J. Roisman: The Rhetoric of Conspiracy

Cover
Titel
The Rhetoric of Conspiracy in Ancient Athens.


Autor(en)
Roisman, Joseph
Erschienen
Anzahl Seiten
199 S.
Preis
£ 49.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Ronning, Ludwig-Maximilians-Universität München

Nachdem sich Victoria Pagán 2004 den „Conspiracy Narratives“[1] in der römischen Geschichte gewidmet hatte, liegt mit dem hier zu besprechenden Buch von Joseph Roisman nur zwei Jahre später nun auch ein griechisches, genauer: attisches Pendant vor. Während sich Pagán aber auf Verschwörungen im engeren Sinn tatsächlicher oder vermeintlicher politischer Umsturzpläne konzentriert, ist der Begriff der Konspiration bei Roisman wesentlich weiter zu verstehen und bezieht auch den privaten Bereich ein; er umfasst alle Arten klandestin-manipulativen Vorgehens, sei es eines größeren Personenkreises, sei es eines Einzelnen, mit der Absicht der individuellen Bereicherung, der Schädigung eines missliebigen Kontrahenten oder zum Zweck des persönlichen Machtgewinns. Die Studie folgt in dieser Weite ihres terminologischen Ansatzes den attischen Rednern, die hier wie schon in Roismans „Rhetoric of Manhood“ im Zentrum stehen.[2] Der Fokus der Untersuchung ruht also ganz wesentlich (und mit guten Gründen) auf Demosthenes und Aischines, im geringeren Maße auf Isokrates und Andokides, ohne dass freilich Autoren wie Aristophanes oder Thukydides ganz außen vor blieben.

Verschwörungen und dunkle Machenschaften tauchen in diesen Texten aus dem 5. und 4. Jahrhundert v.Chr. immer wieder auf, in den unterschiedlichsten Zusammenhängen und Ausformungen, von privaten Rechtsstreitigkeiten über die politischen Kämpfe von Oligarchen und Demokraten bis hin zum Ringen zwischen Philipp II. und Athen. Roisman setzt sich zunächst zum Ziel, diese beinahe omnipräsenten Epiboule-Vorwürfe in dichten Fallstudien auf ihre Stichhaltigkeit zu untersuchen. In einem zweiten Schritt geht es ihm dann um die Analyse der von ihm konstatierten „conspiratorial worldview“ der Athener (S. 65), auch im Hinblick auf mögliche Funktionen (weniger aber, so scheint es dem Rezensenten, um deren Genese und historisch-politische Erklärung). Die Gliederung des Buchs folgt der Einteilung in einzelne Sachbereiche, in denen die Athener „Verschwörungen“ auszumachen glaubten: Tötungsdelikte, Übergriffe auf fremdes Eigentum (insbesondere in Bezug auf Erbfragen bzw. Vormundschaften), Gerichtswesen, innere Politik und Gesetzgebung, Außenpolitik sowie schließlich staatenübergreifende (für antike Verhältnisse geradezu globale) Angelegenheiten.

Roisman arbeitet dabei ein stets ähnliches Grundmuster der Verschwörungsrhetorik heraus: überlegen planende, dabei über professionelle Kenntnisse verfügende Akteure (etwa gewiefte Rhetoren, die einem leicht zu beeindruckenden Demos gegenüberstehen, siehe S. 72, 85); verborgene Drahtzieher im Hintergrund; bedenkenlose Ausnutzung der Regeln (und Schwächen) des politischen Systems; Übervorteilung der gutgläubigen Bürgerschaft. All diese Elemente verfestigten sich schließlich zu einer eigenen Topik: Wer mit ihrer Hilfe für sich in Anspruch nehmen konnte, als einziger die Schliche der Konspirateure durchschaut und offenbart zu haben, vermochte aus dieser Eigenschaft eines geradezu meisterlichen „plot detector“ oft genug politisches Kapital zu schlagen (wie dies etwa die Figur des Paphlagoniers/Kleon in den „Rittern“ des Aristophanes zu tun versucht – ganz zu schweigen von der Selbstdarstellung eines Demosthenes, siehe S. 67). Doch damit waren noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft: Das Verschwörungs-Paradigma erlaubte es einem Redner zudem, frühere politische oder juristische Niederlagen „schlüssig“ zu erklären (S. 28, 93), bei Bedarf auch unliebsame Zeugenaussagen im Prozess zu konterkarieren (S. 43) – und zwar mit der Behauptung einer geschickt angelegten Täuschungskampagne, die die Institutionen lahmgelegt und die Bürger in die Irre geführt habe. Die Politen werden so zu Verbündeten des vermeintlichen Verschwörungsopfers im Kampf um die Gerechtigkeit (S. 35).

Überzeugungskraft gewann die Konspirationsthese darüber hinaus durch die Verknüpfung einzelner, zum Teil zeitlich weit auseinander liegender Ereignisse zu in sich schlüssigen Kausalketten, aus der Ableitung der Motive und Pläne aus den eingetretenen Ergebnissen sowie der regelmäßigen Ausblendung „störender“ Informationen (S. 4, 153). Zufälligkeiten lässt diese Denk- bzw. Darstellungsweise nicht zu (S. 77); und die Hintermänner einer so herauspräparierten Verschwörung werden kurzerhand nach dem einfachen „cui bono?“-Schema ermittelt. Die scheinbare Evidenz dieser Argumentationslinie macht sie gerade im athenischen Gerichtswesen zu einer denkbar tauglichen und entsprechend häufig verwendeten Waffe; Verschwörungsthesen werden gar mit der Aufdeckung einer angeblichen Gegenkonspiration gekontert. Epiboule fungiert dabei als Instrumentarium, mit dem nicht erklärbaren, nicht zu duldenden oder schlicht für den Redner nicht opportunen Vorgängen eine eigene Sinnstruktur verliehen wird. Und die schlichte Omnipräsenz dieses Erzähl- und Deutungsmusters in der attischen Rhetorik, sein einfacher Bauplan mögen ausgereicht haben, ihm ausreichende Plausibilität in den Ohren der athenischen Hörer zu verleihen. Zudem habe, so Roisman, der athenische Verschwörungsdiskurs eine Basis in den vielfältigen Abhängigkeits- und Verpflichtungsverhältnissen gehabt, die die antike Gesellschaft durchzogen (S. 155f.) und entsprechend auslegbar waren.

Nicht eine paranoide Grundstruktur der athenischen Gesellschaft[3] macht Roisman daher für die hohe Zahl von Verschwörungsvorwürfen in den herangezogenen Texte aus, sondern die große Flexibilität und Durchschlagskraft des Konspirationsmotivs als eine Art hermeneutischer Schlüssel, der gerade auch den vermeintlich Machtlosen zur Verfügung stand: um die eigene Lage zu deuten, aber auch um sie gegebenenfalls sogar zu wenden. Nicht zuletzt dienten solche Vorwürfe (gewissermaßen auf der Makroebene) der Verteidigung der überkommenen Werte und Institutionen, besaßen also systemstabilisierende Funktion insbesondere in krisenhaften Situationen (S. 158). Die Redner konnten bei dieser Vorgehensweise in fast paradox erscheinendem Maße auf die erklärte Homonoia-Orientierung des Demos Bezug nehmen. „It was thanks to the belief in plots and the plot detectors that faith in the validity of basic values and the existing system could be reaffirmed. […] conspiratorial allegations filled a psychological need by helping the Athenians to understand and deal with discrepancies between expectations and reality.” (S. 160)

Roisman gelingt es somit, in den unterschiedlichsten Bereichen attischer Rhetorik wiederkehrende Schemata eines dichten Verschwörungsdiskurses auszumachen, der die ohnehin gebotene Skepsis des Forschers gegenüber der Quellengattung und den in ihr eingelegten Narrationen noch einmal verstärken muss. Überzeugend wird dargelegt, wie sich die genannten Motive etwa in den Auseinandersetzungen zwischen Aischines und Demosthenes über die Haltung gegenüber Philipp II. vielfältig überlagern und sowohl hinsichtlich der inneren als auch der äußeren Konflikte die jeweilige Argumentation strukturieren. Hier zeigt sich, dass gerade die Verbindung der rhetorischen Analyse mit einer übergreifenden kulturwissenschaftlichen Fragestellung eine notwendige Voraussetzung zum Verständnis dieser Zeugnisse, aber auch der Funktionsweise von Politik und Gesellschaft generell ist. Insofern steht die vorliegende Studie in einer Linie mit neueren Publikationen zur antiken Rhetorik aus der Feder zum Beispiel von Cohen, Ober und Whitmarsh für den griechischen, Gunderson und Habinek für den römischen Bereich.

Insgesamt hat es Roisman eindrucksvoll verstanden, das Phänomen in seiner ganzen Breite aufzuspüren, gleichsam zu kartieren und seine Funktionalität in unterschiedlichen Kontexten darzulegen. Dass er in seiner Zusammenfassung auch Untersuchungen zu Konspirationstheorien in modernen Gesellschaften einbezieht, trägt dazu bei, die athenische Verschwörungsrhetorik im Kontrast zu aktuellen Entwicklungen zumindest partiell besser zu fassen (vor allem ein starker Zug zur Personalisierung, wo sonst die Anonymität der Konspirateure betont wird, sowie die Verfolgung des Motivs bis auf die Ebene „privater“ Auseinandersetzungen ohne im engeren Sinne politische Implikationen). Vermisst wird aber trotz allem eine intensivere Vernetzung der Befunde mit den Strukturen der Polis; nur am Rande geht Roisman etwa auf die Eigenheiten der gerichtlichen und politischen Entscheidungsfindung in Athen ein (zum Beispiel S. 43 zum Status der Zeugen im Prozess; S. 61 zum mangelnden Schutz vor falschen Beschuldigungen). Ungeklärt bleibt somit letztlich die doch zentrale Frage, in welchem Verhältnis die Dichte und Durchdringungskraft der Epiboule-Vorwürfe zu den politischen und sozialen Spezifika der attischen Demokratie stehen. Schärferes Profil hätte wohl durch den Vergleich mit Rom gewonnen werden können – und zusätzlicher Aufschluss darüber, ob und wie das politische System und eine Rhetorik der Verschwörung einander bedingen.

Anmerkungen:
[1] Pagán, Victoria E., Conspiracy Narratives in Roman History, Austin (Tex.) 2004.
[2] Roisman, Joseph, The Rhetoric of Manhood. Masculinity in the Attic Orators, Berkeley 2005.
[3] Vgl. aber Sagan, Eric, The Honey and the Hemlock. Democracy and Paranoia in Ancient Athens and Modern America, Princeton 1991.

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Veröffentlicht am
04.02.2008
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