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Titel
Fighting Famine in North China. State, Market, and Environmental Decline, 1690s-1990s


Autor(en)
Li, Lillian M.
Erschienen
Stanford, CA 2007: Stanford University Press
Anzahl Seiten
544 S.
Preis
€ 62,74
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Leese, Institut für Sinologie, Ludwig-Maximilians-Universität München

In einem Memorandum an den Kaiserhof resümierte Li Hongzhang, der wohl bedeutendste chinesische Staatsmann des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die großen Anstrengungen der Qing-Kaiser, den periodisch wiederkehrenden Naturkatastrophen und Hungersnöten in der nordchinesischen Tiefebene Einhalt zu gebieten: „Insgesamt wurden in der Qing-Dynastie – während der Herrschaft [der Kaiser] Kangxi, Yongzheng und Qianlong – mehr als 10 Millionen tael in den Ausbau des Flusssystems gesteckt und dennoch konnten Katastrophen nicht verhindert werden.“ (S. 67) Li Hongzhang standen hierbei die Überschwemmungen des Jahres 1871 und die furchtbaren Dürren der späten 1870er-Jahre mit geschätzt rund neun bis 13 Millionen Todesopfern vor Augen.

Wie aber konnte es dazu kommen, dass China, welches im 18.Jahrhundert auch westlichen Beobachtern noch als Idealbild effizienter Herrschaft gegolten hatte, zu Beginn des 20.Jahrhunderts als „Land Of Famine“ (Walter H. Mallory, 1926) wahrgenommen wurde? Lagen die Ursachen im traditionellen Muster dynastischen Niedergangs? Oder resultierten die Katastrophen aus einem malthusianischen Zusammenhang zwischen massivem Bevölkerungswachstum und begrenzter Anbaufläche?

Dies sind einige der zentralen Fragekomplexe, denen sich Lillian Li in ihrer großen, über einen Zeitraum von rund 25 Jahren entstandenen Studie widmet. Am Beispiel der nordchinesischen Provinz Hebei (ehemals Zhili) und des Huaihe-Flusssystems analysiert sie das Zusammenspiel von Naturgewalten und staatlichen Interventionsmaßnahmen zwischen 1700 und der Gegenwart. Das Buch basiert insbesondere für die Qing-Dynastie auf einer sehr breiten archivalischen Quellengrundlage und umspannt eine Vielzahl von Forschungsfragen, die an dieser Stelle nur angerissen werden können.

Einige von Lis Ergebnissen erscheinen auf den ersten Blick kontraintuitiv. So wendet sie sich gegen die These eines dynastischen Niedergangszyklus und postuliert, dass es ausgerechnet die technischen und wirtschaftlichen Erfolge der „aufgeklärten Despoten“ Kangxi, Yongzheng und Qianlong im Bereich des Wasserbaus gewesen seien, die aufgrund der flächendeckenden Begradigung und Eindeichung von Flussläufen die Grundlagen für die Katastrophen des 19. und 20.Jahrhunderts geschaffen hätten. „To a great extent, then, the ecological crisis of the nineteenth century was a product of the very successes of imperial engineering of the eighteenth century, not of its failures.” (S. 73)

Andere Ergebnisse hingegen bestätigen bestehende Forschungsmeinungen. So beschreibt Li für Nordchina plausibel den zunehmenden Druck auf die Anbauflächen durch die wachsende Bevölkerungszahl. Zugleich betont sie aber, dass Hungersnöte kein zwangsläufiges Ergebnis dieses Zusammenhangs darstellten. Durch Variationen der Fruchtfolge, neue Anbausorten und nicht zuletzt staatliche Interventionen und Hilfsleistungen gelang es, mehr Menschen von einer gleichbleibenden Ackerfläche zu ernähren. Eine Intensivierung des Arbeitseinsatzes erzielte hingegen, anders als in den südchinesischen Reisanbaugebieten, keine durchschlagenden Erfolge. Die Darstellung folgt hierbei im Wesentlichen den Grundannahmen, die Mark Elvin in seinem Buch The Pattern of the Chinese Past (1973) als „high-level equilibrium trap“ beschrieben hat. Allerdings wendet Lillian Li hier zu Recht ein, dass es sich eher um eine Gleichgewichtsfalle auf Subsistenzniveau gehandelt habe („low-level equilibrium trap“, S.110).

Zu den innovativsten Passagen des Buches zählt die Analyse von Preisen und Märkten. Anhand von zeitgenössischen Getreidepreis-Statistiken, die für China in historisch einzigartiger Serialität vorliegen, demonstriert Li, dass spätestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts ein nationaler Getreidemarkt existierte (S. 217). Für Nordchina spielten vor allem die Getreidelieferungen über den Kaiserkanal und die Importe aus der Südmandschurei eine entscheidende Bedeutung. Innerhalb der Provinz Zhili hingegen bestanden aufgrund mangelhafter Infrastruktur weiterhin große Hemmnisse für den Warenaustausch und verhinderten die Ausbildung eines integrierten Marktsystems.

Die Qing-Kaiser waren sich der Bedeutung von Marktkräften für die Preisentwicklung bewusst, doch stellte ein freier Markt für sie keinen Selbstzweck dar: „They wished to use market forces to promote the circulation of foods, but when market forces were blocked, they generally did not hesitate to intervene.” (S. 196) Der Staat bediente sich dabei einer breiten Palette an Maßnahmen. Preisstabilität und sozialer Frieden wurden in erster Linie durch die Anlage gewaltiger Getreidespeicher garantiert. Durch den Verkauf von Lagerbeständen zu reduzierten Preisen in Krisenzeiten (pingtiao) sollten Mangelpreise und das Getreidehorten durch Privathändler unterbunden werden. Das Verhältnis von Markt und Staat gestaltete sich allerdings nicht immer planvoll und geordnet. Unterhalb der Ebene staatlicher Regulierung entwickelte sich beispielsweise ein schwunghafter Handel mit den kostenlosen Getreidelieferungen an die überwiegend mandschurische Bannerbevölkerung (S. 149).

Großen Raum in der Analyse nimmt die historische Entwicklung der staatlichen Hilfsleistungen im Katastrophenfall ein. Seit der frühen Qianlong-Ära bestand ein differenziertes Bewertungsschema von Natur- und Hungerkatastrophen, entwickelt vor allem durch Fang Guancheng, welches den Umfang der staatlichen Hilfsleistungen in Form von Suppenküchen und Notunterkünften, Getreidelieferungen oder Geldzahlungen für die Betroffenen festlegte. Das Hauptinteresse des Staates bestand hierbei in der Demonstration der Legitimität des Herrschers, welche sich der Theorie des Himmlischen Mandats zufolge in einem harmonischen Verhältnis von Natur und Mensch widerspiegelte. Konkret zielten die stets lokal ansetzenden Maßnahmen auf die Verhinderung unkontrollierbarer Migrationsbewegungen.

Die im 18. Jahrhundert gesetzten Standards in der Katastrophenhilfe wurden zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch als Ideale proklamiert, aber aufgrund der vielfältigen ökonomischen, ökologischen und politischen Krisen nur selten erreicht. Dennoch blieb der Staat in Nordchina der dominierende Akteur, da finanzstarke Lokaleliten anders als in der Region am Yangzi-Unterlauf weitgehend fehlten. Als neuer Faktor kamen vor allem in der Republikzeit internationale Hilfsorganisationen hinzu. Die Dimension der Naturkatastrophen erreichte dabei vor dem Hintergrund unablässiger Auseinandersetzungen und Kriege ungeahnte Höhen.

Die Darstellung der Entwicklungen in der Volksrepublik China im letzten Kapitel ist etwas weniger quellennah, verweist aber deutlich auf die veränderten politischen Prioritäten unter der Herrschaft Mao Zedongs, der die Ursachen für die Katastrophen im Klassenkampf und der ungleichen Landverteilung suchte (S. 362). Klärungsbedürftig ist bis heute der genaue Kenntnisstand der politischen Führungsspitze während der größten Hungersnot der Weltgeschichte, des „Großen Sprungs nach vorn“ (1958-61). Hier orientiert sich die Darstellung sehr eng an Jasper Beckers Hungry Ghosts. Lillian Li negiert die Erfolge in der Bekämpfung von Armut und Hunger durch die Kommunistische Partei Chinas nicht, aber sie verweist ebenfalls sehr deutlich auf die Schattenseiten der Konzentration auf eine Strategie, welche sie als „food fundamentalism“ (S. 375) bezeichnet: den Vorrang der Befriedigung materieller Bedürfnisse gegenüber politischer Partizipation.

Lillian Li hat mit dieser Studie einen substanziellen Beitrag zur Umweltgeschichte Nordchinas vorgelegt, der vor allem für die Zeit der Qing-Dynastie Maßstäbe setzt.

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Veröffentlicht am
18.08.2009
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