Cover
Titel
A Monumental Mockery. The Construction of the National Holocaust Memorial in Berlin


Autor(en)
Mangos, Simone
Anzahl Seiten
218 S., 35 Abb.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maike Mügge, Justus-Liebig-Universität Gießen

Zweieinhalb Jahre nach seiner Fertigstellung und feierlichen Eröffnung im Mai 2005 ist das Berliner „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ weiterhin Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses.[1] Mit der hier zu besprechenden Publikation liegt nun die erste englischsprachige Monographie vor, die es sich zum Ziel nimmt, die insgesamt 17-jährige Debatte um die Errichtung des Denkmals zu behandeln. Seit 1998 verfolgte die aus Australien stammende und in Berlin lebende Künstlerin Simone Mangos die Entwicklung des Areals und der öffentlichen Auseinandersetzung um das Denkmal. Neben der vorliegenden, als Dissertation am College of Fine Arts der Universität New South Wales eingereichten Monographie entstanden in dieser Zeit auch Fotoarbeiten und eine Installation, die zusammen mit geophysikalischen Plänen in der Ausstellung „The Ideology of Memory“ im Berliner Museum für Fotografie gezeigt wurden (24. August bis 4. November 2007, siehe <http://www.simonemangos.com>).

In 17 Kapiteln behandelt Mangos herausragende, in besonderem Maße skandalträchtige und öffentlichkeitswirksame Ereignisse der Entstehungsgeschichte des Denkmals. Themen, Akteure, Motive und Kampagnen werden chronologisch entfaltet und durch historische und wissenschaftsgeschichtliche Hintergründe kontextualisiert. Ausgehend von dem für die Denkmalserrichtung bestimmten Gelände und dem Umgang mit diesem Gelände im Planungs- und Bauprozess (Kapitel 3) thematisiert die Arbeit die Institutionalisierung der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ (Kapitel 4), die Werbekampagnen des Förderkreises um Lea Rosh („Licht gegen das Vergessen“, Kapitel 7, und „den holocaust hat es nie gegeben“, Kapitel 8), die Auseinandersetzungen um die Beteiligung des Degussa-Konzerns an der Fertigung der Betonquader (Kapitel 11 und 12) sowie die von Rosh während der Eröffnungsfeierlichkeiten geäußerte Absicht, einen Zahn und einen gelben, aus Textil gefertigten Stern in einen der Betonquader zu integrieren. In weiteren Abschnitten geht es um das Verhalten der Besucherinnen und Besucher sowie die Randbebauung des Denkmals mit gastronomischen und touristischen Einrichtungen (Kapitel 10, 14, 15, 16). Darüber hinaus werden in Einschüben Akteure und Motive der Ereignisse ausführlicher angesprochen.

Obwohl die Publikation damit spannende, für ein Verständnis der Debatte und des Denkmals aufschlussreiche Ereignisse, Probleme und Auseinandersetzungen betrachtet, bleibt die Lektüre sowohl für den Wissenschaftler als auch für den interessierten Laien unzufriedenstellend. Das liegt zum einen daran, dass wiederholt Urteile und Wertungen der Autorin ohne hinreichende Begründungen durchschlagen, zum anderen aber auch schlicht an unzureichender Sach- und Literaturkenntnis der Verfasserin. So werden die mit der Themenauswahl gestreiften Kontexte in den eingeschobenen Exkursen meist nur durch Verweise auf eine Quelle oder eine sehr begrenzte Auswahl an Sekundärliteratur gestützt.

Der Leseeindruck wird besonders dort getrübt, wo es sich bei diesen Quellen um so problematische Schriften wie Selbstaussagen Adolf Hitlers handelt, die Mangos ohne kritische Anmerkungen oder Problematisierungsansätze zitiert und als Belege für die Geschichte des Denkmalareals behandelt (S. 50). Das Ausmaß der deutschen Verbrechen in Russland wird lediglich mit Forschungsergebnissen belegt, die Götz Aly in seinem Buch „Hitlers Volksstaat“ zur Diskussion gestellt hat.[2] Damit ist der Forschungsstand natürlich nur sehr fragmentarisch erfasst.

Komplexe Hintergründe und Fragestellungen werden verkürzt und für Aussagen der Verfasserin zurechtgeschnitten. So fehlen der Untersuchung beispielsweise differenzierte Überlegungen dazu, warum die baulichen Überreste von Goebbels’ Bunker auf dem für das Denkmal bestimmten Gelände erhalten werden sollten (S. 35ff. und öfter). Mangos’ Plädoyer, die Überreste zu erhalten und auszustellen, wird nicht begründet und nicht abgewogen. Bedauerlich ist auch, dass die Untersuchung das Denkmal selbst als ästhetisches Objekt nicht behandelt. Besonders in den Abschnitten, die sich dem ‚Fehlverhalten’ von Besucherinnen und Besuchern widmen, wäre die Frage nach dem Objekt und seinen Rezeptionsmodi angebracht gewesen.

Sehr unsachlich und dem Erkenntnisinteresse der Arbeit sogar widerstrebend sind die wiederholten Fokussierungen auf einzelne Akteure der ausgewählten Ereignisse und auf deren – in weiten Teilen spekulative – Interessen und Ziele. So sind dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse zwei Kapitel gewidmet. Das Hintergrundwissen der Verfasserin über das politische System Deutschlands reicht lediglich aus, um zu behaupten, dass Thierse als Präsident des Deutschen Bundestages der zweitmächtigste Mann nach dem Bundeskanzler gewesen sei – eine an sich schon fragwürdige Behauptung, die weder begründet noch in eine weiterführende Argumentation eingebunden wird. Zudem lässt sich Mangos anekdotenhaft über Thierses äußere Erscheinung aus (S. 70). Solche Passagen sind ärgerlich, da der geneigte Leser die wichtigeren Informationen zwischen unsachlichen und suggestiven Ausführungen suchen muss.

Eine gut strukturierte Analyse der Ereignisse und Auseinandersetzungen um die Errichtung und Rezeption des Denkmals wird auch dadurch behindert, dass keine theoretische, methodische und historische Reflexion über diese Vorgänge erfolgt. Man vermisst Grundsätzliches über politische Kommunikation, über Rolle und Funktion der Massenmedien, über kommunikative Aspekte von Nationsbildungsprozessen, über Kunst im öffentlichen Raum und Mechanismen kulturellen Erinnerns, aber auch über Methoden der Stadtethnologie. So bleibt der durchaus vielversprechende Ansatz, die Debatten vor der Einweihung des Denkmals und die späteren Rezeptionsmuster im Zusammenhang zu betrachten, leider weitgehend ungenutzt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zuletzt beispielsweise: Saehrendt, Christian, Bewegendes Erlebnis oder lästiger Pflichttermin? Wie erleben Schülerinnen und Schüler den Besuch des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin?, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 58 (2007), S. 744-757; Schweppenhäuser, Gerhard, Was bedeutet „Aufarbeitung der Vergangenheit“ in der bildenden Kunst heute? Zu Peter Eisenmans Berliner Ästhetik des Erhabenen, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 34 (2006), S. 330-354.
[2] Siehe dazu die Rezensionen von Mark Spoerer (<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-143>) und Wolfram Meyer zu Uptrup (<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-142>).