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Titel
Oil Empire. Visions of Prosperity in Austrian Galicia


Autor(en)
Fleig Frank, Alison
Erschienen
Cambridge, Mass. 2005: Harvard University Press
Anzahl Seiten
XX, 343 S.
Preis
$ 49.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klemens Kaps, Universität Wien

Die „Wieder-„ bzw. „Neuentdeckung“ Galiziens durch die Geschichtswissenschaft schlug sich in den vergangenen Jahren in Publikationen nieder, die den Fokus auf die Herausbildung der Nationalismen (vor allem des ukrainischen sowie des polnischen) in Wechselwirkung mit sozialhistorischen Entwicklungen legten.[1] Wirtschaftshistorische Arbeiten blieben hingegen bislang eine Mangelware in diesem geschichtswissenschaftlichen Galiziendiskurs, der Wissensstand von wenigen Ausnahmen abgesehen[2] auf die älteren Arbeiten vor allem der polnischen Historiografie beschränkt, die jedoch nur vereinzelt das späte 19. Jahrhundert thematisieren.[3]

Das Buch Alison Franks, hervorgegangen aus ihrer 2001 veröffentlichten Dissertation[4], hat deswegen besondere Relevanz, da es den Einfluss wirtschaftshistorischer Prozesse auf Nationalbewegungen, sozialen Wandel und politische Interessenkämpfe in Galizien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausarbeitet. Anhand der Produktgeschichte von Erdöl geht Frank somit Fragen nach „that cut across the traditional boundaries of nation, state and even class“ (S. 6).

Vorwiegend gestützt auf zeitgenössische Publikationen und Archivquellen zeichnet Frank die Entwicklung der galizischen Erdölindustrie von der ersten einfachen Verwendung von Petroleum als Beleuchtungsmaterial in den 1850er-Jahren über den „Erdölboom“ der 1880er-Jahre bis zu den Kämpfen um den nun bedeutenden Rohstoff im und nach dem Ersten Weltkrieg nach, um zum Schluss zu konstatieren, dass die galizische Erdölförderung als Misserfolg endete: „In the oil fields of Galicia we see no progression from the characteristically ‚traditional’ to the stereotypically industrial/modern. There is no progression, only movement.“ (S. 254) Diese pointierte Zurückweisung der Modernisierungsthese stellt für die wirtschaftshistorische Forschung zu Galizien eine Revision der Revision dar, als sie Befunde anderer Arbeiten relativiert, die für das späte 19. Jahrhundert einen begrenzten kapitalistischen Wandel der Gesellschaftsstruktur konstatieren.[5] Frank legt überzeugend dar, dass Strukturen und Handlungen der Akteure die Ursachen für diesen Misserfolg waren. Demnach waren es neben naturräumlichen Faktoren und der weit verbreiteten Armut vor allem die geringe Bedeutung des Petroleums und die informell in den 1860er-Jahren gewährte politische Autonomie, die den langfristigen ökonomischen Erfolg der Erdölförderung in Galizien verhinderten, deren Fördermenge 1909 hinter den USA und Russland weltweit am dritten Platz lag. „Galicia suffered from the juxtaposition of an economy that was widely considered to lag behind industrializing Europe and the early discovery of a resource that predate its discovery just about anywhere else.” (S. 240) Damit kratzt Frank in mehrfacher Hinsicht an Mythen vor allem der polnischen Nationalbewegung: Einerseits war nach Franks Interpretation die aus polnischer Sicht befürwortete Dezentralisierung der Habsburgermonarchie für die gescheiterte Modernisierung Galiziens durch die Erdölförderung mitverantwortlich. Andererseits wird eine übernationale, regionale Allianz aus ruthenischen Bauern, jüdischen Kleinunternehmern und polnischen Magnaten als zentrale Akteurskonstellation ins Bild gerückt, die in den 1860er- und 1870er-Jahren (noch) alle sozialen und ethnischen Differenzen zu überbrücken, jedoch weder Industrialisierung noch Wohlstand zu bringen vermochte. Dieses von einem gemeinsamen Interesse gegenüber dem Wiener Zentrum geleitete Bündnis sicherte sich vorerst die Besitzerechte an den Erdölvorkommen, was in einer unkontrollierten Erschließung des Rohstoffs mündete, die zumeist mit unprofessionellen Mitteln betrieben wurde. Dies schlug sich in den Schlagwörtern „Galician El Dorado, Austrian Sibiria and Galician California“ (S.12) nieder. Diese Bilder entstanden jedoch nicht erst mit dem Erdölboom, sondern haben eine längere Tradition. Bereits 1812 wurde Galizien als „El Dorado“ und „Sibirien“ bezeichnet[6], was auf Galiziens lange Funktion als Rohstofflieferanten hinweist, die sich auch durch den Erdölboom nicht änderte, sondern verstärkte. Bis zur Fertigstellung der staatlichen Erdölraffinerie in Drohobycz 1910 wurde nur ein Viertel des galizischen Rohöls in der Region verarbeitet.[7] Insofern ist Franks Ablehnung der „Kolonialisierungsthese“ für das späte 19. Jahrhundert nicht unbedingt zuzustimmen. Sieht man von der Terminologie ab, macht auch Frank selbst klar, dass der galizische Erdölboom erst durch fremdes Kapital (aus Prag und Wien sowie Frankreich, Deutschland und Nordamerika) ab den späten 1870er-Jahren ermöglicht wurde. Nun erst wurde das zentrale Fördergebiet zwischen Boryław/Boryslav und Drohobycz erschlossen, stieg die Menge geförderten Erdöls rapide an und entstanden zahlenmäßig relevante Arbeitsplätze für die verarmten ländlichen Unterschichten. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass dies eine abhängige Entwicklung darstellte, was auch die von Frank betonte Fragilität der Unternehmensgewinne belegt.

Ob ein anderer Umgang mit dem Rohstoffreichtum zu Wohlstand auf breiter Basis in Galizien geführt hätte, bleibt somit eine offene Frage. Auch zeigt Frank nicht auf, welchen Anteil die Einnahmen aus der Erdölförderung am Wohlstand Galiziens hatten. Streicht Frank im ersten Kapitel („The Land Where Salt and Oil Flowed“, S. 24-47) die Bedeutung der frühen Erdölfunde für die Wirtschaft Galiziens in Summe heraus, fehlt diese Kontextualisierung in den späteren Abschnitten. Dies wird aus Franks Intention verständlich, Galizien als Fallstudie für die Erdölförderung zu betrachten.

Mit der kapitalistischen Organisation der Erdölförderung ging die Ethnisierung der galizischen Gesellschaft einher, die zu den bekannten Spannungen zwischen christlichen und jüdischen Arbeitern führte, während die Unternehmer den Aufbau einer regionalen Industrie zunehmend in nationalen, polnischen Kategorien definierten. Dementsprechend ging die Vision der ersten galizischen Erdölindustriellen um Stanisław Szczepanowski und William Henry MacGarvey, die in den späten 1870er- und frühen 1880er-Jahren mit Kapital und Technologie in die Region kamen, weit über bloße ökonomische Ziele hinaus: „They argued that oil was the carrier of light and progress, part of a civilizing mission that would illuminate Europe’s darkest regions.“ (S. 6) Es gelingt Frank in einem der stärksten Abschnitte ihrer exzellenten Arbeit, mit bekanntem und neuem Material die in Grundzügen aufgearbeiteten Geschichten von MacGarvey und Szczepanowski[8], neu zu erzählen. Dadurch werden nicht nur die internationalen Bezüge ihrer Biografien deutlich (wie etwa jene von der Aktivität Szczepanowskis im British India Office), sondern zugleich der Zusammenhang von Modernisierungsvisionen und polnischer Nationsbildung dargestellt: Für Szczepanowski „modernization was only possible if it was build upon the foundations of a moral revival of the nation“ (S. 104). Dies ermöglicht auch eine neue Lesart von Szczepanowskis berühmtem Werk „Nędza Galicji“, das bis heute prägend für die galizischen Rückständigkeitstopoi ist, nämlich als ein Beitrag zur Konstruktion einer polnischen Nationalität.

Mit dem Zusammenhang von ökonomischen Interessen und nationaler Identität erklärt Frank im letzten Kapitel („A Hotly Disputed Territory. The Struggle for Eastern Galicia, S. 205-236) eindrucksvoll die Dynamik des ukrainisch-polnischen Kampfs in Ostgalizien 1918/19, womit sie dankenswerterweise über das zeitliche Ende von Galizien als politischer Einheit hinausgeht. Dies ist umso wichtiger als das Territorium eine wesentliche Rolle im polnisch-ukrainischen Konflikt spielte und es daher gilt, die Kontinuitäten dieser Entwicklung herauszustreichen. Beide sich neu konstituierenden Nationalstaaten beanspruchten das Ölgebiets um Boryław/Boryslav und Drohobycz für sich als Überlebensgarantie. „The oil fields of Eastern Galicia promised a degree of financial security to both new states, each otherwise sorely lacking financial resources in the aftermath of a devastating war.“ (S. 209) Es gelingt Frank überzeugend den Einfluss dieses Interessenkonflikts auf die Friedensverhandlungen in Paris deutlich zu machen, der letztendlich zugunsten Polens am Schlachtfeld entschieden wurde. Wirtschaftlich handelte es sich dabei jedoch um einen Pyrrhussieg Polens, da die Erdölförderung nach Ende der Kampfhandlungen drastisch zurückging. Hier endet Alison Franks wissenschaftlich wie sprachlich exzellentes Buch, das sich die vielfältigen Auszeichnungen (Austrian Cultural Forum Prize, Barbara Jelavich Book Prize, Orbis Prize for Polish Studies) auf jeden Fall verdient hat.

Anmerkungen:
[1] Z.B. Stauter-Halsted, Keely, The Nation in the Village. The Genesis of Peasant National Identity in Austrian Poland, 1848-1914, London 2001; Struve, Kai, Gentry, Jews and Peasants. Jews as Others in the Formation of the Modern Polish Nation in Rural Galicia during the Second Half of the Nineteenth Century, in: Wingfield, Nancy (Hrsg.), Creating the Other. Ethnic Conflict and Nationalism in Habsburg Central Europe, New York 2003, S. 103-126; ders., Bauern und Nation in Galizien. Über Zugehörigkeit und soziale Emanzipation im 19. Jahrhundert, Göttingen 2005.
[2] Kool, Leslie, Economic Development on the Periphery. A Case Study of East Galicia, Dissertation Temple University 1994; Franaszek, Piotr, Warunki rozwoju galicyjskiego przemysłu naftowego do roku 1914, in: Chłopecki, Jerzy; Madurowicz-Urbańska, Helena, Galicja i jej dziedzictwo. Tom 2: Społeczenstwo i gospodarka, Rzeszów 1995, S.265-279.
[3] Z.B. Buszko, Józef, Zum Wandel der Gesellschaftsstruktur in Galizien und in der Bukowina, Wien 1978; Madurowicz-Urbańska, Helena, Die Industrie Galiziens im Rahmen der wirtschaftlichen Struktur der Donaumonarchie, in: Hanausek, Stanisława; Wyrozumski, Jerzy; Buszko, Józef; Leitsch, Walter; Bruchnialski, Janusz, Studia Austro-Polonica 1, Krakau u.a. 1978, S.157-173.
[4] Fleig Frank, Alison, Austrian El Dorado. A History of the Oil Industry in Galicia, 1853-1923, Cambridge 2001.
[5] Vgl. Buszko, Wandel und Madurowicz-Urbańska, Industrie (wie Anm. 3).
[6] Beispielsweise durch den protestantischen Superintendenten Galiziens Samuel Bredetzky, in seinem Werk „Historisch-statistischer Beytrag zum deutschen Kolonialwesen in Europa, nebst einer kurzen Beschreibung der deutschen Ansiedlungen in Galizien in alphabetischer Ordnung, Brünn bey Joseph Georg Traßler 1812“, S.22, 58, 61.
[7] Landau, Zbigniew; Tomaszewski, Jerzy, Wirtschaftsgeschichte Polens im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 1986, S.73.
[8] Z.B. bei Franaszek, Warunki (wie Anm. 2).

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Veröffentlicht am
05.02.2008
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