P. Vogt (Hrsg.): Zwischen Bekehrungseifer und Philosemitismus

Cover
Titel
Zwischen Bekehrungseifer und Philosemitismus. Texte zur Stellung des Pietismus zum Judentum


Herausgeber
Vogt, Peter
Reihe
Kleine Texte des Pietismus 11
Erschienen
Anzahl Seiten
128 S.
Preis
€ 14,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hedwig Richter, Universität zu Köln

Im Jahr 1716 sorgten zwei Pietisten vor der Prager Synagoge für einen „großen Zulauf der Juden“ und „Gedräncke des Volks“. Sie erzählten den Herbeigelaufenen „wie sie der Herr […] wiederum zu seinem Volck und Eigenthum annehmen werde“, worauf die Juden in Tränen ausbrachen. „Wir empfunden eine grosse Liebe zu ihnen allen, und sie bezeugten deßgleichen“, wie sich einer der beiden Pietisten später erinnerte (S. 71-73).
Außer diesem „Bericht über einen Besuch bei den Juden in Prag“ hat der Theologe Peter Vogt in der vorliegenden Anthologie zwölf weitere Texte herausgegeben, in denen sich Pietisten mit dem Judentum auseinander setzen. In Visionen, gelehrten Abhandlungen, Predigten, Liedern und Aufrufen aus der Zeit von 1693 bis 1764 entfaltet sich ein faszinierendes, weites Panorama nicht nur des Pietismus. Die Texte spiegeln auch die Sicht der Autoren auf den jüdischen Glauben, die soziale Lage der Juden und den vorherrschenden Antijudaismus der Zeitgenossen. Damit ist das Buch nicht nur für Pietismusforscher interessant, sondern für Historiker, Philosophen und Antisemitismusforscher im Allgemeinen. Der Sammelband ist von Peter Vogt mit einem knappen, aber aussagekräftigen Kommentar zu jedem Text und Autor versehen. In einem Nachwort, das etwas ausführlicher hätte sein können, fasst der Herausgeber zentrale Aspekte der Beziehung zwischen Juden und Pietisten zusammen und ordnet sie in die Barockzeit ein. Die Literaturangaben in Nachwort und Kommentar ergeben zusammen eine kleine Bibliographie der wichtigsten Arbeiten über das Thema.

Der Pietismus war durch einen vielschichtigen Philosemitismus geprägt. In den Texten, deren Autoren aus unterschiedlichen Schichten und pietistischen Richtungen kommen, werden die Gründe dafür deutlich: Pietisten sahen dank ihres wörtlichen Bibelverständnisses (anders als viele zeitgenössische Theologen) die Juden nach wie vor als das auserwählte Volk. Deshalb, so mahnten die Pietisten, dürften auch die Versprechungen der Bibel für das Volk Israel (seine Errettung, Gottes andauernde Liebe, das verheißene Land usw.) nicht symbolisch auf die Kirche übertragen, sondern müssten nach wie vor den Juden zugesprochen werden (S. 16, 22-24, 76, 84 et passim). Eine zweite Motivation für diesen Philosemitismus war die endzeitliche Ausrichtung des Pietismus. Pietisten lasen im Neuen Testament die Verheißung, dass vor Jesu Wiederkunft die Juden bekehrt und errettet werden würden (z.B. S. 5-19). Daher kam die Verpflichtung des Pietismus zur Judenmission. Ein Großteil der Texte dreht sich denn auch darum, wie „das Werck der Bekehrung der Juden“ zu vollbringen sei (Johann Wilhelm Petersen, S. 22). Dabei zeigen sich beide Seiten des christlichen Bekehrungseifers: einerseits die Unfähigkeit, dem anderen ohne vorgefasste Meinung gegenüber zu treten; andererseits aber das universelle und egalitäre Angebot des Evangeliums, das durch keine Rasse- oder Staatsgrenzen eingeschränkt werden dürfe. Die einen empfehlen als den besten Weg zur Judenbekehrung den intellektuellen Disput (wie der Orientalist Johann Heinrich Callenberg, S. 54-60); die anderen mahnen, sich darauf nicht einzulassen und stattdessen allein „Jesum, den Gekreuzigten“ zu verkündigen (Samuel Lieberkühn, S. 83); Philipp Jacob Spener, der Begründer des lutherischen Pietismus, sieht eine Ursache für den Unglauben der Juden in ihren prekären sozialen Verhältnissen und will diese bessern (S. 39-43); das pietistische Halle an der Saale eröffnet ein „Institutum Judaicum et Muhammedicum“ für orientalische Sprachen, das Traktate in jiddischer Sprache veröffentlicht (S. 103); Nikolaus Ludwig von Zinzendorf will die Juden emotional überzeugen („Sie müssen im Herzen fühlen“, S. 69). Einig sind sich die Pietisten darin, dass Judenmission ohne jeden Zwang geschehen müsse (S. 46, 85).

Viele der Autoren sehen in den Christen selbst den Hauptgrund für die verbreitete Ablehnung des christlichen Glaubens durch die Juden (S. 36, 46, 85f. et passim). Wobei typisch pietistisch unterschieden wird zwischen den wahrhaften Christen und den Christen, die „in großen Verfall gerathen“ und keine echten Gläubigen seien (S. 85). So beschreibt Zinzendorf ironisch das Interesse der „anderen Christen“ an den Juden: „sie schimpfen und lästern, geniessen und brauchen sie [die Juden] mehr als wir“. Die Gläubigen aber, weil sie die Bibel ernst nähmen und darin die Errettung der Juden prophezeit sei, bekümmerten sich in Liebe um die Juden (S. 66f.). Auch Spener attackiert den Antijudaismus, wie er ihn in Frankfurt am Main als Senior der städtischen Geistlichkeit erlebte: „wie dann leider einige es eher vor ein gutes werck, und zeugnus ihrer liebe zu Christo Jesu, achten, als sich darüber sünde fürchten, da sie einem juden leid zufügen, ihn übervortheilen, betriegen, in schaden bringen, oder sonst ihm anderes unrecht anthun“, so dass die Juden „offt kaum sicher und ohne ungemach auf der strasse gehen“ können. Der Prediger ermahnt seine Kollegen, dieses Verhalten den Gläubigen streng zu verbieten (S. 41).

Die 13 Texte zeigen jedoch, dass sich das Verhältnis zu den Juden nicht in Missionsbemühungen erschöpft, wie der Titel „Zwischen Bekehrungseifer und Philosemitismus“ nahe legt. So setzt sich Spener mit der sozialen Situation der Juden auseinander. Dabei klingen nicht nur bei ihm antisemitische Stereotype an (vgl. S. 17, 20f.). Er greift auch den Vorwurf auf, die Juden gingen oft keiner regelrechten Arbeit nach, erklärt dann aber: „Das theils ohne ihre schuld geschiehet, indem sie eignes land zu bauen nicht haben, auch an meisten orten zu handwerckern, sie zu lernen oder zu treiben, nicht gelassen werden“ (S. 39). Ein erster Schritt zur Judenmission sei daher, ihnen all das zu erlauben. Doch würden sich die Fürsten leider kaum auf dieses Vorgehen einigen (S. 40). Dominierend ist in den Texten das Mitleid mit den „arme[n] Juden“ (S. 34) oder dem „arme[n] Volk“ (S. 86). Besonders interessant ist der intellektuelle Austausch. Meist sprechen die Pietisten dabei mit Hochachtung von den jüdischen Gelehrten, und nur selten kommt es wie bei dem radikalen Pietisten Horch zu antijüdischen Ausfällen: „Hier hab ich das Glück auff einem Judischen Misthauffen eine Perle zu finden, dann so schreibet Rabbi Laniado über die Worte des Propheten: […]“ (S. 17). Zwar müssen sich radikale Pietisten gegen den Vorwurf einer Nähe zu angeblich jüdischen Dogmen wehren (S. 20-22), doch ziehen die Gelehrten häufig Rabbiner für ihre Argumentation heran, tauschen sich mit ihnen aus und interessieren sich für die jüdische Exegese (S. 17, 21, 72f. et passim). Um dem Urtext der Bibel nahe zu sein, erlernten Pietisten das Hebräische; Oetinger studierte die Kabbala. Ein pietistisches Gesangbuch enthielt eine Kantate, die durchsetzt war mit hebräischen Wörtern (S. 63-66).
Die vielschichtigen Texte zeigen einmal mehr, wie notwendig es ist, die Pietismusforschung über das 17. und 18. Jahrhundert hinaus auszudehnen und die langen Entwicklungslinien zu untersuchen. Das könnte Einblick in ein wichtiges Kapitel der Beziehungen zwischen deutschem Protestantismus und Judentum geben. Bezeichnender Weise liegt noch immer keine Arbeit über den Pietismus in der NS-Zeit vor.

Die Anthologie, die wie die anderen Bände in der Reihe „Kleine Texte des Pietismus“ ein sehr ansprechendes Layout hat, ist ein kleines, günstiges, aber feines Buch, das nicht nur für Kenner interessant ist, sondern auch einen ersten Einblick in die Materie gewährt.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.12.2007
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag