S. Rolinek: Jüdische Lebenswelten 1945-1955

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Titel
Jüdische Lebenswelten 1945-1955. Flüchtlinge in der amerikanischen Zone Österreichs


Autor(en)
Rolinek, Susanne
Reihe
Österreich-Israel-Studien
Erschienen
Innsbruck 2007: StudienVerlag
Anzahl Seiten
216 S.
Preis
€ 23,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eleonore Lappin, Institut für Geschichte der Juden in Österreich, St. Pölten

Wie Susanne Rolinek im Einleitungskapitel ihres Buches schreibt, beschränkte sich das Interesse der Forschung zur Situation der Juden im Österreich der ersten Nachkriegsjahre bisher „meist auf politische, gesellschaftliche und humanitäre Rahmenbedingungen“ (S. 17), bot also einen organisatorischen „Außenblick“. Im Gegensatz dazu beschreibe ihre Studie die Sozial- und Alltagsgeschichte der Flüchtlinge sowie die „(Re-)Konstruktion einer jüdischen Übergangsgesellschaft“. (S. 19) Aufbauend auf den Arbeiten von Helga Embacher und Thomas Albrich [1] untersucht Rolinek die verschiedenen Organisationen und Institutionen in Hinblick auf ihre Bedeutung für die Entwicklung neuer Identitäten und sinnvoller Lebensentwürfe der Überlebenden des Holocaust. Tatsächlich wollten diese Organisationen mehr als die materiellen Bedürfnisse der DPs (Displaced Persons) wie Kleidung, Unterkunft und Verpflegung sichern. Für die zionistischen Organisationen, die bald die organisatorische und ideologische Vorherrschaft errangen, waren die in tristen Lagern auf eine Weiterreise und die Möglichkeit, eine neue Existenz zu gründen, wartenden jüdischen Flüchtlinge ein wichtiger politischer Trumpf bei ihrer Forderung nach der Gründung des Staates Israel. Überlebende waren auch zukünftige Bürger dieses Staates, doch wurden bezüglich der „Qualität dieses Menschenmaterials“, die vor allem an ihrem Wert als Kämpfer und Pioniere gemessen wurde, bald Zweifel laut. Die Flüchtlinge wiederum kritisierten die Bevorzugung junger Männer und Frauen vor Familien bei der illegalen Einwanderung nach Palästina und der Aufnahme in den neugegründeten Staat Israel. Den Zionisten standen andere politische und religiöse Organisationen gegenüber, welche die Insassen der DP-Camps im Sinne ihrer Überzeugungen zu beeinflussen trachteten. Nach der massiven Auswanderung nach Palästina / Israel, wohin zwei Drittel der DPs gingen, und nachdem in den späten 1940er-Jahren vor allem strenggläubige Juden aus Ungarn, Rumänien und der Tschechoslowakei nach Österreich geflüchtet waren, übernahm tatsächlich die Orthodoxie die Vormachtstellung in den Lagern.

Rolinek stellt einerseits die Ziele und Entwicklungen dieser unterschiedlichen Organisationen dar. Andererseits versucht sie aber auch nachzuvollziehen, warum DPs bestimmte Entscheidungen beispielsweise bezüglich des zukünftigen Wohnorts, der Familiengründung, der Ausbildung usw. trafen. Denn diese Entscheidungen wichen häufig von den von den Lagereliten propagierten ab. Trotz der großen Bedeutung, welche Ideologien aber auch religiöse Überzeugungen bei der Identitätsbildung hatten, überwogen bei der Entscheidungsfindung doch die privaten Überlegungen wie Rücksichtnahme auf Familienmitglieder. Indem Rolinek auf die „subjektive Seite der Geschichte“ hinweist (S. 19), zeigt sie die Flüchtlinge als autonom handelnde Subjekte. Diese Innensicht rekonstruierte sie mit Hilfe von sechzig Autobiographien aus Archiven in Österreich, Israel und den USA.

In Anlehnung an die „social-network“-Forschung untersucht Rollinek die Netzwerke aus Personen, Organisationen und Orten, in welche die DPs in den Lagern eingebunden waren. Soziale Interaktionen erweisen sich, wie sie ausführt, besonders in Ausnahmesituationen wie Flucht als identitätsbildend und helfen bei der Sinnsuche. Netzwerke ermöglichen aber auch Informationsflüsse, welche wichtige Entscheidungshilfen gerade in Überganssituationen wie Migration bieten. Die Zugehörigkeit zu einer politischen und / oder religiösen Organisation wirkt für Flüchtlinge nicht nur identitätsstärkend, sondern schafft auch freundschaftliche Beziehungen. Die so entstandenen „affinity groups“, also familiäre und freundschaftliche Beziehungsgruppen, erweisen sich letztlich als einflussreicher für die Entscheidungen von Flüchtlingen als politische und religiöse Eliten. (S. 22) Dass nach den traumatischen Erfahrungen des Holocaust gerade Familien eine besondere Bedeutung zukam, bezeugen nicht zuletzt die vielen Eheschließungen und die hohe Geburtenrate in den DP-Camps. Gerade Frauen sahen in Schwangerschaft und Geburt die Wiedergewinnung der Weiblichkeit, die ihnen in den Konzentrationslagern genommen worden war. Die Sorge um die Familie erwies sich auch als wichtigstes Argument bei einer Entscheidung gegen die Auswanderung nach Palästina / Israel. Rücksichtnahmen auf kranke Familienmitglieder, welche keine Aussicht auf Auswanderungsmöglichkeiten hatten oder Eheschließungen mit nichtjüdischen Österreicher/innen waren häufig ausschlaggebend für den Beschluss, in Österreich zu bleiben. Während Rolinek die (welt-)politischen Entwicklungen, welche das Leben und die Zukunftsplanungen der Flüchtlinge zweifellos beeinflussten, mitdenkt, zeigt sie doch die Handlungsspielräume der Flüchtlinge, welche ihnen autonome, vom persönlichen Schicksal sowie persönlichen Interessen und Rücksichtnahmen geprägte Entscheidungen ermöglichten.

Rolinek arbeitet einfühlsam die divergierenden Gefühle der Überlebenden in der frühen Nachkriegszeit heraus. Das Gefühl, oft als einziges Mitglied einer Familie überlebt zu haben, brachte neben Trauer auch Perspektivenlosigkeit mit sich. Dem stand jedoch das „Wir szeinen doh“ gegenüber, das aus dem Fakt des Überlebens resultierende Gefühl der Stärke, die nun zum Aufbau einer neuen Existenz, häufig im Staat Israel, eingesetzt werden sollte. Überlebt zu haben bewirkte bei vielen ein starkes Schuldgefühl für den Tod der anderen. In Palästina wiederum herrschte Misstrauen gegenüber den Überlebenden, denen man zweifelhafte Überlebensstrategien nachsagte und ihr Zögern, sich nach ihrer Befreiung sogleich dem Kampf um das Land Israel anzuschließen, verübelte. Probleme hatten auch Menschen, die von den Nationalsozialisten als Juden verfolgt worden waren, jedoch gemäß dem jüdischen Religionsgesetz nicht als solche galten, da sie keine jüdische Mutter hatten. Ebenso wurde in den Lagern die Frage diskutiert, ob nichtjüdische Ehepartner/innen, welche das Verfolgungsschicksal geteilt oder sogar das Überleben ermöglicht hatten, ins jüdische Kollektiv aufgenommen werden sollten. In der Regel fiel die Entscheidung gegen das Religionsgesetz und zu Gunsten dieser Menschen aus. Die sich unter den Überlebenden entwickelnden Identitätsmuster waren stark divergierend und reichten vom säkularen Verständnis der Juden als Schicksalsgemeinschaft bis zur strikten Orthodoxie oder dem jüdischen Nationalismus.

Daneben blieb auch ein landsmannschaftliches Zusammengehörigkeitsgefühl bestehen, das sich nicht zuletzt in Kämpfen um die Vormacht in der Lagerhierarchie äußerte. Bis zum Frühjahr 1947 stammte die überwiegende Mehrheit der jüdischen Flüchtlinge (83 %) aus Polen. Polen bekleideten in den Lagern Führungspositionen und bestimmten auch das Kulturleben, das weitgehend Jiddisch und Polnisch geprägt war. Die von den Zionisten geförderte Einführung des Hebräischen als Umgangssprache stieß auf den Widerstand der Orthodoxen, konnte sich jedoch im Schulwesen weitgehend durchsetzen. Sprache war somit auch Zeichen der Loyalität gegenüber einer bestimmten religiösen oder ideologischen Gruppe. Die zeitgleich mit den Polen gekommene, aber zahlenmäßig kleinere ungarische Gruppe (13 %) fühlte sich von diesen auch bei der Beteilung mit Hilfsgütern benachteiligt. Einen noch niedrigeren Status nahmen die im Frühjahr 1947 ankommenden Rumänen ein, die vor allem von den Zionisten als „Wirtschaftsflüchtlinge“ stigmatisiert wurden, da sie sich nicht direkt nach Palästina begeben hatten. Als Ende der 1940er-Jahre eine weitere Flüchtlingswelle eintraf, betrachteten die „Alteingesessenen“ die neu Hinzugekommenen wiederum als Eindringlinge.

Die Beziehungen zwischen Flüchtlingen und Österreicher/innen waren von Anfang an gespannt. Die jüdischen DPs betrachteten alle Österreicher als potentielle Nationalsozialisten. Diese wiederum verübelten den jüdischen Überlebenden ihre Sonderstellung. Auch das Bestreben der DPs, NS-Verbrecher auszuforschen und vor Gericht zu bringen, lief dem österreichischen Konsens, der bald auf Versöhnung und Integration der Nationalsozialisten hinauslief, entgegen. Aber auch Juden, die in der NS-Zeit exponierte Funktionen innehatten, wurden nun entweder wegen des Verdachts der Kollaboration angezeigt oder vor jüdische Ehrengerichte gestellt.

Rolinek behandelt eine Fülle von Aspekten des Lebens der DPs in einem überaus komprimierten Text von 150 Seiten. Angesichts des Quellenreichtums des Buchs wäre eine ausführlichere Darstellung der so vielschichtigen Lebenswelten der DPs möglich und sicher lohnend gewesen. Dennoch bietet das Buch einen lesenswerten, gut strukturierten Überblick über das Thema, der zu weiteren vertiefenden Untersuchungen anregen sollte.

Anmerkung:
[1] Albrich, Thomas, Exodus durch Österreich. Die jüdischen Flüchtlinge 1945–1948, Innsbruck 1987; Ders. (Hrsg.), Flucht nach Eretz Israel. Die Brichah und der jüdische Exodus durch Österreich nach 1945 (Österreich-Israel-Studien; Bd. 1), Innsbruck-Wien 1998; Ders. und Zweig, Thomas (Hrsg.), Escape Through Austria, London, Portland, Oregon 2002; Embacher, Helga, Neubeginn ohne Illusionen. Juden in Österreich nach 1945, Wien 1995.

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15.08.2007
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