Cover
Titel
Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen


Herausgeber
Conrad, Sebastian; Eckert, Andreas; Freitag, Ulrike
Reihe
Globalgeschichte 1
Erschienen
Frankfurt am Main u.a. 2007: Campus Verlag
Anzahl Seiten
347 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Tobias Rupprecht, Universität Tübingen

Eine wachsende Gemeinde vor allem jüngerer Historiker hat sich die Überwindung essentialisierter nationalstaatlicher Kategorien auf die Fahnen geschrieben. Weltweite, transnationale, multipolare Einflussnahmen und Bedingtheiten sind in den Mittelpunkt des Interesse gerückt. Im angelsächsischen Raum hat sich der Begriff des ‚Entanglement’ durchgesetzt, in Frankreich haben Michael Werner und Bénédicte Zimmermann die ‚Histoire Croisée’ geschaffen, und im deutschsprachigen Raum konkurrieren die Begriffe der Verflechtungsgeschichte, der geteilten und der Transfergeschichte. Bei allen vermeintlichen und tatsächlichen Differenzen dieser Ansätze steht fest: Globalgeschichte ist in. Das konzedieren auch die Herausgeber des vorliegenden Sammelbands, deren eigene akademische Herkunft auch global verflochten ist: Sebastian Conrad forscht unter anderem als Japanexperte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, Andreas Eckert ist Professor für afrikanische Geschichte an der Humboldt-Universität und Ulrike Freitag hat einen Lehrstuhl für Islamwissenschaften an der Freien Universität in Berlin.

Wer vom vorliegenden Sammelwerk, Band eins einer damit begonnenen gleichnamigen Reihe des Campus-Verlags, bahnbrechende neue Erkenntnisse oder steile Thesen erwartet, wird etwas enttäuscht: Zusammengestellt und ins Deutsche übersetzt wurden Texte, die in den letzten 15 Jahren Globalgeschichte geprägt und entwickelt haben. Dazu liefern Conrad und Eckert einleitend einen hervorragenden Überblick über die Geschichte der Disziplin und eine gelungene Auswahl aktueller und kanonisierter Literatur.

Von der „Weltgeschichte“, die sich Großreiche der Chinesen, Griechen oder Araber aus ihrer jeweiligen Warte schrieben, über die Universalgeschichte der europäischen Aufklärung bis zum Entwicklungsdenken des 19. Jahrhunderts – den Anspruch, Globalgeschichte zu betreiben, hat es im Grunde schon immer gegeben. Vor allem in Europa aber war sie innerhalb der Geschichtswissenschaften lange Zeit zu einem gewissen Außenseiterdasein verdammt: Im Vordergrund stand meist eine Quellenexegese im Sinne einer Wurzelsuche des Nationalstaats, nicht die relativierende, theoretisierende Verallgemeinerung. Conrad/Eckert stellen eine Reihe Vorläufer der heutigen global history vor, geben knapp deren Grundaussagen wieder und fassen gängige Kritikpunkte daran zusammen. Immanuel Wallersteins Weltsystemtheorie betonte ab den 1970er-Jahren erstmals den Einfluss der kolonialen Peripherie auf die Entwicklung des europäische Zentrums, argumentierte (gemäß dem intellektuellen Zeitgeist) aber einseitig materialistisch-ökonomistisch. Kulturelle Faktoren dagegen brachten die Zivilisationsanalysen von Samuel Huntington oder Shmuel Eisenstadt in den 1980er- und 1990er-Jahren ins Spiel. Ersterer ist bis heute mit seinem statischen Kulturbegriff und seinen fragwürdigen politischen Schlussfolgerungen die beliebteste Zielscheibe kulturwissenschaftlicher, ethnologischer und postkolonialer Kritik. Aber auch Eisenstadts Konzept der multiple modernities, das im Grunde die Vielfalt möglicher Entwicklungen und die aktive Rolle außereuropäischer Gesellschaften in der Übernahme einzelner Elemente der europäischen Moderne betont, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, allzu vereinfachend großen Weltregionen eine gemeinsame Identität zu verpassen, die sie nur aus westlicher Sicht hätten. Aktuelle globalisierungstheoretische und postkoloniale Ansätze gehen daher oftmals stärker auf regionale Zusammenhänge und Auswirkungen innerhalb der globalen Makroräume ein.

Der erste Teil des Buches bündelt recht unterschiedliche Texte unter dem Titel „Ansätze, Theorien, Perspektiven“. Etwas störend, aber in einer solchen Sammlung kaum neuredigierter Texte vielleicht unumgänglich, sind dabei die vielen Wiederholungen, vor allem die Forschungsgeschichte betreffend – nach dem dritten Mal dürfte auch der unbedarfteste Leser verstanden haben, was Wallerstein und Huntington gesagt haben, und dass Hegels teleologische Weltgeschichte nicht mehr en vogue ist. Das amerikanisch-deutsche Autorenduo Charles Bright und Michael Geyer gibt dennoch einen guten weiteren Einblick in die Globalgeschichte. Die Gründe ihrer Popularität sehen sie in der alltäglichen Erfahrung einer „globalen Praxis“ in Kommunikation und Transport, die viele Menschen in ihrem Alltag machen. Auch Bright/Geyer betonen die Bedeutung regionaler Entwicklung für globale Prozesse. Der Westen dominiere zwar die globale Vernetzung im Positiven wie im Negativen, könne aber nicht den Prozess globaler Integration steuern. Diese Verortung des Westens im Prozess der Globalisierung geht (ähnlich wie Eisenstadts multiple Modernen) einen überzeugenden Mittelweg zwischen nun wirklich überkommenen eurozentristischen Modernisierungstheorien und Tendenzen, die zentrale Rolle Europas im 20. Jahrhundert kleinzureden. Auch die Mongolen beherrschten und durchdrangen ein Weltreich, wie Christopher A. Bayly in seiner Analyse „archaischer Frühformen von Globalisierung“ und der Afrikahistoriker Frederick Cooper bemerken. Auch die Portugiesen mit ihrem maritimen Imperium und der Sklavenhandel im Atlantik („Proto-Globalisierung“ nach Bayly) legten Grundsteine. Das zeigt, wie Prozesse weltweiter Durchdringung niemals linear verlaufen. Aber der Begriff der Globalisierung wird schon ein wenig überstrapaziert, wenn man ihn allzu großzügig in die Vergangenheit projiziert.

Arif Dirliks Begriff der „Globalen Moderne“ hilft, die Spezifika der heutigen Verflechtung der Welt von den Vorläufern von Globalisierung zu trennen. Dass diese Globale Moderne ab den 1990er-Jahren so eindeutig postkolonial, postnational und nicht mehr eurozentristisch ist wie Dirlik sie definiert, ist aber eher fraglich. Wie virulent der nationale Gedanke weiter ist, zeigen die anhaltenden Krisen im Nahen Osten, auf dem Balkan, in mehreren GUS-Staaten und gleich vor der Haustür in Belgien und Spanien. Allenfalls für eine weltweite Oberschicht, die Dirlik treffend als „transnationale kapitalistische Klasse“ bezeichnet, spielt der nationale Rahmen vielleicht keine Rolle mehr. Andere erfahren diese Grenzen sehr real, sei es in Ceuta, am US-mexikanischen Grenzzaun oder vor der australischen Küste. Für die transnationale kapitalistische „Klasse“ wiederum gilt die Überwindung des Eurozentrismus nicht. Ob in London, Sao Paolo, Moskau, Shanghai und vermutlich auch in Luanda oder Lagos: Diese urbane globale Oberschicht verdient ihre Brötchen nach den Regeln des westlich geprägten Wirtschafts- und Finanzsystems, schickt ihre Kinder auf westliche Schulen und Universitäten, kommuniziert über ein (noch) westlich geprägtes Internet, sieht dieselben westlichen Filme, hört dieselbe westliche Musik, kauft die gleiche Kleidung in den Filialen der gleichen westlichen Ketten und isst in den gleichen standardisierten Restaurants, die abgesehen von exotischen Einsprengseln à la Sushi ebenfalls europäisch oder nordamerikanisch sind. An dieser ganz eindeutig westlichen Konsumkultur teilzuhaben ist und bleibt für einen Großteil der Weltbevölkerung ein (meist unerreichbarer) Lebenstraum. Die Coca-Kolonisierung und die Marilyn-Monroe-Doktrin, wie es Robert Wagnleitner formuliert hat, haben sich global durchgesetzt! Das hat mit einer erfolgreichen Verbreitung bürgerlich-westlicher Wertvorstellungen wenig zu tun, ist aber ein Aspekt, der meines Erachtens bei aller Rede über die Abkehr vom Eurozentrismus doch etwas zu kurz kommt. Eine wirklich globale Verbreitung dieser westlichen Konsumkultur und ihr Aneignungsprozess, der nichts mit Reiterhorden, Kanonenbooten oder Kulturimperialismus, sondern mit ihrer Attraktivität zu tun hat, ist ein Spezifikum der Globalen Moderne, das sie in diesem Ausmaß von anderen Phasen (oder Vorläufern) der Globalisierung unterscheidet.

Der zweite Teil des Buches widmet sich fünf Beispiele von „Globalgeschichte in der Praxis“. Kenneth Pomeranz nutzt seine Perspektive als China-Historiker, um der Frage nachzugehen, warum Europa (und nicht etwa China) ab dem 18. Jahrhundert eine so spektakuläre Entwicklung durchmachte. Der seine Analyse dominierende Geodeterminismus überrascht ein wenig in diesem postkolonialen Umfeld. Die zufällige Nähe von Kohlevorräten an der Hauptstadt sowie die aus Landknappheit erfolgte Verlagerung des Baumwollanbaus in die neue Welt sieht Pomeranz als die Ursachen für den Aufstieg Großbritanniens. Der Literaturwissenschaftler Christopher Hill zeigt, wie die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts nicht nur den Nationalstaat essentialisierte, sondern auch den wirtschaftsliberalen Werten eines Adam Smith zu ihrer Durchsetzung verhalf. Hill nimmt dies als Warnung für die transnationale Historiographie, nicht zum ‚Legitimateur’ des Neoliberalismus zu werden. In einer diskursanalytischen Betrachtung beschreibt Rebecca E. Karl die Entstehung der Selbstwahrnehmung „Asiens“ in China, Indien, Persien und Südost-Asien um 1900 als Reaktion auf das Wirken des westlichen Imperialismus.

Erez Manela zeigt im vielleicht bemerkenswertesten Beitrag, wie die USA während des Ersten Weltkriegs den Begriff der „Selbstbestimmung“ von Lenin übernahmen und welche enormen Begeisterungsstürme weltweit Wilsons 14 Thesen auslösten. Nach Unabhängigkeit strebende Menschen unterschiedlichster Völker, Kulturen und Staaten teilten diesen globalen „Wilsonschen Augenblick“ – umso größer war die Enttäuschung, als sich herausstellte, dass kaum eine der Forderungen umgesetzt wurde. Das Beispiel Ho Chi Minhs, der sich zu dieser Zeit überschwänglich für Wilson begeisterte, zeigt, auf welche zweite Option die Dritte Welt in den kommenden Jahren ihre Hoffnungen setzte. Die gewichtige Rolle der Sowjetunion für die koloniale und noch stärker für die spätere postkoloniale Welt ist ein Bereich, der leider nicht nur im vorliegenden Band, sondern generell in der aktuellen globalgeschichtlichen Literatur etwas zu kurz kommt.

Den Abschluss bildet eine vom Autor Andrew Zimmermann als marxistisch-psychoanalytisch angekündigte Betrachtung einer Dreiecksgeschichte zwischen dem Deutschen Reich, den Südstaaten und der deutschen Kolonie Togo. Afroamerikanische Berater aus Alabama sollten den deutschen Kolonialherren in Afrika helfen, Baumwollanbau nach amerikanischem Vorbild effizienter zu gestalten und die amerikanischen Zustände als vorbildliche Ordnung von Rasse und Arbeit zu installieren. Der Versuch scheiterte weitgehend, zeigt aber in seinen ideellen Voraussetzungen wie seiner repressiven Umsetzung, wie der schlichte Rassismus der Deutschen an der afrikanischen Realität vorbeiging.

Damit geht der Band etwas abrupt zu Ende. Man hätte sich noch ein paar zusammenfassende Worte gewünscht, etwa welchen Beitrag diese erstmals auf Deutsch publizierten Texte für die Entwicklung der Globalgeschichte geleistet haben. So stehen sie leider etwas unzusammenhängend da. Für diejenigen, die schon eine der zahlreichen Einführungen in die global history (oder einen älteren Sammelband Conrads) gelesen haben, ist dieser neue Band trotz des schönen tätowierten Indianers im Anzug auf dem Titelcover kein unbedingtes Muss. Wer sich für Globalgeschichte interessiert, sich aber noch nicht intensiver damit beschäftigt hat, findet einen sehr guten Überblick in der Einleitung sowie eine Reihe in unterschiedlichem Maße anregender Beispiele, wie Globalgeschichte geschrieben werden kann.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.07.2008
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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