M. Lang: Karl Loewenstein. Transatlantischer Denker der Politik

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Titel
Karl Loewenstein. Transatlantischer Denker der Politik


Autor(en)
Lang, Markus
Reihe
Transatlantische Historische Studien 28
Erschienen
Stuttgart 2007: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
353 S.
Preis
€ 46,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Helke Rausch, Center for European Studies, Harvard University

Zu den vielen Aspekten des „Zivilisationsbruchs“ (Diner) durch den Nationalsozialismus zählt auch, dass das NS-Regime der deutschen Wissenschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert tiefe Schnitte beibrachte, indem es kritische Intellektuelle und Wissenschaftler ins Exil trieb. Aus der internationalen sozial- und geschichtswissenschaftlichen Forschungsliteratur lässt sich dazu inzwischen ein ambivalentes Narrativ herauslesen. Als unmittelbarste Folge des brutal erzwungenen Wissenschaftswandels erscheinen zum einen der Schwund an Geistesressourcen für den in Deutschland unter ideologischem Diktat verkümmerten Wissenschaftsbetrieb der 1930er- und frühen 1940er-Jahre und zum anderen die Mühsal der Migration, die sie den verfemten Wissenschaftlern und ihren Familien auferlegte. Demgegenüber generierten die ausgewanderten Wissenschaftler in den USA eher eine Art konzeptionellen Mehrwert. Denn allen ambivalenten Aspekten einer berechnenden Aufnahmepolitik und eines mancherorts angespannten Klimas an amerikanischen Universitäten zum Trotz fanden in den USA besonders jüdische Sozialwissenschaftler ein produktives Umfeld, in dem sie als Deutungsexperten gefragt waren. Die individuelle Exilerfahrung lässt sich dennoch schwerlich in einer Gewinn/Verlust-Rechnung unterbringen. Die Vertreibungssituation verlangte den Exilanten manche adaptive Wendigkeit ab, vermittelte ihnen aber auch innovative Impulse. In der Regel konnten die nach 1945 Remigrierten ihre inzwischen weiterentwickelte Forschung allerdings höchstens schleppend in Struktur und Praxis der neu aufgestellten Disziplinen in der Bundesrepublik einspeisen. Von einer teilweise noch über Jahrzehnte hinweg von der Entnazifizierung relativ unbehelligten akademischen Umwelt wurden sie eher selten mit offenen Armen wieder aufgenommenen.[1]

Die jetzt von Markus Lang vorgelegte „intellektuelle Biographie“ des aus Deutschland in die USA migrierten Max Weber-Schülers Karl Loewenstein (1891–1973) illustriert nun einen neuen Einzelfall des intellektuellen „sea exchange“ (H. Stuart Hughes). Langs Darstellung folgt der Leitthese, dass die „Ideen- und Wirkungsgeschichte der Emigration“ im Brennglas der Loewenstein-Vita in dreifacher Hinsicht zu untersuchen ist: als Prozess zunehmender „Internationalisierung“ von Wissenschaftskontakten und -kulturen, beständiger „Akkulturation“ im Sinne einer durchaus ‚ergebnisoffenen’ Auseinandersetzung der Migranten mit ihrer Exilsituation und schließlich als „normative Verwestlichung“ entlang der politischen Wertesysteme westlicher Demokratien nach 1945 (S.12–13).

Lang entfaltet zunächst Loewensteins Theoriebildung in der „Verfassungslehre“ (Kapitel I) und zeigt dann, wie an französischen und britischen Forschungstraditionen orientierte Untersuchungen erst seine Weimarer Jahre (Kapitel II) und einmal mehr die Phase des amerikanischen Exils prägten. Dorthin sah sich Loewenstein vertrieben, nachdem er als Jude seit April 1933 an der juristischen Fakultät der Universität München unter Druck geraten war. Er erhielt 1936 mit Hilfe befreundeter Kollegen und durch Stipendien des Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholars sowie der Rockefeller Stiftung nach einer ersten Anstellung als Professor für Political Science an der Yale University schließlich eine Professur für Political Science (and Jurisprudence) am Amherst College in Massachusetts (Kapitel III). Die disziplinäre Umorientierung vom Staatsrecht zur Politikwissenschaft folgte demnach keinem wissenschaftskonzeptionellen Schwenk, sondern erschien als pragmatisches Zugeständnis an die Zeitläufte und als Preis für eine zügige universitäre Etablierung in den USA. Letztere bot Loewenstein zugleich die Chance, sich als Interpret europäischer und besonders deutscher Tagespolitik zu betätigen. Als einer von vielen Exilanten-Beratern der amerikanischen Militäradministration haderte Loewenstein nach 1945 mit dem schleppenden Fortgang der Entnazifizierung der Universitäten. Zwar betrieb er die 1956 erfolgte Verleihung einer Professur für Politische Wissenschaften an der Universität München aktiv mit, kehrte aber nicht mehr dauerhaft nach Deutschland zurück. An der Etablierung einer demokratiebejahenden kritischen Politikwissenschaft in der jungen Bundesrepublik beteiligte er sich nur aus einer doppelten Distanz zur zügig fortentwickelten Disziplin wie zu den (wissenschafts)politischen Entscheidungen im Nachkriegsdeutschland (Kapitel IV).

An manchen Stellen scheint diese Darstellung nicht ganz aufzugehen. Zum einen bleibt die wiederholt ins Spiel gebrachte Bezeichnung der Studie als „Intellektuelle Biographie“ (S. 17, 316) konzeptionell etwas undeutlich. Sie scheint dann geleistet, wenn dem Exkurs ins Persönliche als Konsequenz einer die Gesamtperson – und nicht nur ihren wissenschaftlichen Output – betreffenden Exilerfahrung Raum gegeben wird (S. 19) und wenn Loewensteins Vita ohne „vorgefertigtes Muster“ (S. 316) rekonstruiert wird. Wie sich Lang damit zur internationalen Intellektuellengeschichte verhält, in der andere Zuschnitte von Intellektuellenbiographien getestet werden, ist offen. Zum anderen lädt Langs Hauptthese zur Diskussion ein, wonach Internationalisierung, Akkulturation und Verwestlichung in Loewensteins wissenschaftlichem Denken sich nicht erst dem amerikanischen Exil verdankten, sondern „von Anfang an“ dessen wissenschaftskonzeptionelles Denken prägten (S. 85–6 und 111–113, 135, 140, 301–2). Hier wird nicht ganz klar, wie sich Loewensteins Ansatz zur Herangehensweise seiner Wissenschaftlerkollegen in den Weimarer Jahren verhält, von denen auch manche anderen transnational und (einmal mehr in einer anhaltend formativen Phase des Fächerfeldes) transdisziplinär ausgerichtet waren. Von einer genaueren Klärung dieser Frage dürfte aber abhängen, ob Lang in der Einschätzung zu folgen ist, Loewenstein habe eine „moderne“, „eigenständige deutsche Politikwissenschaft“ avant la lettre (u.a. S. 24, 85–86, 125, 136 u.ö.) mitbegründet, indem er die „Tradition der Allgemeinen Staatslehre“ mit einer verallgemeinernden Auslegung des um die „checks and balances“ rotierenden amerikanischen Demokratieverständnisses (S. 18, 317 u.ö.) verband.

Die Darstellung überzeugt aber besonders, wo gezeigt wird, wie Loewensteins wissenschaftliches Arbeiten in den USA und danach responsive Züge trug: Lang kann nicht nur detailliert nachweisen, wie sich Loewensteins Theorie- und Konzeptbildung vielfach der Überblendung staatsrechtlicher Denktraditionen mit solchen der political sciences amerikanischer Provenienz verdankte. Er zeigt auch, wo sich Loewenstein den amerikanischen Theorieangeboten dezidiert verweigerte. So wird deutlich, wie Loewenstein, bewusst in staatswissenschaftlichen Denkformen verhaftet, eher statische Begriffe von „politischem System“ und „Macht“ entwickelte. Damit ging er absichtlich zu zeitgleichen Beiträgen aus den amerikanischen political sciences auf Distanz, etwa zu den dort betonten Aspekten der Prozesshaftigkeit und der informellen Erscheinungsformen politischer Macht (S. 23–85). Lang führt – einer Überfülle an Forschungsliteratur zu Kulturtransfer, Westernisierung, Amerikanisierung etc. zum Trotz nach wie vor selten genug – empiriegesättigt zu den Nahtstellen selektiver Aneignung, Auslassung und Adaption und mitten in die komplexen, von beabsichtigten Auslassungen ebenso wie von unfreiwilligen Fehlperzeptionen und Missverständnissen (z.B. S. 35, 71, 79) geprägten Verfahren des gedanklichen Synkretismus, in die der intellektuelle Kontakt gelegentlich mündete. Ebenso wird sehr deutlich gezeigt, wie über den Verlauf der Transfergeschichte nicht nur Potential und Beschaffenheit des gedanklichen Angebots (hier in Gestalt Loewensteinscher Theoriebildung und Methode), sondern in mindestens ebenso starkem Maße die „Aufnahmekontexte“ entschieden (das heißt die wissenschaftskonzeptionellen Befindlichkeiten der politischen und juristischen Disziplinen in den USA seit den 1930er-Jahren). Damit arbeitet Lang ganz unmittelbar an den akuten Baustellen der Transferforschung. Auch deshalb ist sein Buch ein willkommener und sehr fundierter Beitrag zur transatlantischen Wissenschafts- und Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts.

Anmerkung:
[1] Vgl. hier nur Alfons Söllner, Fluchtpunkte. Studien zur politischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, Baden-Baden 2006; Edward Timms / Jon Hughes (Hrsg.), Intellectual Migration and Cultural Transformation: Refugees from National Socialism in the English-Speaking World, Wien 2003; Marita Krauss, Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945, München 2001.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.02.2009
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/