Heroischer Nationalismus: Der sudetendeutsche "Kameradschaftsbund" in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und die Konstruktion sudetendeutscher Identität

Heroischer Nationalismus: Der sudetendeutsche "Kameradschaftsbund" in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und die Konstruktion sudetendeutscher Identität

Projektträger
Universität Leipzig, Institut für Slavistik
Ort des Projektträgers
Leipzig
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.03.2012 - 28.02.2014
Von
Stefan Troebst / Wilfried Jilge

Im Rahmen des universitären Förderprogramms „Erinnerung und Identität: Die Deutschen und ihre Nachbarn in Mittel- und Osteuropa“ fördert der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) das Forschungsprojekt „Heroischer Nationalismus: Der sudetendeutsche ‚Kameradschaftsbund‘ in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und die Konstruktion sudetendeutscher Identität“. Das Projekt ist am Institut für Slavistik der Universität Leipzig angesiedelt und wird im Zeitraum März 2012 - Februar 2014 durchgeführt. Projektleiter ist Prof. Dr. Stefan Troebst, Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig, Projektbearbeiter ist der Osteuropahistoriker Wilfried Jilge, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Slavistik/Professur Kulturstudien Ostmitteleuropas der Universität Leipzig.

Im Mittelpunkt des Vorhabens steht die Erforschung der Genese und politischen Nutzung sudetendeutscher Identität am Beispiel der ideologischen und politischen Arbeit des sudetendeutschen Kameradschaftsbundes (KB). Der aus der Jugendbewegung hervorgegangene und 1925 als „Arbeitskreis für Gesellschaftwissenschaften“ gegründete „Männerbund“ entwickelte sich zu einem der prominentesten politischen Zirkel innerhalb der deutschen Minderheit der Ersten Tschechoslowakischen Republik (ČSR). Die in ideengeschichtlicher Hinsicht faszinierende Seite des KB ergibt sich aus der Tatsache, dass die ihn führenden Intellektuellen im Unterschied zu ihren geistigen Bündnispartnern der „Konservativen Revolution“ nicht nur Stichwortgeber einer antidemokratischen „Volkswerdung“ sein wollten. Vielmehr wollten sie auch und gerade die in die Sprache des politischen Irrationalismus gekleideten Pläne für ein „organisches Reich“ auf der Basis eines autoritär umzugestaltenden „sudetendeutschen Stammes“ in die politische Praxis umsetzen.

Mit dem von ihm konzipierten völkisch-antidemokratisch ausgerichteten „Stammeskörperkonzept“ trug der KB wesentlich zur Politisierung und Popularisierung einer „sudetendeutschen“ Identität bei, die sich erst nach 1918 allmählich herausbildete und deren Existenz zunächst eine Behauptung völkischer Intellektueller war. Der KB war Initiator und Motor in dem von ihm federführend initiierten und angetriebenen, sich seit den 1920er Jahren auf Basis der Volkstumsverbände vollziehenden Einigungs- und Radikalisierungsprozess der deutschen Minderheit, der schließlich in die Ausrufung der Sudetendeutschen Heimatfront 1933 (SHF, ab 1935: Sudetendeutsche Partei, kurz: SdP) mündete. Der KB dominierte zunächst diese nationalistische Sammlungsbewegung, wobei er in unterschiedlichen Perioden mit konkurrierenden Gruppen des neokonservativ-völkischen Lagers kooperierte oder rivalisierte. Bis heute werden die Bedeutung und die Rolle des KB im Vorfeld des Münchner Abkommens und der Zerschlagung der ČSR kontrovers beurteilt. Die als Endprodukt angestrebte monographische Untersuchung bildet daher auch einen Beitrag zur Erforschung eines der neuralgischsten Punkte in den deutsch-tschechischen Beziehungen des 20. Jahrhunderts.

In Teilen der fach- und populärwissenschaftlichen Literatur sowie in einigen einschlägigen Überblickswerken zur Geschichte der Ersten ČSR wird häufig zwischen einem „traditionalistischen“ und auf Autonomie hinarbeitendem KB einerseits und dem „radikalen“ sudetendeutschen und reichsdeutschen Nationalsozialismus andererseits unterschieden. In dieser Optik sind die Mitglieder des KB seit 1935/36 von den mit ihnen rivalisierenden und vom Deutschen Reich unterstützten sudetendeutschen Nationalsozialisten aus den Führungspositionen der SHF und des für den sudetendeutschen Einigungsprozess bedeutsamen Deutschen Turnverbandes (DTV) verdrängt oder politisch neutralisiert worden, was die Radikalisierung dieser Organisationen im Sinne des reichsdeutschen Nationalsozialismus eingeleitet habe. Betont werden zudem die Unterschiede zwischen der Ständestaatslehre des Wiener Soziologen Othmar Spann als maßgeblicher ideologischer Quelle des KB und dem Nationalsozialismus, z.B. in Fragen von Antisemitismus und Rassismus. Diese Interpretation und bisweilen damit verknüpfte Deutungen des KB-Kreises im Sinne christlich-konservative Ständestaatler oder
nationalkonservativer Föderalisten sollen in dem Projekt kritisch hinterfragt werden. Tatsächlich war der KB kein homogener Kreis und der Universalismus Spanns bildete nicht seine einzige ideologische Grundlage. Er stellte vielmehr, so hier die These, ein Spektrum zentraler Strömungen der neokonservativ-völkischen Bewegung der Weimarer Republik und Österreichs dar; ein solcher Ansatz scheint auch die durchaus unterschiedlichen Wege seiner prominenten Führungspersönlichkeiten in die Gleichschaltung nach 1938 besser erklären zu können.

Für das Projekt ist daher die Frage bedeutsam, ob der KB trotz der heftigen Machtkämpfe im rechten Lager eigenständige, antidemokratische Perspektiven auf einen „Anschluss“ an das Reich entwickelte und ob und inwiefern er politische Brücken vom „Sudetenland“ in das nationalsozialistische Deutschland baute, ohne dass seine politischen Vorstellungen mit denen des Nationalsozialismus in allen Punkten identisch sein mussten.

Eine umfassende Erforschung des KB-Kreises, die der präzisen Analyse seines politisch-ideologischen Standorts und damit der genauen Interpretation des Stammeskörperkonzeptes und der daraus abgeleiteten „Umgestaltung der Volksgruppe“ dienen soll, ist immer noch ein Desiderat. Ein solches Vorhaben erfordert einen Zugang auf zwei Ebenen: Einerseits den Einbezug der politische Prägung des KB-Kreises durch das Kriegserlebnis und die genauere Untersuchung seines Werdegangs seit den frühen zwanziger Jahren; andererseits die Analyse von außerböhmischen Tätigkeitsfeldern des KB in großdeutsch ausgerichteten völkischen Netzwerken der Weimarer Republik und vor allem Österreichs sowie ihre Bedeutung für die Arbeit des Kreises in der ČSR.

In diesem Sinne lassen sich die Ziele des Vorhabens nach diachronen und synchronen Forschungsperspektiven gliedern. Im Mittelpunkt der diachronen Längsschnittanalyse als erstem Arbeitsfeld stehen historisch-ideologiekritische Studien zur sudetendeutschen Identität. Ziel ist die Erforschung von Genese, Funktion und politischer Nutzung sudetendeutscher Identität am Beispiel der ideologischen und politischen Arbeit des KB. Dabei wird u.a. gefragt, welche politischen – d.h. dem (Sudeten-)Deutschtum „artgemäßen“ – Ordnungsmodelle aus der vom KB formulierten „Stammesidentität“ abgeleitet wurden, auf welchen ideologischen Grundlagen diese Identität beruhte, wie sich dabei sudetendeutsche und großdeutsche „Volksgemeinschaft“ zueinander verhielten und ob und inwiefern dieses politische Konstrukt mit der verfassungsrechtlichen Ordnung der Ersten ČSR vereinbar war.

Nicht Parteiprogramme, sondern als männlich und völkisch stilisierte „Haltungen“, die grundsätzliche, vom Erlebnis des ersten Weltkrieges geprägte Positionen und charismatische Attribute des heroischen Nationalismus inszenierten, scheinen einen Schüssel für das politische Selbstverständnis der führenden Protagonisten des KB zu liefern. Um diese Haltungen der sudetendeutschen „Front-“ und „Kriegsjugendgeneration" in die Analyse von Politik und Ideologie einbeziehen zu können, wird die historisch-ideologiekritische Analyse im zeitlichen Wandel, d.h. entlang der zentralen kollektivbiographischen Stationen einer „politischen Generation“ durchgeführt (beginnend mit dem Engagement im österreichischen bzw. sudetendeutschen Wandervogel und den Burschenschaft bis zum Eintritt in die aktive „Volkspolitik“ im Rahmen der großen Volkstumsverbände). So kann die Analyse von Haltungen wie dem „heroischen Realismus“ das in Fragen von Demokratie und Loyalität zum ČSR-Staat ausgesprochen ambivalente Auftreten der zeitweise KB-dominierten SHF besser erklären helfen: Die bisherigen Untersuchungen des Bearbeiters lassen erkennen, dass der KB kurzfristig und ganz „realistisch“ in öffentlichkeitswirksam inszenierten offiziellen Erklärungen zunächst einen gegenüber der ČSR als staatsloyal präsentierten „Autonomismus“ als Ziel von KB/SHF proklamierte; gleichzeitig wurden aber in völkischen Zirkeln inner- und außerhalb der ČSR sowie in der völkischen Verbandspolitik „heroisch“ radikale mittel- bis langfristige politische Ziele aufrechterhalten, die mit der Verfassung und Existenz der ČSR kaum vereinbar waren.

Daran schließt sich in synchroner Perspektive als zweites Arbeitsfeld die Analyse der vom KB betriebenen organisatorischen Zirkelbildung im sudetendeutschen Volksbildungs- und Verbandswesen sowie die Untersuchung der völkischen Netzwerke an, in denen der KB aktiv war. Die völkisch-bündischen Netzwerke zeichneten sich durch unterschiedliche Grade von Öffentlichkeit aus, in denen häufig Pläne und Ziele offen erörtert wurden, die im offiziellen, an die staatlichen Behörden gerichteten „autonomistischen“ Diskurs gerne verschwiegen wurden. Die Untersuchung des publizistischen und politisch-organisatorischen Engagements des KB in diesen unterschiedlichen Räumen des „Sagbaren“ dient einerseits der genauen Herausarbeitung der ideologischen Grundlagen des KB, die sich nicht auf die Ideen Othmar Spanns reduzieren lassen; andererseits wird hier untersucht, ob und inwiefern der KB mittels der von ihm gepflegten informellen, mit der neokonservativ-völkischen Bewegung der Weimarer Republik häufig verwobenen Netzwerke das völkische Verbändewesen radikalisierte und seine Loyalität zu Staat und Demokratie der ČSR seit seiner Gründung zu unterspülen oder weiter zu schwächen half. Besonders interessiert schließlich die Frage, ob und inwiefern bereits Anfang der dreißiger Jahre – also deutlich vor der in Teilen der Literatur genannten, und mit der zunehmenden Dominanz der sudetendeutschen und reichsdeutschen Nationalsozialisten innerhalb der SHF erklärten Zäsur des Jahres 1935/36 – totalitäre Tendenzen in Politik und Ideologie des KB und damit politisch mit dem Nationalsozialismus kompatible Grundpositionen (einschließlich der Rassenfrage) angelegt waren.

Neben der Analyse sudetendeutsch-völkischer Netzwerke ist die vom KB betriebene großdeutsche Zirkelbildung von besonderem Interesse. Aus Sicht des KB stand die Stärkung der Position der deutschen Minderheit in der ČSR in engstem Zusammenhang mit einer (von ihm unterstützten) „organischen“ und autoritären Entwicklung in Deutschland und vor allem in Österreich, dessen eigenständige Existenz abgelehnt wurde. In diesem Zusammenhang sind die Aktivitäten und Verbindungen des KB zum österreichischen Nationalsozialismus sowie zum rechten, radikalen Flügel der Heimwehren genauer zu beleuchten. Dieses großdeutsch-antidemokratische Engagement der KB-Vertreter im österreichischen Kontext soll mit dem offiziösen Autonomismus-Kurs des KB in der ČSR konfrontiert werden, um die Bedeutung der ambivalenten Leitfigur des „heroischen Realismus“ für das politische Selbstverständnis besser bestimmen zu können. Schließlich ist zu fragen, wie sich die großdeutsche Zirkelbildung ideologisch und politisch auf die Verortung des Stammeskörperkonzeptes im Spannungsfeld von „Heimat“, „Stamm“ und „Reich“ auswirkte.

In einem dritten Arbeitsfeld, das unmittelbar an die Erforschung der großdeutschen Zirkelbildung anschließt, stehen Studien zu einer auslandsdeutschen autoritären Bewegung im europäischen Kontext im Vordergrund. Ziel ist die Analyse des Ortes der vom KB popularisierten sudetendeutschen Identität in einer vom KB angestrebten ‚organischen Neuordnung‘ Europas sowie die Untersuchung der damit verbundenen Mitteleuropa- und Reichsvorstellungen. In diesem Zusammenhang verdient, so hier die These, die Selbststilisierung des KB zum scharf antiliberalen „mitteleuropäischen Männerbund“ besondere Aufmerksamkeit, da sie einen Schlüssel zum Verständnis der politischen Funktion der vom KB vorgestellten sudetendeutschen Identität bietet: In innenpolitischer Hinsicht sah sich der KB als Mitinitiator einer „dritten Front“ gegen Bolschewismus und vor allem gegen westliche Demokratie, die das bestehende „atomistische System“ in Europa auch im Bündnis mit nichtdeutschen autoritären und totalitären Bewegungen aus den Angeln heben sollte. Zu untersuchen ist daher auch der Blick des KB auf diese autoritären Bewegungen, ihre Bewertung in seiner Publizistik sowie die Beurteilung der von ihnen eingeleiteten Gleichschaltungsprozesse.

In außenpolitischer Hinsicht soll das mitteleuropäische Sendungsbewusstsein untersucht werden, das der „mitteleuropäische Männerbund“ als einen Kern sudetendeutscher Identität popularisierte. Erste Forschungserkenntnisse des Projekts implizieren, dass weitgespannte mitteleuropäische Großraumkonzeptionen, wie z.B. die Konstruktion eines "Sudeto-Schlesien", dem „Sudetenland“ nicht nur die Rolle eines „Vorpostens“ (R. Jaworski), sondern eine geopolitische Scharnierfunktion zwischen Wien und Berlin zuweisen sollten. Der KB legitimierte sich auf diese Weise, so hier die These, als Avantgarde des „Neuen Reichs“ und suchte damit seine politische Machtposition zu festigen. Daher gilt es zu untersuchen, ob und wann der KB eigenständige, völkische bzw. „organische“ Perspektiven auf das Reich entwickelte und popularisierte. Diese mussten in Einzelfragen nicht mit den von den Nationalsozialisten nach 1938 in Form des Sudetengaus vollzogenen staatsrechtlichen Plänen übereinstimmen; kritisch zu untersuchen ist aber die Frage, ob diesen Perspektiven und Konzeptionen in der Optik der Jahre vor 1938 die Beseitigung der souveränen demokratischen ČSR implizit oder explizit als „natürliche“ Voraussetzung der endgültigen Lösung der „sudetendeutschen Frage“ zugrundelag.

Neben einer semiotische Methoden nutzenden historischen Diskursanalyse und der Nutzung der in der Geschichtswissenschaft jüngst entwickelten Ansätze zur historischen Netzwerkanalyse werden in allen Arbeitsfeldern neuere Ansätze zur „gesellschaftlichen Identitätspolitik“ (Wolfgang Kaschuba) und Erinnerungskulturforschung angewendet, da die vom KB entwickelten Wege des Sudetendeutschtums zu einem deutsch geführten Reich und die vom KB völkisch definierte Hierarchie der Nationen häufig auf der Folie von Geschichtsbildern erörterten. Geschichtspolitische Ansätze leiten auch den Ausblick der Darstellung, der sich der Rolle der ehemaligen KBler in den Vertriebenenorganisationen nach 1945 widmet. Die Materialbasis der Untersuchung bilden teilweise noch ungenutzte Bestände einschlägiger Archive in Deutschland, Österreich und der Tschechischen Republik sowie die zeitgenössischen Periodika in den Universitäts- und Staatsbibliotheken dieser Länder.