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Titel
Anton Erkelenz. Ein Sozialliberaler im Kaiserreich und in der Weimarer Republik


Autor(en)
Kellmann, Axel
Erschienen
Berlin/Münster 2007: LIT Verlag
Anzahl Seiten
245 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jürgen Frölich, Archiv des Liberalismus, Gummersbach

„Sozialliberal“ bzw. „Sozialliberalismus“ sind nicht nur, aber auch für die Liberalismus-Forschung sperrige Begriffe. Während man beim „Nationalliberalismus“, der häufig als das Gegenstück genommen wird, noch den Vorteil hat, dass es eine recht langlebige Parteiformation gab, die „nationalliberal“ im Namen führte, lässt sich der „Sozialliberalismus“ nur an einzelnen Personen, Konzepten oder Abschnitten in der Geschichte des deutschen Liberalismus festmachen. So verwundert es dann auch nicht, dass ein populäres Internet-Lexikon „sozialliberal“ einerseits als weitgehend identisch mit „linksliberal“ definiert und andererseits solche Liberalen als „sozialliberal“ bezeichnet, „die sich auf ein Bündnis mit der SPD festgelegt haben“.[1] Das ist zwar nicht völlig abwegig, wie gerade an dem hier im Mittelpunkt stehenden Politiker gezeigt werden kann, es liefert aber auch keine umfassende Definition, denn dann wären sowohl der zwar entschieden „freisinnige“, aber ebenso entschieden wirtschaftsliberale Eugen Richter als auch die badischen Nationalliberalen, die um 1905 aus taktischen Gründen einen Großblock von Liberalismus und Sozialdemokratie verfochten, Sozialliberale gewesen, wogegen sie sich sicherlich energisch gewehrt hätten.

Ob „sozialliberal“ eine tragfähige Kategorie ist, bleibt auch nach der Lektüre der Biographie von Anton Erkelenz fraglich. Aber zunächst zur Person selbst, die heute außerhalb der Liberalismus-Forschung weitgehend unbekannt sein dürfte: Erkelenz, geboren in Neuss im Oktober 1878, verstorben in Berlin im April 1945, stammte aus einer katholischen Handwerkerfamilie mit Zentrumsbindung. Sowohl beruflich aus auch politisch schlug er jedoch andere Wege ein: Als gelernter Facharbeiter fand er Anschluss an die linksliberale Gewerkschaftsbewegung, nach ihren Begründern auch Hirsch-Dunckersche Gewerkvereine genannt, die zwar relativ kleine, aber zeitweise durchaus ansehnliche dritte Säule der Gewerkschaftsbewegung neben den Freien und den Christlichen Gewerkschaften. Hier sorgte er zunächst durch eine gewisse Radikalität und Opposition gegen die Berliner Gewerkvereinsführung für Furore, was zu seinem kurzzeitigen Ausschluss führte. Als die Gründung einer eigenen liberalen Arbeiterpartei schon auf lokaler Ebene scheiterte, schloss er sich 1904 auch politisch den Freisinnigen an, für die er 1907 und 1912 vergeblich zum Reichstag kandidierte.[2] Innerparteilich machte er als guter Organisator und Propagandist eine gewisse Karriere, die sich nicht zuletzt auf die Unterstützung von Arbeitnehmerkreisen im Linksliberalismus stützte. Diese wurde durch den Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg vorübergehend unterbunden, um sich danach aber umso stärker fortzusetzen: Erkelenz wurde Vorstandsmitglied der neu gegründeten Deutschen Demokratischen Partei und Abgeordneter der Nationalversammlung, wo er gleichsam naturgemäß zum sozialpolitischen Sprecher der Linksliberalen avancierte. Karrierehöhepunkt war seine Wahl zum Vorsitzenden des DDP-Parteivorstandes im Jahr 1921, einer Position, die nach heutigen Maßstäben eher der eines Generalsekretärs entsprach und deutlich im Schatten des Parteivorsitzenden stand. Diese Position bekleidete Erkelenz immerhin sieben Jahre, ehe er 1928 „entmachtet“ wurde, nachdem er als Befürworter eines engen Zusammengehens mit der Sozialdemokratie innerparteilich immer mehr in die Isolation geraten war. Die Metamorphose von der DDP zur Deutschen Staatspartei im Jahr 1930 vollzog Erkelenz dann nicht mehr mit, sondern trat zur SPD über, wo er aber – jetzt auch ohne Reichstagsmandat – politisch kaum noch Bedeutung erlangen konnte. Schon vor 1933 mehr oder minder aus der Politik zurückgezogen, kam er beim sowjetischen Einmarsch in Berlin um.

Diese Biographie wird in der Hagener Dissertation von Axel Kellmann sehr traditionell als „politische Biographie“ nacherzählt. Dabei stützt sich der Autor vornehmlich auf die umfangreiche Publizistik von Erkelenz, aber auch auf seinen Nachlass sowie die persönlichen Überlieferungen von anderen linksliberalen Spitzenpolitikern wie Georg Gothein, Erich Koch-Weser und Friedrich von Payer. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der Zeit des Umbruchs vom Kaiserreich zur Republik sowie auf den 1920er-Jahren, für die vor allem Erkelenz’ parteipolitischer Kurs sowie seine außenpolitischen Vorstellungen nachgezeichnet werden. Die Zeit nach 1933 wird bedauerlicherweise auf einer knappen Seite abgehandelt. Anders als in der Sozial- und Parteipolitik war Erkelenz außenpolitisch weniger Akteur als vielmehr ein kommentierender Beobachter, der erst vergleichsweise spät die Vorzüge der Stresemannschen Außenpolitik anerkannte, obwohl er prinzipiell mit der Erfüllungs- und Verständigungspolitik einverstanden war.

Die Sympathie des Autors für Erkelenz‘ politisches Konzept „einer großen liberalen Reformpartei“ (S. 200), die sich der Integration der Arbeiter in den Staat sowie dem Ausgleich zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft widmen sollte, ist unübersehbar. Vermutlich deshalb wird mehrfach der Idealismus von Erkelenz herausgestellt, der für Kellmann ein Grundzug liberaler Politik darstellt und mit dem Erkelenz sich von innerparteilichen Kontrahenten wie Gothein oder Koch-Weser abhob. Hier muss man allerdings einwenden, dass Erkelenz durchaus machtbewusst war. So stellte er sich beispielsweise gegen eine Fusion der DDP mit Stresemanns Volkspartei, weil er dadurch eine Schwächung des von ihm vertretenen Parteiflügels erwartete, obwohl diese Fusion, wie Kellmann selbst zugibt, möglicherweise das Schicksal des Weimarer Liberalismus hätte wenden können.

Zur Einschätzung des Wirkens und der Ideen von Erkelenz zieht Kellmann häufig Äußerungen Friedrich Naumanns heran. Das ist wohl aus etlichen Gründen kein glücklich gewählter Maßstab, man denke nur an Naumanns ganz anderen sozialen und bildungsmäßigen Hintergrund. Vor allem aber trägt für diesen die Kategorie „sozialliberal“ nicht, wie sie von Kellmann für Erkelenz verwendet wird: Für Naumann stand ab 1900 das Liberale im Vordergrund, siehe etwa seine Überlegungen zum „Elementarliberalismus“.[3] Die Sozialdemokratie wurde von ihm als – potentieller – Teil dieser freiheitlichen Bewegung gesehen, aber nicht als ihr Kern. Erkelenz nahm dagegen häufig, vor allem wirtschafts- und sozialpolitisch, Positionen ein, die irgendwo zwischen liberaler und sozialer Demokratie standen. Nicht von ungefähr bringt sie Kellmann in Verbindung mit dem Godesberger Programm der SPD. Diese Mittelposition ließ den Übergang von den liberalen Demokraten zur Sozialdemokratie für Erkelenz zu einem relativ leichten Schritt werden, konnte er doch anschließend behaupten: „[I]ch bleibe in der Sozialdemokratie derselbe, der ich bisher in der demokratischen Partei war.“ (S. 199) Dass er dort dann aber mit seinen „sozialliberalen“ Ansichten, die allerdings auch das Plädoyer für ein Zusammengehen von Sozialdemokraten und Kommunisten im Sommer 1932 zuließen, keineswegs auf offene Zustimmung stieß, unterstreicht noch einmal, dass diese Mittelposition politisch ein Sitzen zwischen allen Stühlen bedeutete. Wenn man so will, war Erkelenz sowohl vor als auch nach 1930 in der falschen Partei.

Man kann dies wie Kellmann damit erklären, dass der Sozialliberalismus nicht nur heute eine Strömung zwischen den etablierten Parteien ist. Man kann aber auch der Ansicht sein, dass „Sozialliberale“ versuchen, eigentlich Unvereinbares miteinander zu verbinden, nämlich – grob gesagt – einen freiheitlich-individualistischen Ansatz mit einem sozial-kollektivistischen. Das mag eine Zeit lang gut gehen, aber irgendwann kommt die Frage, was Priorität hat: das Liberale oder das Soziale? In gewisser Weise gilt dies natürlich auch für „Nationalliberale“ und weitere Bindestrich-Formen des Liberalismus, aber wegen des starken gesellschaftspolitischen Gehaltes liberaler Politik insbesondere für den „Sozialliberalismus“. Wenn man schließlich bedenkt, dass „sozialliberale“ Elemente in liberalen Parteien sehr stark „konjunkturabhängig“ sind, wie sich gerade am rasanten Karriereauf- und langwierigen -abstieg von Erkelenz in der DDP zeigt, dann bleibt der „Sozialliberalismus“ weit mehr als der „Nationalliberalismus“ auch nach der Lebensbeschreibung eines seiner prononciertesten Vertreter innerhalb des deutschen Liberalismus für die Liberalismus-Forschung ein mehr als sperriger Gegenstand. Es bleibt das Verdienst von Kellmann, das „Sozialliberale“ ein wenig dem Vergessen entrissen und die wissenschaftliche Diskussion um diesen heute ebenso politisch wie historisch unmodischen Gegenstand möglicherweise neu entfacht zu haben.

Anmerkungen:
[1] Vgl. <http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialliberal> (1. 11. 2007).
[2] Vgl. dazu jetzt Reibel, Carl-Wilhelm (Bearb.), Handbuch der Reichstagswahlen 1890-1918. Bündnisse-Ergebnisse-Kandidaten, Düsseldorf 2007, S. 751f., 867 u. 1320f.
[3] Naumann, Friedrich, Der Niedergang des Liberalismus, in: ders., Werke Bd. 4, Köln/Opladen 1964, S. 215-232.

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Veröffentlicht am
10.12.2007
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