É. Petrás: Nacionalizmus és politikai romantika

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Titel
Nacionalizmus és politikai romantika. Vázlat a magyat nacionalizmus romantikus elemeiröl és a politikai romatikáról Magyarországon


Autor(en)
Petrás, Éva
Anzahl Seiten
97 S
Preis
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Norbert Spannenberger, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Universität Leipzig

Eingangs die Klärung der eigenartigen bibliographischen Angaben: Ursprünglich war eine „Skizze“, das heißt eine kurzgefasste Fallstudie über die politische Romantik in Ungarn geplant, die als Arbeitsmaterial für die Stiftung für Europäische Komparative Minderheitenforschungen (Európai Összehasonlító Kisebbségkutatások Közalapítvány) dienen sollte. Aus dem Arbeitsmaterial wurde eine selbständige Publikation, die nicht für den Handel bestimmt ist, sondern für interessiertes Publikum sowie für politisch engagierte Multiplikatoren von dieser Stiftung – vergleichbar mit der Praxis der Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland – unentgeltlich zur Verfügung gestellt wird. Drei Gründe bewogen Petrás zu ihrer Abhandlung: Erstens sollte ein Angebot zur kritischen nationalen Selbstreflexion geleistet werden, denn nur wenn man sich selbst besser kennt, kann man sich aktuellen Herausforderungen stellen. Dies sei wichtig, da im Karpatenbecken gegenwärtig als einzige ethnische Gruppe die ungarische in sämtlichen Ländern präsent ist. Zweitens hilft ein Rückblick, die aktuelle innenpolitische Entwicklung zu verstehen, indem der neue ungarische Nationalismus sich des längst vergangen geglaubten, romantischen Nationalismus bedient. Drittens hat der romantische Nationalismus oder der nationale Historizismus bis heute einen gravierenden Einfluss auf die Geschichtsschreibung – und zwar bei allen Völkern dieser Region, so dass „die parallel in sich einschließenden Nationalismen mithilfe ihrer nationalen Geschichtsschreibung den Glauben an die Einzigartigkeit der eigenen Nation“ auch „wissenschaftlich“ zu untermauern wissen, während sie unfähig sind „eine nicht hegemoniale Einstellung gegenüber den eigenen Minderheiten einzunehmen“ (S. 91). Damit teilt Petrás letztlich die Auffassung von Gábor Gyáni, der in der kritischen Revision ungarischer Historiographie eine Vorreiterrolle spielt. Auch er mahnt, nicht aus den Augen zu verlieren, dass die Verantwortung der Historiker, die „die Gesellschaft mit einem Vergangenheitsbild versehen“, überaus groß sei, insbesondere im Donauraum, wo eine „national- und ethnozentrische Sichtweise“ heute noch verherrschend ist.[1]

Die vorliegende Arbeit ist jedoch nicht allein eine Synthese der aktuellen ungarischen Nationalismusforschung, indem auch internationale Autoren wie Ernest Gellner, Eric Hobsbawm, Reinhart Koselleck etc. rezipiert werden. Petrás betont zwar, dass sie keineswegs die historiographische Tradition in Frage stellen und eine fundamental neue Interpretationsebene präsentieren wolle, doch stellt sie schlechthin das Tabu in den Mittelpunkt und fragt, ob die Aufrechterhaltung des politischen Imperativs hinsichtlich der Integrität des historischen Ungarns ein unumgängliches Leitmotiv (gewesen) sein müsse. Sie geht davon aus, dass der Nationalismus als „moderne Form des Nationalbewusstseins“ (nemzettudat) sich von Fall zu Fall unterschiedlich äußert, weil er stets in einem „gegebenen soziokulturellen Milieu geboren wird und wirkt“ (S. 5). Für sie ist dabei die spezielle Verbindung zwischen Nationalismus und politischer Romantik von Interesse, deren Genese zwar auf das 19. Jahrhundert zurückgehe, doch „ihren Siegeszug im 20. Jahrhundert hielt“ und in gewissen Zügen auch noch heute präsent sei. So wird die Konstruktion von Hobsbawm eines „kurzen 20. Jahrhunderts“, die sich an politischen Zäsuren orientiert, zurückgestellt, und statt dessen nach Kontinuitäten mit Langzeitwirkungen in der Sozial- und Ideengeschichte gesucht. Damit teilt sie den Ansatz des ungarischen Sozialhistorikers György Kövér, der im langen 19. Jahrhundert in der ungarischen Geschichte eine „schwerfällige Veränderung“ feststellt.

Petrás konstatiert für die Sozialgeschichte Ungarns im 20. Jahrhundert nach dem Zerfall des historischen Ungarn „ein einziges Problem, das sich in drei Fragen offenbarte“: der so genannten "Sozialen Frage", der Nationalitätenfrage und der Judenfrage. Diese drei Konfliktpotentiale begleiteten die ungarische Geschichte laut Petrás von der Erschaffung der modernen Nation bis zur Erkämpfung der Eigenstaatlichkeit bzw. auch darüber hinaus. Dabei galt die Integrität des historischen Staatsgebildes schon im 19. Jahrhundert als Dogma des vom Adel determinierten politischen Diskurses. Eine – aufgrund des fehlenden Bürgertums – vom Adel geprägte Modernisierung wurde mit einer Ethnisierung der ungarischen Nation gekoppelt, so dass eine forcierte Assimilation mit der engen Anlehnung an Wien einherging. Die Konzeption der „einheitlichen ungarischen Nation“ war nach der Geschichtsinterpretation der romantischen Nationsidee das Verbindungsglied zwischen der mittelalterlichen und der modernen Staatlichkeit im Sinne der „historischen Kontinuität“.

Diese Ethnisierung hatte laut Petrás zur Folge, dass vom Ausgleich mit Wien (1867) bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in den konservativen Ideologien antiliberale, antikapitalistische und antisemitische Komponenten ihren Platz fanden. Wegen der ambivalenten, also vom Adel getragenen Verbürgerlichung der Gesellschaft vollzog der Nationalismus infolge des Einflusses konservativer Ideen einen „reduktiven Bedeutungswandel“, und die „romantisch gefärbte politische Nationsidee verwandelte sich zur politischen Romantik“ (S. 43). Doch die Dominanz des ungarischen Ethnikums sowie das „prämoderne Dogma“ des Königreiches Ungarn ignorierten die ethnischen und demographischen Gegebenheiten. Sie setzten einen Exklusionsmechanismus in Gang, der der „Gravamina-Tardition“ des Adels gegenüber Wien entsprach und die Etablierung des demokratischen Institutionssystems zu verhindern vermochte. Die Parolen der Elite nach 1848/48 bzw. 1867 trugen auf mehreren Ebenen Konflikte in sich: Die vom Adel geprägte romantische Nationsidee zog hinsichtlich der Nationalitätenfrage in der „demokratischen Gemeinschaftsbildung“ eine ethnische Grenze, denn aus dem historisierenden Selbstbild folgerte, dass Ungarns Bestand nur der „staatsbildenden Fähigkeit“ des ungarischen Ethnikums zu verdanken war. Akribisch zeichnet Petrás die Trugschlüsse aus diesem Konstrukt nach und kommt zum Ergebnis, dass die „Assimilierungsfähigkeit Ungarns eine Illusion“ (S. 70) gewesen sei. Weil der Adel die sozialen Prozesse als Verlierer erlebt hatte, setzte sich zweitens eine antikapitalistische und antiliberale Variante durch und mit Hilfe des Wahlrechts schließlich wurde auch die Emanzipation des Agrarproletariats erfolgreich verhindert.

Petrás verneint letztlich die Integrationsfähigkeit des ungarischen Staates in allen drei Kardinalfragen, insbesondere im 20. Jahrhundert. Denn nach dem Ersten Weltkrieg lebte das politische Institutionssystem wie die politische Kultur der Vorkriegsära fort, wenn auch „der Liberalismus“ für die Tragödie des Staatszerfalls verantwortlich gemacht wurde. Dabei wurde konsequent ignoriert, dass die ethnisch definierte Nation sowohl mit dem Habsburgerimperium als auch mit den eigenen Nationalitäten in einen unversöhnlichen Konflikt geraten war und sich ausschließlich auf die Verteidigung des historischen Staatsgebildes konzentriert hatte. Doch die Krise der Nationalstaatsidee wurde von der Revisionspolitik übertüncht. Erneut galt es, eine „christlich-nationale Politik“ durchzusetzen, wobei die Parole „national“ der vom Regime beschworenen „historischen Kontinuität“ und „christlich“ der „politischen Legitimation“ diente. Das Horthy-Regime konnte, laut Petrás, ausschließlich schlechte Antworten auf die Krise der Staatsnationsidee geben, weil auf Trianon keine Demokratisierung folgte. Es führte die Lösungsbemühungen der aus dem 19. Jahrhundert ererbten Probleme bis 1944 auf einen Tiefpunkt. Weil der Nationsbegriff weiterhin an einen Privilegienkatalog gebunden war, führte er zwangsläufig zu Exklusionsreflexen. Schematisch lässt sich dies so darstellen (S. 86):
Problemfeld: positive Werte, Negativum, Art der Ausgrenzung
Soziale Frage: Herr, kein Herr, Kult des gesellschaftlichen Status
Nationalitätenfrage: Ungar, kein Ungar, Kult der Zugehörigkeit zur Nation
Judenfrage: Christ, Jude, Rassenkult

Petrás stellt insgesamt die provokative, wenn vielleicht auch nicht von einer solchen Intention geleitete, These auf, dass letztlich klar ein Versagen der Integrationsfähigkeit der ungarischen Gesellschaft und des ungarischen Staates zu konstatieren ist. Dies ist weniger als eine extravagante Stichelei zu verstehen als viel mehr als ein konsequent durchdachter Gedankengang, der auf Teilergebnisse der etablierten Forschung baut und Impulse für neue Interpretationsansätze liefern will. Petrás konstruiert auch keinen ungarischen „Sonderweg“, sondern sieht im Staatszerfall eine logische Folge, deren Gründe sehr wohl auf innenpolitische Entwicklungen zurückzuführen seien. Die Fragestellung wie die Argumentation sind schlüssig, die Sprache ebenso elegant wie anspruchsvoll.

Leider verlässt sich die ansonsten ungewöhnlich kritische Autorin auf revisionsbedürftige und bis heute gültige Aussagen der ungarischen Historiographie, wenn es um das 18. Jahrhundert geht und bescheinigt z.B. Kaiser Joseph II. „Germanisierungsabsichten“. Als Opfer der hier geschilderten Sackgasse werden die Toten des Krieges, des Holocaust und der ungarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten erwähnt, nicht aber die vertriebenen Ungarndeutschen oder die serbischen Optanten. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese „Skizze“ von der Autorin als Fundament für eine umfangreiche Monographie verstanden wird, die dann in der ungarischen Historikerzunft zu einer adäquaten Auseinandersetzung führt.

Anmerkung:
[1] Gyáni, Gábor: Az asszimiláció fogalma a magyar társadalomtörténetben (Der Begriff der Assimilation in der ungarischen Gesellschaftsgeschichte), in: ders., Történészdiszkurzusok [Historikerdiskurse], Budapest 2002, S. 119-134, hier 119f.

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25.01.2008
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