C. Domnitz u.a. (Hrsg.): Europa im Ostblock

Cover
Titel
Europa im Ostblock. Vorstellungen und Diskurse (1945-1991)


Herausgeber
Domnitz, Christian; Faraldo, José M.; Guliñska-Jurgiel, Paulina
Reihe
Zeithistorische Studien 44
Erschienen
Köln 2008: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
407 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Troebst, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Universität Leipzig

Gregor Thum hat 2004 die Frage gestellt, ob der Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW, COMECON) „die östliche Variante der europäischen Einigungsbewegung“ gewesen sei – und sie umgehend verneint. Zugleich aber hat er betont, dass auch im sowjetischen Hegemonialbereich der Europabezug periodisch von Bedeutung war, so etwa im Kontext der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in den 1970er-Jahren, in den dissidenten Mitteleuropa-Diskussionen der 1980er-Jahre oder zu Zeiten der Perestrojka, als Michail Gorbačëv die Metapher vom „gesamteuropäischen Haus“ reaktivierte.[1] Ein Potsdamer Sammelband setzt sich nun zum Ziel, diese Frage zu vertiefen und geht in 21 Beiträgen Europabildern und -diskursen im östlichen Europa zu Zeiten des Kalten Krieges nach.

Einen konzisen Überblick bietet Christian Domnitz’ Beitrag „Europäische Vorstellungswelten im Ostblock. Eine Topologie von Europanarrationen im Staatssozialismus“, in dem er als zentralen Bezugsrahmen den Nationalstaat ausmacht sowie zentrale Zäsuren identifiziert. José M. Faraldos Kontribution „Die Hüterin der europäischen Zivilisation. Kommunistische Europa-Konzeptionen am Vorabend des Kalten Krieges (1944-1948)“ beleuchtet den Versuch Stalins, mit Hilfe des 1947 gegründeten Informationsbüros der Kommunistischen und Arbeiterparteien (Kominform, IB) einen (ost-)europäischen Integrationsprozess unter marxistisch-leninistischem Vorzeichen als Gegenentwurf zum Marshall-Plan zu initiieren – ein Vorhaben, das am Widerstand der nationalkommunistischen Partei- und Staatsführungen Ostmittel- und Südosteuropas scheiterte. „Völkerfreundschaft und Amerikafeindschaft. Ilja Ehrenburgs Publizistik und das Europabild des Stalinismus“ ist Jan C. Behrends’ Beitrag überschrieben, der die sowjetische Europa- und Befreiungsrhetorik der unmittelbaren Nachkriegszeit in Beziehung zu ihrem bescheidenen Inhalt setzt. Jana Wüstenhagens Studie „Europabilder in der DDR 1949-1989: Zwischen Visionen und Realpolitik“ rekonstruiert die offizielle und gleichsam bipolare Europaperzeption der SED – ein friedliebendes, antifaschistisches Europa im Osten, im Westen ein imperialistisch-reaktionäres – sowie die inoffizielle Europasicht in Kunst und Literatur der DDR. Sie kann überdies das Copyright für die Formel vom „europäischen Haus“ Leonid Brežnev zuschreiben, der diese in einer Rede im Oktober 1973 auf dem Weltkongress der Friedenskräfte in Moskau geprägt hatte (S. 172). Dragoş Petrescu skizziert „Conflicting Perceptions of (Western) Europe: The Case of Communist Romania, 1958-1989“, wobei er den dramatischen wirtschaftlichen Verfall ab 1977 als Wendepunkt rumänischer Europasicht markiert: Auf dem Hintergrund eines rapide absinkenden Lebensstandards wurden „der Westen“, „Amerika“ und „Westdeutschland“ in nachgerader mythischer Weise überhöht. Cristina Petrescus Beitrag „Eastern Europe, Central Europe or Europe? A Comparative Analysis of Central European Dissent and Romanian ’Resistance through Culture’“ beleuchtet den Unterschied des dissidenten ostmitteleuropäischen Mitteleuropadiskurses zum rumänisch-südosteuropäischen Autochthoniedenken der intellektuellen Opposition im Rumänien Ceauşescus und hebt die diesbezüglichen Berührungspunkte zwischen Regime und Dissidenten hervor. Wolfgang Schmales einleitender Essay „,Osteuropa’: Zwischen Ende und Neudefinition?“ stellt einerseits die These auf, „,Osteuropa’ als geschichtliche Kohärenz ist letztlich eine historische Episode, die, wenn man sie datieren möchte, von 1917 bis 2004“ dauerte, weist aber dem östlichen Nicht-EU-Europa, sprich: Russland, den westlichen GUS-Republiken und den transkaukasischen Staaten die Qualität von „Gleit- und Mittlerräumen“ sowie das Potenzial zu, „im Lauf der nächsten Jahrzehnte eine charakteristische Geschichtslandschaft heraus[zu]bilden, für die der Name ‚Osteuropa’ dann Sinn machen würde“ (S. 35).

Weitere Bandbeiträge behandeln die stark divergierenden Europabilder südosteuropäischer Muslime, tschechoslowakischer Stalinisten, ukrainischer Sozrealisten, der Krakauer Presse und des sowjetischen Samizdat, und ein ganzer Themenblock ist den Europakonzeptionen der ostmitteleuropäischen politischen Emigration in Westeuropa und Nordamerika gewidmet. Dabei bleibt zum einen unklar, warum diese Emigranten als zum Ostblock zugehörig eingestuft werden, zum anderen, warum nur Emigranten aus Polen und der ČSSR figurieren. Bulgaren etwa wie Tzvetan Todorov, Julia Kristeva oder Christo haben sich gleichfalls dezidierter Europa-Programmatik bedient, wie man hier überdies den Namen des exilpolnischen Europahistorikers Oskar Halecki vermisst, dessen Buch „The Limits and Divisions of European History“ bis heute wegweisend ist.[2]

Der anzuzeigende Band bewertet den Stellenwert von „Europa“ im östlichen Europa zu Zeiten des Ost-West-Konflikts teils so, wie dies auch schon zuvor der Fall war, teils aber neu. Vor allem die Wandlung von einem negativ besetzten Europabegriff im Spätstalinismus zu einer neutralen Sicht im KSZE-Kontext, gar zu einer überwiegend positiven Aufladung kurz vor der Implosion der Sowjetunion wird so deutlich. Eine Leerstelle ist indes bezüglich der Rückkoppelung des Eurokommunismus südeuropäischer Prägung in den Warschauer-Pakt-Staaten sowie Jugoslawien zu konstatieren, und auch die europäisierende Dimension der forcierten Antike-Bezüge in der Geschichtspolitik der nationalkommunistischen Staatsparteien Rumäniens, Bulgariens und Albaniens wäre der Erwähnung wert gewesen.

Nur wenig hilfreich ist die mit „Literatur (Auswahl)“ überschriebene kurze Bibliographie am Ende des Bandes (S. 397-401), deren Selektionskriterium im Dunkeln bleibt und die zahlreiche Lücken sowohl zum „Ostblock“ als auch zu „Europa“ aufweist. Hier wie andernorts in dem Band fehlt selbst Jens Hackers monumentaler Gesamtdarstellungsversuch „Der Ostblock“, in dem Sowjetideologie und Europabezug bereits thematisiert sind.[3] Der Regionalterminus Ostmitteleuropa ist stellen- und unsinnigerweise durch „Mittelosteuropa“ ersetzt (S. 93, 109), und die Übersetzungen aus osteuropäischen Sprachen sind partiell unpräzise und dadurch verzerrend – so etwa das Zitat des polnischen Kommunisten, Ökonomen und Diplomaten Oskar Lange von 1948 „Ich glaube an die Europäische Einigung“ (für „Wierzę w jedność Europy“, S. 98), das korrekt „Ich glaube an die Einheit Europas“ heißen müsste – immerhin ein beträchtlicher inhaltlicher Unterschied. Auch ist das Seitenlayout teilweise fehlerhaft (S. 258, 389, 397, 403).

„Europa im Ostblock“ ist eine interessante und streckenweise innovative Aufsatzsammlung, die das implizite „Europamonopol“ des westeuropäischen Integrationsprozess begründet in Frage stellt. Auf die in Aussicht gestellten Monographien der Potsdamer Projektgruppe (S. 13) darf man daher gespannt sein.

Anmerkungen:
[1] Gregor Thum, „Europa“ im Ostblock. Weiße Flecken in der Geschichte der europäischen Integration, in: Zeithistorische Forschungen 1 (2003)3, S. 379-395, hier S. 383.
[2] Oscar Halecki, The Limits and Divisions of European History, New York 1950 (deutsch als Europa. Grenzen und Gliederung seiner Geschichte. Darmstadt 1957, Nachdruck 1963).
[3] Jens Hacker, Der Ostblock. Entstehung, Entwicklung und Struktur, 1939-1980, Baden-Baden 1983.

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Veröffentlicht am
08.10.2009
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