H. Kramer u.a. (Hrsg.): Österreichische Nation

Cover
Titel
Österreichische Nation - Kultur - Exil und Widerstand. In memoriam Felix Kreissler


Herausgeber
Kramer, Helmut; Liebhart, Karin; Stadler, Friedrich
Reihe
Emigration - Exil - Kontinuität
Erschienen
Berlin 2006: LIT Verlag
Anzahl Seiten
362 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Werner Suppanz, Universität Graz

Ein medial wenig beachteter Beitrag zum österreichischen „Gedankenjahr“ 2005 war das Symposium „Das andere und künftige Österreich im neuen Europa“ (24. und 25. Oktober 2005) an der Universität Wien. Gewidmet war es „dem großen Österreicher und Franzosen, dem Intellektuellen und Wissenschaftler Felix Kreissler“ (S. 9) anlässlich seines ersten Todestages. Die Veranstaltung sollte dem Lebenswerk des Germanisten und Historikers Kreissler (1. August 1917 Wien – 24. Oktober 2004 Montreuil) gerecht werden, der 1937 als linker Gegner des Austrofaschismus nach Frankreich emigrierte, sich 1940 der Résistance anschloss und nach seiner Verhaftung schließlich in das KZ Buchenwald kam. Sein Engagement für die französisch-österreichischen Beziehungen nach 1945 fand in der Gründung des Österreich-Zentrums an der Universität Rouen 1970 und der Herausgabe der Zeitschrift „Austriaca“ ab 1975 sichtbaren Ausdruck. In seiner Arbeit behandelte er vehement Themen „wie Antisemitismus, Entnazifizierung, Widerstand, Verfolgung, Migration/Exil, Restitution sowie österreichische Nation/Identität“, die „zugunsten bekannter Klischees vom Wiederaufbau sowie zur ,Stunde Null‘ im Sog der Opferthese als identitätsstiftende große Erzählung“ tabuisiert oder ignoriert wurden (S. 9).

Mit dem Band „Österreichische Nation – Kultur – Exil und Widerstand“ liegen die Beiträge zum genannten Symposium in gedruckter Form vor. Seine Zielsetzung ist „eine Art Bestandsaufnahme zur gesellschaftlichen und kulturellen Situation der Zeit aus zeitgeschichtlicher und politikwissenschaftlicher Perspektive“ (S. 11). Kreisslers Haltung des Widerspruchs gegen eine national-konservative Hegemonie in Politik und Kultur, wie sie in seinen letzten Lebensjahren die 2000 von ÖVP und FPÖ gebildete Bundesregierung repräsentierte, kommt dabei in den Inhalten und Positionen der Beiträge deutlich zur Geltung. Die fünf Schwerpunkte „Österreichische Nation und Identität“, „Österreich nach der ‚Wende‘ 2000“, „Exil, Widerstand und Verfolgung“, „Kultur als subversiver Widerstand“ und „Österreichisches Gedächtnis“ behandeln zentrale geschichtswissenschaftliche und politische Debatten, die auch die Arbeit Felix Kreisslers wesentlich bestimmt haben. Dies soll „in kritischer Auseinandersetzung mit seinen oft provokanten wie produktiven Thesen geschehen“ (S. 11). Den fünf Kapiteln ist ein einleitender Teil vorangestellt, in dem sich zwei Beiträge mit dessen „Leben und Werk“ befassen. Kreissler kommt dabei mit einem 2001 in Rouen gehaltenen Vortrag, in dem er seine Erfahrungen in französischen Internierungs- und deutschen Konzentrationslagern in den Jahren 1939 bis 1945 schildert, selbst zu Wort (S. 49). Die folgenden insgesamt 32, in den fünf Schwerpunkten gebündelten Artikel umfassen ein breites Spektrum an Fragestellungen. Das Thema „Ambivalenzen der österreichischen Nationswerdung“ findet sich darin ebenso wie Beiträge zur Sozial- und zur Medienpolitik nach der „Wende“ 2000, zu gewerkschaftlichem und weiblichem Widerstand gegen Austrofaschismus und Nationalsozialismus, zu „Exilkultur“, zu Fragen der Restitution und zu Kontinuität und Transformation des akademischen Feldes in Österreich nach 1945 gegenüber der NS-Zeit. Das Kapitel „Österreichisches Gedächtnis“, das sich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus beispielsweise hinsichtlich der kollektiven Erinnerung, der NS-Militärjustiz oder der „braunen Flecken“ in der SPÖ befasst, schließt den Kreis mit dem ersten Abschnitt.

Erscheinen die Inhalte dieser Beiträge zunächst disparat, so erschließt sich im Zuge der Lektüre doch die Kohärenz der Themen. Dieser Zusammenhang ergibt sich daraus, dass Bereiche wie beispielsweise Widerstand und Verfolgung in den einzelnen Kapiteln aus unterschiedlichen Kontexten heraus beleuchtet werden, sodass sich eine plausible Vernetzung innerhalb des Bandes ergibt. Angesichts der großen Zahl an Artikeln ist es nicht überraschend, dass manche gelungen und andere inhaltlich oder theoretisch-methodisch problematisch erscheinen. Das Kapitel „Österreichische Nation und Identität“ beispielsweise bietet mit Lonnie Johnsons Text über „Ambivalenzen der österreichischen Nationswerdung“ einen prägnanten und doch differenzierten Überblick über die Formulierung und Durchsetzung der Narrative von der „österreichischen Nation“. Susanne Fröhlich-Steffens Aufsatz „Nation-Building in Österreich“ weist dagegen fragwürdige, bestenfalls ungenaue Feststellungen auf. Der Behauptung „Die österreichische Identität ist im Wesentlichen während der Zweiten Republik entstanden“ (S. 55) lässt sich in Bezug auf eine nationale Identität zwar zustimmen, aber in dieser Pauschalität ist sie einfach falsch. Die sofort folgende Relativierung, dass laut Kreissler die österreichische Nation eine Tradition bis ins 18. Jahrhundert zurück aufweise, bestätigt den Eindruck, dass Identität hier ausschließlich als national verstanden wird, was in der Argumentation zu einem enthistorisierten Nationskonzept führt. Ebenso ist die auf das ausgehende 19. Jahrhundert bezogene Bemerkung „Die nichtdeutschen Volksgruppen identifizierten sich ohnedies kaum mit der Monarchie“ (S. 55) in dieser saloppen Vereinfachung nicht haltbar. Insgesamt erscheint fraglich, ob die zunehmende Propagierung einer exklusiven österreichisch-nationalen Identität der FPÖ, die sich auch als Koalitionspartner akzeptabel machte, als „Versöhnung von Austriazismus und Pangermanismus im Zuge der EU-Mitgliedschaft“ (so der Untertitel) eine adäquate Qualifizierung erfährt.

Kritik ist ausdrücklich am Lektorat anzubringen. Insbesondere dass gleich sechs Aufsätze im Inhaltsverzeichnis einen anderen Titel aufweisen als in den Überschriften zu den Texten selbst, ist ungewöhnlich und wirkt nachlässig. Dieser Eindruck verstärkt sich unter anderem bezüglich des Inhaltsverzeichnisses dadurch, dass in mehreren Titelangaben Bindestriche oder Anführungszeichen fehlen.

Generell ist anzumerken, dass die Lektüre des Buches vor allem ein Desiderat erkennbar macht: Nur wenige Beiträge setzen sich explizit mit wissenschaftlichen und publizistischen Arbeiten Kreisslers auseinander. Die Mehrzahl von ihnen – beispielsweise Anton Pelinkas Artikel über den „Österreich-Patriotismus Felix Kreisslers“ – weist dabei beschreibenden Charakter auf. Eine kritisch-analytische Auseinandersetzung, die Kreisslers Arbeiten kontextualisiert, findet nur ausnahmsweise statt. Daher sind die Texte von Gerhard Botz und Siegfried Mattl hervorzuheben, die genau diesen Zugang wählen. Botz berichtet in erzählerischem Stil über einen „Dialogversuch“ mit Kreissler, mit dem er im Jahr 1990 „eine briefliche Kontroverse“ über Diskurse um die NS-Vergangenheit und die nationale Identität Österreichs führte. Im Zentrum der Debatte stand dabei Botz’ These vom breiten Bevölkerungskonsens zu „Anschluss“ und NS-Regime, der in Kreisslers Österreich-Patriotismus bestenfalls als Ergebnis von Opportunismus und Terror vorstellbar sei (vgl. S. 110). Mattl setzt sich analytisch und theoriegeleitet mit der „schwarz-blauen“ Sozialpolitik und in diesem Kontext mit der „Aktualität von Felix Kreisslers Konzept der ‚Österreichischen Nation‘“ auseinander. Er verortet dessen Ansatz in einem (austro)marxistischen Denksystem, aus dem ein Entwurf der österreichischen Nation resultiere, der die „Vorstellung einer sozialen Staatsbürgerschaft“ mit der „Imagination einer Charaktergemeinschaft“ kombiniert (S. 157). Dieser „historische Kompromiss“, der der Kreisslerschen Argumentation zugrunde liegt[1], bewege sich „im Rahmen einer allgemeinen Modernisierungskonzeption auf nationalstaatlicher Basis“ (S. 161), die im Zuge der Globalisierung zunehmend in Frage zu stellen sei.

Mit einer fundierten Historisierung weist Mattl auf das Erfordernis einer kritischen Verortung des Kreissler’schen Denkens hin. Tatsächlich ist die Analyse der Vorannahmen und empirischen Studien Kreisslers aus aktueller Sicht, insbesondere aus der Perspektive kulturwissenschaftlicher Theoriebildung, noch weitgehend ausständig. So wäre dessen essentialisierende Emphase des Österreichischen, die mit einer entschiedenen Apologie des Nationalbewusstseins einher ging[2], eine explizite Thematisierung wert. Angesichts der europaweit feststellbaren (Re-)Nationalisierung erscheint aus der Sicht des Jahres 2007 Kreisslers Aufruf zu Subversion und Widerstand gegen die Aufgabe der österreichischen nationalkulturellen zugunsten einer europäischen (Einheits-)Identität unbegründet und bringt seine linke Position in eine semantische Nähe zu politischen Strömungen, mit denen er sicherlich nichts gemeinsam haben wollte.[3] Dass eine solche kritische, historisierende Auseinandersetzung mit den Schriften Kreisslers entgegen der einleitenden Ankündigung – abgesehen von den erwähnten Ausnahmen – im Band kaum zu finden ist, ist bedauerlich. Möglicherweise war sie aber bei einer Veranstaltung anlässlich des ersten Todestages Felix Kreisslers auch noch nicht zu erwarten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Kreissler, Felix, Der Österreicher und seine Nation. Ein Lernprozeß mit Hindernissen (= Forschungen zur Geschichte des Donauraumes 5), Wien u.a. 1984, S. 423.
[2] Vgl. ebenda, S. 19, S. 62, S. 463, S. 543.
[3] Vgl. Kreissler, Felix, Kultur als subversiver Widerstand. Ein Essay zur österreichischen Identität, München u.a. 1996, S. 214, S. 231-239.

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Veröffentlicht am
19.09.2007
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