P. Gemeinhardt: Das Christentum und die pagane Bildung

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Titel
Das lateinische Christentum und die antike pagane Bildung.


Autor(en)
Gemeinhardt, Peter
Reihe
Studien und Texte zu Antike und Christentum 41
Erschienen
Tübingen 2007: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
XII, 594 S.
Preis
€ 89,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Selbmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Tertullians rhetorische Frage, was Athen mit Jerusalem und die Akademie mit der Kirche gemein hätten [1], gilt als Paradebeispiel einer christlichen Abwehrhaltung gegenüber der paganen Bildung, wenn nicht gar der paganen Kultur überhaupt (S. 73).[2] Vom christlichen Diskurs über Bildung ausgehend, fragt Peter Gemeinhardt in seiner 2006 in Jena angenommenen Habilitationsschrift nach „Aneignung und Transformation der antiken Kultur“ (S. VII). Dabei knüpft er an Überlegungen von Christoph Markschies an, der nach der Überlebensfähigkeit des Christentums in der Antike fragte.[3] Da Bildung „in der römischen Gesellschaft als sozialer Platzanweiser“ (S. 114) fungierte, untersucht Gemeinhardt „die antike Schulbildung samt Inanspruchnahme und Reflexion durch das Christentum“ (S. 21). Seinen Fokus legt er auf den westlichen Teil des Imperium Romanum vom Beginn des 4. bis zum 6. Jahrhundert. Hierbei gelingt es Gemeinhart in beeindruckender Weise, unzählige und zudem auch höchst unterschiedliche Quellen zusammenzustellen und dem Leser kundig aufzubereiten. Neben epigraphischen Quellen werden christliche Briefliteratur, Hagiographien, Kirchenordnungen, Predigten und „theoretische[...] Reflexionen über Bildung und den Lehrberuf“ (S. 24) analysiert.

Zuerst skizziert Gemeinhardt die klassische römische Bildung und setzt sich von Bemühungen ab, das dreigliedrige Bildungssystem (Elementarunterricht, Grammatik und Rhetorik) unbefangen auf das Gesamtreich zu übertragen. Deutlich wird, dass „Bildung“ keinesfalls mit „Ausbildung“ gleichgesetzt wurde. Vielmehr wurde unter Bildung ein lebenslanges Lernen verstanden und somit eine elitäre Lebenshaltung (S. 58f.). Vor diesem Hintergrund geht Gemeinhardt das Verhältnis von Christen gegenüber paganer Bildung in vorkonstantinischer Zeit an. Dabei geht er ausführlich auf Tertullian ein, der einerseits auf die Lektüre klassischer Texte baut, andererseits die Trennung von Kirche und paganer Schule impliziert. Somit kann Tertullian den Zwiespalt zwischen Christentum und Bildung nicht auflösen, zumal er offenbar auch keine Synthese intendierte. Dennoch zeigt gerade das Beispiel Tertullians, dass die Teilhabe an paganer Bildung durch Christen wohl der Regelfall war. Weiterhin untersucht Gemeinhardt höhere Bildung bei Minucius Felix und Cyprian, die rhetorisch versiert die Rhetorik ihrer Zeit kritisierten.

In der Hauptstadt Rom selbst können in vorkonstantinischer Zeit christliche Philosophenschulen nachgewiesen werden, die ohne festen institutionellen Zusammenhalt agierten und auf Privatinitiative gegründet wurden. Methodisch und inhaltlich sollte das Christentum den anderen Philosophen in nichts nachstehen, so der Ansatz von Justin und Tatian. Kirchliche Amtsträger wie Hippolyt und Irenäus wiederum standen der Philosophie kritisch gegenüber. Insgesamt zeigt sich ein sehr differenziertes Bild bei den vorkonstantinischen Autoren, da die pagane Philosophie einerseits von Apologeten für die christliche Lehre vereinnahmt, andererseits von kirchlichen Amtsträgern als häretische Gefahr verteufelt wurde.

Nach diesem ausführlichen Vorlauf widmet sich Gemeinhardt seinem eigentlichen Thema, der Spätantike. Umsichtig fasst er den Forschungsstand über die Verankerung des Christentums in der spätantiken Gesellschaft zusammen. Grundbesitzer und städtische Oberschicht wurden gezielt missioniert, was eine „soziale Sogwirkung“ (S. 134) bewirken sollte. Als viri clarissimi seien Christen vor allem unter Aufsteigern aus den Provinzen oder anderen Nutznießern kaiserlicher Protektion zu finden. Dies sei nicht verwunderlich, da hier eine zielgerichtete Politik christlicher Kaiser erkennbar sei und gerade die sozialen Aufsteiger sich nicht gegenüber (paganen) Traditionen verpflichtet fühlten.

Im Folgenden untersucht Gemeinhardt den Umgang mit Bildung in Grabinschriften, Briefen und Hagiographien. Erfreulicherweise verzichtet Gemeinhardt auf eine Quantifizierung seiner Ergebnisse (vgl. S. 165 u. 184), sondern präsentiert seine Quellen mit begründeter Zurückhaltung.
Zuerst kann Gemeinhardt feststellen, dass Bildung, der Bildungsgang der Verstorbenen oder seine Lehrtätigkeit auf Grabsteinen zwar thematisiert werden, dies aber in vergleichbarer Form wie in Inschriften paganer Provenienz geschieht.

Die christliche Briefkultur bewies an sich bereits ein hohes Maß an klassischer Bildung. So gilt das Briefcorpus des jüngeren Plinius Autoren wie Ambrosius und Sidonius Apollinaris als Maßstab für deren Briefcorpora. Über das Schreiben von Briefen unterhielten christliche Intellektuelle ein „epistolarische[s] Netzwerk“ (S. 244), das sich über weite Teile des weströmischen Reiches erstreckte. Wie Gemeinhardt zeigt, wurde in Briefen ganz selbstverständlich mit antikem Bildungsgut umgegangen, das nicht anstelle, sondern neben biblischen Autoren zitiert wurde. Mit der Epistolographie eigneten sich Christen bewusst eine pagane „Literaturgattung samt deren spezifischer Formkultur“ an (S. 244). Etwas anders wurde mit dem Thema „Bildung“ in Hagiographien umgegangen. Hier wurde nun deutlich auf die geringe Bildung von Heiligen hingewiesen, die eine Beispielfunktion erfüllten. Gemeinhardt kann dies jedoch als Topos deutlich machen. Auf der sprachlichen Ebene passten sich Hagiographien zwar dem beschriebenen Bildungsniveau an, jedoch zeigten zahlreiche Anspielungen und rhetorische Mittel, dass hier für ein gebildetes Publikum geschrieben wurde. Zugleich waren Hagiographien Bestandteil des Bildungsdiskurses innerhalb des Christentums und lebten von gegenseitiger positiver wie negativer Rezeption.

Nach der Untersuchung literarischer Genres prüft Gemeinhardt, welche Bildungserwartungen an einzelne Personen, vor allem an Mönche, Kleriker und Lehrer gestellt wurden. Dabei geht es vor allem um den Umgang mit paganem Bildungsgut und der Anwendung klassischer Rhetorik. Er kommt hierbei zu recht unterschiedlichen Ergebnissen. Die Viten der ausgehenden Spätantike kommentierten die rhetorische Ausbildung kritisch und ablehnend, die rhetorische Bischofsbiographie wurde im 6. Jahrhundert zum „Auslaufmodell“ (S. 302). Zwar wurde Bildung bei einem Bischof als Zierde angesehen, galt aber nicht mehr als Voraussetzung. Ähnliches galt für die Rhetorikausbildung bei Klerikern. Einerseits sollten Prediger gebildeten Großstädtern durch rhetorische Predigten entgegenkommen, andererseits wurde die Unverständlichkeit rhetorisch ausgereifter Predigten gegenüber einfachen Leuten kritisiert, die die Mehrheit der Kirchenbesucher darstellten. Auch wenn dies nur ein Topos gewesen sein sollte, galten dennoch Augustinus und Hieronymus im 6. Jahrhundert als zu anspruchsvoll für das Kirchenvolk. Nach dem Nachweis, dass antike Autoren zwar kritisch, aber souverän mit dem Erbe der antiken Bildung umgingen, untersucht Gemeinhardt die Auswirkungen des Schulgesetzes Kaiser Julians, das die Einheit von Lehre und Bekenntnis forderte. Obwohl im Westen kaum Auswirkungen dieses Edikts spürbar waren, scheint es in einigen Fällen dazu geführt zu haben, dass bei Christen erst eine Reflexion über die eigene Bildung einsetzte. Zudem zeigen die Zeugnisse eine prinzipielle Bejahung antiker Bildungsinstitutionen. Deutlich wird, dass die Formulierung eigener Bildungsziele und der Aufbau eigener Schulinstitutionen den Ausstieg aus dem soziokulturellen Umfeld bedeutet hätte.[4] Dies führt zu der Frage, wie verbreitet christliche Lehrer im spätantiken Bildungssystem waren. Auch hier vermeidet Gemeinhardt quantifizierende Angaben, wertet jedoch sein Material gewinnbringend aus. So sind epigraphisch vor allem christliche Elementarlehrer greifbar, während Grammatiker und Rhetoren eher literarisch bezeugt sind. Hier reproduzierten Christen alte Vorwürfe, Grammatiker würden ihre Kunst in den Dienst der falschen Sache stellen und zu „moralischer Indifferenz“ (S. 404) führen.

Als Fazit beschreibt Gemeinhardt drei idealtypische Vorgehensweisen, in denen die Rezeption paganer Bildung in der Spätantike greifbar wurde: im „schulmäßigen“ Umgang mit der Bibel, gerade in exegetischer Kommentarliteratur, wurde die pagane Schulbildung negativ konnotiert. Ebenso sollten bei der Bibellektüre grammatische und rhetorische Kompetenzen keine Rolle spielen. Eine unbefangene Rezeption klassischer Bildung fand hingegen außerhalb exegetischer und theologischer Diskurse statt. Gemeinhardt kann zeigen, dass der Umgang mit der paganen Bildung keineswegs zu einheitlichen Lösungen führte, deutlich werde vielmehr eine „differenzierte bis disparate Haltung [...] bei ein und derselben Person“ (S. 487). Derartiger flexibler Umgang mit Bildung wird von Gemeinhardt als ein wichtiger Grund angesehen, der das Christentum in der Antike überleben ließ.

Anmerkungen:
[1]Tertullian, praescr. 7,9.
[2] Vgl. Henrike Maria Zilling, Tertullian. Untertan Gottes und des Kaisers, Paderborn 2004, S. 36.
[3] Vgl. Christoph Markschies, Warum hat das Christentum in der Antike überlebt? Ein Beitrag zum Gespräch zwischen Kirchengeschichte und Systematischer Theologie, Leipzig 2004.
[4] So bereits Edgar Pack, Sozialgeschichtliche Aspekte des Fehlens einer „christlichen“ Schule in der römischen Kaiserzeit, in: Werner Eck (Hrsg.), Religion und Gesellschaft in der römischen Kaiserzeit. Kolloquium zu Ehren von Friedrich Vittinghoff, Köln 1989, S. 185–263. Eine Entfremdung von der antiken Bildung sei laut Gemeinhardt erst im 6. Jahrhundert erkennbar; die nun entstandene Lücke konnte von klösterlichen Bildungsstätten nicht gefüllt werden (vgl. S. 493).

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Veröffentlicht am
05.01.2009
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