P. Helas u.a. (Hrsg.): BILD/GESCHICHTE

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Titel
BILD/GESCHICHTE. Festschrift für Horst Bredekamp


Herausgeber
Helas, Philine; Polte, Maren; Rückert, Claudia; Uppenkamp, Bettina
Erschienen
Berlin 2007: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
589 S., 126 SW- u. 11 Farbabb.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Jäger, Universität zu Köln

Nimmt man die Festschrift für den Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp in die Hand, fallen beim flüchtigen Blättern zuerst kleine Schwarz-Weiß-Fotografien auf, die eine Person bei sportlicher Betätigung zeigen. Diese Fotos, die sich jeweils unten rechts auf den Trennblättern befinden, die die sechs Abschnitte voneinander absetzen, zeigen bei genauerem Hinsehen niemand anderes als den Jubilar beim Fußballspiel. Man fragt sich, ob Bredekamp den Ball im Tor versenken wird, auf den er von Abschnitt zu Abschnitt so dynamisch zuspurtet. Die Leser könnten meinen, dass ein Anlauf mit dem Abschluss eines Schusses dargestellt wird. Die Herausgeberinnen lassen das erwartete Ereignis aber nicht eintreten. Und damit ist man bereits mitten in kunst- und bildwissenschaftlichen Fragen angelangt: Welche mediale Form von Repräsentation wurde gewählt? Wie ist die dargestellte Person inszeniert? Welche ikonographischen und ikonischen Bezüge werden aufgerufen? Die Serialität der Bilder wird von den Betrachtern (sofort) zu einer erzählerischen Einheit versponnen; Assoziationen zur Sportberichterstattung in den Bildmedien werden geweckt und dadurch Fragen zur Körperinszenierung im Sport provoziert. Der Kunstgriff, dass die dargestellte Person als Horst Bredekamp identifizierbar ist, verdeutlicht, dass diese Fragen an die Bilder auch auf kunst- und bildwissenschaftlicher Ebene mit dem Dargestellten zu verknüpfen sind. Immerhin ist Fußball, bzw. der frühneuzeitliche Fußball (Calcio) in Florenz, einer der von Bredekamp ausführlich untersuchten Gegenstände. Dass er auch praktisch mit einem Ball umzugehen weiß, zeigen spätestens die Bilder.

Die Festschrift BILD/GESCHICHTE, die zu Bredekamps 60. Geburtstag erschienen ist, vereint 50 meist kürzere Beiträge, die in sechs Abschnitte gegliedert sind. Im ersten Abschnitt geht es um das Selbstverständnis der Kunstwissenschaft („Disziplinäre Perspektiven“). Die folgenden Abschnitte sind thematischer Art und befassen sich mit den vielfältigen Aspekten der Beziehungen von Gesellschaften zu Bildern und ausgestellten Objekten („Vernetztes Wissen“, „Bild und Erkenntnis“, „Transformationen“, „Bild-Politik“, „Selbstbilder in Kunst und Wissenschaft“). Unter den Autoren finden sich zahlreiche bekannte Namen, etwa Hans Belting, Andreas Beyer, Gottfried Boehm, Hartmut Böhme, Hubert Burda, Friedrich Kittler, Thomas Macho, Ulrich Raulff, Barbara Stafford und Monika Wagner, um nur einige zu nennen. Die Themen spiegeln nicht allein Bredekamps vielfältige Forschungsinteressen wider. Sie berühren eine außerordentliche Breite an Medien und Epochen der europäischen Kunstgeschichte.

Wenn man so will, kann die Festschrift als ein Querschnitt der gegenwärtigen Kunstwissenschaft gelesen werden. Dabei finden traditionelle Interessen der Kunstgeschichte an Italien und der Renaissance ebenso ihren Ausdruck wie kunst- und bildwissenschaftliche Fragen nach der Bedeutung visueller Kommunikation unter jeweils spezifischen kulturellen und politischen Bedingungen. Hierbei werden die unterschiedlichsten Bildmedien einbezogen: Tafelbilder (Beiträge von Matthias Winner und Adam Labuda), Fresken (Marilyn Aronberg Lavin), der Holzschnitt (Jürgen Müller), die Skulptur (Thomas W. Gaethgens), aber auch Fahnen (Frank Fehrenbach), Festarchitektur (Elisabeth Kieven) oder Ausstellungen (Werner Busch, Monika Flacke) und Objekte (Monika Wagner). Untersucht werden auch Fragen nach dem Bild in wissenschaftlichen Kontexten (Barbara Stafford, Hans Belting), als fotografische Ikone (Gerhard Wolf) oder im Film (Thomas Macho). Aus ganz unterschiedlichen Perspektiven geht es darum, wie Bilder aktiv in kulturelle oder politische Prozesse eingreifen. Selbstverständlich werden ikonographische Beziehungen und mediale Austauschprozesse berücksichtigt.

Die Leser werden geradezu aufgefordert, in dem Band hin- und herzuspringen und Bezüge herzustellen. Den Überbau liefern die einleitenden Beiträge, welche die Debatten und die Selbstverortung der Disziplin nachvollziehen lassen. Hier sei nur derjenige Susanne von Falkenhausens erwähnt, weil er knapp auf die disziplinären „Verwandtschaftsverhältnisse“ zwischen Kunstgeschichte, Visual Culture und Bildwissenschaft eingeht. Dabei wird die scheinbare Sehfeindlichkeit französischer Philosophie allerdings stärker hervorgehoben als notwendig (S. 8). Klar wird auf jeden Fall, woran sich die modernisierte, aber der „traditionellen“ Kunstgeschichte weiterhin verpflichtete Disziplin reibt.

Wollte man alle im Band angesprochenen Zugänge und Themen vorstellen, liefe das tatsächlich darauf hinaus, einen erheblichen Ausschnitt der gegenwärtigen kunstwissenschaftlichen Forschung anzusprechen. So zeigen sich die transdisziplinären Aspekte der Kunstwissenschaft besonders deutlich, da sie kaum mehr auf die Frage nach „Kunst“, sondern stärker auf die Frage nach dem Bild in der Kultur ausgerichtet sind. Dies ist ein wichtiger Aspekt der Festschrift, denn ohne Zweifel gehören Bredekamp und der Kreis seiner Schülerinnen und Schüler zu den einflussreichen Akteuren der Kunstwissenschaft – zumindest der deutschsprachigen. Den eigenen Themenbereich auszudehnen, ohne die eigene Identität als Fach aufzugeben, ist eine Herausforderung, der sich alle Geisteswissenschaften (und nicht nur diese) zu stellen haben.

Die erweiterte Kunstgeschichte, wie sie sich in der Festschrift präsentiert, ist in weiten Teilen eben auch eine historisch arbeitende Disziplin. Es erstaunt aber immer wieder, dass gerade zwei eng verzahnte Disziplinen wie Kunstgeschichte und Geschichte ihre verschiedenen Erkenntnisinteressen nicht als so fruchtbringend wahrnehmen, wie sie sein könnten, obwohl oftmals gleiche Gegenstände bearbeitet werden. Über Bilder in der Kultur nachzudenken ist auch Aufgabe einer Geschichtswissenschaft, die mit einem weiteren Kulturbegriff arbeitet. Sie kann daher die Bedeutung des Visuellen in der Gesellschaft nicht ignorieren. Doch ergibt sich daraus gleichzeitig, dass sie nicht nur eine Bildkompetenz erarbeiten, sondern vermehrt in den Dialog mit den Nachbardisziplinen eintreten sollte und kann. Das gilt umgekehrt aber auch für die Kunstgeschichte, weil Kultur und Gesellschaft und damit der gesamte Bereich des Visuellen grundsätzlich historisch verwurzelt sind. Die Festschrift BILD/GESCHICHTE zeigt Anknüpfungspunkte für einen Dialog.

Etwas überspitzt formuliert lässt sich der Band nämlich als eine Art Reader charakterisieren, der in das Forschungsfeld Kunst-/Bildwissenschaft einführt, wobei die vorrangige fachliche Perspektive diejenige der modernen Kunstgeschichte ist. Dabei ging es den Herausgeberinnen offensichtlich nicht darum, die jeweiligen Themen oder Gegenstände erschöpfend zu behandeln, sondern eher darum, durch knappe Beiträge ein möglichst breites Feld abzustecken. So gibt es zwar sehr gelehrte Abhandlungen, wie diejenige von Hartmut Böhme über Miniaturen in einem spätantiken/frühmittelalterlichen Codex, aber beispielsweise auch kritische Überlegungen zur Praxis musealen Bildgebrauchs (Monika Flacke) und Erläuterungen eines architektonischen Konzepts durch den Architekten selbst (Jörg Friedrich).

Insgesamt entsteht bei der Lektüre des Bandes der Eindruck einer vitalen Disziplin, die sich neue Felder erschließt, während die alten Felder noch immer fruchtbar beackert werden können. Im letzten Textbeitrag betont die „ZEIT“-Autorin Petra Kipphoff genau diese Kombination als besondere Fähigkeit Horst Bredekamps. Damit ruft sie den Lesern gleichzeitig wieder in Erinnerung, dass sie es mit einer Festschrift zu tun haben. Allerdings haben die Herausgeberinnen auf eine erschöpfende Bibliographie der Werke des Jubilars verzichtet, was einige Leser und Leserinnen sicher vermissen werden, ebenso wie ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren. Aufgabe einer Festschrift ist es bekanntlich, dem Geehrten Respekt entgegenzubringen, seine Leistungen zu würdigen und seine Fragen produktiv weiterzuführen. Der vorliegende Band leistet dies auf eine unaufdringliche Art.

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Veröffentlicht am
04.10.2007
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