Neues Verbundforschungsprojekt: Ambivalenzen des Sowjetischen: Diasporanationalitäten zwischen kollektiven Diskriminierungserfahrungen und individueller Normalisierung, 1953-2023

Ambivalenzen des Sowjetischen: Diasporanationalitäten zwischen kollektiven Diskriminierungserfahrungen und individueller Normalisierung, 1953-2023

Veranstalter
Professur für Neuere Geschichte Osteuropas an der Georg-August-Universität Göttingen; Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) Oldenburg; Research Center for the History of Transformations (RECET) an der Universität Wien; Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa (IKGN) Lüneburg
Gefördert durch
VW-Stiftung im Rahmen des Niedersächsischen Vorab
PLZ
37073
Ort
Göttingen
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.08.2020 -
Von
Kerstin Bischl, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Seit dem 1.8.2020 existiert das dreijährige Verbundforschungsprojekt „Ambivalenzen des Sowjetischen: Diasporanationalitäten zwischen kollektiven Diskriminierungserfahrungen und individueller Normalisierung, 1953-2023“, das im Rahmen des Niedersächsischen Vorab von der VW-Stiftung gefördert wird.

Der Forschungsverbund plädiert für eine grundlegende Ausweitung der Perspektive auf die Geschichte der Diasporanationalitäten in der poststalinistischen Sowjetunion. Diese Bevölkerungsgruppen wurden als Kollektive durch die gemeinsame Erfahrung von Repression und Diskriminierung konstituiert. Als Individuen aber erlebten sie in den Jahren nach dem Tode Stalins eine Normalisierung ihrer Existenz und in vielen Fällen einen bemerkenswerten sozialen Aufstieg. Die einzelnen Teilprojekte eint die Hypothese, dass der Zusammenhang zwischen diesen Phänomenen nur dann verständlich wird, wenn neben der gruppenkonstituierenden Repressionserfahrung auch die alltägliche individuelle Sowjetisierung in den Fokus der Erforschung rückt. Die in den Fallstudien des Verbunds im Mittelpunkt stehenden Diasporanationalitäten – Russlanddeutsche und sowjetische Jüdinnen Juden – waren oder wurden in diesen Jahren zu einem Teil der kulturell und national vielfältigen sowjetischen Gesellschaft.

Die Teilprojekte des Forschungsverbundes untersuchen anhand russlanddeutscher und jüdischer Fallbeispiele individuelle Alltagspraktiken, Migrationsprozesse, die Erinnerung an die spätsowjetische Zeit und die Rekonstitution von Gemeinschaft nach der Migration. Indem aus verschiedenen Perspektiven sowjetische Normalisierung im Spätsozialismus untersucht wird, verfolgt der Forschungsverbund drei Ziele: Erstens sollen die vielfältigen Geschichten der Diasporanationalitäten an den sowjetischen Peripherien als zentrale Bestandteile der sowjetischen Geschichte verständlich werden. Damit rücken die Biographien jener Sowjetbürger/innen in den Blick, die in der bisherigen Forschung weitgehend vernachlässigt wurden. Zweitens leistet das Vorhaben einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte um den ländlichen Raum in der späten Sowjetunion. Die Forschung der letzten Jahre entwickelte ihre Thesen fast ausschließlich anhand urbaner Kontexte. Hier setzt der Verbund an und fragt nach der Übertragbarkeit von Konzepten wie „sowjetischem Konsum“ auf das sowjetische Dorf. Damit schließt das Projekt an die – meist auf die europäischen Regionen der Sowjetunion fokussierte – Erforschung des Late Soviet Village an. Und drittens weisen die Projekte über die sowjetische Zeit hinaus bis in unsere unmittelbare Gegenwart, indem anhand von Beispielen von Emigrant/innen in Niedersachsen die Vergemeinschaftung nach der Emigration sowie die Erinnerung an den sowjetischen Alltag ebenfalls in den Blick genommen werden. Es geht also um einen neuen Blick auf die Geschichte der poststalinistischen Sowjetunion, den Alltag an der Peripherie des sowjetischen Vielvölkerreiches sowie das Nachleben des „Homo Sovieticus“ in der postsowjetischen Zeit.

Übersicht über die Teilprojekte .
a) Unter Gleichen? Russlanddeutscher Alltag in Kasachstan und im Altaj, 1955-2000 (Bearbeiterin: Alina Jashina-Schäfer, Leitung: PD Dr. Hans-Christian Petersen, apl. Prof. Dr. Matthias Weber, BKGE Oldenburg)
b) Urbanisierung: Russlanddeutsche und andere nationale Minderheiten in den Land-Stadt-Migrationen nach 1953 (Bearbeiterin: Helena Henze, Leitung: Prof. Dr. Joachim Tauber, apl. Prof. Dr. Victor Dönninghaus, Dr. Dmytro Myeshkov, Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa Lüneburg, IKGN)
c) Zwischen Ausreisebewegung und Akademie. Judaistik in der späten Sowjetunion (Bearbeiterin: Dr. Ulrike Huhn, Leitung: Prof. Dr. Anke Hilbrenner, Professur für Osteuropäische Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen)
d) Alltag und Erinnerung. (Spät-)Aussiedler im Landkreis Cloppenburg und ihr „sowjetisches Gepäck“ (Bearbeiter: Daniel Gebel, Leitung: PD Dr. Hans-Christian Petersen, apl. Prof. Dr. Matthias Weber, BKGE Oldenburg)
e) Jenseits des „Russenghettos“: Alte und Neue Formen der Vergemeinschaftung in „russlanddeutschen Vierteln“ (Bearbeiterin: Dr. Nino Aivazishvili-Gehne, Leitung: apl. Prof. Dr. Jannis Panagiotidis Research Center for the History of Transformations (RECET) an der Universität Wien )