M. Sommer u.a. (Hrsg.): Imaging Vienna

Cover
Titel
Imaging Vienna. Innensichten, Außensichten, Stadterzählungen


Herausgeber
Sommer, Monika; Gräser, Marcus; Prutsch, Ursula
Erschienen
Anzahl Seiten
207 S.
Preis
€ 18,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Payer, Historiker und Stadtforscher, Wien

Bücher über Stadtmarketing boomen. Jede größere Stadt hat mittlerweile PR-Experten für die Vermarktung ihres Images eingesetzt. War die Analyse dessen bisher vor allem eine Domäne der Tourismuswirtschaft und des Marketings, so gehen seit einiger Zeit auch kulturwissenschaftliche Disziplinen der Frage nach der Genese und Konstruktion von Stadtimages nach. [1]

Für Wien liegt nun ein Kompendium vor, das die Ergebnisse einer Tagung präsentiert, die im Jänner 2005 am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) abgehalten wurde. Vorgestellt wird darin das Eigen- und Fremdbild der Großstadt Wien, wie es sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute entwickelt hat. Der Begriff Stadtimage wird dabei verstanden als „die Art und Weise, wie die Menschen die Erfahrungen und die gesteigerte Komplexität des urbanen Lebens individuell und kollektiv fassbar, darstellbar und beschreibbar machen“ (S. 9).

Das Buch bietet eine instruktive Ergänzung zu jenen historischen Forschungen zum Wiener Stadtimage, die bis dato ausschließlich den Bereichen Volkskunde, Stadtgeographie und -psychologie entstammten. [2] Und es ermöglicht eine wertvolle Kontextualisierung lokalhistorischer Imageanalysen, die bisher immerhin für die beiden Wiener Bezirke Donaustadt und Margareten vorliegen. [3]

Zu Wort kommen insgesamt zwölf Autorinnen und Autoren, darunter renommierte Wiener Historiker wie Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner und Siegfried Mattl, die die kulturwissenschaftliche Stadtforschung seit Ende der 1990er-Jahre entscheidend vorantreiben, aber auch die Zeithistorikerin Heidemarie Uhl, der Architekturhistoriker Friedrich Achleitner, die Literaturkritikerin Daniela Strigl oder der Essayist Franz Schuh.

Diesem interdisziplinären Zugang entspricht die Vielfalt der Interpretationsmethoden, die von Diskurs- und Medienanalysen über Oral History bis hin zu persönlichen Erfahrungsberichten reicht; sehr zum Vorteil der Leser, die damit mehrere Möglichkeiten erhalten, in das mitunter schwer operationalisierbare Thema einzusteigen. Der bei der Analyse von Stadtimages immer wieder notwendige Wechsel der Perspektiven zwischen „oben“ und „unten“, zwischen den bildproduzierenden städtischen Eliten und der erlebten Wirklichkeit der Stadtbevölkerung, wird damit – gemäß der Intention der Herausgeber – auf instruktive Weise nachvollziehbar. Zudem schärft das Changieren zwischen Außen- und Innensicht, zwischen „objektiven“ und „subjektiven“ Blicken das Verständnis für die grundsätzliche Problematik des Imagediskurses.

Als Ausgangszeit für die Entstehung moderner Stadtimages wird die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert angesehen, als sich im Gefolge der gewaltigen Urbanisierungsprozesse und einer zunehmenden Metropolenkonkurrenz in ganz Europa spezifische Stadtidentitäten herausbildeten. In Wien begann sich eines jener Hauptimages zu etablieren, das bis heute weltweit rezipiert wird: die Musikstadt. Ursprünglich eng verbunden mit dem Aufstieg des liberalen Bürgertums, wurde die Identität als „Welthauptstadt der Musik“ im Laufe des 20. Jahrhunderts zum Konsens über alle gesellschaftlichen Schichten und politischen Parteien hinweg. Die „Vielfachcodierbarkeit“ der Musik eignete sich in idealer Weise für eine derartige Langzeitstrategie, so die Kulturwissenschaftlerin Martina Nußbaumer, deren detailreiche Analyse inzwischen auch als eigenständige Publikation erschienen ist. [4]

Ein weiterer identifikatorischer Eckpfeiler entstand mit dem sozialdemokratisch regierten „Roten Wien“ der Zwischenkriegszeit, dem sich Wolfgang Maderthaner widmet. Er beschreibt den Beginn dieses in den Vorstädten wurzelnden „gegenkulturellen Experiments“, dessen soziale und kulturelle Errungenschaften zum stadtpolitischen Leitbild avancierten. Mit einer Strahlkraft, die bis heute – nach innen wie außen – wirkt und sich auf paradoxe Weise mit dem spezifisch kleinbürgerlichen Wiener Konservatismus und dessen Sehnsucht nach „Alt-Wien“ vereint.

Als drittes wesentliches Image untersucht Heidemarie Uhl im ausführlichsten Artikel des Buches die Genese von „Wien um 1900“. Sie interpretiert die Stadt als Gedächtnisort im Sinne Pierre Noras und legt dar, wie das „Fin de siècle“-Wien durch Carl E. Schorske Anfang der 1980er-Jahre „entdeckt“ wurde. Diesem externen Erinnerungsanstoß folgte 1985 die groß angelegte interne Selbstdarstellung „Traum und Wirklichkeit. Wien 1870 – 1930“ im Wiener Künstlerhaus, eine Ausstellung, zu der mehr als 600.000 Besucher kamen und die „Wien um 1900“, so Uhl, zu einem Gedächtnisort von „nachgerade ikonischer Qualität“ werden ließ.

Schlüssig erklärt Uhl den Aufstieg dieses Labels und legt zugleich auch einige zentrale Erfolgsmechanismen der Stadtimagebildung dar: das Verblassen bislang identitätsstiftender Gedächtnisorte (in Wien die Türkenabwehr und die Stadt als Bollwerk des christlichen Abendlandes), den Beginn eines global agierenden „city marketings“ (in dem Wien sich rechtzeitig seinen Platz als Geburtsstadt der Moderne sicherte), die Konstruktion eines harmonisierenden, die gegensätzlichen politischen Positionen aufhebenden Stadt-Bildes (in dem die sensiblen Jahre 1934-1938 programmatisch ausgespart bleiben).

Abseits dieser wirkungsmächtigen „Meistererzählungen“ (Marcus Gräser) diskutieren die Autoren auch interessante „Neben-Images“, originelle wie jene des „Fleckerlteppichs“ (im Sinne von Kleinteiligkeit) und der „Geschmackskultur“, aber auch bekannte wie Affinität zu Nekrophilie und Morbidität. Dass es bei all dem nicht immer leicht ist, den Klischees zu entkommen und selbst ein ursprüngliches Gegen-Bild zum Klischee werden kann, auch das wird konsequent reflektiert. Der Mythos von Wien halte einen gefangen, betont Franz Schuh, sobald man über die Stadt als Ganzes nachdenke (S. 183).

Die Macht der stereotypen Wien-Bilder zeigt sich nicht zuletzt bei jenen Personen, die 1938 emigrieren mussten. Wie Ursula Prutsch in ihrem auf Interviews basierenden Artikel belegt, waren es gerade die klassischen Highlights wie Stephansdom, Karl-Marx-Hof oder Wiener Musik, die von den Emigranten imaginiert und gepflegt und nach deren Rückkehr zum Teil auch wieder reimportiert wurden. Wodurch sich die bestehenden Klischees tendenziell weiter verstärkten.

Ungeachtet der Vielzahl an erörterten Wien-Images und des von den Herausgebern sicherlich nicht gestellten Anspruchs auf Vollständigkeit ist anzumerken, dass einige wichtige Stadtimages gar nicht erwähnt oder nur gestreift werden. So wird zwar mehrmals auf die Bedeutung des retrospektiven Blicks auf „Alt-Wien“ hingewiesen, ein eigenes Kapitel dazu wäre aber jedenfalls lohnend gewesen, wie die gleichnamige Ausstellung im Wien Museum samt dazugehörigem Katalog gezeigt hat. [5] Auch die für die Zeit nach 1945 wichtigen Leitbilder „Weltstadt“ und „Umweltmusterstadt“ wären eine nähere Untersuchung wert. [6] Sicherlich bereichernd wäre auch ein Beitrag der Stadtgeographie gewesen, die gerade in jüngster Zeit ihre Imageforschung vorangetrieben hat. [7]

Wohltuend ist die stilistische Breite der einzelnen Artikel, die – durchwegs gut lesbar – von essayistisch bis wissenschaftlich, von deskriptiv bis analytisch reicht. Etwas ärgerlich sind lediglich einige Ungenauigkeiten im Anmerkungsapparat, dem ein etwas sorgfältigeres Korrektorat gut getan hätte. Durchaus instruktiv wäre zudem eine ausführlichere Bebilderung des Buches gewesen. So hätten sich beispielsweise Ansichtskarten als ideale Bildmedien zur historischen Analyse des Stadtimages angeboten.

Abgesehen von derartigen Mankos, die an dieser Stelle nicht überbewertet werden sollen, bleibt zusammenfassend festzustellen, dass es sich bei dem Buch um ein spannend zu lesendes, differenziert argumentierendes Werk handelt, dem das Verdienst gebührt, den Imagediskurs in adäquater wissenschaftlicher Komplexität in die Wiener Stadtforschung eingebracht zu haben. Nicht zuletzt macht es einem bewusst, wie jung manche Wiener Stadtimages eigentlich erst sind, die man in der persönlichen Empfindung als weit älter (um nicht zu sagen „naturgegeben“) eingeschätzt hätte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu u.a. Stadtbilder und Stadtrepräsentation, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte (IMS) 1 (2005).
[2] Bockhorn, Petra, „Wien ist keine Stadt wie jede andere“. Zum aktuellen Wien-Bild in deutschsprachigen Reiseführern, Frankfurt am Main u.a. 1997; Fassmann, Heinz; Hatz, Gerhard, Wien verstehen. Wege zur Stadt, Wien 2004, S. 205ff.; Ehmayer, Cornelia, Das Wesen von Wien. Stadtpsychologisches Forschungsprojekt, Wien 2003 (download unter http://www.ehmayer.at/download/wesenwien.pdf).
[3] Peschel-Wacha, Claudia, „Lebensbezirk Donaustadt“. Zur Imagebildung eines Wiener Gemeindebezirks, in: Bockhorn, Olaf; Dimt, Gunter; Hörandner, Edith (Hrsg.), Urbane Welten. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz, Wien 1999, S. 143-160; Ruttner, Luise Paula, Imageanalyse einer Stadt und ihrer Stadtteile, phil. Dipl.-Arb., Wien 2005.
[4] Nußbaumer, Martina, Musikstadt Wien. Die Konstruktion eines Images, Freiburg im Breisgau u.a. 2007 (vgl. Rezension in H-Soz-u-Kult, 01.08.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-081>).
[5] Kos, Wolfgang; Rapp, Christian (Hrsg.), Alt-Wien. Die Stadt, die niemals war (= Katalog zur 316. Sonderausstellung des Wien Museums), Wien 2004.
[6] Vgl. dazu Payer, Peter (Hrsg.), Sauberes Wien. Stadtreinigung und Abfallbeseitigung seit 1945, Wien 2006.
[7] Weichhart, Peter; Weiske, Christine; Werlen, Benno, Place Identity und Images. Das Beispiel Eisenhüttenstadt, Wien 2006.

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Veröffentlicht am
07.11.2007
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