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Titel
Bettler in der europäischen Stadt der Moderne. Zwischen Barmherzigkeit, Repression und Sozialreform


Herausgeber
Althammer, Beate
Reihe
Inklusion/Exklusion 4
Erschienen
Frankfurt am Main 2007: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
337 S.
Preis
€ 59,70
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Reinke, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Betteln war, das belegen zahlreiche zeitgenössische Quellen, auch im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in Europa weit verbreitet. Dieser Sachverhalt jedoch sei, so Beate Althammer in der Einleitung des von ihr herausgegebenen Bandes, zumindest in der deutschsprachigen Historiographie zur Armut „ziemlich unbeachtet“ (S. 5) geblieben. Anders etwa als in der Armutsforschung zu Mittelalter und Früher Neuzeit, in der das Betteln und der soziale Umgang damit einen zentralen Aspekt darstelle, dominierten in der Armutsforschung zur Moderne vor allem Themen wie der Pauperismus, die „Arbeiterfrage“, die Entfaltung der kommunalen sozialen Fürsorge und des Sozialstaates oder die Ausbreitung und Aktivitäten sozialer Vereine und Verbände.

Es ist daher das Ziel des aus einer Sektion der Seventh International Conference on Urban History (2004) hervorgegangenen Bandes, den verschiedenen Erscheinungsformen des Bettelns und dem gesellschaftlichen Umgang mit ihm in der Moderne nachzugehen. Dies geschieht in Form lokaler Fallstudien, die allesamt europäisch-(groß)städtische Entwicklungen untersuchen. In den Städten konzentrierten sich nicht zuletzt infolge von Migrationsbewegungen die sozialen Problemlagen, gleichzeitig lebten hier auch die „behördlichen Funktionsträger und gesellschaftlichen Eliten, die über Macht und Mittel verfügten, unerwünschte Phänomene öffentlich zu benennen, zu interpretieren und dagegen einzuschreiten“ (S. 7).

In seiner historischen Hinführung gibt Helmut Bräuer einen konzisen Überblick über „Bettler in frühneuzeitlichen Städten Mitteleuropas“. Als wichtigstes Ergebnis der spätmittelalterlichen bzw. frühneuzeitlichen Entwicklung konstatiert er die Einführung und zunehmend rigoroser durchgesetzte Unterscheidung der Armenpopulation in der Unterstützung „würdige“ einheimische Arme einerseits, arbeitsfähige, jedoch -unwillige „unwürdige“, fremde Arme andererseits. Eine Unterscheidung, die die weitere Entwicklung der Armenfürsorge nachhaltig prägte.

Die folgenden neun Beiträge behandeln drei Fragekomplexe: neue institutionelle Formen der Bekämpfung des Bettelns; Wahrnehmungen und Deutungen des Bettelns; schließlich die Frage, wer überhaupt bettelte und warum. Hubertus Jahn untersucht in seinem Beitrag das halbstaatliche St. Petersburger Bettlerkomitee, das 1837 seine Tätigkeit aufnahm. Anfänglich war es vor allem dafür zuständig, polizeilich eingelieferte Bettler an andere Institutionen weiterzuleiten oder in ihre Heimatorte zurückzuschicken. Später übernahm es immer mehr soziale Funktionen, betrieb etwa eine Knabenhandwerkerschule und ein Krankenhaus. Die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts rapide ansteigende Zahl von Armen zusammen mit finanziellen Zwängen, politischer Konzeptionslosigkeit und bürokratischer Schwerfälligkeit überstiegen die Möglichkeiten des Komitees bei weitem, und das Ende seiner Tätigkeit im Jahre 1917 „reflektierte im kleinen Rahmen“, so das Fazit Jahns, „die Probleme, welche das Zarenreich insgesamt plagten und letztlich zu seinem Verfall führten“ (S. 111).

Die Aktivitäten des 1864 gegründeten privaten Wohltätigkeitsvereins Eleimon Etaira in Athen und Piräus analysiert Vassiliki Theodorou. Mit der Gründung des griechischen Staates 1832 wurde für diese Region erstmals eine moderne Armengesetzgebung eingeführt, die auch hier die Unterscheidung zwischen arbeitsfähigen und -unfähigen Bettlern traf. Allerdings gab es keine diese Gesetzgebung umsetzenden Institutionen, so dass praktische Initiativen hierzu privaten Vereinigungen vorbehalten blieben. Dem untersuchten liberal-bürgerlichen Wohltätigkeitsverein ging es darum, „unwürdige“ Bettler aus der Stadt zu entfernen, und für einheimische Invalide Formen der institutionalisierten Unterstützung zu schaffen. Damit fügten sich die Aktivitäten des Vereins ein in die europaweiten Bemühungen um eine Modernisierung der Armenfürsorge, auch wenn sie in Griechenland auf die mentale Beharrungskraft traditioneller Gesellschaftsstrukturen und hier insbesondere der christlich-orthodoxen Haltung zu Armut stießen.

Die Beiträge von Bettina Hitzer und Astrid Mignon Kirchhof analysieren verschiedene Formen evangelischer Fürsorge in Berlin im Kaiserreich bzw. der Weimarer Republik. Hitzer beschreibt die nach der Jahrhundertwende auf Initiative Friedrich von Bodelschwinghs gegründeten Arbeiter- und Frauenkolonien in Berlin, mittels derer neue Wege in der Obdachlosenfürsorge beschritten wurden. Dem Konzept zufolge sollten hier Obdachlose durch landwirtschaftliche Betätigung wieder in die Gesellschaft integriert werden. Aber nur etwa ein Drittel der häufig alten und kranken in den Arbeiterkolonien Beschäftigten konnte in reguläre Arbeitsstellen vermittelt werden. Das Prinzip der Inklusion durch zeitweilige Exklusion bewirkte für die Mehrheit der Insassen eine dauerhafte Exklusion.

Obdachlose Frauen wurden in der Regel in Institutionen zur Aufnahme von Prostituierten gebracht, weibliche Obdachlosigkeit mit sexuell deviantem Verhalten assoziiert. Auch die kurz vor dem Ersten Weltkrieg gegründeten Frauenkolonien waren innerhalb des protestantischen Fürsorgesystems Teil der „Gefährdetenfürsorge“ und nicht, wie die Arbeiterkolonien, der Wandererfürsorge. Dies galt, wie Kirchhof in ihrem Beitrag belegt, auch für die protestantische Bahnhofsfürsorge im Berlin der 1920er- und 1930er-Jahre. Obdachlosigkeit wurde bis weit in die 1920er-Jahre des 20. Jahrhunderts als ein soziales Problem wahrgenommen, für das geschlechtsspezifische Lösungsstrategien entwickelt wurden.

Wahrnehmungs- und Deutungsmuster des Bettelns untersuchen Richard Dyson/Steven King, Taina Syrjämaa und Sigrid Wadauer aus unterschiedlichen Perspektiven. Am Beispiel der englischen Universitätsstadt Oxford im 19. Jahrhundert belegen Dyson/King, dass die von staatlichen und kommunalen Vertretern vertretene Haltung, im Interesse einer systematisch organisierten Armenpflege keine individuellen Almosen zu geben, von den Einwohnern der Stadt nicht geteilt wurde. Die Praxis, Bettler und Obdachlose mit Hilfeleistungen zu unterstützen, war hier im 19. Jahrhundert noch weit verbreitet. Die mit der Modernisierung der Armenfürsorge einhergehende Unterscheidung zwischen arbeitsunwilligen und unterstützungsbedürftigen Armen warf auf administrativer Ebene, wie Wadauer am Beispiel Wiens zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt, die Frage auf, welche Verhaltensweisen als Betteln zu qualifizieren und welche Maßnahmen hiergegen zu ergreifen seien. Betteln stellte sich aus Sicht der mit der Armenpflege befassten Einrichtungen als ein Phänomen verschiedener gesellschaftlicher Bereiche dar (Wohlfahrt und Fürsorge, Polizei und Justiz), die jeweils eigenen Logiken folgten und nicht ohne weiteres kongruent waren. Syrjämaa analysiert anhand von Reiseberichten, politischen Traktaten, Zeitungsberichten sowie literarischen Erzeugnissen die Wahrnehmung von Armut in Rom im 19. Jahrhundert. Hierbei unterscheidet sie im Wesentlichen drei Reaktionsweisen: Ablehnung, Empathie für die bettelnden Armen, und schließlich die Auffassung, in der sichtbaren Armut sei ein Indikator für die Unfähigkeit des Kirchenstaates zu sehen, die bestehenden sozialen Probleme zu bewältigen.

Beate Althammer schließlich zeigt in ihrem Beitrag über Bettler in Aachen und Düsseldorf, dass im Verlaufe des 19. Jahrhunderts der Kreis derjenigen, die bettelten, sich grundlegend veränderte. Waren es zu Beginn des Jahrhunderts vor allem von der kommunalen Armenfürsorge unterstützte Einheimische – Frauen, Kinder, Alte und Invalide –, so dominierten um 1880 vor allem Arbeit suchende Männer, für deren Notlage im bisherigen Fürsorgesystem keine Hilfseinrichtungen bestanden. Die in der Folgezeit entstehende „Wanderfürsorge“ staatlicher und konfessioneller Träger muss vor diesem Hintergrund vor allem als Antwort auf die in der Hochindustrialisierung sichtbar werdenden neuen sozialen Missstände und Verwerfungen gesehen werden.

Dass damit jedoch eine langfristig effektive Form der Armutsbekämpfung entwickelt wurde, muss bezweifelt werden. Betteln in seinen verschiedensten Formen ist nach wie vor Teil sozialen Verhaltens, wie die Ethnografin Maria Kudryavtseva in ihrem Beitrag über „Bettler in St. Petersburg am Ende des 20. Jahrhunderts“ belegt. Ihre Ausführungen zeigen, dass Betteln entgegen den Annahmen eines tendenziellen Verschwindens in der Moderne auch aktuell, zumal in politisch-wirtschaftlichen Umbruchsituationen, als legitime Strategie des Nahrungserwerbs angesehen und praktiziert wird – entgegen allen Versuchen der unterschiedlichen Fürsorgeeinrichtungen, das Betteln und seinen komplementären Gegenpart, die individuelle Almosenvergabe, als sozial deviante und im Sinne einer rational organisierten Armenfürsorge als kontraproduktive Verhaltensweisen zu diskriminieren.

Die Beiträge des Bandes analysieren auf durchweg hohem Niveau die Probleme, denen sich die organisierte Armenfürsorge in verschiedenen europäischen Metropolen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert gegenüber gestellt sah. Dass dies vorrangig am Beispiel institutioneller Bemühungen um eine Modernisierung der Armenfürsorge thematisiert wird, ist kein Zufall. Es verweist auf ein strukturelles Dilemma, mit dem die Armutsforschung sich immer wieder konfrontiert sieht: Nur selten artikulieren die von Armut Betroffenen sich selbst; ihr Schicksal wird erst mithilfe der akribischen Auswertung von Statistiken, Berichten und polizeilicher Unterlagen nachvollziehbar. Die von Althammer in der Einleitung des Bandes formulierte These, das Phänomen des Bettelns im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sei von der Forschung nur wenig wahrgenommen worden, erscheint vor diesem Hintergrund nicht zwingend und überzeugend. Wahrgenommen wurde Bettelei vor allem durch die damit befassten Einrichtungen.

Festzuhalten bleibt, dass trotz dieses Einwandes die Fokussierung des Bandes auf die Persistenz des Bettelns in der Moderne die Armutsforschung zu weiterführenden Fragestellungen und Überlegungen anregt; und dies um so mehr, als hier der Versuch unternommen wird, die Fragestellung in ihren die Nationalgrenzen überschreitenden Dimensionen in den Blick zu nehmen.