C. Burgess u.a. (Hrsg.): The Parish in Late Medieval England

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Titel
The Parish in Late Medieval England. Proceedings of the 2002 Harlaxton Symposium


Herausgeber
Burgess, Clive; Duffy, Eamon
Reihe
Harlaxton Medieval Studies 14
Erschienen
Donington 2006: Shaun Tyas
Anzahl Seiten
XI, 420 S.
Preis
£ 49.50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Enno Bünz, Historisches Seminar der Universität Leipzig

Von Deutschland einmal abgesehen wird die mittelalterliche Pfarrei in keinem anderen europäischen Land so intensiv wie in England erforscht. In beiden Ländern gehen dabei seit langem die wesentlichen Impulse nicht von Kirchen-, sondern von Mittelalter- und Frühneuzeithistorikern aus. Die Pfarrei erweist sich als komplexes Gebilde, das keineswegs nur in institutionen- oder verfassungsgeschichtlicher Sicht von Interesse ist, sondern auch die Sozialgeschichte des Klerus[1], die Frömmigkeitsgeschichte und die Rolle der Laien mit einschließt. Dabei wirken in Deutschland wie in England recht unterschiedliche Forschungstraditionen. Für kein anderes Land gibt es so viele gründliche regionale Untersuchungen über die Kirchenorganisation und mittlerweile auch über die personelle Zusammensetzung des Pfarrklerus, wie für Deutschland.[2] Dafür hat sich die Forschung in England viel intensiver der Pfarrei als Schnittstelle von Kirche und Welt zugewandt und dabei auch unerwartete Einblicke in das Innenleben dieser Institution, den kirchlichen Alltag eröffnet. Davon legen die Beiträge des hier zu besprechenden Bandes, der die Ergebnisse eines 2002 in Harlaxton veranstalteten Symposiums vereint, eindrucksvoll Zeugnis ab.

Den beiden Herausgebern, die durch bedeutende einschlägige Monografien und Editionen ausgewiesen sind [3], ist es gelungen, durchweg renommierte Fachleute zu gewinnen, die neue Forschungsergebnisse vorlegen. Die 18 Aufsätze wurden zu vier Themengruppen zusammengefasst, wobei allerdings an die Bemerkung der Herausgeber im Vorwort zu erinnern ist, dass angesichts der Komplexität der Pfarrei thematische Überschneidungen unvermeidbar sind. Der erste Themenbereich – ‚Parish and Community’ – ist der umfangreichste des Bandes und wird von einer breit angelegten Einführung des Herausgebers Clive Burgess eröffnet. Hier stehen die institutionellen und organisatorischen Rahmenbedingungen des kirchlichen Lebens im Mittelpunkt: zunächst die Pfarrrechte der weltgeistlichen Domkapitel (David Lepine), dann die Pfarreien monastischer Gemeinschaften (Martin R. V. Heale), schließlich die Kapellen unterhalb der parochialen Ebene (Nicholas Orme). Eine wichtige Schnittstelle von Kirche und Welt innerhalb der Pfarreien bilden bekanntlich die Kirchenfabriken deren Güter und Einkünfte von Laien verwaltet wurden und die deshalb im Kontext der Gemeindebildung eine bedeutende Rolle spielten (Beat Kümin). Wie der Beitrag über Pfarreisiegel und Bruderschaftssiegel im spätmittelalterlichen England auch anhand sehr guter Abbildungen deutlich macht (Elizabeth New), ist diese lohnende Thematik in England wie in Deutschland noch kaum erforscht.[4] Hier knüpft thematisch eine Fallstudie über die Bruderschaft Mariä Verkündigung in Walsingham an, die in ihrer Struktur und Funktion, aber auch in ihrer Einbindung in die Zeitverhältnisse – Walsingham conspiracy 1537 – dargestellt wird (Ken Farnhill).

Ein zweiter Themenbereich ist ‚Priests and Services’ überschrieben. In drei Aufsätzen wird die wirtschaftliche Bedeutung des Pfarrbenefiziums herausgearbeitet (Robert Swanson), die angesichts der Ausstattung der Kirchenfabrik zumeist unterschätzt wird, die Aussagekraft einer Predigtsammlung (The Festial) für das Verhältnis von Pfarrer und Gemeinde interpretiert (Susan Powell) und die Frage, wie die mittelalterliche Pfarrkirche klang, aus musikgeschichtlicher Sicht in einem auch aufgrund von Abbildungen liturgischer Handschriften besonders umfangreichen Aufsatz, einer Antwort näher gebracht (Magnus Williamson). Der Beitrag ist in gleicher Weise für die Liturgiegeschichte wichtig und reicht bis in die Reformationszeit hinein.

Eine weitere Gruppe von sechs Beiträgen untersucht den Bereich der ‚Lay Activity’: hier geht es zunächst um das Verhältnis des Adels zur Pfarrei (Nigel Saul), das sich nicht zuletzt in Stiftergräbern in den Kirchen manifestiert, dann um die Laienbegräbnisse in mittelalterlichen Pfarrkirchen, mit konkreten Ergebnissen für St Michael, Crooked Lane, in London (Nicholoas Rogers). Beide Beiträge sind reich illustriert. In einer Fallstudie werden für die Pfarrei St Mary`s in Mildenhall – im Fenland zwischen Cambridge und Boston gelegen – die Kirchenrechnungen und Testamente aus dem Zeitraum 1443–1520 ausgewertet (Judith Middleton-Stewart); in welcher deutschen Dorfpfarrei wäre eine solche Untersuchung möglich? Kein einziges Beispiel könnte ich aus dem deutschsprachigen Raum für weibliche Kirchenpfleger nennen; für England im späten Mittelalter gibt es ansehnliche Belege, vielfach von Frauen, die das Amt ihrer verstorbenen Männer fortsetzten (Kathrin L. French). Laien waren selbstverständlich auch in geistliche Schauspiele einbezogen, die beispielsweise an Ostern aufgeführt wurden, wie ein weiterer, geografisch breit angelegter Beitrag deutlich macht (Alxandra F. Johnston). Das Thema ist jüngst auch von der deutschen Forschung wiederentdeckt worden.[5] Wenig untersucht wurde bislang, welche Bedeutung karitative Bemühungen um Arme und Kranke in den Pfarreien hatten (Peregrine Horden).

Der letzte Themenkomplex ist mit ‚Reformation’ überschrieben. Auch wenn sich die anglikanische Kirche bis heute als reformierte Kirche im katholischen Gewand präsentiert, kann doch nicht übersehen werden, dass die Reformation in England für die Pfarreien einen dramatischen Einschnitt markiert. Dass sich auch in den Pfarreien Anfang des 16. Jahrhunderts Unzufriedenheit der Laien aufstaute, sich in Antiklerikalismus entladen konnte und an ältere Argumentationsmuster anknüpfte, wird in einem auch die Forschungsgeschichte breit resümierenden Beitrag dargestellt (Peter Marshall). Der Einschnitt lag in England später als in Deutschland, nämlich Mitte des 16. Jahrhunderts, als das Kircheninventar verzeichnet wurde, das dann größtenteils der Vernichtung anheimfiel (Eamon Duffy).

Den sorgfältig ausgestatteten, vor allem aber inhaltlich sehr ertragreichen Band erschließt ein Personen- und Ortsregister. Neuerlich wird mit diesem Buch die Leistungsfähigkeit der englischen Geschichtswissenschaft auf dem Gebiet der Pfarreigeschichte deutlich. Die Aufsätze zeugen durchweg von großer Sachkenntnis und beruhen auf breiter Quellengrundlage. Wer die mitteleuropäischen und die englischen Verhältnisse vergleicht, wird offenkundige Gemeinsamkeiten und signifikante Unterschiede feststellen. Noch wichtiger dürften aber die vielfältigen methodischen Anregungen sein, welche die englische Pfarreiforschung zu bieten hat. Das spätmittelalterliche Inventar der englischen Pfarrkirchen ist zwar größtenteils im 16. Jahrhundert untergegangen, die Pfarrarchive scheinen hingegen umso reichhaltiger bestückt zu sein. Oder hat sich in Deutschland nur noch niemand um diese Überlieferung gekümmert, die bloß von lokal- oder – schlimmer noch – heimatgeschichtlichem Interesse zu sein scheint? Die englische Forschung beschäftigt sich konsequent mit dem Innenleben der Pfarreien, diesen Mikrokosmos, dem letztlich kein Christ im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit wirklich entkommen konnte. Die Pfarrei war eben der christliche Erfahrungshorizont für die Masse der Menschen in der Vormoderne. Grund genug, sich näher mit dieser Welt zu beschäftigen.

Anmerkungen:
[1] Lang, Peter Thaddäus, Neuere Tendenzen in der englischen Klerusforschung. Ein Bericht, in: Historisches Jahrbuch 102 (1982) S. 468-476.
[2] Bünz, Enno, Die mittelalterliche Pfarrei in Deutschland. Neue Forschungstendenzen und -ergebnisse, in: Kruppa, Nathalie; Zygner, Leszek (Hrsg.), Pfarreien im Mittelalter. Deutschland, Polen, Tschechien und Ungarn im Vergleich, , Göttingen 2008, S. 27-66.
[3] Duffy, Eamon, The Stripping of the Altars: Traditional Religion in England c. 1400–c. 1580, New Haven 1992; ders., Marking the Hours. English People and their Prayers 1240–1570, New Haven 2006; Burgess, Clive (Hrsg.), The Pre-reformation Records of All Saints’, Bristol, 3 Bände, Stroud 1995–2004.
[4] Siehe jetzt als ersten Versuch Bünz, Enno, Spätmittelalterliche Pfarrei- und Pfarrersiegel, in: Signori, Gabriela (Hrsg.): Das Siegel. Gebrauch und Bedeutung, Darmstadt 2007, S. 31-43. Vgl. dazu die Besprechung in H-Soz-u-Kult, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-081> (30.04.2008).
[5] Freise, Dorothea, Geistliche Spiele in der Stadt des ausgehenden Mittelalters. Frankfurt – Friedberg – Alsfeld, Göttingen 2002. Vgl. dazu meine Besprechung in: H-Soz-u-Kult, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=1984> (27.09.2005).

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17.09.2008
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