Titel
Resonanzen für Geschichte. Niklas Luhmanns Systemtheorie aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive


Autor(en)
Buskotte, Frank
Reihe
Kulturwissenschaft 12
Erschienen
Berlin 2006: LIT Verlag
Anzahl Seiten
184 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf Kellermann, Goethe-Gymnasium Ludwigsburg

Luhmanns Systemtheorie erfreut sich quer durch die Disziplinen einer zunehmenden Aufmerksamkeit. Einer deutlichen kritischen Reserve zum Trotz beschäftigt sich mittlerweile auch die Geschichtswissenschaft mit dem Phänomen. Einen Überblick über die neuere geschichtswissenschaftliche Nutzung der Systemtheorie vermittelte bisher schon ein Sammelband zum Thema.[1] Mit der diskursiven Zusammenfassung beider Themen – der zunehmenden Bedeutung Luhmanns für die Geschichtswissenschaft wie auch den Vorbehalten der Historiker gegenüber der Systemtheorie – betritt Buskotte jedoch Neuland.

Ausgangspunkt der Überlegungen ist zunächst die geschichtswissenschaftliche Rezeption der Systemtheorie. Instruktiv ist hier die prägnante Rekonstruktion der geschichtswissenschaftlichen Trends, die den Dialog mit der Systemtheorie erst in den jüngsten Publikationen fruchtbar werden lassen. Einerseits erscheint auch neueren Vertretern einer soziologisch inspirierten Historiographie die Theorieanlage Luhmanns zu abstrakt und komplex. Hans-Ulrich Wehler meint gar, dass sich in Luhmanns Theorie „historische Realität weithin verflüchtigt“ habe (S. 26). Andererseits beginnen jetzt einzelne Vertreter des Faches (z.B. Paul Nolte, Ewald Frie, Andreas Pecar und Michael Sikora), den begrifflichen und theoretischen Rahmen der Systemtheorie produktiv für historische Untersuchungen zu nutzen.

Buskotte weist richtig darauf hin, dass es „die Systemtheorie in der historischen Forschung schwer hat“ (S. 22). Die Frage, welche Aspekte der Theorie selbst möglicherweise verantwortlich für diese Schwierigkeiten sind, bildet den Kern des dritten Kapitels. Hier konzentriert sich die Analyse vor allem auf die Infragestellung der Grundlagen der tradierten Historiographie. Mit Luhmanns konstruktivistischer These, dass jede Wirklichkeit perspektivenabhängig im Moment der Beobachtung erst erzeugt wird, erodiert die Vorstellung einer objektiven historischen Realität. Den Hinweis auf die Subjektivität der Erkenntnis ist allerdings nicht vollkommen neu. Buskotte verweist auf die philosophische Tradition von Kant und Nietzsche und auf die Nähe der modernen Gedächtnisforschung (S. 46ff.), wobei er auf die naheliegenden Parallelen zur hermeneutischen Geschichtsphilosophie Diltheys leider nicht eingeht.[2] Wissenschaftliche Rationalität ist für Luhmann lediglich eine historisch abgeleitete Vorstellung und der Sinn historischen Arbeitens besteht für ihn nur darin, im Prozess des wissenschaftlichen Diskurses kommunikative Anschlusshandlungen zu provozieren. Der Sinn wissenschaftlicher Erkenntnis realisiert sich in dem Moment, in dem sie Wissenschaftler zur Zustimmung oder Ablehnung anregt. Auch die Vorstellung, Geschichte werde von Handlungen und Akteuren bestimmt, wird von der Systemtheorie in Frage gestellt. Für Luhmann realisieren sich historische Veränderungen nicht durch das bewusste Handeln von Akteuren, sondern durch Kommunikation. Diese entsteht für Luhmann jedoch nicht in dem Moment, in dem ein Sender eine Botschaft sendet, sondern erst in dem Moment, in dem ein Empfänger einem Verhalten unterstellt, dass es eine Botschaft mit einem gewissen Informationsgehalt sei. Kommunikation ist nicht die Abfolge von willentlichen Handlungen, sondern von Verstehensleistungen, und die Frage, wie Verstehensleistung an Verstehensleistung anschließt, ist nicht mehr auf das Bewusstsein der Akteure zurückzuführen, sondern gewinnt im Laufe der Interaktion eine erhebliche Eigendynamik, die zum Entstehen sozialer Systeme führt. Damit verlieren die möglichen guten oder schlechten Absichten des Senders ihre zentrale Stelle für die Kommunikation und damit auch für das historische Geschehen. An die Stelle historiographischer Kausalzuschreibungen auf Handlungen und Akteure tritt das Verstehen von Verstehensleistungen, die Beobachtung von Beobachtungen.

Sicherlich: Die Systemtheorie gibt sich spröde und kompliziert. Allerdings birgt diese Option auch für die Historiographie ein interessantes innovatives Potential. Dies zeigt sich zum einen daran, dass Luhmann selbst mit historiographisch ambitionierten Thesen aufwartet (Kap. 4) und zum anderen daran, dass sich zeigen lässt, dass einige Fragen und Trends der gegenwärtigen Historiographie eine Beschäftigung mit der Systemtheorie sehr fruchtbar scheinen lassen (Kap. 5). Luhmanns eigene Thesen zur Geschichte beziehen sich zunächst vor allem auf den Wandel des Differenzierungsmodus der Gesellschaft. Die Gesellschaft sei früher erst segmentär differenziert gewesen und habe sich über eine Schichtgliederung hin zur funktionalen Differenzierung weiterentwickelt. Hervorgehoben werden außerdem noch Luhmanns Thesen über die „historische Relevanz von Schrift und Buchdruck“ und – als Beispiel für eine historiographische Untersuchung im engeren Sinne – Luhmanns Studie über den Bedeutungswandel der modernen Liebesvorstellungen („Liebe als Passion“). Buskotte gelingt es hier, die Argumentationsbögen einiger sehr umfangreicher Hauptwerke Luhmanns knapp und überzeugend zusammenzufassen.

Anschlussstellen zwischen Trends der historischen Forschung und der Systemtheorie sieht Buskotte vor allem in vier Themenbereichen: der Auseinandersetzung um die Bedeutung von Zeit und Temporalität, dem Zusammenhang von Gedächtnis und Geschichte, der Erörterung des Kulturbegriffs und dem Verhältnis von Ereignis, Struktur und Prozess. In Luhmanns Untersuchungen zum Bedeutungswandel des Zeitbegriffs erkennt Buskotte eine Möglichkeit zur Selbstverständigung der Historiker über ihre eigene Disziplin. Vor dem Hintergrund der neueren Diskussion über den Zusammenhang von Gedächtnis, Kultur, und Geschichte bietet Luhmanns Theorie eine Möglichkeit, sich radikal von allzu einfachen Vorstellungen von Kultur als passivem Speicher zu verabschieden. Kultur wird entweder produktiv rezipiert, oder sie ist bedeutungslos. Das Unterkapitel über Ereignis, Struktur und Prozess schließlich betont den dialektischen Zusammenhang zwischen den drei Momenten historischer Entwicklungen. Außerdem eröffnet die evolutionstheoretische Orientierung der Systemtheorie, so Buskotte, dem Historiker eine neue Sicht auf den komplexen Prozess der Variation, Selektion und Stabilisierung sozialer Strukturen und für die Randbedingungen, die Umwelt, innerhalb derer sich Strukturen entwickelt haben.

Sicherlich wäre es schön gewesen, wenn der Autor anhand einer exemplarischen historischen Untersuchung vorgeführt hätte, welche Konsequenzen sich aus Luhmanns Theorie ziehen lassen. Zum einen weist er jedoch zu Recht darauf hin, dass sich aus der Systemtheorie eine Vielzahl von Perspektiven für die historische Forschung entwickeln lassen. Eine einzelne Untersuchung kann also kaum mit dem Anspruch auftreten, all diese Möglichkeiten umzusetzen und zu illustrieren. Zum anderen relativiert sich dieses empirische Defizit durch die kommentierte Darstellung von Untersuchungen, die die Systemtheorie für die historische Forschung genutzt haben. Kritisch ist in dieser Hinsicht allenfalls festzuhalten, dass die Darstellung dieser Untersuchungen an einigen Stellen etwas ausführlicher hätte erfolgen können.

Kritisch anzumerken sind nur kleinere Details. So hätte Buskotte beispielsweise etwas deutlicher darauf hinweisen können, dass Luhmann den Wandel der Semantik einerseits als relativ unabhängig vom Strukturwandel beschreibt, dann aber doch immer wieder suggeriert, dass semantische Innovationen als Symptom einer sich wandelnden Differenzierungsform zu begreifen sind. Etwas irritierend erscheint ferner, dass Buskotte gelegentlich auf einer eher traditionellen Vorstellung von Wirklichkeitsnähe als Kriterium historischer Forschung beharrt (z.B. S. 164), was zu Luhmanns konstruktivistischer Orientierung in einem nicht geklärten Spannungsverhältnis steht. Nicht ganz optimal erklärt ist auch die Frage, wie Ereignisse aus systemtheoretischer Sicht als Beitrag zur Veränderung sozialer Strukturen zu deuten sind (S. 152). Schade ist schließlich, dass eine aus Sicht des Rezensenten entscheidende Anregung der Systemtheorie für die historische Forschung nicht in der möglichen Schärfe erfasst ist. Es geht um die Frage, wie einzelne Situationen und Konstellationen aus der Sicht unterschiedlicher sozialer Systeme zu beschreiben sind. Buskotte stellt zwar richtig fest, dass „soziale Interaktionen [...] nur selten der Rationalität nur eines Systems [folgen]“ (S. 160). Das Potential der Systemtheorie jedoch, die polykontexturale Bedeutung von Interaktionen, Situationen und Texten unter Hinweis auf die Codes und Programme der verschiedenen sozialen Systeme differenziert zu bestimmen, wird vom Autor nicht weiterverfolgt.

Trotz dieser kleinen Kritikpunkte ist Buskottes Buch ein ausgesprochen lesenswerter Beitrag zur Diskussion um den Nutzen der Systemtheorie für die Geschichtswissenschaft. Das Buch empfiehlt sich für Historiker, die sich über das geschichtswissenschaftliche Potential der Systemtheorie informieren wollen ebenso wie für Soziologen oder auch Literaturwissenschaftler, die wissen wollen, wie weit die geschichtswissenschaftliche Aneignung der Systemtheorie gediehen ist und mit welchen Vorbehalten man im interdisziplinären Dialog mit Vertretern der zeitgenössischen Historiographie rechnen kann.

Anmerkungen:
[1] Becker, Frank (Hrsg.), Geschichte und Systemtheorie, Frankfurt am Main 2004. Siehe dazu die Rezension von Benjamin Ziemann http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-060.
[2] Zur Nähe von Dilthey und Luhmann siehe: Hahn, Alois, Verstehen bei Dilthey und Luhmann, in: Annali die Sociologia - Soziologisches Jahrbuch 8 (1992), S. 421-430.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.09.2007
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