Der Graf auf Reisen. Netzwerke und männliche Weltbildung im 18. Jahrhundert

Der Graf auf Reisen. Netzwerke und männliche Weltbildung im 18. Jahrhundert. Edition des Reisetagebuchs Graf Heinrich XI. Reuß zu Obergreiz (1740-1742)

Veranstalter
Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena in Kooperation mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena und der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung im Sommerpalais Greiz
Gefördert durch
Thüringer Staatskanzlei
PLZ
07743
Ort
Jena
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.05.2020 - 31.05.2021
Von
Thomas Grunewald

Arbeiten an der Online-Edition des Reisetagebuches des pietistischen Grafen Heinrich XI. Reuß zu Obergreiz (1740-1742) gestartet.

Anfang Mai letzten Jahres begannen die Arbeiten an der digitalen Edition des Reisetagebuches des Grafen Heinrich XI. Reuß zu (Ober-)Greiz (1722–1800). In Begleitung seines Hofmeisters, Anton von Geusau (1695–1749) reiste der Graf zwischen 1740 und 1742 durch den südwestlichen Teil des damaligen Reiches, Frankreich, die Schweiz und Italien. Auf seiner Kavalierstour erkundeten der pietistisch erzogene Heinrich und sein an den Schulen August Hermann Franckes ausgebildeter Hofmeister folglich vor allem das katholische Europa, wobei längere Aufenthalte in Paris und Rom zu verzeichnen sind. Neben tiefen Einblicken in den interreligiösen Dialog, geschlechterspezifische Wahrnehmungsmuster, Rang- und Statuskonflikte, Fragen der Mode und Etikette bietet das vom Hofmeister auf 822 Seiten und in 71 Briefen festgehaltene Reisegeschehen zudem die Möglichkeit, die politischen Kontroversen um die damals aktuellen Großereignisse (Tod des Kaisers Karl VI., Tod der russischen Zarin Anna, Einmarsch der Preußen in Schlesien) aus der Sicht des vernetzten europäischen Hochadels zu erfahren.

Finanziert durch die Thüringer Staatskanzlei ist das Projekt am Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena angesiedelt und kooperiert mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek und der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung im Sommerpalais Greiz, wo sich auch das Original des Tagebuches befindet. Ziel des noch bis Ende Mai 2021 laufenden Projekts ist die Erstellung einer digitalen Edition des gesamten Reisetagebuchs, wobei die hervorragende Überlieferungslage eine Ergänzung des üblichen textkritischen Kommentars um umfangreiche Reiserechnungen (im Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Greiz), den Lebenslauf des Hofmeisters von Geusau und dessen Bestallung zum Hofmeister ermöglicht. Neben der Erfassung und Ausweisung der im Text genannten Personen und besuchten Orte zielt das Projekt auch auf die Kenntlichmachung von Artefakten ab, die auf der Kavalierstour erworben und zum Teil heute noch im Sommerpalais in Greiz befindlich und erlebbar sind. Technisch umgesetzt wird das Projekt in der virtuellen Forschungsumgebung FuD und ist Bestandteil des Editionsportals Thüringen der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. Das vollständig digitalisierte Original kann dort bereits eingesehen werden.

Inhaltlich bietet die Edition vielversprechende Ansatzpunkte für Fragen der Netzwerk- und Reiseforschung, der Geschlechtergeschichte der Frühen Neuzeit, des interkonfessionellen Dialogs, der politischen Kulturgeschichte und der Pietismusforschung. Das Projekt ist jedoch auch im Kontext der Thüringischen Landesgeschichte interessant, handelt es sich bei dem später zum Fürsten erhobenen Heinrich XI. doch um eine historische Persönlichkeit, über dessen Wirken als Schöpfer des Greizer Sommerpalais hinaus bisher kaum etwas bekannt ist.