S. Krasa-Florian: Die Allegorie der Austria

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Titel
Die Allegorie der Austria. Die Entstehung des Gesamtstaatsgedankens in der österreichisch-ungarischen Monarchie und die bildende Kunst


Autor(en)
Krasa-Florian, Selma
Erschienen
Anzahl Seiten
280 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Werner Telesko, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Nationalpersonifikationen scheinen sich in besonderem Maße zur Visualisierung historischer Entwicklungen zu eignen. Selma Krasa-Florians Untersuchung zur „Allegorie der Austria“ verfolgt die historische Genese „Österreichs“ von der frühneuzeitlichen „Monarchia universalis“, über das Kaisertum Österreich, die Konstitution des Jahres 1848 und den Liberalismus bis zur Mitteleuropa-Idee des Ersten Weltkriegs anhand eines prägenden ikonographischen Typus, nämlich der Personifikation der „Austria“ in allen ihren künstlerischen Ausprägungen. Dies ist keineswegs ein methodisch risikofreies Unterfangen, stellt sich doch in vielen Fällen die Frage, ob bildliche Darstellungen in allen Fällen dazu geeignet sind, die zentralen historischen Sachverhalte und Entwicklungen, welche auch die 13 Hauptkapitel des Buches markieren, zu visualisieren bzw. zu unterstreichen. Die Autorin spricht im Vorwort (S. 11) von einer „Verknüpfung“ von politischen Ereignissen und Werken der bildenden Kunst. Der Charakter der vorliegenden Publikation schwankt demgemäß zwischen einer historischen Problematisierung des österreichischen Gesamtstaatsgedankens vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert und einer „Bildgeschichte“ der österreichischen Nation bzw. Monarchie. Hier schließen sich einige wichtige grundsätzliche Fragenkomplexe an: Folgen die Kunstwerke wirklich in allen Fällen den epochalen politischen und konstitutionellen Leitideen oder existiert nicht ein häufig geschickt genutzter Spielraum, in dem konkurrierende soziale Gruppen im öffentlichen und halb-öffentlichen Raum um die Definitionsmacht des Begriffs „Österreich“ kämpfen? In welcher Beziehung steht die Personifikation Österreichs zu den zahlreichen Tugenden und Begriffen (Gerechtigkeit, Handel, Krieg, Frieden et cetera), die häufig zusammen mit der „Austria, aber auch mit Darstellungen des Monarchen (etwa am Wiener Kaiser Franz-Denkmal Pompeo Marchesis [1846]), auftreten? Nicht zuletzt befindet sich die „Austria“ – spätestens seit Antonio Beduzzis Fresko (1710) im Niederösterreichischen Landhaus, das die „Austria“ im Markgrafenmantel (!) zeigt (Abb. 3b) [1], – in einem Spannungsverhältnis zu den Personifikationen der österreichischen Kronländer (vor allem Tirolia, Carinthia), die, wie etwa Hans Brandstetters Grazer „Styria“ (1891), die „Steiermark“ ähnlich gerüstet zeigen, wie die Personifikation des Gesamtstaats Österreich. Auch die malerische und plastische Ausstattung des Wiener Palais Ferstel zeigt deutlich, dass in der zweiten Jahrhunderthälfte die Nationalitäten, die Wirtschaftszweige und die Personifikation Österreichs in einem dynamischen Zusammenhang stehen. Viele Werke, die in Krasa-Florians Buch Behandlung finden, sind keineswegs immer das Ergebnis gebündelter programmatischer Willensanstrengung, sondern vielmehr das Resultat politischer wie künstlerischer Kompromisse, besonders am Beginn des 20. Jahrhunderts. Dazu zählt insbesondere die sich über mehrere Jahre hinziehende Diskussion zum Konzept der Standbilder zwischen den Bogenfenstern der Exedra der Neuen Wiener Burg. (S. 190-193) Das auf Albert Ilg zurückgehende Ergebnis einer Statuenfolge als inhaltliche Verschränkung von Nationalitäten, Geschichtsepochen und Berufsgruppen resultiert letztlich aus einem abgelehnten Herrscherzyklus.

Selma Krasa-Florian demonstriert, dass nicht die ikonographische und typenmäßige Vielfalt der „Austria“ das entscheidende Kriterium im 19. Jahrhundert darstellt, sondern wenige markante Schöpfungen mit wechselnden Attributen im Vordergrund des Interesses stehen, die in vielen Fällen in Hans Gassers – für den Reichstag konzipierte – Statue der „Austria“ (1848) mit Mauerkrone, Speer und Schild (ehemals Redoutensäle, heute Verwaltungsgerichtshof) (Abb. 1) wurzeln. Der Autorin zufolge handelt es sich bei diesem Werk um einen höchst bedeutsamen „Prototyp[en]“ (S. 74) für nachfolgende Werke, insbesondere der Bauplastik. Gerade bei dem gerüsteten Typus der „Austria“ aus der zweiten Jahrhunderthälfte kommt es in vielen Fällen zu Überschneidungen mit dem Typus der „Germania“ [2] und damit unweigerlich zu Fragen der Auswirkungen der deutschen Frage auf die bildende Kunst. In vielen, im vorliegenden Buch besprochenen Beispielen wird klar gezeigt, welche historische Aussagen bisher zuwenig beachtete Werke, zumeist Druckgraphiken, besitzen (besonders überzeugend am Beispiel von Strixners und Hasselwanders Lithographie „Das Schiff der Austria“, 1849, Abb. 15). Krasa-Florian kommt hier das Verdienst zu, die Graphikproduktion der Jahre nach 1848 in Zusammenhang mit den politischen Reformen Felix Fürst Schwarzenbergs und Alexander Freiherr von Bachs präziser zu bestimmen als dies bisher möglich war. Manchmal hingegen ist es schwer zu erkennen, in welcher konkreten Beziehung die besprochenen Werke, etwa das berühmte Wiener Maria Theresien-Monument Caspar von Zumbuschs (1888), dessen Hauptfigur, Krasa-Florian zufolge, für die „Austria“ steht (S. 154), für die Frage der Entwicklung der Nationalpersonifikation entscheidend sind. Hier wäre eine breitere Thematisierung der Instrumentalisierung Maria Theresias im 19. Jahrhundert notwendig, um über das für das Monument bestimmende Denkmalkonzept Alfred von Arneths hinaus eine Präzisierung historischer Sachverhalte zu ermöglichen. Die Identifizierung der Herrscherin als „personifizierte Austria“ ist nicht zeitgenössisch, sondern eine Ansicht des frühen 20. Jahrhunderts. [3]

Die vielschichtigen Phänomene der dynastisch, ständisch und kommunal motivierten österreichischen Historienkunst des 19. Jahrhunderts [4], die Selma Krasa-Florian in ihre Darstellung integriert, lassen sich demgemäß nicht immer bruchlos unter dem Leitbegriff der „Personifikation“ Österreichs zusammenfassen, zeigt doch der latente „Dynastiebezug der österreichischen Reichsidee“ (S. 71) spätestens seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts eine überdeutliche Orientierung in Richtung der „Personalisierung“ des Hauses Habsburg, so dass eine Geschichte der „Austria“ mutatis mutandis immer auch eine Geschichte des Erzhauses ist, wie Krasa-Florian an vielen Beispielen, nicht zuletzt an Hans Scherpes zerstörtem „Austria-Brunnen“ in Wien-Ottakring (Abb. 35) zeigen kann, der die Sitzstatue der „Austria“ mit dem Porträt Kaiser Franz Josephs auf dem Schild kombiniert. Die Herrscherikonographie ist somit das entscheidende Parallelphänomen, mit dem viele Erscheinungen des im 19. Jahrhundert manifesten Doppelbezugs „Nation-Dynastie“ deutlicher werden. Krasa-Florian nimmt auf diese Problemstellung insbesondere in ihrer Analyse der franzisko-josephinischen Zeit Bezug, besonders etwa in der Frage der Aktualisierung der großdeutschen Idee (S. 112-120). Auch die malerische Ausstattung der „Ruhmeshalle“ des Wiener „Arsenals“ (1871) liefert die entscheidende Vorbedingung, um Johannes Benks „Austria“ (1876) im Stiegenhaus entsprechend kontextualisieren zu können, fasst doch diese Plastik quasi konzentriert das ursprüngliche Konzept eines „Kriegs“- und „Friedenssaals“ in einer Personifikation zusammen. Segnungen des Friedens und Entbehrungen des Krieges sind denn auch wesentliche Leitmotive in der Programmatik der „Ruhmeshalle“.

Es fällt in vielen Fällen schwer, eine Geschichte der bildkünstlerischen Reflexionen über die österreichische Nation auf der Basis einer ausschließlichen Konzentration auf die Personifikation des Gesamtstaats zu schreiben. Nationalpersonifikationen reflektieren nicht nur historische Situationen, wie Selma Krasa-Florian mit vielen Beispielen zeigt, sie fungieren ebenso als höchst sensible Projektionsflächen sozialer Strategien und verweisen damit auf die „Erfindung der Nation“ [5] als Leitmotiv des 19. Jahrhunderts.

[1] Vgl. neuerdings Eggendorfer, Anton; Krug, Wolfgang; Stangler, Gottfried (Hrsg.), Altes Landhaus. Vom Sitz der niederösterreichischen Stände zum Veranstaltungszentrum, Wien 2006.
[2] Gall, Lothar, Die Germania als Symbol nationaler Identität im 19. und 20. Jahrhundert (Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, I. philologisch-historische Klasse 1993, Nr. 2), Göttingen 1993.
[3] Millenkovich-Morold, Max von, Denkmäler in Wien und Niederösterreich. Dargestellt in Wort und Bild für Schule und Haus. Mit Beiträgen zahlreicher Autoren, Wien 1914, S. 60.
[4] Vgl. Telesko, Werner, Geschichtsraum Österreich. Die Habsburger und ihre Geschichte in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts, Wien-Köln-Weimar 2006.
[5] Anderson, Benedict, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt am Main u.a. 1996 (London 1983).

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Veröffentlicht am
10.05.2007
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