B. Schröder: Bildung und Briefe im 6. Jahrhundert

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Titel
Bildung und Briefe im 6. Jahrhundert. Studien zum Mailänder Diakon Magnus Felix Ennodius


Autor(en)
Schröder, Bianca-Jeanette
Reihe
Millennium-Studien 15
Erschienen
Berlin 2007: de Gruyter
Anzahl Seiten
XI, 399 S.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Rohr, Fachbereich Geschichte, Universität Salzburg

Die Person und das literarische Schaffen des vornehmlich in Pavia tätigen Diakons Magnus Felix Ennodius (473/74–521) wurde lange Zeit in der Forschung vernachlässigt – im Gegensatz zu dessen jüngerem Zeitgenossen Cassiodor –, was nicht zuletzt auf dessen extrem schwülstigen, bis hin zur völligen Unverständlichkeit hin manierierten Stil zurückzuführen ist, der schon im 12. Jahrhundert den gelehrten Bischof Arnulf von Lisieux zu der Feststellung veranlasste, Ennodius sei eher ein „Innodius“, ein unlösbarer Knoten (S. 53). Erst seit den späten 1980er-Jahren erfreut sich Ennodius eines verstärkten Interesses, wobei die zunächst eher historischen Annäherungen, die sich vornehmlich dem Panegyricus auf Theoderich sowie der Vita für den Paveser Bischof Epiphanius widmeten [1], in den letzten Jahren immer mehr von eher philologisch ausgerichteten Studien abgelöst wurden.[2] Schröders Buch, eine 2005 approbierte Münchener Habilitationsschrift, hat vorrangig zwei Ziele: Zum einen sollen das Leben und politische Wirken des Ennodius sowie dessen Werke in den allgemeinen kulturellen Kontext der Ostgotenzeit eingeordnet werden, ein Unterfangen, das zuvor nur Francesco Magani 1886 in seiner dreibändigen Ennodius-Biographie [3] und Stefanie Kennell 2000 in ihrer biographisch ausgerichteten Monographie zum Leben und Werk des Ennodius [4] in ausführlicher Form auf sich genommen hatten. Zum anderen widmet sie sich der Untersuchung der in der Forschung bisher am wenigsten beachteten umfangreichen Briefsammlung, die Ennodius hinterließ, und ordnet diese auch gattungsspezifisch ein.

Im ersten Hauptteil versucht Schröder eine Biographie des Ennodius anhand seiner Werke zu skizzieren, geht aber dabei über Magani und Kennell hinaus, indem sie sich nicht nur darauf beschränkt, das autobiographische „Eucharisticum de vita sua“ (op. 438 in der Gesamtedition von Vogel [5]) auszuwerten und die übrigen Werke in einem literaturgeschichtlichen Überblick (S. 31–53) zu bewerten. Dass Ennodius zum einen Redner und Dichter, zum anderen Diakon (und später Bischof) war, führt in seinen Briefen immer wieder zur Synthese von weltlichen und geistlichen Werten und Themen, etwa wenn er über das Studium der artes liberales schreibt – und dabei nimmt die ars rhetorica wiederum eine besondere Stellung ein. Ennodius sieht sich selbst in einem Spannungsfeld, indem er silentium und humilitas aufgrund seines geistlichen Standes von sich einfordert, diese Werte aber dann doch nicht einhält. Er bleibt auch in den Jahren seines Diakonats im „Konflikt zwischen Kirchenamt und Freude an literarischer Tätigkeit, zwischen clericus und doctus“ (S. 134).

Den zweiten Hauptteil leitet Schröder mit einer ausführlichen allgemeinen Einleitung zur Gattung Brief ein (S. 136–166), eine nach ihrem Urteil „flexible Gattung“ (S. 136). Nach einem Überblick über die antike Brieftheorie versucht sie eine Kategorisierung und teilt demnach Briefe inhaltlich in vier Hauptgruppen ein: Briefe, die schwerpunktmäßig durch die Situation bzw. den Kenntnisstand des Verfassers geprägt sind, solche, die vornehmlich auf die Situation des Adressaten eingehen, Briefe über die Situation eines Dritten und schließlich Schreiben, die die Beziehung zwischen Adressat und Verfasser zum Thema haben (S. 148–150). Unter der gesellschaftlichen Funktion von Briefen subsumiert Schröder in erster Linie amicitia und Performance. Schließlich werden die Epistolographen der Spätantike kurz vorgestellt, deren Briefcorpus sich für Vergleiche mit dem des Ennodius eignen: Symmachus, Hieronymus, Ambrosius, Augustinus, Paulinus von Nola, Sidonius Apollinaris, Ruricius von Limoges und Cassiodor (S. 157–166). Wirklich ausführliche Vergleiche werden an späterer Stelle allerdings nur mit den Briefen des Symmachus gezogen, etwa in Bezug auf Leitthemen wie amicitia oder querellae und Leitbegriffe wie inpuditia, inportunitas, urbanitas, sinceritas oder modestia. Die Symmachus-Rezeption, die auch schon für das Genus der Panegyrik thematisiert wurde [6], ist für die Briefe des Ennodius durchaus differenziert zu sehen, da sich zwar eine deutliche sprachliche und inhaltliche Bezugnahme erkennen lässt, doch die Akzentuierung des Inhalts dann bewusst abweicht (S. 245–252). Dies wird auch bei der Ausarbeitung des „Topoi-Clusters“ (S. 252) deutlich, dem die Briefe des Ennodius unterworfen sind, etwa in den praefationes der Briefe, die bei Ennodius besonders stark durch Entschuldigungen, Bitten und Begründungen für die Abfassung des Briefes geprägt sind.

Abschließend analysiert Schröder die Gestaltung einiger Brieftypen, die im Briefcorpus des Ennodius eine besondere Bedeutung innehaben: Briefe zur Kontaktpflege, Glückwünsche und Empfehlungen. Bei der ersten Gruppe werden Aufforderungen zum Schreiben, Dankesschreiben für erhaltene Briefe von geistlichen und weltlichen Briefpartnern, Briefe zur erstmaligen Kontaktaufnahme und Reaktionen auf die Aufforderung zu schreiben unterschieden; bei zweiter Gruppe ist bemerkenswert, dass Ennodius mehrfach auch vorwurfsvolle Glückwunschschreiben verfasste, in denen ein Lob des Adressaten nicht oder nur am Rande zu finden ist, hingegen die Klage, dass Ennodius etwa von der lobenswerten Tat oder Auszeichnung (zum Beispiel die Berufung in ein hohes Amt) nicht direkt über einen Brief, sondern über Dritte erfahren habe. Dahinter ist die Konvention zu sehen, wonach jemand, der ein Amt erlangt hat, dies seinen Freunden schnell brieflich mitteilen musste, bevor diese gerüchteweise davon hörten (S. 330).

In ihrer Zusammenfassung kommt Schröder zu dem Schluss, dass die Briefe des Ennodius sowohl das enorm hohe sprachliche Niveau der Korrespondenz zur Zeit des Theoderich als auch „das Bewusstsein ihres Verfassers von der hohen Bedeutung der cultura sermonis und von der Gefährdung dieser sprachlich-literarischen Bildung“ (S. 373) bezeugen. In diesem Beispiel für eine ganz offensichtlich nicht für die Veröffentlichung überarbeitete Korrespondenz lässt sich auch erkennen, dass Ennodius „je nach Adressat und Situation in verschiedenen ‚Rollen‘ bzw. in unterschiedlichen Haltungen und sehr differenziertem Ton spricht, vom frommen und freundlichen Diakon über den strengen und mahnenden Onkel bis hin zum notorisch unzufriedenen, nörgelnden Freund“ (S. 373). Das Ennodius-Bild konnte durch diese ausgefeilte Studie mit Sicherheit einige überraschende Facetten und grundlegende Aspekte hinzugewinnen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Maria Cesa (Hrsg.), Ennodio: Vita del beatissimo Epifanio, vescovo della chiesa Pavese (Biblioteca di Athenaeum 6), Como 1988; Christian Rohr, Der Theoderich-Panegyricus des Ennodius (MGH Studien und Texte 12), Hannover 1995.
[2] Unter den zahlreichen philologisch ausgerichteten Monographien der letzten Jahre, die zumeist aus Dissertationen hervorgingen, vgl. etwa Stéphane Gioanni, „Lumiere de Rome“, „Lumiere de l’Église“. Édition, traduction et commentaire de la Correspondance d’Ennode de Pavie (livres 1 et 2), Diss. Lyon 2004 (auch online unter <http://demeter.univ-lyon2.fr:8080/sdx/theses/notice.xsp?id=lyon2.2004.gioanni_s-principal&id_doc=lyon2.2004.gioanni_sni_s
&isid=lyon2.2004.gioanni_s&base=documents&dn=1>); Daniele di Rienzo, Gli epigrammi di Magno Felice Ennodio. Con una prefazione di Antonio V. Nazzaro, Napoli 2005 (= Diss. Napoli 2001); Simona Rota, Magno Felice Ennodio: Panegyricus dictus clementissimo regi Theoderico (opusc. 1), Roma 2002 (= Diss. Macerata 1997); Céline Urlacher, Etude des motifs religieux dans la poésie d’Ennode de Pavie, phil. Diplomarbeit Strasbourg 2004; Gianluca Vandone, Appunti su una poetica tardoantica: Ennodio, carm. 1,7-8 = 36-37V. Introduzione, traduzione e commento, Pisa 2004 (= Diss. Pavia 1999). Vgl. auch die ausführliche Online-Bibliographie auf der mehrsprachigen Homepage zu Ennodius unter <http://www.sbg.ac.at/ges/people/rohr/ennodius.htm>.
[3] Francesco Magani, Ennodio, 3 Bde., Pavia 1886.
[4] Stefanie A. H. Kennell, Magnus Felix Ennodius. A Gentleman of the Church, Ann Arbor 2000.
[5] Magni Felicis Ennodii Opera, hrsg. v. Friedrich Vogel (= MGH Auctores Antiquissimi 7), Berlin 1885, die nach wie vor autoritative Gesamtedition der Werke des Ennodius.
[6] Christian Rohr, Nationalrömisches Bildungsgut im Reich der Ostgoten. Zur Rezeption von Q. Aurelius Symmachus bei Ennodius, in: Römische Historische Mitteilungen 40 (1998), S. 29–48.

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Veröffentlicht am
03.11.2008
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