R. Müller u.a. (Hrsg.): Ende der kleinen Reichsstädte

Cover
Titel
Das Ende der kleinen Reichsstädte 1803 im süddeutschen Raum.


Herausgeber
Müller, Rainer A.; Flachenecker, Helmut; Kammerl, Reiner
Reihe
Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Reihe B, Beiheft 27
Erschienen
München 2007: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
VIII, 332 S.
Preis
€ 31,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eric-Oliver Mader, Arbeitsstelle für Historische Kulturforschung, Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität des Saarlandes

Der vorliegende Band gehört in den Kontext der zahlreichen Publikationen, die anlässlich der 200. Wiederkehr des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 erschienen sind. Er stellt die Mediatisierung der süddeutschen Reichsstädte in den Mittelpunkt – ein Feld, das im Kontext dieses Jubiläums eher wenig Beachtung gefunden hat. Thematisiert wird die militärische und zivile Inbesitznahme der vormals nur dem Kaiser unterstellten Städte vor dem Hintergrund der übergeordneten Frage, ob dieser Vorgang als Verlust- oder Erfolgsgeschichte oder als zwingende Voraussetzung für die beginnende Industrialisierung zu bewerten ist. Dabei kommt auch die Perspektive der Zeitgenossen zum Tragen, die sich – von vereinzelten Protesten abgesehen – mit dem Verlust ihrer Reichsstädtischen Identität erstaunlich reibungslos arrangierten, ja sich wie im Fall Weißenburgs aus Angst vor den Franzosen 1796 und 1800 freiwillig dem preußischen König unterwerfen wollten.

Der Band, der auf eine in Weißenburg durchgeführte Tagung zurückgeht, an deren Konzeption der 2004 verstorbene Eichstätter Historiker Rainer A. Müller maßgeblich beteiligt war, umfasst 13 Beiträge, denen eine Einleitung von Helmut Flachenecker vorangestellt ist. In seinem Eröffnungsbeitrag bettet Rudolf Kiessling die Mediatisierung der bayerischen Reichsstädte überzeugend in den Kontext eines bereits seit dem 16. und 17. Jahrhundert in Gang gekommenen Strukturwandels ein. Dieser ist gefasst als Umformung der kommunal verfassten Bürgerstadt des Spätmittelalters, die als Partner zur Stütze der Herrschaft diente, zu jenem Typus von Stadt, die als obrigkeitlich-administrativ gelenktes Instrument zur Sicherung und Durchsetzung von Herrschaft benutzt wurde. Waren hiervon zunächst nur Territorialstädte betroffen, so seien die Reichsstädte nach ihrer Mediatisierung nachträglich und schrittweise in diesen Prozess integriert worden, indem das moderne Bayern ihre Privilegien beseitigt, ihre Verfassung vereinheitlicht und sie den Landgerichten unterstellt hatte.

Während Kiessling den Akzent auf die entwicklungsgeschichtlichen Gemeinsamkeiten legt, verweist Frank E. W. Zschaler auf die unterschiedlichen wirtschaftlichen und politisch-kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten vormaliger Reichsstädte nach ihrer Übernahme durch Bayern. Ihm geht es darum, das wirkmächtige Bild der Forschung [1] wie der Schulbuchliteratur von den verknöcherten, modernisierungshemmenden Reichsstädten mit dem Hinweis darauf zu differenzieren, dass die wirtschaftliche Entwicklung im 19. Jahrhundert zwar an einigen vormaligen Reichsstädten vorbei ging, andere jedoch bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu gewerblichen Entwicklungszentren geworden waren, die es rasch vermochten, ihre Identität mit einem neuen Landespatriotismus zu verbinden, der den alten Reichspatriotismus ersetzte (S. 39).

Die konkreten Unterschiede hinsichtlich Verlauf und Folgen der Mediatisierung können anhand einzelner Fallstudien nachvollzogen werden, die ihre Bilanz jeweils vor dem Hintergrund der Ausgangsituation vor der Mediatisierung ziehen. Hier greift der Band über das engere bayerische Beispiel hinaus und blickt auf die Entwicklung in Baden und Württemberg sowie in Preußen. In Bayern erweist sich Lindau (Heiner Stauder), das über den Fürsten von Bretzheim und Österreich im März 1806 nach Bayern gelangte, als eine Stadt, die zu den wirtschaftlichen Profiteuren der Mediatisierung gehörte. Für Kempten (Franz Rasso-Böck), Memmingen (Christoph Engelhardt), Nördlingen (Wilfried Sponsel), Schweinfurt (Uwe Müller), Windsheim (Gerhard Rechter) und Rothenburg ob der Tauber (Karl Borchardt), deren große Zeit als Reichstädte bereits vor der Mediatisierung vorbei war, trifft dies hingegen weniger zu. Für die Reichsstädte in Baden und Württemberg, die mit Landstädten verglichen werden, betont Hans-Peter Becht, dass deren fehlende Entwicklungschancen vor allem auch darin begründet seien, dass ein Großteil von ihnen an der Peripherie und damit außerhalb der bereits durch das frühneuzeitliche Postwesen vorstrukturierten Verkehrswege lag, die für die Industrialisierung eine wichtige Rolle spielten. Für die von Thomas T. Müller untersuchten Städte Mühlhausen, Nordhausen und Goslar, die sich Preußen einverleibt hat, kann dagegen gelten, dass es trotz aller Unterschiede im einzelnen keiner nach der Mediatisierung schlechter als vorher ging. Der abschließende Beitrag von Reiner Kammerl über das an Bayern gefallene Weißenburg betont die Vorteile der Mediatisierung. Weissenburg sei aus seiner reichsstädtischen Isolation herausgelöst und zu einem „administrativen und wirtschaftlichen Mittelzentrum aufgewertet“ (S. 319) worden.

Insgesamt präsentiert sich dieser Band, den ein Beitrag Reinhard Heydenreuthers über das Weiterwirken der reichsstädtischen Partikularrechte in Bayern des 19. Jahrhunderts noch bereichert, als eine gelungene Mischung von Überblicksaufsätzen und Fallstudien, die zeigen, dass die Bewertung der Mediatisierung als Verlust- oder Erfolgsgeschichte nur im konkreten Einzelfall geleistet werden kann.

Anmerkung:
[1] Walker, Mack, German home Towns. Community and general estate 1648 – 1871, 1998. Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1: Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur defensiven Modernisierung der Reformära 1700-1815, München, 2. Aufl., 1987, hier: 180-182.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.09.2008
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