden Modell - von der Universalgeschichte vorbereitet bzw. vorgegeben - wirkten darin fort. Die Beschäftigung mit außereuropäischen Kulturen wurde entweder insgesamt in die Anthropologie bzw. Ethnologie oder aber in Spezialdisziplinen wie Sinologie, Indologie, Orientalistik etc. ausgelagert. Soziologie, Nationalökonomie, Geschichte und Politikwissenschaft befassten sich hingegen mit der europäischen Welt. „Die Ausgliederung des ‚Anderen’ aus der Moderne wurde damit durch die Organisation des europäischen Wissens auch theoretisch festgeschrieben“, wie jüngst in einem Sammelband bemerkt wurde. [1]

Dies hatte zur Folge, dass allgemeine Aussagen über historische und anthropologische Strukturen oder Entwicklungen hauptsächlich auf der Grundlage westeuropäischen und nordamerikanischen Materials entwickelt wurden. Die daraus erwachsenden Defizite in Methodik und gewonnenen Erkenntnissen sind schon oft benannt wurden. Selbst Historiker und Historikerinnen, die an und im Umfeld der wenigen etablierten Professuren für „ost-“ oder „außereuropäische“ Geschichte arbeiten, sind von diesen Problemen betroffen; Forschungen, deren Gebiete nicht durch einen Lehrstuhl abgedeckt werden, fallen häufig in die Nische irrelevanter Exotik. Seit einigen Jahren ist im deutschsprachigen Raum allerdings ein verstärktes Interesse an transkultureller, transnationaler sowie Global- und Weltgeschichte (überwiegend des 19. und 20. Jahrhunderts) auszumachen, das mit erneuten Diskussionen über die Möglichkeiten und Grenzen komparativen Arbeitens einhergeht.

Der Göttinger Arbeitskreis für transkulturelle Geschichte der Vormoderne füllt diese Lücke für Historikerinnen und Historiker der Vormoderne, die sich einerseits methodisch der Disziplin der Geschichtswissenschaften verpflichtet fühlen, andererseits jedoch über Geschichte von Regionen, Religionen und Ethnien arbeiten (Gebiete unter arabischem, persischem, türkischem, byzantinischem Einfluss, jüdische Geschichte; denkbar ist auch die Einbeziehung Altamerikas, Indiens, Chinas, Japans und weiterer Bereiche), die im allgemeinen nicht von der Geschichtswissenschaft, sondern von anderen Disziplinen abgedeckt werden. Er soll ein Forum für jene bieten, denen von der Geschichtswissenschaft zwar mit theoretischer Affirmation, aber gleichzeitig praktischer Skepsis begegnet wird, weil ihre Themen entweder als irrelevant oder aber als karrierefeindlich definiert werden. Angesprochen werden dabei diejenigen, die (auch) mit Quellen arbeiten, die nicht in einer der „klassischen“ Sprachen der etablierten mediävistischen Disziplinen, deren Hauptaugenmerk sich auf West- und Mitteleuropa beschränkt, verfasst sind.

Die Gründungsmitglieder des Arbeitskreises (Dorothea Weltecke, Göttingen; Almut Höfert, Basel; Jenny Rahel Oesterle, Münster; Wolfram Drews, Bonn) planen für das kommende Frühjahr ein erneutes Treffen in Göttingen, zu dem weitere Interessenten willkommen sind. Vorgesehen sind neben einem wissenschaftlichen Vortrag ein detaillierter Austausch über Projekte, Vorhaben und eventuell auch wissenschaftspolitische Initiativen.

Anmerkungen:
[1] Conrad, Sebastian / Randeria, Shalini „Geteilte Geschichten - Europa in einer postkolonialen Welt“, in: diess. (Hgg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt a. M. 2002, S. 21.

Kontakt

Dr. Wolfram Drews, Universität Bonn: wdrews@uni-bonn.de