Soziales Handeln an der frontier. Macht, Krieg und Religion im vorkolonialen Westafrika

Von
Stephanie Zehnle, Außereuropäische Geschichte / Prof. Dr. Christoph Marx, Universität Duisburg-Essen

Das Forschungsvorhaben (zweijährige Laufzeit 2011-2013) wird von der Gerda Henkel Stiftung im Schwerpunkt „Islam, moderner Nationalstaat und transnationale Bewegungen“ gefördert. Es behandelt in zwei Fallstudien soziale Konstellationen und soziales Handeln in westafrikanischen frontier-Zonen. Einmal geht es um Songhay (etwa im Gebiet des heutigen Mali) von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, sodann um die Entstehung und Etablierung Sokotos (im heutigen Nordnigeria gelegen) vom späten 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. In beiden Fällen waren die Regionen durch Handelsrouten weit vernetzt. In beiden Fällen handelte es sich um frontier-Situationen, die durch gewaltsame Intervention (marokkonische Expansion bzw. Djihad-Bewegung) geprägt waren, bestimmten also Kriege und Unruhen den Rahmen. Und in beiden Fällen kollidierten traditionelle religiöse Formen mit unterschiedlichen Schulen des Islam. Doch waren die kulturellen und sozialen Ausgangskonstellationen verschieden, und die Konsequenzen scheinen ebenfalls auf Differenzen im Prozess der Amalgamierung hinzuweisen. Wie zwischen Kollision und Verschmelzung neue kulturelle Formen entstanden, wie soziales Handeln durch die konkrete frontier-Situation geprägt war, soll in dem Projekt herausgearbeitet werden.

Zum Hintergrund: Im westafrikanischen Großraum zwischen mittlerem Niger im Westen und Tschadsee im Osten bildete sich seit der Zeit des (europäischen) Mittelalters eine Reihe von machtvollen Reichen, die sich überlagerten und ablösten und den Raum auf Jahrhunderte hin politisch und ökonomisch strukturierten. Das reicht von Ghana seit dem Ende des 8. Jahrhunderts über Mali und Songhay bis zu Sokoto im 19. Jahrhundert. Im Zuge der Umformung der politischen Landkarte verschoben sich die Gravitationszentren der Macht langsam von West nach Ost. Alle diese Reiche beruhten auf kriegerischer Expansion, gewaltsamer Integration von unterworfenen Völkern, der Kontrolle des Handels und der Kollision und Verschmelzung von traditionellen Religionen mit neuen, besonders islamischen Einflüssen. Der westafrikanische Großraum war ein Raum der Migration, des Kontaktes und des Austausches. Krieg und Gewalt verstärkten diese Prozesse, sie führten zu Fluchtbewegungen und Vertreibungen, zu Überlagerungen und neuen Siedlungen. Aber auch Handel und Karawanen trugen zur Vernetzung des Raumes bei, mit unterschiedlichen Schwerpunkten je nach Bedeutung der Handelsgüter, die von Gold, Kupfer und Salz über Stoffe und Leder bis zu Sklaven reichten. Die Waren wiederum weckten Begehrlichkeiten: Auch auswärtige Machthaber engagierten sich. Der westafrikanische Großraum bietet daher eine Fülle an Beispielen für Konflikte, kulturelle Transfers und „Hybridisierungsprozesse“ im vorkolonialen Afrika. Er kann als eine sich ständig verlagernde frontier-Zone, ein Kontakt-, Interaktions- und Konfliktraum aufgefasst werden, der erhellt, wie soziale Strukturen, politische Herrschaftsverhältnisse, wirtschaftliche Interessen und religiöse Prägungen gegen- und ineinander wirkten. Beständig wurde Neues geschaffen, wurden gesellschaftliche Werte und Normen immer neu ausgehandelt. Das vorkoloniale Afrika war alles andere als ein statischer Kontinent, vielmehr führten permanente Umformungen, Überlappungen und kreative Neuschöpfungen zu einer bemerkenswerten Dynamik.

Projektleiter: Prof. Dr. Winfried Speitkamp
Bearbeiter: Christian Holst M.A. und Stephanie Zehnle M.A.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.03.2011