Preis der Zeitschrift für Weltgeschichte 2018

Von
Prof. Dr. Jürgen G. Nagel

Preis der Zeitschrift für Weltgeschichte 2018

Die „Zeitschrift für Weltgeschichte“ (ZWG), die im Peter Lang Verlag erscheint und vom „Verein für Geschichte des Weltsystems“ herausgegeben wird, verfolgt als eine ihrer Aufgaben das Ziel, Forschungen zur Welt- und Globalgeschichte in deutscher Sprache zu fördern, um eine stärkere universitäre Verankerung dieses Fachgebietes anzuregen. In diesem Zusammenhang wurde für 2018 zum zweiten Mal der Preis der ZWG für die beste deutschsprachige und publizierte oder publikationsfähige Erstlingsmonographie zur Welt- oder Globalgeschichte der letzten drei Jahre ausgelobt. Der Preis ist mit 2.000 € dotiert; Autorinnen und Autoren entsprechender Studien konnten entweder die eigene Arbeiten vorschlagen oder von anderen vorgeschlagen werden. In ihrer Sitzung am 2. Februar 2018 hat sich die Jury, die sich aus den Herausgeberinnen und Herausgebern der Zeitschrift zusammensetzt, nach intensiver Beratung entschieden, den Preis der ZWG 2018 an folgende herausragende Studie zu verleihen:

Felix Schürmann: Der graue Unterstrom. Walfänger und Küstengesellschaften an den tiefen Stränden Afrika (1770-1920), Frankfurt/Main: Campus, 2017. (Diss. Frankfurt 2015)

In seiner Frankfurter Dissertation beschäftigt sich Felix Schürmann mit einem wahrhaft weltumgreifenden Komplex der maritimen Geschichte: dem Walfang. Er reiht sich dabei nicht nur in die mittlerweile üppige Forschung zum Walfang ein, sondern stellt mit den Kulturkontakten der Walfänger einen neuen Aspekt und mit Afrikas Küsten einen bislang wenig beachteten Schauplatz in den Mittelpunkt. Der Autor beabsichtigt weniger, eine neue Geschichte des Walfangs zu schreiben, als die Akteure in ihren interkulturellen Beziehungen zu untersuchen. Grundlage bildet eine systematische und detaillierte Auswertung der Logbücher der beteiligten Schiffe, die ein komplexes Bild von Leben und Kontakten der Walfänger ermöglicht. Angereichert wird es durch weitere Quellen wie Ego-Zeugnissen und Zeitungsberichten, aber auch durch die umfassend recherchierte Forschungsliteratur zu allen angesprochenen Aspek-ten.
Die Untersuchung von Felix Schürmann zeichnet sich durch ihr gelungenes Zusammenspiel aus gründlicher Quellenanalyse und breiter Forschungssynthese aus. Hierzu verfolgt sie eine zweifache Vorgehensweise. Auf der einen Seite stehen acht lokale Fallstudien zu den „tiefen Strände Afrikas“, die eine große Bandbreite abdecken. Teilweise sind es tatsächlich einfache Strände, die erst durch Walfänger belebt wurden, teilweise etablierte Handelsplätze, sogar regelrechte Hafenstädte. Walfänger suchten manche dieser Strände auf, da es sich um erfolgsversprechende Jagdreviere handelte, andere wiederum, weil sie gute Versorgungsmöglichkei-ten oder auch Infrastruktur für Reparaturen boten. Die entsprechenden Kapitel führen einerseits in die geographischen Verhältnisse, die Lokalgeschichte und die europäischen oder amerikanischen Kontakte in diese Gegend ein. Andererseits werden die Aktivitäten von Walfän-gern vor Ort ausführlich dargelegt und ihre Kontakte zur lokalen Bevölkerung analysiert. Die Bewertung der Auswirkungen auf die lokalen Gesellschaften bildet einen letzten Schwerpunkt, bevor Ausblicke auf die Zeit nach der Hochphase des Walfangs die Fallstudien abrunden. Jede einzelne hebt einen besonderen Aspekt, den der jeweilige Ort repräsentiert, hervor. Auf dem Weg dorthin werden die „westliche“ und die „indigene“ Perspektiven gleichrangig bedient. Es handelt sich also um eine tatsächliche Verflechtungsgeschichte: Auch wenn Walfänger nur temporär an einem der „tiefen Strände“ verweilten und mancherorts aufgrund realer oder imaginierter Gefahren wenig Neigung zum Landgang entwickelten, zeigt Schürmann eindringlich, dass auch sie in vielerlei Weise in Zusammenhänge eingebunden waren, die weit über ihren Wahrnehmungshorizont hinausgingen, und solche auch massiv beeinflussen, sogar initiieren konnten.
Auf der anderen Seite sorgen drei Kapitel unter dem Oberbegriff „Passagen“ dafür, dass der Autor letztendlich doch eine grundlegende Geschichte des Walfangs vorlegt. Diese Kapitel, welche die Fallstudien in gelungener Weise miteinander verzahnen, setzen sich mit der spezifischen Walfangsituation vor Afrika, mit dem Leben an Bord eines Walfängers und mit den Beziehungen der Seeleute zum Land auseinander. Es entsteht dabei ein umfassendes Panorama des Walfangs im 18. und 19. Jahrhundert auf dem neuesten Stand der Forschung, das kaum einen Wunsch offen lässt.
Das Buch ist trotz seines Umfangs ausgesprochen gut und lebendig lesbar, was nicht nur auf das sprachliche Können des Autors zurückzuführen ist, sondern auch auf die umsichtige Konstruktion, die gleichermaßen auf Stringenz und Lesbarkeit achtet. Bei aller Anschaulichkeit setzt sich der Autor mit den einschlägigen konzeptionellen Debatten auseinander und kommt zu einer eigenständigen Positionierung. Insbesondere in der Ausdifferenzierung der von den postcolonial studies wie auch der new labour history gerne entwickelten Dichotomien wird dies deutlich; sowohl das „System Walfänger“ als auch der interkulturelle Kontakt an den „Stränden“ erweisen sich in Schürmanns Analyse als ausgesprochen komplexe Zusammenhänge. Erwähnenswert ist zudem das auch in der Globalgeschichte keineswegs selbstverständliche Einlassen auf sehr unterschiedliche lokal- und ethnohistorische Zusammenhänge.
Die größte Stärke der Arbeit liegt jedoch in der überzeugenden Verknüpfung des „Lokalen“ mit dem „Globalen“. Die detaillierten Untersuchungen zur den acht exemplarischen Stränden überzeugen nicht nur als Mikrostudien, sondern vor allem auch dadurch, dass sie konsequent mit der globalen Ebene in Beziehung gesetzt werden. Dadurch werden auch die lokalen Gegebenheiten greifbar, die wiederum die Entwicklung des Walfangs beeinflussten. Gleichzeitig wird das globale Phänomen Walfang konsequent aus der Perspektive seiner Akteure betrachtet. Rückkopplungen und Generalisierungen sind stets vorhanden und werden mit Augenmaß durchgeführt. Es handelt sich also um Weltgeschichte im besten Sinne.

Die Preisvergabe durch die Herausgeberschaft der ZWG soll ihm Rahmen einer Vortragsveranstaltung an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main stattfinden. Über Einzelheiten zu dieser Veranstaltung wird an dieser Stelle rechtzeitig informiert werden.

Kontakt

Prof. Dr. Jürgen G. Nagel

FernUniversität in Hagen, Historisches Institut, Universitätsstraße 33, 58097 Hagen

02331 987-2114

juergen.nagel@fernuni-hagen.de

Zitation
Preis der Zeitschrift für Weltgeschichte 2018, in: H-Soz-Kult, 13.02.2018, <www.hsozkult.de/news/id/nachrichten-4419>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.02.2018
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