Geschichte der Pflege in der generalistischen Pflegeausbildung

Von
Anja Katharina Peters, Sektion Historische Pflegeforschung in der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft (DGP) e.V.

Positionspapier

Mit dem Pflegeberufereformgesetz (vgl. Bundesgesetzblatt 2017) sowie der dazu erlassenen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung (vgl. Bundesgesetzblatt 2018) setzt der Gesetzgeber die seit über 20 Jahren geforderte Verknüpfung der bisher getrennten Berufe der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege (vgl. Deutscher Bildungsrat für Pflegeberufe 1994) um. Die in Zukunft generalistisch ausgebildeten Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner sollen den steigenden Anforderungen der Pflegepraxis besser gerecht werden.
Grundsätzlich ist die Reform zu begrüßen, obwohl die Problematik besteht, dass weiterhin nur drei Jahre für die generalistische Ausbildung vorgesehen sind. Bei steigenden Anforderungen sowie der Ausweitung der Lehrinhalte ergibt sich die Gefahr, dass von den Auszubildenden und Studierenden nicht alle Kompetenzen erworben werden. Als Sektion Historische Pflegeforschung sorgen wir uns, dass der Anteil zur „Geschichte der Pflege“ gekürzt bzw. nicht mehr vermittelt wird.
Auf die Gefahr fehlender Verortung von Pflegegeschichte an den Hochschulen und deren Konsequenzen haben wir bereits 2012 (vgl. Sektion Historische Pflegeforschung 2012) hingewiesen.
Geschichte der Pflege ist wichtig, weil
- nur mit der fundierten Kenntnis der Vergangenheit Situationen in der Gegenwart verstanden werden können,
- nur mit Kenntnis der Vergangenheit des Berufs ein kritisches Berufsverständnis entwickelt werden kann,
- nur mit Kenntnis der Vergangenheit eine Veränderung gegebener Situationen zu erreichen ist,
- nur mit Reflexion der Vergangenheit Lernen möglich ist,
- die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Persönlichkeiten fördert,
- kritisches Denken so gefördert wird.
(Pandel 2005, Sauer 2008)
Gerade für den Pflegeberuf ist es relevant, aktuelle Fragestellungen vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung zu reflektieren.
So sind z. B. Forschungen zur Beteiligung von Pflegepersonen an der „Kindereuthanasie“ in der NS-Zeit (vgl. Genz 2018) nützlich, um die organisatorischen Strukturen zu verstehen, die auch aktuelle Patientenmorde durch Pflegende nicht verhindern. Die Erfahrungen ehemaliger Gemeindekrankenschwestern (vgl. Hackmann 2004, 2015) geben Hinweise auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der ambulanten Pflege, und die Kenntnis der Geschichte der jüdischen Pflege (vgl. Frankfurt University of Applied Sciences 2019) fördert die kulturelle Sensibilität.
Daher erwarten wir die eindeutige curriculare Verortung der Geschichte der Pflege, insbesondere der Geschichte der Pflegeberufe, in der neuen generalistischen Pflegeausbildung sowohl an Pflegeschulen als auch an den Hochschulen. Unsere Forderung ergibt sich aus den § 5 des PflBRefG (vgl. BGBl 2017) sowie den Anlagen der PflAPrV (vgl. BGBl 2018). Sollte eine modulare Verortung nicht möglich sein, so kann alternativ die Geschichte in verschiedene Lehreinheiten integriert gelehrt werden.
Die Mitglieder der Sektion Historische Pflegeforschung

Literatur
Bundesgesetzblatt (2017): Gesetz zur Reform der Pflegeberufe (Pflegeberufereformgesetz – PflBRefG) vom 17.07.2017. Bundesgesetzblatt I Nr. 49 vom 24.07.2017, S. 2581, Bonn.
Bundesgesetzblatt (2018): Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe (Pflegeberufe-Ausbildungs- und Prüfungsverordnung – PflAPrV vom 02.10.2018. Bundesgesetzblatt I Nr. 34 vom 10.10.2018, Bonn.
Deutscher Bildungsrat für Pflegeberufe (1994): Bildungskonzept. Bonn, Eschborn: ADS, DBfK.
Frankfurt University of Applied Sciences (2019): Jüdische Pflegegeschichte – Jewish nursing history. Projekt-Website. URL: http://www.juedische-pflegegeschichte.de/ [Stand: 05.03.2019].
Genz, K. (2018): Pflege im Nationalsozialismus. Die Beteiligung der Pflegekräfte an der „Kindereuthanasie“ in den Kinderfachabteilungen Hamburg-Langenhorn, Hamburg-Rothenburgsort und Lüneburg. In: Geschichte der Pflege 7/2, 80 – 89.
Hackmann, M. (2004): Vom Einzelkampf zur Teamarbeit? Veränderungen in der westdeutschen Gemeindekrankenpflege 1950 bis 1980. In: Pflege 17/6, 402-409.
Hackmann, M. (2015): To be on show and working with the postman – Community attachment as experienced by German community nurses form the 1950s to the 1980s. Poster auf der American Association for the History of Nursing 32nd Annual Nursing & Health Care History Conference in Dublin, 15.-19.09.2015.
Pandel, H.-J. (2005): Geschichtsunterricht nach PISA. Kompetenzen, Bildungsstandards und Kerncurricula. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag.
Sauer, M. (2008): Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. 7. Auflg. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Sektion Historische Pflegeforschung in der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e. V. (2012): Geschichte der Pflege in pflegerischen Bildungsgängen – Positionspapier. URL: https://dg-pflegewissenschaft.de/sektionen/pflege-und-gesellschaft/historische-pflegeforschung/ [05.03.2019].

Kontakt

Prof. Dr. Andrea Thiekötter
Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.
German Society of Nursing Science
Bürgerstr. 47
47057 Duisburg
E-Mail: Sektion.HPF@dg-pflegewissenschaft.de
Twitter: @pflegehistorie

Redaktion
Veröffentlicht am
16.04.2019
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