J. Wedl u.a. (Hrsg.): Selbstbilder - Fremdbilder - Nationenbilder

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Titel
Selbstbilder - Fremdbilder - Nationenbilder.


Herausgeber
Wedl, Juliette; Dyroff, Stefan; Flegel, Silke
Reihe
Gesellschaft und Kultur - Neue Bochumer Beiträge und Studien 4
Erschienen
Münster 2007: LIT Verlag
Anzahl Seiten
158 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Krzoska, Mainz

Spätestens der Konstanzer Historikertag von 2006 hat wieder vor Augen geführt, dass das Interesse an Geschichtsbildern noch nicht ganz seinen Höhepunkt überschritten hat. Auch das Promotionskolleg „Ost-West“ an der Ruhr-Universität in Bochum hatte sich in einer Arbeitsgruppe seines zweiten Turnus, der von 2003 bis 2005 dauerte, eher allgemein mit Fragen nach „Konstruktionen, Zuschreibungen, Selbst-, Fremd- und Feindbildern sowie Stereotypen“ befasst. Auf diesem weiten Feld fand im März 2005 ein öffentliches Forschungskolloquium statt, das sich der Konstruktion von Nationen- und Personenbildern widmete und dessen Beiträge in dem vorliegenden Band vereint sind.

Insgesamt handelt es sich (neben der Einleitung) um sieben ganz verschiedenartige Texte, die in die beiden Themengruppen „Selbst- und Fremdbilder“ sowie „Konstruktion von Nation“ aufgeteilt sind. Aus guten Gründen haben die Herausgeber auf eine allzu künstliche Verbindung der Aufsätze verzichtet und verweisen lediglich auf die allen Beiträgen zugrunde liegende Frage nach der Art und Weise der kollektiven Konstruktion von Bildern. Geographisch decken die Aufsätze Deutschland, Polen, die Sowjetunion und die Niederlande ab, chronologisch die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Maria Nikolaeva (St. Petersburg) widmet sich in ihrem Beitrag der Dynamik kultureller Stereotype in den sowjetischen Plakaten der Jahre zwischen den Weltkriegen. Im Vordergrund steht bei ihr die gezielte Verwendung der Begriffe „Kapitalist“ und „Intellektueller“. Die Ikonographie des „Kapitalisten“ lehnte sich demnach an die Vorbilder aus der Zeit der Französischen Revolution an. Ein eigener russischer oder sowjetischer Archetypus wurde nicht entwickelt, statt dessen dominierten bei diesem eindeutigen Feindbild urbanisierte und westliche Züge, mitunter wurde zudem die beliebte Spinnenmetapher eingesetzt. Auch der Begriff des „Intellektuellen“ war in jener Zeit eindeutig negativ konnotiert. Dabei vermischten sich mit ihm im Laufe der 1920er-Jahre verschiedene Vorstellungen vom „kleinbürgerlichen Bürokraten“. Auf der anderen Seite bemühte man sich aber auch um die Schaffung eines positiven sozialistischen Intellektuellentypus. Nikolaeva betont die Traditionslinien sowjetischer Plakatdarstellungen, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Es sei dabei nicht nur um ideologische Indoktrination, sondern auch und vor allem erst um die Konstruktion stereotyper Bilder gegangen.

Agnieszka Pufelska (Frankfurt/Oder) untersucht die Entstehung des Feindbildes der „Judäo-Kommune“ im neuen polnischen Staat nach 1919. Dabei weist sie zu Recht auf die sowohl nationalen als auch religiösen Wurzeln des polnischen Antisemitismus hin, der durch die russische Oktoberrevolution und den Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920 verstärkt wurde. Insgesamt aber bleibt ihr zudem an sprachlichen Mängeln und Ungenauigkeiten leidender Beitrag eher an der Oberfläche und macht zu holzschnittartig die polnische Nationaldemokratie – die es in dieser Homogenität nie gegeben hat – für das Aufkommen des Begriffes verantwortlich. Die häufig dominierenden sozialen Ursachen des Antisemitismus werden nicht thematisiert. Zudem vermisst man neuere Literatur zur polnischen Rechten der Zwischenkriegszeit und ihrem Verhältnis zu Juden und Deutschen, etwa in Gestalt der Arbeiten von Beate Kosmala oder Michal Musielak.[1]

Frank Hoffmann (Bochum) beschäftigt sich mit dem Stereotyp des jugendlichen DDR-Flüchtlings in der frühen Bundesrepublik. Ausgangspunkt war die Frage, mit welchen Strategien die Westdeutschen der Kontrastierung ihres eigenen wirtschaftlichen Erfolges mit dem scheinbar durch die Flüchtlinge verkörperten Verlust von Ressourcen und Orientierung begegneten. In seiner äußerst lesenswerten und theoretisch fundierten Analyse kommt Hoffmann zu dem Ergebnis, dass die Stereotypisierung der jugendlichen Flüchtlinge als Entlastungsphänomen zu begreifen ist. Zudem zeichnete sich in der auffallenden Unsicherheit bei der Bewertung bereits der schwierige Umgang mit der „skeptischen Generation“ (Helmut Schelsky) ab, der in den1960er-Jahren zu viel größeren gesellschaftlichen Verwerfungen führte. Denn neben das staatlich verordnete positive Bild des politischen Republikflüchtlings traten negative Charakterisierungen als „Abenteuer Suchende“ oder „Faulpelze“ ebenso wie neutralere Beschreibungen von Fremdheit. Letztere fungierten wiederum mitunter als Spiegel für die eigentlich kritisch betrachteten westdeutschen Jugendlichen.

Juliette Wedl (Potsdam) untersucht in ihrem medienwissenschaftlichen Beitrag die Verwendung der Begriffe „Ossi“ und „Wessi“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“ seit Mitte der 1990er-Jahre. Aufbauend auf der Erkenntnis des Ostdeutschen als Konstruktion des „Anderen“ zur Erzeugung einer eigenen, westdeutschen Homogenität, gelangt sie zu der zentralen, in der Tat frappierenden Feststellung, dass der „Wessi“ nur auf fremdem Territorium zum „Wessi“ wird, wohingegen der „Ossi“ immer ein „Ossi“ ist. So interessant ihre daraus abgeleiteten Ergebnisse sind, so problematisch bleibt die Beschränkung auf eine – zugegebenermaßen einflussreiche – Wochenzeitung. Der Transfer auf andere Zeitungen, sonstige Medien und die gesamtgesellschaftliche Kommunikation funktioniert nur sehr bedingt. Die Individualisierung der „Wessis“ findet zum Beispiel in ostdeutschen Medien und im Alltag so nicht statt. Das beschriebene Phänomen der „Neuerrichtung einer Mauer“ mag für die 1990er-Jahre durchaus zutreffend gewesen sein, diese Phase der deutschen Geschichte scheint in den letzten Jahren jedoch mehr und mehr überwunden worden zu sein.

Stefan Dyroff (Bern) wendet sich der preußisch-polnischen Waffenbrüderschaft in den deutschen Einigungskriegen und den Formen ihres Gedenkens in der Provinz Posen bis zum Ersten Weltkrieg zu. Dabei stellt er ausgehend von der These, dass der Nationsbildungsprozess dort noch nicht abgeschlossen war, die Frage, ob das gemeinsame Fronterlebnis Deutsche und Polen einander näher brachte. Für das erste Jahrzehnt nach 1870/1871 kommt er zu einem positiven Ergebnis. Anders als in anderen Teilen des Reiches wurde hier weniger auf die Symbolik der Reichsgründung Bezug genommen als auf die Erlebnisse der Soldaten. Dies begann sich in den Jahren nach 1880 zu verändern, als der Sedantag als wichtigster Gedenktag mehr und mehr zu einem eher unpolitischen Volksfest wurde. Dyroff vertritt hier die Ansicht, die nationale Abgrenzung, die nun einsetzte und zum Beispiel bei den Feiern zum 200. Jahrestag des Entsatzes von Wien deutlich wurde, sei vom polnischen Bevölkerungsteil ausgegangen. Zwar spricht angesichts anderer Arbeiten wie der von Patrice Dabrowski [2] einiges für diese These, bezüglich der Provinz Posen fehlt hier jedoch ein Quellenbeleg. In Gestalt der Kriegerdenkmäler begann sich nun immer stärker die deutschnationale Interpretation des Krieges durchzusetzen, was letztlich zum Rückzug oder Ausschluss polnischer Veteranen aus den Kriegervereinen führte. Die beiden Nationalbewegungen profilierten sich immer stärker gegeneinander und Versuche einer Restitution der Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg scheiterten weitgehend. Angebracht wäre hier ein Hinweis auf die ähnliche Entwicklung in Oberschlesien gewesen, die Bernard Linek untersucht hat [3].

Regina Stein (Berlin) befasst sich mit der Konstruktion eines deutschen Nationenbildes im heute weitgehend vergessenen Museum für Meereskunde in Berlin, einer Art Freizeitpark der Vorkriegszeit. Einer Mischung zwischen der Idee der Volksbildung und der Schaffung eines einheitlichen nationalen Bildes von der Sendung auf den Weltmeeren verpflichtet spielte dieses über 1.000 m² große Meeres- und Marinemuseum eine wichtige Rolle bei der Militarisierung der Gesellschaft. Mit modernsten Präsentationsmethoden verherrlichte man den Kampf auf dem Meer, vor allem nach 1918. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Museum völlig zerstört, seine Bestände vernichtet oder verstreut.

Siebo Janssen (Bonn) untersucht im letzten, etwas aus dem Rahmen fallenden Beitrag den Wandel des Selbstverständnisses der niederländischen Christdemokraten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. In einer politikwissenschaftlichen Darstellung analysiert er die verschiedenartigen konfessionellen Wurzeln der Bewegung und die Veränderungen der Europapolitik in den letzten Jahren.

Alles in allem fällt es schwer, die einzelnen Texte zu einem großen Ganzen zusammen zu führen. Auf den Konstruktcharakter von Nation und die diesem zugrunde liegenden Selbst- und Fremdbilder wird dabei immer wieder Bezug genommen, wobei die Analysen unterschiedlich tiefgründig ausfallen. Jede für sich leistet aber einen interessanten Beitrag zum jeweiligen Thema, so dass der Band in der Vielfalt der gewählten Methoden verschiedene Ansätze für ähnliche Fragestellungen und wichtige Einzelerkenntnisse bietet.

Anmerkungen:
[1] Kosmala, Beata, Juden und Deutsche im polnischen Haus, Berlin 2001; Musielak, Michal, Nazizm w interpretacji polskiej mysli politycznej okresu miedzywojennego, Poznan 1997. Von Viktoria Pollmann ist nur ein kleiner Aufsatz erwähnt. Es fehlt ihre wichtigere Dissertation „Untermieter im christlichen Haus. Die Kirche und die »jüdische Frage« in Polen anhand der Bistumspresse der Metropolie Krakau 1926-1939“, Wiesbaden 2001.
[2] Dabrowski, Patrice, Commemorations and the Shaping of Modern Poland, Bloomington 2004. Siehe dazu auch meine Rezension auf HSK unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-1-211.
[3] Linek, Bernard, Der Sedantag – Nationalfeiertag des deutschen Kaiserreichs in Oberschlesien, in: ders.; Haubold-Stolle, Juliane (Hrsg.), Górny Slask wyobrazony. Wokól mitow, symboli i bohaterow dyskursow narodowych/ Imaginiertes Oberschlesien. Mythen, Symbole und Helden in den nationalen Diskursen, Opole 2005, S. 179-190.

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Veröffentlicht am
09.07.2007
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