A. Schmidt: Vaterlandsliebe und Religionskonflikt

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Titel
Vaterlandsliebe und Religionskonflikt. Politische Diskurse im Alten Reich (1555-1648)


Autor(en)
Schmidt, Alexander
Reihe
Studies in Medieval and Reformation Traditions: History, Culture
Erschienen
Anzahl Seiten
512 S.
Preis
€ 129,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gabriele Haug-Moritz, Institut für Geschichte, Allgemeine Geschichte der Neuzeit, Karl-Franzens-Universität Graz

Die überarbeitete Fassung der 2004 abgeschlossenen, von Georg Schmidt betreuten Jenaer Dissertation Alexander Schmidts ordnet sich in einen immer breiter werdenden Strom von Arbeiten ein, die einer kulturgeschichtlich inspirierten historischen Politikforschung verpflichtet sind. Schmidts Untersuchung möchte die Frage klären, „wie ein im antik-humanistischen Denkhorizont verankerter Patriotismus auf die konfessionell-politische Konfrontation der Zeit traf und welche argumentativ-rhetorischen Strategien sich daraus entwickelten“ (S. 5). Seine Untersuchung knüpft damit methodisch an die neue politische Ideengeschichte Cambridger Provenienz (Pocock/Skinner) an, die im deutschen Sprachraum prominent von Luise Schorn-Schütte und Robert von Friedeburg vertreten wird, und inhaltlich an die um die Begriffe von „Nation“ und „Freiheit“ zentrierten Arbeiten seines akademischen Lehrers. Nicht nur mit dem (üblichen) Hinweis auf die Forschungslücke, sondern vor allem mit dem Argument, dass die Diskurse um Vaterland/patria „normativ verpflichtender“ gewesen seien als diejenigen, die sich an den „Abstammungsbegriff Nation“ (S. 8) anlagerten, begründet Schmidt seine Entscheidung, die „Vaterlandsliebe“ ins Zentrum zu rücken, was sich im weiteren Verlauf der Untersuchung als fruchtbar erweist.

Die Quellengrundlage seiner Studie bilden die ‚Materialmassen’ (S. 16) der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des Untersuchungszeitraums, ohne dass er freilich seine Auswahlkriterien explizieren würde. Denn wenn auch das 36 Seiten umfassende Quellenverzeichnis (S. 433-469) vom immensen Fleiß des Verfassers kündet, so handelt es sich doch nur um einen Bruchteil des potentiell der Analyse zugänglichen Schrifttums, was allein schon ein kurzer Blick in das „Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts“ [1] lehrt. Bedauerlich ist ebenso, dass er zwar die Grenzen eines diskursgeschichtlichen Zugangs präzise reflektiert (S. 10-12, S. 16f.), der Medialität des Kommunikationsprozesses als solcher jedoch keinerlei Aufmerksamkeit schenkt.

Die untersuchten Druckschriften unterteilt der Autor in drei, idealtypisch geschiedene Textkorpora, wobei es ein erklärtes Ziel der Untersuchung ist, „Überschneidungen, Übernahmen und Zusammenhänge“ (S. 16) zwischen den drei Debatten aufzuzeigen. Entlang dieser Textkorpora ist der Aufbau der Arbeit strukturiert. Die ersten beiden Teile der Untersuchung wenden sich den Vaterlandsdiskursen des gelehrten Schrifttums zu. Geschieden werden hierbei die im ersten Kapitel vorgestellten, überwiegend lateinischen und verstärkt erst seit der Zeit um 1600 publizierten politiktheoretischen, juristischen und moralphilosophischen Werke, die als „klassischer Patriotismus“ apostrophiert werden (S. 19-123), von den im zweiten Kapitel erörterten, vorrangig volkssprachlichen, an humanistische Muster anschließenden Werken eines „didaktischen Patriotismus“ (S. 125-191), der prominent am „Teutscher Nation Heldenbuch“ (1568/78) des Basler Humanisten Heinrich Pantaleon festgemacht wird. Im dritten und umfänglichsten Kapitel schließlich stellt der Autor, vor dem Resümee der Arbeit (S. 417-432), das tagesaktuelle Schrifttum vor, in dem das „Vaterland als Appellationsinstanz“ (S. 193) aufgerufen wird. Vier Themenbereiche behandelt Schmidt exemplarisch, um den Diskurs um Vaterland respektive Vaterlandsliebe im Untersuchungszeitraum zu erhellen: die Reichsreformschriften des Julius Pflug und des Lazarus von Schwendi, wobei die Gutachten des Letzteren zeitgenössisch nur skriptographisch reproduziert wurden (S. 193-240); die Türkenkriegspublizistik (1566-1606) (S. 240-289); Flugschriften, die den Kölner Krieg (1583-1589) thematisieren (S. 290-358) und schließlich das Schrifttum, das sich mit dem Prager Frieden (1635-1640) auseinandersetzt (S. 358-415).

Vielfältige, grundlegende und für die politische Ideengeschichte des Reiches im konfessionellen Zeitalter wegweisende Erkenntnisse vermag Schmidt dergestalt zu erarbeiten, von denen ich hier jedoch nur zwei, mir besonders wichtig erscheinende Aspekte knapp skizzieren kann.
(1) Eindrücklich führt seine Dissertation den Nachweis, dass die Patria-Rhetorik als „Sensor für politische Unsicherheit“ (S. 421) beschrieben werden kann. Äußert sich diese Unsicherheit im tagesaktuellen Schrifttum in einer Zunahme der auf das „geliebte Vaterland“ Bezug nehmenden Argumentationen seit den 1580er-Jahren mit einem Kulminationspunkt um 1618, so evoziert die Krisenhaftigkeit der politischen Ordnung auch die Ausformung des gelehrten lateinischen Diskurses, den Schmidt als „klassischen Patriotismus“ beschreibt. Anknüpfend an Ciceros De officiis, der „die Stichworte und die normative Sprache für einen staatsbürgerlichen Patriotismus von Tugenden und Pflichten“ (S. 27) liefert, wurde „die Vaterlandsliebe in der natürlichen und göttlichen Ordnung angelegt“ gesehen (S. 17) und analog zur Liebe zu den Eltern als eine „obligatio“ gedeutet. Verknüpft wurde der amor patriae mit einer „gemeinwohlorientierten, aktivistischen Ethik“ (S. 17), wodurch „Monarch und Aristokratie“ – etwa im Werk des Danziger Philosophieprofessors Bartholomäus Keckermann – „nicht nur als Vertreter einer von Gott gegebenen Ordnung porträtiert, sondern auch zu nützlichen Mitgliedern und aktiven Bürgern ihres Vaterlandes stilisiert und damit zugleich bestimmten Normen und Handlungserwartungen unterworfen“ (S. 53) wurden. In letzter Konsequenz erlaubte diese Konzeptualisierung des patria-Begriffs auch den, bereits im mittelalterlichen Denken verankerten Opfertod für das Vaterland einzufordern. Folgerichtig wurden „Gewalt sowie politische Extremsituationen äußerer und innerer Bedrohung […] bevorzugt mit dem politisch-ethischen patria-Begriff verbunden“ (S. 65), und in der politiktheoretischen Literatur vor allem im Zusammenhang von Krieg und Widerstand gegen einen Tyrannen diskutiert und durchaus auch, wenn auch nicht ausschließlich auf die deutsche Nation als Ganzes bezogen. Insbesondere die widerstandsrechtliche Diskussion steht dabei, wie Schmidt verdeutlicht, in einer langen, bis in die Zeit des Schmalkaldischen Krieges zurückreichenden Denktradition. Wie schon 1547/48 waren es auch um 1600 protestantische Theologen und Juristen, die sich auf das Vaterland beriefen, um die Verpflichtung der „niederen Obrigkeiten“ zu aktivem militärischen Engagement gegen den tyrannus quoad executionem zu begründen. Dieser Widerstandspflicht hatten sich die „cives patriae amantes“ (S. 90) anzuschließen, die jedoch, wie Schmidt gegen von Friedeburg betont, nur in den Schriften Keckermanns als zu eigenständigem Widerstandshandeln berechtigt erachtet werden und dies auch nur dann, wenn alle Obrigkeiten mit dem Tyrannen konspirieren.
(2) Sind die widerstandsrechtlichen Bestandteile des gelehrten lateinischen Diskurses demnach dominant protestantisch geprägt, ohne dass der klassische Patriotismus als solcher exklusiv von Protestanten propagiert wurde, so gilt letztere Beobachtung für den didaktischen Patriotismus nicht. „Alle untersuchten Verherrlichungen bzw. historischen, kulturellen und geographischen Darstellungen Deutschlands wurden von Protestanten mit einer fast ausnahmslos lutherischen Orientierung verfaßt.“ (S. 174) Auch in der tagesaktuellen Flugschriftenpublizistik wird „patriotisches und nationales Vokabular im katholischen Schrifttum […] häufig eher beiläufig, ja geradezu zurückhaltend gebraucht“ (S. 425). Der Rekurs auf das Vaterland weist damit einen ebenso eindeutigen protestantischen Bias auf wie die sich seit der Zeit um 1600 ausformende Wissenschaft vom Ius publicum. Im einen wie im anderen Fall schreibt er sich aus der verfassungspolitischen Machtlagerung des Reiches her, die den Protestanten einen erheblich größeren Begründungsbedarf für ihr politisches Tun und Lassen aufbürdete als Kaiser und katholischen Reichsständen respektive deren diskursprägenden Eliten. Nicht zuletzt der humanistisch inspirierte Vaterlandsdiskurs, präziser: dessen das Vaterland nicht kulturell, sondern politisch als Ort der „deutschen Freiheit“ bestimmende Argumentationen, sowie die tagesaktuelle Pamphletistik selbst erweisen, in welchem Ausmaß die politische Ordnung des Reiches gedanklich um den Kaiser zentriert war. Denn so sehr der Patriotismus des konfessionellen Zeitalters sich als Bestandteil einer umfassenden europäischen ethisch-politischen Tugenddiskussion erweist und Elemente beinhaltet, die in der Forschung als Bestandteile republikanischen Denkens vorgestellt werden, so besitzt er doch eine Eigenart, die ihn fundamental von diesen unterscheidet: „Im Gegensatz zu republikanischen Konzepten, bei denen der freie Bürger im Zentrum steht, bewahrt der Kaiser […] eine wichtige Rolle als Garant einer gestuften imperialen Freiheit, deren Subjekte zunächst die Reichsfürsten sind. Die Vorstellung der deutschen Freiheit war nämlich gerade bei [den] evangelischen Autoren nach wie vor an die Person, Würde und das Amt eines deutschen Kaisers geknüpft, der die durchgängige Selbstbestimmung der Deutschen gegen alle fremden Einflüsse garantieren sollte.“ (S. 174).

Schmidts Arbeit, der eine breite Rezeption zu wünschen ist, stellt eine, für eine Dissertation ungewöhnliche Leistung dar. Und so bleibt nur zu hoffen, dass sie weitere derartige Untersuchungen des politischen Vokabulars inspirieren möge, die es dann auch erlauben werden, den Stellenwert des Patriotismusdiskurses in der „politischen Sprache“ noch präziser einzuordnen als dies aufgrund des Forschungsstandes derzeit möglich ist.

Anmerkung:
[1] Als online-Datenbank der Bayerischen Staatsbibliothek einsehbar unter: <http://www.bsb-muenchen.de/index.php?id=180>

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13.08.2008
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