Innovation und Professionalisierung des mittelalterlichen Handwerks im südlichen Ostseeraum.

Innovation und Professionalisierung des mittelalterlichen Handwerks im südlichen Ostseeraum.

Projektträger
Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte
Ort des Projektträgers
Greifswald
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.11.2001 - 31.10.2003
Von
Jörn-Martin Becker/Doris Bulach/Ulrich Müller

Der Ostseeraum ist und war in Gegenwart und Geschichte stets ein Schauplatz vielfältigster Austauschbeziehungen. Dabei bildeten die frühmittelalterlichen Zentralorte in Form von Seehandelsplätzen und „Burgstädten“ ebenso wie die mittelalterlichen Rechtsstädte auch für die agrarisch geprägten Regionen um das Mare Balticum Kristallisationspunkte des politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. Die allmähliche hoch- und spätmittelalterliche Urbanisierung des Ostseeraumes ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Landesausbaues zu sehen, der mit Hilfe von im Westen angeworbener Siedler erfolgte und vielfach im Kontext eines „Europäisierungsprozesses" gedeutet wird. Ausdruck dieser Entwicklung ist ein massiver Personen- und Wissenstransfer in die Regionen östlich der Elbe. In der damals entstandenen, bis heute faszinierenden und identitätsstiftenden „Hansekultur“ wird den Händlern und Kaufleuten als Trägern und Vermittlern nicht nur von Waren, sondern auch von Kultur, ein dominierender Stellenwert eingeräumt. Vielfach wird dabei übersehen, dass erst handwerkliche Tätigkeiten – von der Rohstoffgewinnung über die Bereitstellung und Veredelung bis hin zur eigentlichen Herstellung der Werkstücke – einen Anlaß und eine Basis für den Handel lieferten – neben dem Handel mit agrarischen Produkten. Wenn es sich nicht gerade um Kunsthandwerk auf einem hohen Niveau handelt, stellen handwerkliche Tätigkeiten und Handwerke sowohl in der archäologischen als auch in der historischen und sprachgeschichtlichen Forschung einen bisher vernachlässigten Faktor dar. Eine insgesamt vielfältige und dichte Überlieferung von Sach- und Textquellen sowie von sprachlichen Relikten kann jedoch zum Verständnis von Techniken, Produkten, Standorten und Organisationsformen erheblich beitragen.

Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft getragenes Projekt am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte des Historischen Instituts der Universität Greifswald widmet sich seit Ende 2001 unter Leitung von Prof. Dr. Chr. Lübke (Greifswald) und Mitwirkung von Prof. Dr. M. Niemeyer (Greifswald) sowie Prof. Dr. W. Schich (Berlin) der interdisziplinären Auswertung gegenständlicher, schriftlicher und sprachlicher Quellen zu diesem Themenkreis. Ziel des Projektes ist es,
- die Art, den Stand und die Spezialisierung handwerklicher Tätigkeit zu dokumentieren,
- die Kontinuität und den Wandel von Handwerkstechniken und Handwerkstechnologien auf dem Hintergrund interethnischer Kontakte nachzuzeichnen und
- die Professionalisierung handwerklicher Tätigkeiten im Spannungsfeld von Tradition, Transfer und Innovation und im Kontext von hochmittelalterlichem Landesausbau und Urbanisierung zu behandeln.
Die Anwendung des hierfür notwendigen breiten Quellen- und Methodenspektrums wird durch die Integration verschiedener Disziplinen und ihrer Teilprojekte in Archäologie (PD Dr. Ulrich Müller), Geschichte des Mittelalters (Doris Bulach M.A.) und Sprachgeschichte (Dr. Joern-Martin Becker) gewährleistet. Räumlich, zeitlich und thematisch besteht ein disziplinenübergreifender Rahmen, der zugleich quellenbedingte Schwerpunktsetzungen in den Teilprojekten ermöglicht. Das Arbeitsgebiet des Gesamtprojektes umfaßt die küstennahen Regionen des südlichen Ostseeraumes vom östlichen Schleswig-Holstein bis in das östliche Pommern. Der Zeitrahmen erstreckt sich vom 10./11. bis zum 15./16. Jahrhundert. Diese Langzeitperspektive wurde gewählt, um sowohl Wirkung und Nachleben älterer autochthoner Gegebenheiten als auch hoch- und spätmittelalterlicher Strukturveränderungen gebührend berücksichtigen zu können. Einen wichtigen Ausgangspunkt bildet die Annahme, dass Innovations- und Professionalisierungsprozesse dort am ehesten greifen, wo Bedingungen für eine Verdichtung der handwerklichen Tätigkeiten existieren und die marktorientierte Herstellung mit einem entsprechenden Produktionsvolumen, effizienten Lager- und Vertriebsstrukturen sowie vernetzen Transportformen verknüpft ist. Daher stellen die frühstädtischen Zentralorte und Gründungsstädte für das archäologische und historische Teilprojekt die hauptsächlichen „Schauplätze“ der Analysen dar. Im „langen 10. Jahrhundert“ markiert der Niedergang zahlreicher Seehandelsplätze zwischen Haithabu und Truso (Janów Pomorski) einen bemerkenswerten, in seinen Ursachen jedoch wenig erforschten Einschnitt in der frühstädtischen Entwicklung. Seit dieser Zeit nehmen Zentralplätze wie Stettin, Kolberg oder Danzig, aber auch slawische Stammeshauptorte wie Alt-Lübeck, Oldenburg oder Usedom „burgstadtähnlichen“ Charakter an: Es sind Herrschaftszentren mit vorgelagerten nicht-agrarischen Suburbien. Für solche Zentren soll die Ausbildung einer differenzierten handwerklichen Produktion vergleichend nachgezeichnet werden, die in Form einer „Eliten“- und „Massenproduktion“ sowohl der Versorgung der Burgbesatzung und des Umlandes als auch der Einspeisung in das Fernhandelsnetz dient. Fragen nach den Gründen einer zunehmenden Normierung und Standardisierung der Produktion und der Produkte, nach Innovationserscheinungen und Technologietransfers schließen sich an; sie leiten über zu Aspekten der Arbeits- und Organisationsformen, der Schaffung von Mechanismen zur Qualitätskontrolle und -sicherung sowie der Ausbildung berufstopographischer Standorte. Derartige Strukturelemente gelten zugleich als typisch für das zünftisch organisierte Handwerk der mittelalterlichen Rechtsstadt, von denen im Untersuchungsgebiet zahlreiche Orte wie Lübeck, Stettin, Kolberg oder Danzig funktional und topographisch an die älteren Zentralplätze anknüpfen. Die komparative Betrachtung handwerklicher Tätigkeiten in der Frühzeit der Gründungsstädte bildet nicht zuletzt wegen der umfangreichen archäologischen Quellen ein Desiderat. Denn im archäologischen Befund stellen sich beispielsweise jene starren Berufs- und Produktabgrenzungen, die in den spätmittelalterlichen Zunftstatuten erscheinen, differenzierter dar; und gerade vor dem Hintergrund der Herausbildung eines hansischen Handels- und Wirtschaftssystems sollte gefragt werden, ob, seit wann und in welchem Maße die einzelnen Handwerke für den Export produzierten.

Der Landesausbau und die Ansiedlung von stetig mehr westeuropäischen Rittern, Mönchen, Bauern und Handwerkern stießen einen Prozeß des Sprachwechsels an und führten gegen Ende der mittelalterlichen Epoche in Mecklenburg und Pommern dazu, dass die slawische Sprache ihre ursprüngliche Dominanz in Alltagsleben und Kultur verlor und schließlich ganz zurückgedrängt wurde. Die zeitweise deutsch-slawische Diglossie in diesen Regionen wurde durch eine einheitliche Sprache und Kultur abgelöst. Zuletzt wurde auf Rügen im 16. Jahrhundert und im äußersten Westen Mecklenburgs noch Ende des 17. Jahrhunderts die slawische Sprache gesprochen. Dem am Projekt beteiligten Sprachhistoriker stellt sich daher die Aufgabe der Rekonstruktion früher Fachsprachen sowohl vor dem Hintergrund der innersprachlichen Entwicklung als auch der zwischensprachlichen Kontakte. Anhand der in vielfältiger Weise hinterlassenen Spuren dieser einzelnen Fachsprachen soll das Verhältnis von Bewahrung, Austausch und Innovation im handwerklichen Bereich herausgearbeitet werden. Art und Herkunft des lexikalischen und onomastischen Materials machen es für diesen Teilbereich möglich, die ländlichen Regionen in die Analyse einzubeziehen. Über den vermuteten städtischen Schauplatz der handwerklichen Professionalisierung im späten Mittelalter hinaus wird somit auch den Randbereichen haus- und dorfhandwerklicher Produktion Aufmerksamkeit geschenkt.

Die systematische Erfassung von Art, Stand und Spezialisierung handwerklicher Tätigkeiten bildet die Basis für die weiteren Auswertungsschritte. Die Erstellung einer gemeinsamen Plattform durch eine fachübergreifende und zugleich quellenspezifische Datenbankaufnahme mit GIS-Verknüpfung dient dabei von Projektbeginn an allen beteiligten Disziplinen zur integrativen Dokumentation handwerklicher Tätigkeiten. Diese spiegeln sich im archäologischen Quellenmaterial in Form entsprechender Befunde und Funde wider, wobei beispielsweise technische Anlagen aufgrund ihrer Standortgebundenheit eine besondere Bedeutung besitzen. In der Zusammenschau mit Funden von Rohmaterialien, Halbfertigprodukten und Abfällen sowie Werkzeugen wird es möglich sein, sowohl verfahrenstechnische Aspekte der Tätigkeiten als auch standortbezogene Fragen zu untersuchen. Nicht zuletzt ermöglicht die Einbeziehung der Produkte weitere Analysen, die auf die Klärung des Ablaufes von Innovationsprozessen abzielen.

Im Sinne der verfahrensorientierten Betrachtung wird im archäologischen Teilprojekt auf eine berufsbezogene Zuweisung zugunsten einer material- und tätigkeitsbezogenen Ansprache verzichtet. Bei dem objektvergleichenden Vorgehen bildet die Einschätzung bestimmter Produktionsgänge als Haus- oder Handwerk vor allem bei Abwesenheit entsprechender technischer Anlagen eine methodische Herausforderung; denn Qualität und Quantität sind eher subjektive Kriterien, deren Berechtigung im Einzelfall kaum abschätzbar ist. Allerdings liefert die Konzentration von Funden, besonders von Halbfertigprodukten und Rohmaterialien, nach wie vor einen wichtigen Anhaltspunkt für die Unterscheidung. Andere Kriterien, die vielfach genannt werden, sind Standortbindung über längere Zeit, die Herausbildung einheitlicher Produktlinien oder eine standardisierte Bearbeitung. Derartige Kriterien bleiben in Hinblick auf Fundumstände und -überlieferung zu prüfen. Im übrigen wird ein Schema, das allgemeine Gültigkeit beansprucht, weder der spezifischen historischen Situation im Ostseeraum noch der Vielgestaltigkeit handwerklicher Tätigkeiten gerecht.
Die schriftlichen Zeugnisse zu handwerklichen Tätigkeiten treten gehäuft erst seit dem 14. Jahrhundert auf, wobei mannigfaltiges Quellenmaterial (Urkunden, Stadtbücher, Erbbücher oder Zunftrollen) sowohl Hinweise auf Standorte als auch auf Tätigkeiten enthält. Gerade für die Gründungsstädte sollte es einerseits möglich sein, anhand edierter und uneditierter schriftlicher Quellen rechtliche, ökonomische und soziale Standortfaktoren im Sinne einer „Handwerkstopographie“ zu umgrenzen. Anderseits wird nach dem Umfang und dem Stellenwert handwerklicher Produktion im Hanseraum auch für den Export zu fragen und mit Blick auf die vielzitierte „Innovationsfeindlichkeit der Zünfte“ deren Bedeutung herauszustellen sein.

Der Sprachhistoriker, der sich für den Sprachwechsel und somit auch für den Wechsel von einer Fachsprache zur anderen interessiert, trifft im Vergleich mit den beiden anderen beteiligten Disziplinen auf sehr unterschiedliche Formen von Quellen besonders in Hinblick auf deren zeitliche Tiefe. Sie reichen von Orts- und Personennamen, die schon im 8./9. bis ins 14. Jahrhundert überliefert sind, über nachbar- und vergleichssprachliches lexikalisches Material, das den Urkunden des 13. bis 15. Jahrhunderts entstammt, sprachliche Zeugnisse, die von den Drawänopolaben im 18. und den Kaschuben im 19. Jahrhundert hinterlassen wurden, bis hin zu diversen Reliktwörtern und Entlehnungen in der niederdeutschen und hochdeutschen Sprache des 19. und 20. Jahrhunderts. Daher gilt es, Zeitpunkte oder Schichten der Namenbildungen herauszuarbeiten und Gründe für das Beharren, aber auch die Überformung bestimmter Tätigkeitsbezeichnungen zu erfassen. Vor dem Hintergrund der von der Forschung erschlossenen „Dienstorganisation“ mit ihren durch die Ortsnamen belegten Dienstsiedlungen in den slawischen Fürstenstaaten ist auch die Frage nach möglichen parallelen Strukturen im elbslawischen Raum zu stellen.

Im Zuge der Aufnahme archäologischer, schriftlicher und sprachlicher Quellen wird es im Rahmen der oben beschriebenen Fragestellungen notwendig sein, Schwerpunke in Form exemplarischer Analysen der Tätigkeiten und Standorte zu setzen. Die im Vorfeld des Projektes gewählten Begrifflichkeiten „Innovation“, „Professionalisierung“ und „Technologietransfer“ bieten dabei allen beteiligten Disziplinen Spielraum für eine gleichermaßen kontroverse wie integrative Bewertung. So findet Professionalisierung, der nach heutiger Einschätzung als organisationssoziologischer Begriff die Ausbildung fester Berufsbilder sowie die Entwicklung von Ausbildungsstandards beinhaltet, ihren Ausdruck nicht allein in Schriftquellen (z.B. Zunftstatuten) oder Handwerkernamen, sondern auch in Form normierter und standardisierter Produkte bis hin zu Produktlinien. Die Untersuchung von Technologietransfers thematisiert nicht nur die Vermittlung bloßer Herstellungstechniken in technisch unterschiedliche Bereiche, sondern auch die Weitergabe und Vervollständigung von „Know-how“ im Zuge interethnischer und sozialer Kontakte. Prozesse der Innovation, aber auch die Ablehnung des Neuen, können in der archäologischen Überlieferung als raum-zeitliche Vorgänge erfaßt werden, die sich möglicherweise auch im sprachlichen Bereich und in den Schriftquellen nachweisen lassen. Die vielseitige Herangehensweise, die jeweilige Akzentuierung verschiedener Untersuchungsareale und -themen durch die beteiligten Disziplinen sollte zugleich die Zeichnung eines möglichst umfassenden Bildes des Handwerks im südlichen Ostseeraum gewährleisten.