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Titel
Sport in the USSR. Physical Culture - Visual Culture


Autor(en)
O´Mahony, Mike
Erschienen
London 2006: Reaktion Books
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
€ 39,73
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manfred Zeller, DFG-Projekt Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Sportes und der Körperkultur in der Sowjetunion, Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr

Das Feld der sowjetischen Sportgeschichte war bislang die Spielwiese einiger Exoten, Journalisten und Liebhaber von Sportspektakeln. Ihre Schlussfolgerungen führten dabei nur selten über den eigenen Untersuchungsgegenstand hinaus. So wissen wir einiges über die Organisationsformen des Sportes und der Körperkultur in der Sowjetunion [1] und manches über die Beliebtheit einzelner Sportarten und die Partizipation der Bevölkerung.[2] Eine Öffnung des Themenkomplexes für kulturgeschichtliche Fragestellungen wird jedoch erst seit kurzem in Erwägung gezogen.[3] Im Lichte dieses Forschungsstandes vermag es Mike O’Mahonys Monographie, wichtige Impulse für die weitere Erforschung des sowjetischen Sports zu geben.

Der Titel seines Buches „Sport in the USSR. Physical Culture – Visual Culture“ ist dabei ebenso klar formuliert wie irreführend. Klar formuliert, da er O’Mahonys Erkenntnisinteresse andeutet. Ihn interessiert die Bedeutung von Repräsentationen des Sports in der Vermittlung ideologischer Werte in der sowjetischen Bildkultur. Irreführend, da der Titel unterstellt, es würde damit die Geschichte der sowjetischen Sportrepräsentation vorliegen. Dies ist nicht der Fall, da er sich, wie schon in seiner Dissertation, auf die Zeit vom ersten Fünfjahresplan bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges konzentriert.[4] Die frühen 1920er-Jahre wie auch die Nachkriegszeit kommen hingegen viel zu kurz.

Nach einer Einleitung und einem knappen Kapitel über die Verarbeitung des Körperkultur-Motivs in der Kunst der 1920er-Jahre (Kapitel 1) umfasst O’Mahonys brillante, nach thematischen Schwerpunkten klar und überzeugend strukturierte Analyse von Sportrepräsentationen der Stalinzeit die Themenfelder Sportikonen (Kapitel 2), Sportzuschauer und Teilnehmer (Kapitel 3), das Metroprojekt (Kapitel 4) und militärische Aspekte (Kapitel 5). Zwei Kapitel zur sowjetischen Sportrepräsentation des Kalten Krieges (Kapitel 6) und der Dissidentenbewegung (Kapitel 7) bilden demgegenüber einen überraschend abrupten Abschluss.

O’Mahony möchte zeigen, dass Körperkultur in der Sowjetunion mehr war als sportliche Betätigung. In Sportdarstellungen sei nicht nur die sportliche Aktivität als solche, sondern auch ihre gesellschaftliche Bedeutung thematisiert worden (S. 9). In Kapitel 2, das sich der Sportikonographie widmet, gelingt es O’Mahony zu zeigen, welch komplexe Herstellungsverfahren und Denktraditionen auf Werke des oft als einsilbig wahrgenommenen sozialistischen Realismus Einfluss hatten. Aleksandr Samochwalows Darstellungen von Sportlerinnen aus den Jahren 1932 und 1933 etwa verfügten über alle wesentlichen Elemente der traditionellen Ikonenmalerei. O’Mahony kann hier zeigen, dass es sich bei solchen Bildern nicht um realistische Darstellungen von Sportlerinnen handelt, sondern um sakralisierte Bilder idealer Fiskulturnizy (Körperkulturtreibender), die etwa durch Lichtschattierungen der Gegenwart spirituell entrückt auf eine idealisierte sozialistische Zukunft „eines neuen utopischen Zeitalters“ (S. 52) hinwiesen.

Bei der anschließenden Analyse visueller Repräsentationen von Sportzuschauern in Kapitel 3 weist O’Mahony überzeugend den Partizipationsimperativ in der Malerei der 1930er-Jahre nach, der seinen Ausdruck in den Sportparaden dieser Zeit fand. Deren Repräsentationen zelebrierten das kollektive Mitmachen ebenso, wie sie das Zusehen auf eine kleine politische Führungselite begrenzten (S. 94). Indem er in den folgenden beiden Kapiteln das Moskauer Metroprojekt als ideologische Schnittstelle von Arbeitsethos, Körperkultur und neuem Menschen interpretiert (S. 97ff.) und den militärischen Subtext diverser Sportrepräsentationen ergründet (S. 122ff.), zeichnet O’Mahony ein geschlossenes Bild stalinistischer Sportrepräsentation.

Die Genauigkeit seiner Argumentation kann durch die reiche Bebilderung stets unmittelbar am Untersuchungsobjekt nachvollzogen werden. Für Übersicht sorgen zudem Zwischenüberschriften, ein etwas knappes Literaturverzeichnis und ein Sachregister. O’Mahony ermöglicht mit der ausführlichen Analyse von Kunstwerken des Stalinismus überraschende Einblicke in die Symbolwelten sowjetischer Malerei. Dies gelingt ihm in einem ebenso leicht lesbaren, wie spannend geschriebenen Text.

O’Mahony fasst sich kurz. Trotz der reichen Bebilderung umfasst das Buch nur gut 200 Seiten. Während aber die etwa 110 Seiten zur Kunst im Stalinismus gerade durch ihre Kürze pointiert erscheinen, enden 40 Jahre Nachkriegszeit nach ebenso vielen Seiten wie Jahren mit etwas fehlgeleiteten Schlussfolgerungen (Kapitel 6 und 7). Dies ist dem engen Kulturbegriff und der Quellenauswahl geschuldet. O’Mahony beschränkt sich im Wesentlichen auf Sportrepräsentationen in den bildenden Künsten. So konstatiert er schnell, dass seit Mitte der 1960er- bis Anfang der 1980er-Jahre das Körperkultur-Motiv kaum mehr in den Werken sowjetischer Künstler aufgetaucht sei (S. 176). Der frühere „utopische Idealismus“ der Körperkultur-Bewegung mit dem Ziel der Entstehung eines neuen Menschen sei seit Mitte der 1960er-Jahre „substituiert“ worden durch die Jagd nach internationalen Erfolgen und Rekorden (S. 175), während Werke der Dissidentenbewegung das Körperkultur-Motiv aufgriffen, um gesellschaftliche Konformität und Missstände darzustellen (S. 176f.).

Damit erweckt O’Mahony den irreführenden Eindruck, Repräsentationen des Sports seien in der späten Sowjetunion nur mehr negativ konnotiert gewesen. In der Nachkriegszeit gab es aber in ganz anderen Bereichen des öffentlichen Lebens zahlreiche visuelle Sportrepräsentationen, wie etwa in den von breiten Bevölkerungsschichten wahrgenommenen Sportzeitungen. O’Mahony hätte hier auf ein reiches Bildmaterial zurückgreifen können, dessen Analyse gerade von seinem kunsthistorischen Blickwinkel sehr profitiert hätte. Unter Aufgabe seines methodisch fragwürdigen Begriffs der „Hochkultur“ wäre ein Abgleich seiner Befunde mit anderen Repräsentationsformen von Körperkultur und Sport möglich geworden.

Wer sich für „visuelle Kultur“ interessiert und das Fehlen positiv konnotierter Sportrepräsentation in der Malerei der späten Sowjetunion stark macht, müsste sich zudem mit der Bildermacht des neuen Mediums Fernsehen und seiner Breitenwirkung ab den 1960er-Jahren wenigstens auseinandersetzen. Dass dies nicht geschieht, überrascht insofern, als er für die 1930er-Jahre Filmmaterial sehr wohl in seine Überlegungen mit einbezieht. In der Sportberichterstattung des Fernsehens könnte man möglicherweise eine intakte Sowjetwelt sehen, welche die von O’Mahony skizzierte spätsowjetische Endzeitstimmung konterkariert. Allein diese Möglichkeit wird nicht diskutiert. Dabei würde man nach der bisweilen atemberaubenden Interpretation stalinistischer Malerei gerne mehr darüber erfahren, welchen Symboliken und ideologischen Mustern die sportinteressierte Öffentlichkeit in Fernsehen und Photographie ausgesetzt war.

Schließlich erschließt sich die gesellschaftliche Bedeutung visueller Repräsentationen des Sportes nicht zuletzt über ihre Rezeption. O’Mahony kann allerdings nur mutmaßen, dass die oben erwähnte Sportikonographie als Hauptzielgruppen russische Bäuerinnen und muslimische Frauen im Blick hatte (S. 56). Er beschränkt sich hier auf die innere Logik stalinistischer Herrschaftsrepräsentation und vernachlässigt ihre tatsächliche gesellschaftliche Wirkung und damit Relevanz.

O’Mahony hat die Geschichte der sowjetischen Sportrepräsentation nicht geschrieben. Dennoch hat er eine fesselnde Analyse von Sportmotiven in der Malerei des sozialistischen Realismus verfasst, die als Fingerzeig dafür zu sehen ist, welche Interpretationschancen eine Beschäftigung mit Repräsentationen des Sportes und der Körperkultur in der Sowjetunion bietet.

Anmerkungen:
[1] Riordan, James, Sport in Soviet Society. Development of Sport and Physical Education in Russia and the USSR, Cambridge 1977.
[2] Edelman, Robert, Serious Fun. A History of Spectator Sports in the USSR, New York 1993.
[3] Dahlmann, Dittmar; Hillbrenner, Anke; Lenz, Britta (Hrsg.), Überall ist der Ball rund. Zur Geschichte und Gegenwart des Fußballs in Ost- und Südosteuropa, Essen 2006; Edelman, Robert, A Small Way of Saying „No“: Moscow Working Men, Spartak Soccer, and the Communist Party, 1900-1945, in: The American Historical Review 107 (2002), S. 1441-1474.
[4] O’Mahony, Mike, Representing Fizkultura: Sport and Soviet Culture from the First Five-Year Plan to the Great Patriotic War, PhD thesis, University of London 1998.

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Veröffentlicht am
30.07.2007
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