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Titel
Inventing the Public Sphere. The public debate during the Investiture Contest (c. 1030–1122)


Autor(en)
Melve, Leidulf
Reihe
Brill's Studies in Intellectual History 154
Erschienen
Anzahl Seiten
XII, 776 S.
Preis
€ 190, 00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bee Yun, Institut für Sozialwissenschaften (Politische Theorie), Humboldt Universität zu Berlin

Die im Winter 2007 erschienene zweibändige Publikation von Leidulf Melve, eines norwegischen Mediävisten an der Universität Bergen, behandelt die Entwicklung der Öffentlichkeit während des Investiturstreites im Früh- und Hochmittelalter. ‚Öffentlichkeit’ ist ein umstrittener Begriff der Geisteswissenschaft, aber besonders für die Mediävistik. Jürgen Habermas, der diesen Begriff mit seiner berühmten Habilitationsschrift ‚Strukturwandel der Öffentlichkeit‘ in die fachübergreifende Diskussion gebracht hat, definiert die Öffentlichkeit im Sinne der soziopolitischen Kommunikationssphäre, in der gleichberechtigte Mitglieder einander begegnen, über die gemeinsamen Angelegenheiten in der strengen Abgrenzung der privaten auf die Befriedigung der Lebensbedürfnisse bezogenen Beschäftigungen diskutieren und um Anerkennung konkurrieren. Während er die Entstehung der Öffentlichkeit in der griechischen Polis verortete, sprach er diesen Begriff dem Mittelalter ab: „Öffentlichkeit als eigener, von einer privaten Sphäre geschiedener Bereich lässt sich für die feudale Gesellschaft des hohen Mittelalters anhand institutioneller Kriterien, nicht nachweisen.“ Obwohl man im Mittelalter von der Öffentlichkeit als res publica beständig sprach, hatte sie in der soziopolitischen Realität keine Entsprechung, so Habermas’ Fazit.[1]

Es fragt sich nur, ob dies so haltbar ist. Was war denn die soziale, politische Kommunikation in den mittelalterlichen Gemeinwesen? Die Mediävisten haben protestiert, aber nicht allein gegen Habermas. Sie haben gleichzeitig gegen die bei Habermas wirksame Tradition revoltiert, die das Mittelalter im Sinne der radikalen Alterität auffasst.[2] Die gegenwärtigen Bemühungen, die Öffentlichkeit des Mittelalters wiederzuentdecken, ihre Spezifika zu darzustellen und ihren ideologischen und realgeschichtlichen Beitrag zur Entwicklung der Öffentlichkeit und des Öffentlichkeitsbegriffs der modernen Zeit zu erklären, gehören daher zu der seit dem Anfang des letzten Jahrhunderts beständig fortgesetzten ‚Revolte der Mediävisten‘ gegen die Tendenz, das Mittelalter im Sinne des Fremden zu begreifen.

Mit seinem Buch schließt Melve sich dieser Revolte an. Es ist kein Zufall, dass ein jüngster, guter Aufsatz über die Auseinandersetzung der geistigen Renaissance im 12. Jahrhundert (hier sei daran erinnert, dass Charles Homer Haskins, die repräsentative Figur jener Revolte, gerade aufgrund der geistigen Aufklärung dieser Zeit den Burckhardtschen Begriff der Renaissance angreifen konnte) von ihm stammt.[3] Melves methodologischer Grundsatz ist, dass die bürgerliche Öffentlichkeit, wie sie uns Habermas vorstellt, nur eine Variante der Öffentlichkeit ist. Wenn man aus Habermas’ Modell der Öffentlichkeit die spezifisch neuzeitlichen Elemente aussiebt und sich auf die Herausbildung und Entwicklung der Elemente konzentriert, die eine gesellschaftliche politische Kommunikation ausmachen, kann man die Existenz der Öffentlichkeit im Mittelalter bestätigen, die die folgenden drei Charakteristika aufweist: Hohe Abhängigkeit von der Manuskriptkultur, die Koexistenz mehrerer Öffentlichkeiten und die Konzentration auf einen beschränkten Elitenkreis.

Melve unterscheidet nach seinem dialogischen Modell drei Phasen der Entwicklung der Öffentlichkeit im Allgemeinen: die erste, Vorbereitungsphase, in der die Idee des ‚Öffentlichen‘ geschaffen wird; die zweite, Herausbildungsphase, in der die Öffentlichkeit entsteht; die dritte Phase, in der mehrere Öffentlichkeiten einander begegnen und mit einander kommunizieren. Die mittelalterliche Öffentlichkeit durchlebt die letzte Phase nicht, weil die moderne Drucktechnik, die den Kontakt zwischen mehreren Öffentlichkeiten ermöglichte, noch nicht verfügbar war.

Der Hauptteil der Arbeit Melves besteht aus der spannenden Rekonstruktion der Entwicklung der Öffentlichkeit anhand eines umfangreichen Quellenkorpus aus Briefen, Streitschriften und Traktaten bekannter und unbekannter Autoren (etwa Manegold Lautenbach, Petrus Crassus, Guido von Ferrrara, Walram von Naumburg, Herrand von Halberstadt) aus der Zeit des Investiturstreites. Melve versucht in acht Kapiteln zu zeigen, wie sich die Öffentlichkeit entwickelte: Frühphase (1030-1073), Mittelphase (1073-1099), Spätphase (1099-1122). Melve zufolge hat mit der Etablierung der Öffentlichkeit die soziopolitische Kommunikation sowohl auf der subjektiven, als auch auf der objektiven Ebene eine radikale Transformation durchlaufen. Während in der Frühphase die Teilnehmer der Debatten zunächst direkt gegeneinander polemisierten, begannen sich allmählich die parteiliche Identitäten sowie die Regeln und Muster der Debatte zu festigen. Die Teilnehmer sprachen nicht mehr aus spontanen Anlässen und Motivationen gegen ihre Gegner, sondern wandten sich immer mehr an ein wie auch immer geartetes allgemeines Publikum als Schiedsrichter, geprägt von dem Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einer diskursiven Gemeinschaft, deren Objektivität und Richtigkeit von den für kanonisch gehaltenen Texten und Theorien garantiert würden. In der Spätphase beobachte man das Entstehen einer Öffentlichkeit mit fortgeschrittener Institutionalisierung und Differenzierung im Hinblick auf den soziopolitischen Hintergrund der Polemisten, ihrer Motivation und ihrer literarischen Medien.

Melves origineller und nach Ansicht des Rezensenten wichtiger Beitrag liegt gerade in dieser Rekonstruktion. Denn die früheren Diskussionen über die Öffentlichkeit des Mittelalters konzentrierten sich auf die Bestätigung der Differenzierung von Öffentlichem und Nichtöffentlichem bzw. Privatem und die Funktion dieser Differenzierung bei einzelnen Autoren, in literarischen Gattungen oder in Zeitabschnitten, jedoch ist ein Versuch, die diachrone Entwicklung der Öffentlichkeit unter Berücksichtigung aller Teilaspekte der soziopolitischen Kommunikation zu rekonstruieren, in diesem Umfang noch nicht unternommen worden.

Kenner der politischen Theorie des Investiturstreites mögen bei Melves Interpretationen einzelner Autoren Probleme im Detail finden. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt aber nicht auf der Neuinterpretation der Theorie. Melves Versuch, seine Argumentation mit den Zugriffen auf die betroffenen Erkenntnisbereiche (Politische Theorie, Philologie, moderne Kommunikationstheorie usw.) abzusichern, verdient Anerkennung. Weniger gut gelungen ist es dem Verfasser, seinen zentralen methodologischen Ansatz klar und deutlich herauszuarbeiten. Seine einleitende Erklärung ist teilweise zu abstrakt und zu knapp. Seine nicht zuletzt aus der modernen Kommunikationsforschung und Kulturwissenschaft stammenden Terminologien erschweren die Lektüre erheblich, da adäquate Erklärungen fehlen. Auch ein Diagramm auf S. 17 hilft hier nicht weiter, es erscheint eher selbst erklärungsbedürftig. So büßt ein Teil der sinnvollen und innovativen Überlegungen doch erheblich an Überzeugungskraft ein.

Die jüngeren Forschungen im Bereich der Bildungs- und Universitätsgeschichte des Spätmittelalters sowie die wichtigen Diskussionen über die Transformation des politischen Diskurses im Spätmittelalter – mit Nachdruck sei an den einleitenden Teil in Jürgen Miethkes ‚De potestate papae’ erinnert – haben uns in die Lage versetzt, die soziopolitische Kommunikation des Spätmittelalters trotz aller Lücken zuverlässig zu rekonstruieren.[4] Vielleicht trägt der Versuch Leidulf Melves auch auf dem Feld des Spätmittelalters Früchte.

Anmerkungen:
[1] Habermas, Jürgen, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuaufl., Frankfurt am Main 1990, S. 56f.
[2] Ich nenne hier nur selektiv einschlägige Forschungsliteratur, die sich mit der Entstehung und Funktion der Öffentlichkeit im Mittelalter auseinandersetzt: Brandt, Rüdiger, Enklaven – Exklaven. Zur literarischen Darstellung von Öffentlichkeit und Nichtöffentlichkeit im Mittelalter, München, 1993; Melville, Gert; von Moos, Peter (Hrsg.), Das Öffentliche und Private in der Vormoderne, Köln 1998; von Moos, Peter, ‚Öffentlich’ und ‚privat’ im Mittelalter. Zu einem Problem historischer Begriffsbildung, Heidelberg 2004; Emmelius, Caroline (Hrsg.), Offen und Verborgen: Vorstellungen und Praktiken des Öffentlichen und Privaten in Mittelalter und Früher Neuzeit, Göttingen 2004.
[3] Melve, Leidulf ,‘The Revolt of the Medievalists’. Directions in Recent Research on the Twelfth-Century Renaissance, Journal of Medieval History 32 (2006), S. 231-256.
[4] Miethke, Jürgen, De potestate papae. Die päpstliche Amtskompetenz im Widerstreit der politischen Theorie von Thomas von Aquin bis Wilhelm von Ockham, Tübingen, 2000, jetzt als: Politiktheorie im Mittelalter. Von Thomas von Aquin bis Wilhelm von Ockham, Tübingen 2008, S. 1-45.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.10.2008
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