M. Rasch u.a. (Hrsg.): Anfänge und Auswirkungen der Montanunion

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Titel
Anfänge und Auswirkungen der Montanunion auf Europa. Die Stahlindustrie in Politik und Wirtschaft


Herausgeber
Rasch, Manfred; Düwell, Kurt
Erschienen
Anzahl Seiten
192 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Krebs, RWTH Aachen

Der hier besprochene Sammelband fasst Beiträge eines Symposiums zusammen, das anlässlich des Auslaufens der Montanunions-Verträge im Juli 2002 in Düsseldorf stattfand. Die anderthalbtägige Konferenz wurde in Kooperation der Wirtschaftsvereinigung Stahl mit dem ThyssenKrupp Archiv, dem Stahlinstitut VDEh und dem Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Landesgeschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf veranstaltet. Erklärtes Ziel war es, zwischen Praktikern und Forschern, Vertretern der Stahlindustrie und Historikern, einen Dialog anzuregen.[1]

Der größte Teil der Düsseldorfer Vorträge liegt jetzt in gedruckter Form vor. Darunter finden sich acht Aufsätze von Historikern, die durch den Beitrag eines Vertreters der Stahlindustrie sowie die Transkription eines Zeitzeugenberichts von Fritz Hellwig, dem ehemaligen Vizepräsidenten der EWG-Kommission, ergänzt werden. Einige Vorträge fehlen leider – als Technikhistoriker bedauert der Rezensent insbesondere das Fehlen von Ulrich Wengenroths Vortrag über die Auswirkungen der Montanunion auf die technische Entwicklung –, darüber hinaus wurde die Anordnung der Texte gegenüber dem Tagungsablauf leicht geändert. Der von Manfred Rasch und Kurt Düwell herausgegebene Sammelband gliedert sich in zwei Bereiche: In einem ersten Teil wird die Geschichte der Montanunion aus unterschiedlichen nationalen Perspektiven beleuchtet, der zweite Teil widmet sich den deutschen „Gründervätern“ der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS).

Der Schwerpunkt des Bandes liegt zweifelsohne auf dem ersten Teil und dort speziell auf der Gründungszeit der Montanunion. Neben den sechs Gründerstaaten werden auch Großbritannien und Österreich miteinbezogen. Einer Leitfrage gehen alle Autoren nach, nämlich inwiefern die verschiedenen Akteure in den einzelnen Ländern auf den Schuman-Plan vorbereitet gewesen seien. Dabei zeigen die verschiedenen Beiträge anschaulich, dass eigentlich in allen beteiligten Staaten bereits Vorüberlegungen in Richtung einer europäischen Kooperation auf dem Eisen- und Stahlsektor angestellt worden waren. Am weitesten gediehen waren entsprechende Überlegungen in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden, die mit der Belgo-Luxembourg Economic Union (1921) und der Zollunion der Benelux (1944) bereits erste zwischenstaatliche Wirtschaftsabkommen geschlossen hatten. Aber auch in den anderen Ländern gab es Vorüberlegungen unterschiedlichster Art, die zum Teil bis in die Zwischenkriegszeit zurückreichten. Die Spannbreite der ins Auge gefassten Projekte reichte jedoch von einer Neuauflage der länderübergreifenden Produktions- und Verkaufskartelle der Vorkriegszeit bis zur Etablierung supranationaler Zusammenschlüsse. Die einzelnen Beiträge der Sektion zeigen deutlich, dass die Gründungsinitiative für die Montanunion auf bereits bestellten Boden fiel. Zwar kam der Vorstoß Robert Schumans am 9. Mai 1950 in seiner konkreten Form durchaus überraschend, aber die generelle Linie der vorgeschlagenen Kooperation auf dem Eisen- und Stahlsektor war bereits von verschiedenen Seiten vorgedacht worden – wohl ein Grund für den schließlich erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen zur Gründung der EGKS.

Ein weiteres Moment für den Erfolg der Gründungsverhandlung lag im größeren politischen Kontext – Kalter Krieg und Westeinbindung der Bundesrepublik –, der für den Aachener Emeritus Klaus Schwabe sowohl in Frankreich als auch in der Bundesrepublik letztlich den Ausschlag zugunsten des Schuman-Plans gab. Auch die anderen Autoren verweisen darauf, dass für die beteiligten Regierungen die Montanunion in erster Linie ein politisches Projekt war und erst danach ein wirtschaftliches. Aufgrund des erkennbaren politischen Willens war auch den Vertretern der Eisen- und Stahlindustrie von Anfang an klar gewesen, dass der Schuman-Plan in die Gründung einer Montanunion münden würde. Es ging ihnen demnach vornehmlich darum, die zu vereinbarenden Regelungen durch Stellung- und direkte Einflussnahmen möglichst zu ihren eigenen Gunsten mitzugestalten. Aus Sicht der Stahlindustriellen oszillierte die Diskussion um die Etablierung eines gemeinsamen Eisen- und Stahlmarktes zwischen staatlichem Dirigismus oder weitestgehendem Marktliberalismus. Wobei in Frankreich und Italien erstere Position auf größere Zustimmung stieß, während besonders die deutschen Stahlindustriellen jeglichen staatlichen Dirigismus vehement ablehnten – dies jedoch aus einer relativen Position der Stärke, war die deutsche Stahlindustrie doch trotz Kriegsschäden, Reparationen und Einflussnahmen der Besatzungsbehörden international konkurrenzfähig. Der genaue Einfluss der verschiedenen pressure groups auf die Verhandlungen beziehungsweise das Verhandlungsergebnis kommt dabei leider in den einzelnen Länderdarstellungen ein wenig zu kurz – hier besteht noch Forschungsbedarf.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der EGKS-Verträge in allen beteiligten Staaten wurden von den Autoren insgesamt positiv bewertet. Dabei hätten, so René Leboutte und Ruggero Ranieri in ihren Beiträgen, besonders die Niederlande und Italien von der EGKS profitiert: Beiden Ländern gelang im Schoße der Montanunion der Aufbau einer modernen, wettbewerbsfähigen Stahlindustrie, die vor allem auf große, an den Küsten gelegene Hüttenwerke setzte. Zwischen 1952 und 1973 – für Werner Bührer die „Schönwetterperiode“ (S. 179) der Montanunion – verzeichneten aber alle sechs Stahlindustrien beeindruckende Wachstumsraten. Die Bilanz der Krisenjahre fällt dagegen gemischter aus: Zwar hielt sich die Hohe Behörde mit dirigistischen Eingriffen auffallend zurück und selbst die deutschen Stahlindustriellen mussten zugeben, dass es ohne die dirigistisch-regulatorischen Instrumente der Montanunion „heute schon keine deutsche Stahlindustrie mehr [gäbe]“ (S. 188). Bührer resümiert folgerichtig, dass die Montanunion selbst aus Sicht der deutschen Wirtschaft zweifelsohne mehr Licht als Schatten hervorgebracht habe.

Der zweite Teil widmet sich den deutschen „Gründungsvätern“ der Montanunion: Kurt Düwell spürt in seinem Beitrag der Frage nach, warum Jean Monnet, der Architekt der EGKS, den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Karl Arnold 1953, nachdem die Hohe Behörde bereits ihre Arbeit aufgenommen hatte, als „Vater der Montanunion“ (S. 140) begrüßte. Zur Beantwortung verweist Düwell zum einen auf die zentrale Rolle Nordrhein-Westfalens, da durch den Wegfall Schlesiens und den ungeklärten Status des Saarlandes praktisch die gesamte deutsche Eisen- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet lag. Zum anderen kam Arnold eine besondere Rolle zu, da er als erster politischer Akteur einen internationalen Zusammenschluss der deutsch-französischen Eisen- und Stahlindustrie in seiner Neujahrsansprache 1949 öffentlich angedacht hatte. Wobei ihm ein „völkerrechtlicher Zweckverband auf genossenschaftlicher Grundlage“ (S. 137) vorschwebte, der sich noch nicht auf der Ebene einer supranationalen Behörde bewegte. Hieran anschließend charakterisiert Günther Schulz in seinem Aufsatz Konrad Adenauer als einen „gewieften Mitakteur“ (S. 156), der zwar die Urheberschaft der EGKS nicht für sich beanspruchen konnte, aber keineswegs so unvermittelt von Schumans Vorschlag überrascht wurde, wie er es in seinen Erinnerungen darstellte. Vielmehr sei er auf einen solchen Plan durchaus vorbereitet gewesen, habe Adenauer doch selbst schon in der Zwischenkriegszeit ähnliche Überlegungen angestellt. Für die Reaktionen auf den konkreten französischen Vorschlag vom Mai 1950 stellt Schulz sehr anschaulich die Handlungsspielräume und handlungsleitenden Interessen Adenauers heraus.

Wie die beiden Herausgeber im Vorwort betonen, beabsichtigt der vorliegende Band nicht, die Geschichte der Montanunion umfassend aufzuarbeiten (S. 7). Stattdessen bietet er eine solide und informative Zusammenschau des geschichtswissenschaftlichen Forschungsstandes zur Geschichte der EGKS. Was nicht weiter verwundert, sind doch fast alle Autoren ausgewiesene Experten für die Geschichte der Montanunion.[2] Erfreulich sind die Blicke über die Gründungsjahre hinweg, die einige der Beiträge werfen. Besonders die Geschichte der Krisenjahre der Montanunion, die mit dem Niedergang der europäischen Stahlindustrie Ende der 1970er-Jahre einsetzten, verspricht für die kommenden Jahre, wenn viele Archivfristen ablaufen, noch eine Reihe interessanter Forschungsprojekte. Wer entsprechende Anregungen sucht, wird in den einzelnen Beiträgen sicher fündig werden. Als Überblick beziehungsweise Einführung in die Geschichte der Montanunion wird der Sammelband den selbst gesteckten Zielen gerecht. Allerdings wäre hierfür eine Auswahlbibliographie wünschenswert gewesen, um gerade dem Einsteiger in diesen Themenkomplex eine wertvolle Hilfestellung für die weitere Lektüre an die Hand zu geben. Wer über die länderspezifischen Perspektiven hinaus nach einem Zugang zur Geschichte der Montanunion sucht, dem seien besonders die Beiträge von Kurt Düwell und Günther Schulz zur Lektüre anempfohlen. Beide führen anschaulich vor Augen, welch spannende Analysen die moderne Geschichtswissenschaft zu bieten vermag.

Gerade aus Sicht der modernen Geschichtswissenschaft wäre es – und dies ist der Hauptkritikpunkt des Rezensenten – angebracht gewesen, den Einfluss der Montanunion auf die heutige Gestalt der Europäischen Union näher zu untersuchen. Dazu hätte der Kreis der beteiligten Autoren auch auf die Politische Wissenschaft erweitert werden können. Die Frage nach Marktliberalismus beziehungsweise Neoliberalismus klingt nur einmal kurz in dem Beitrag von Werner Bührer an. Welche Rolle spielte die deutsche Stahlindustrie bei der „Deformation“ der französischen Pläne, die ursprünglich eine politisch starke, supranationale Behörde vorsahen? Besonders die gelebte Verfassung der Montanunion zeigte, dass die Hohe Behörde sich stark zurücknahm und in den ersten zwei Jahrzehnten eben keinen dirigistischen Einfluss ausübte. Dieser Befund ist weitere Überlegungen wert: Wie stark wirkte die letztlich marktliberale Montanunion als Vorbild für die weitere Gestaltung der europäischen Verträge?[3]

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Tagungsbericht Anfänge und Auswirkungen der Montanunion. Die Stahlindustrie in Politik und Wirtschaft. 22.07.2002-23.07.2002, Düsseldorf, in: H-Soz-u-Kult, 16.12.2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=145>.
[2] Vgl. unter anderem Schwabe, Klaus (Hrsg.), Die Anfänge des Schuman-Plans 1950/51, Baden-Baden 1988; Gehler, Michael; Steininger, Rolf (Hrsg.), Österreich und die europäische Integration 1945–1993, Wien 1993; Gehler, Michael, Der lange Weg nach Europa, 2 Bde., Innsbruck 2002.
[3] Vgl. z.B. die kritischen Anmerkungen von: Huffschmid, Jörg, Die neoliberale Deformation Europas. Zum 50. Jahrestag der Verträge von Rom, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 52 (2007), S. 307–319.

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19.02.2008
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