DFG-Projekt: Katalogisierung der nachreformatorischen Handschriften aus dem Nachlass der Theologen Johann und Johann Ernst Gerhard in der Forschungsbibliothek Gotha

Von
Cornelia Hopf

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt zur Katalogisierung der nachreformatorischen Handschriften aus dem Nachlass der Theologen Johann (1582-1637) und Johann Ernst Gerhard (1621-1668) macht die für den mitteldeutschen Protestantismus und die Gelehrtenkultur des späten 16. und 17. Jahrhunderts zentrale Sammlung erstmals der Forschung zugänglich. Der insgesamt 203 Handschriftenbände umfassende Überlieferungskorpus in der Forschungsbibliothek Gotha zählt neben den bereits erschlossenen reformatorischen Handschriften zum Kern der hochkarätigen Gothaer Sammlung zur Kulturgeschichte des Protestantismus in der Frühen Neuzeit. Der Nachlass der beiden Theologen wurde 1678 unter Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg (reg. seit 1675-1691) für die Herzogliche Bibliothek Gotha erworben. Dies entsprach der systematischen Erwerbungspolitik des Gothaer Herzoghauses zur Legitimation ihres als „Sachwalter des Luthertums“ verstandenen theologisch-lutherischen Selbstverständnisses, das Gotha bereits im 17. Jahrhundert als frühes Reformationsforschungszentrum zu etablieren suchte.

In dieses Programm fügte sich der Nachlass des „protestantischen Kirchenvaters“ Johann Gerhard als einzigartiger Überlieferungszusammenhang zur Geschichte der lutherischen Orthodoxie ein. Die von ihm hinterlassene, mehr als 6.000 Drucke umfassende Bibliothek wurde von seinem Sohn Johann Ernst Gerhard übernommen, der sie zu einer der bedeutendsten deutschen Gelehrtenbibliotheken der Frühen Neuzeit ausbaute. Wie sein Vater lehrte er als Professor für Theologie an der Universität Jena, ist jedoch in seinem kirchenhistorischen wie auch philosophischen und philologischen Wirkungshorizont – etwa für die Orientalistik – bislang kaum rezipiert worden. Bereits während seiner peregrinatio durch Europa zu Beginn der 1650er Jahre lernte er hervorragende Gelehrte kennen. Dieses Netzwerk spiegelt sich nicht zuletzt in den überlieferten Korrespondenzbänden und seinem Tagebuch wider.

Insgesamt setzt sich der handschriftliche Nachlass vor allem aus Korrespondenzen Johann und Johann Ernst Gerhards (insgesamt rund 3.700 Briefe), ihren Lebensdokumenten, Werkmanuskripten und unterschiedlichen Sammlungen (z.B. eine mittelalterliche und drei Bände Reformationshandschriften) zusammen. Einen besonderen Schwerpunkt nehmen theologische Manuskripte ein, zu denen auch ein Entwurf von Johann Gerhards Hauptwerk, den Loci theologici (1610-1622), zählt. Neben der theologischen Ausrichtung des Bestandes zeugt die Überlieferung auch von dem thematisch breit aufgestellten späthumanistischen Gelehrtentum der Nachlasser, darunter Texte, Vorlesungsmanuskripte, Gutachten etc. aus dem juristischen, medizinischen, philosophischen, philologischen, historischen und naturwissenschaftlichen Bereich sowie zwölf orientalische Handschriften. Im Gerhard-Nachlass sind weitere Nachlässe integriert, etwa der von Andreas Gerhard, des Bruders Johann Gerhards. Ein weiterer Bestandteil der Überlieferung sind die Nachlässe des Schwiegervaters Johann Gerhards, des Gothaer Mediziners Johann Mattenberg (1550-1631), mit Vorlesungsmitschriften aus seinem Studium in Marburg, Wittenberg, Jena und Italien und des Schwiegervaters Johann Ernst Gerhards, des Weimarer Hof- und Konsistorialrats Günther Heinrich Plathner (1592-1657), mit Korrespondenzbänden sowie unveröffentlichten theologischen, philologischen und juristischen Werkmanuskripten. Darunter befinden sich auch Überlieferungen zur innerterritorialen Politik Sachsen-Weimars in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts sowie zur Reichspolitik im Jülich-Klevischen Erbfolgestreit oder dem Dreißigjährigen Krieg.

Von der Erschließung des noch nahezu unbekannten Überlieferungskorpus sind neue Impulse für die historisch-theologische Erforschung des Luthertums und der Lutherrezeption, für geistes-, ideen-, bildungs-, universitäts- und politikhistorische Ansätze sowie für die Geschichte der frühneuzeitlichen Gelehrtenkultur zu erwarten.

Die Beschreibung der Handschriftenbände erfolgt gemäß den Richtlinien zur Erschließung von Nachlässen und Autographen (RNA). Die Ergebnisse werden kontinuierlich in die Handschriftendatenbank HANS der Forschungsbibliothek Gotha (http://hans.uni-erfurt.de/hans/index.htm) eingepflegt, der Nachweis im zentralen Nachlass- und Autographen-Portal Kalliope ist vorgesehen. Nach Abschluss des Projekts werden die Erschließungsergebnisse in einem gedruckten Katalog zugänglich gemacht.

Bearbeiter: Daniel Gehrt, Gabriele Kern, Franziska König, Hendrikje Carius