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Titel
East Plays West. Sport and the Cold War


Herausgeber
Wagg, Stephen
Erschienen
London 2006: Routledge
Anzahl Seiten
338 S.
Preis
€ 32,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Gestwa, Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Eberhard Karls Universität Tübingen

George Orwells viel zitiertes Diktum, dass Sport “Krieg minus Schießen“ sei, ist auch dem neuen aufschlussreichen Sammelband von Stephen Wagg und David Andrews vorangestellt. Nur die wenigsten wissen, dass seine Aussage vom Dezember 1945 stammt und die legendäre Rundreise der Fußballmannschaft von Dynamo Moskau auf der Britischen Insel zum Anlass hatte. Die sowjetischen Auswahlspieler, die sich unter großer medialer Beobachtung erstmals im Ausland europäischen Spitzenteams stellten, hatten sich in hart und nicht immer fair ausgetragenen Spielen gegen führende englische und schottische Klubs bewährt und waren unbesiegt nach Moskau zurückgekehrt. In einer Zeit, in der sich immer mehr abzeichnete, dass die Kriegsallianz an den neuen globalen Auseinandersetzungen der nun konkurrierenden Supermächte zerbrechen würde, sah die Sowjetpropaganda in dem aufsehenerregenden Erfolg von Dynamo Moskau einen Beweis dafür, dass der erste sozialistische Staat auf Erden nicht nur ökonomisch und militärisch, sondern auch kulturell und sportlich zur Weltspitze aufgeschlossen hatte. Es schien, als gehe die Sowjetunion vom laut verkündeten Einholen des Westens nun zum Überholen über.

Im Jahr 1952 nahmen die sowjetischen Sportler in Helsinki erstmals an den Olympischen Spielen teil und erzielten bemerkenswerte Ergebnisse. Und seit der Olympiade in Melbourne vier Jahre später führte die Sowjetunion mit den USA einen erbitterten Kampf darum, als weltweit führende Sportnation zu gelten. Der Medaillenspiegel als statistisch darstellbarer Beleg von gesellschaftlicher Modernität machte den Sport immer mehr zu einer wichtigen Arena der Systemkonkurrenz, um hier durch Siege und Rekorde Leistungsstärke zu demonstrieren.

Dagegen ist seit dem Niedergangs des Ostblocks und dem darauf folgenden globalen Siegeszug der Sportartikelhersteller der internationale Sport zu einer „globalen Monokultur“ (John Hoberman) geworden, der über seine internationalen Meisterschaften hinaus auch durch den gemeinsamen Konsum zusammenbringt, was im Kalten Krieg nicht zueinander kommen konnte. Durch die Werbebotschaften werden dabei Befindlichkeiten und Lebensgefühle vermittelt.

Nachdem die Geschichte des sowjetischen Sports lange Zeit sträflich unerforscht geblieben war, hat es in der letzten Zeit merkliche Anstrengungen gegeben, daran etwas zu ändern. Zusammen mit der von deutsch-schweizerischen Nachwuchswissenschaftlern herausgegebenen Aufsatzsammlung [1] gibt der hier besprochene Sammelband auf eine Vielzahl von wichtigen Forschungsfragen überzeugende Antworten, die unseren Kenntnisstand merklich verbessern und weiterführende Studien ermöglichen.
Er bietet eine Kollektion von siebzehn Beiträgen aus der Feder ausgewiesener Sporthistoriker, die – teils auf der Grundlage neuer intensiver Archivrecherchen – zentrale Ereignisse und bedeutende Problemfelder der internationalen Sportgeschichte von den 1940er-Jahren bis in die Gegenwart erörtern.

In ihrem Beitrag über „steroide Übermenschen“ und „Ball gebärende Sportlerinnen“ stellen Rob Beamish und Ian Ritchie überzeugend heraus, wie – besonders in den USA – die kulturellen Ängste des Zweiten Weltkriegs über den Sport in den Kalten Krieg hinein projiziert wurden, um mit dem Paradigma des Totalitarismus eine Wahlverwandtschaft und Kontinuität zwischen Sowjetkommunismus und Nationalsozialismus herzustellen. Zwei andere Beiträge thematisieren die immer wieder aufflammenden Befürchtungen, mittels moderner Sportwissenschaften und illegalen Dopings könne es zu einem „muscle gap“ kommen, der die Maskulinität westlicher Sportler und die Weiblichkeit östlicher Sportlerinnen nachhaltig in Frage stelle.

Robert Rinehart geht dann detailliert auf das Wasserballspiel zwischen Ungarn und der Sowjetunion bei der Olympiade in Melbourne ein. Anschaulich schildert er, wie die internationale Presse dieses Halbfinale als symbolischen Widerstand der verzweifelt kämpfenden Ungarn gegen die übermächtigen brutalen Sowjets inszenierte. Vor dem Hintergrund des von der Roten Armee kurz zuvor niedergeschlagenen ungarischen Aufstandes wurde dieses Wasserballspiel zu dem Politikum der Olympiade in Melbourne, die ungeachtet dessen dank der erstmals ermöglichten Privatkontakte zwischen den Sportlern aus Ost und West als „friendly games“ in die Geschichte einging.

Mit dem „Cold War Football“ beschäftigen sich Ronnie Kowalski und Dilwyn Porter. Sie kommen zur Einsicht, dass bis in die 1950er-Jahre hinein die Spiele britischer Teams mit sowjetischen und ungarischen Mannschaften in der Berichterstattung und gesellschaftlichen Wahrnehmung ideologisch stark aufgeladen wurden. Später kam der Rivalität im Fußball dann immer geringere Bedeutung für die Kultur des Kalten Kriegs zu, weil in dieser weltweit führenden Sportart die direkte Auseinandersetzung zwischen den beiden Supermächten ausblieb. Das führte dazu, dass der famose sowjetische Torhüter Lew Jaschin – jenseits aller ideologischen Auseinandersetzungen und gegenseitigen Diskreditierungen – in Europa zu einem viel geachteten internationalen Sportstar aufsteigen konnte.

Mit neu erschlossenem Archivmaterial erläutert Evelyn Mertin, wie die Verantwortlichen in Moskau der eigenen Bevölkerung den Boykott der Sommerspiele in Moskau und Los Angeles 1980 und 1984 erklärten. Während die Sowjetpropaganda die Moskauer Spiele aufwändig als „weltweites Festival der Freundschaft, des Friedens und des Verständnisses“ zelebrierte, schrieb sie den Spielen in Los Angeles eine „Atmosphäre der Psychose, des Hasses und der Feindseligkeit“ zu. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die anstehende Sommerolympiade in Peking zeigt dieser Beitrag, dass ein Boykott, der einer moralischen Entrüstung Ausdruck verleiht, die Kluft zwischen den Sportnationen vertieft und politisch damit eher kontraproduktiv wirkt.

Besondere Aufmerksamkeit schenken drei Beiträge dem Eishockey, das neben der Leichtathletik die Sportart war, in der die Rivalität des Kalten Kriegs mit besonderer Vehemenz ausgetragen wurde. Ein Beitrag behandelt die „1972 Summit Series“, als es achtmal zum Aufeinandertreffen kanadischer und sowjetischer Auswahlspieler kam. Gleich zwei Beiträge beschäftigen sich mit dem berühmten „miracle on ice“ bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid 1980, dem unerwarteten 4:3 Finalsieg eines aus jungen College-Spielern zusammengewürfelten US-Teams über die scheinbar unbesiegbaren sowjetischen Kufenflitzer, die zumeist als Offiziere Dienst in der Roten Armee leisteten.

Diesem sportlichen Showdown der Supermächte fiel große politische Brisanz zu, weil mit der kurz zuvor gestarteten sowjetischen Invasion in Afghanistan die heiße Endphase des Kalten Krieges begonnen hatte. Sowohl die „1972 Summit Series“ als auch das „miracle on ice“ zählen bis heute zu den herausragenden Ereignissen der kanadischen und US-amerikanischen Sportgeschichte. Sie stellen Highlights der Sportkultur des Kalten Krieges dar, denn diese Eishockey-Spiele verfestigten schon bestehende Selbst- und Fremdzuschreibungen und prägten ein starkes „Wir-gegen-sie-Gefühl“ aus, das dauerhaft Wirkung zeigte. So wurde das siegreiche US-amerikanische Eishockey-Team von 1980 dazu auserkoren, das Olympische Feuer bei den Spielen von 2002 in Salt Lake City zu entflammen. Die Administration unter George W. Bush eignete sich damit die kollektive Erinnerung an das „miracle on ice“ an, um die Vorstellung eines fortgesetzten Krieges gegen den Terror und für Freiheit zu schaffen. Sie sollte mit einem aus dem Kalten Krieg übernommenen emotionalisierten Repertoire an Worten und Bildern die nationale Einheit stärken und den umstrittenen außenpolitischen Kurs der Regierung legitimieren.

Die zwei abschließenden Beiträge thematisieren aktuelle sportpolitische Entwicklungen in Russland und den sich im Sport manifestierenden Anti-Amerikanismus der südkoreanischen Gesellschaft. Auch sie zeigen eindrücklich, dass die Kultur des Kalten Krieges gerade im internationalen Sport noch längst nicht Geschichte ist, sondern ihre Wirkkraft weiter entfaltet, um neben machtpolitischen Konflikten auch innergesellschaftliche Spannungslagen zum Ausdruck zu bringen.

Der Sammelband fügt sich in die laufenden Forschungen zur Kulturgeschichte des Kalten Krieges ein, die – unter dem Einfluss des wiederholt eingeforderten „transnational turn“ – verstärkt blockübergreifende Begegnungen und Resonanzen in den Blick nehmen. Die Beiträge gehen vor allem auf Konkurrenzen und Gegnerschaften ein und heben damit das Trennende hervor. Wiederholt wird der internationale Sport auf seine Bedeutung für die Ausprägung nationaler Identitäten und Alteritäten untersucht. Die immer wieder verbreitete Vorstellung, Sport und Politik trennen zu können, erweist sich nach der Lektüre des Sammelbandes als naive Illusion. Sport ist eine viel zu ernste Sache, als dass die Mächtigen daran vorbeigehen könnten. Über der Betonung der unbestreitbaren politischen Brisanz versäumt es der Sammelband leider häufig, die verbindende, Grenzen überwindende Funktion sowie die lebensweltliche Bedeutung des Sports angemessen zu beachten.

Anmerkungen:
[1] Arié Malz; Stefan Rohdewald; Stefan Wiederkehr (Hrsg.), Sport zwischen Ost und West. Beiträge zur Sportgeschichte Osteuropas im 19. und 20. Jahrhundert, Osnabrück 2007; Vgl. dazu die Rezension von Lu Seegers, in: H-Soz-u-Kult, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-236>, (27.09.2007); Wertvoll auch die Studie von Barbara J. Keys, Globalizing Sport. National Rivalry and International Community in the 1930s, Cambridge, MA/London 2006; Von hohem Informationsgehalt, aber enttäuschend in der Qualität vieler Texte und dem analytischen Anspruch sind die beiden Sammelbände zur osteuropäischen Fußballgeschichte von Dittmar Dahlmann; Anke Hilbrenner; Britta Lenz (Hrsg.), Überall ist der Ball rund. Zur Geschichte und Gegenwart des Fußballs in Ost- und Südosteuropa, Essen 2006; dies. (Hrsg.), Überall ist der Ball rund – Die Zweite Halbzeit, Essen 2007.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.07.2008
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