H. M. Enzensberger: Hammerstein oder der Eigensinn

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Titel
Hammerstein oder der Eigensinn. Eine deutsche Geschichte


Autor(en)
Enzensberger, Hans M.
Erschienen
Frankfurt am Main 2008: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Anzahl Seiten
376 S.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rüdiger Graf, Ruhr-Universität Bochum

Zu Hans Magnus Enzensbergers im Januar erschienenem Buch über General Kurt von Hammerstein und den „Eigensinn“ seiner Familie ist in den Feuilletons viel geschrieben worden. Neben heftigen Verrissen: „So kann man Geschichte nicht schreiben“ (Volker Ullrich), „schwankt zwischen politischem Manifest und Altherren-Räsonnement, zwischen respektablem Sammlerfleiß und mangelhafter literarischer Verarbeitung“ (Götz Aly) stehen explizite Vorwürfe an die Geschichtswissenschaft, sie habe sich „dieses unglaubliche Material“ bisher entgehen lassen (Jörg Lau) oder aber implizite, noch niemand habe so anschaulich wie jetzt Enzensberger die ideologische Gemengelage am Ende der Weimarer Republik und die Nähe der politischen Extreme zueinander geschildert (Alexander Cammann).[1] Inzwischen hat die FAZ mit Jonathan Littell und seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ schon den nächsten Schriftsteller präsentiert, der Vergangenes angeblich in einer Weise sichtbar werden lässt, die Historikerinnen und Historikern verschlossen ist, und im „Experten-“ und „Leserforum“ des FAZ.NET Reading Rooms wird intensiv über das Verhältnis von Geschichtswissenschaft und historischer Literatur diskutiert. Da hier ein neuralgischer Punkt zu liegen scheint und der Inhalt von Enzensbergers „Hammerstein“ nach dem großen Medienecho weitgehend bekannt sein dürfte, konzentriere ich mich in der folgenden Rezension auf diesen Aspekt.

Dass eine gewisse Nähe zwischen historischen und literarischen Erzählungen darin besteht, dass beide bisweilen ähnliche Prinzipien der Narration verwenden, ist nicht eben eine neue Erkenntnis. Noch in der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts vielfach diskutiert, trat sie allerdings im Zuge des erhöhten Anspruchs der Geschichte auf Wissenschaftlichkeit in den Hintergrund, so dass Hayden White in den 1970er-Jahren mit seiner Tropologie historischer Erzählungen provozieren konnte, weil die Nähe zur Literatur die wissenschaftliche Identität des Fachs infrage zu stellen schien. Zudem ging Hayden White mit manchen Thesen über die bloße Analyse der „tropics of historical discourse“ hinaus, wenn er beispielsweise erklärte, dass, während die Literatur sich weiter entwickelt habe, die Geschichtswissenschaft noch immer den Erzählmodellen des Romans des 19. Jahrhunderts folge. Moderne Geschichtswissenschaft müsse sich stattdessen aber auch an den modernen Formen literarischen Erzählens orientieren.[2] Wie schreibt nun ein moderner Erzähler wie Hans Magnus Enzensberger die Geschichte der Hammersteins?

Sein Buch soll kein historischer Roman sein und erhebt doch zugleich auch keinen fachwissenschaftlichen Anspruch (vgl. S. 357). In mehr als achtzig Abschnitten, die oft nur wenige Seiten lang sind, nähert er sich den Hammersteins aus verschiedenen Richtungen und in verschiedenen Erzählperspektiven. Zunächst sind da die Glossen, in denen Enzensberger über den unmittelbaren Familienkontext hinausgehende historische Zusammenhänge zu entwickeln sucht. Zu Beginn der ersten dieser Glossen verkündet er, wir alle sollten dankbar sein, nicht in der Weimarer Republik gelebt zu haben. Diese Einleitung überrascht insofern, als Enzensberger ansonsten den Eindruck erweckt, dabei gewesen zu sein oder zumindest einen privilegierten Zugang zur Vergangenheit zu besitzen. Hier reproduziert der allwissende Erzähler das von neueren historischen Forschungsergebnissen weitgehend ungetrübte objektivistische Bild einer Vergangenheit, „wie sie eigentlich gewesen“ ist. Bei diesen Glossen handelt es sich um die schlechtesten Passagen des Buches, weil Enzensberger hier keine Vielfalt historischer Interpretationen zulässt, sondern abweichende Meinungen vielmehr mit Böswilligkeit oder moralischer Verworfenheit erklärt. So meint er, der Glaube an die „Lüge von den ‚Goldenen zwanziger Jahren’“ sei „weder durch Ignoranz zu entschuldigen, noch durch Mangel an historischer Vorstellungskraft zu erklären“ (S. 34). Über kritische Interpretationen des militärischen Widerstands urteilt er, „wer Leuten, die mit ihrem Leben bezahlt haben, aus ihren politischen Irrtümern einen Vorwurf macht, leidet an einer Form nachträglicher Besserwisserei, die von ‚moral insanity‘ nicht weit entfernt ist“ (S. 109). Enzensberger tritt hier also als allwissender Erzähler auf, der nicht nur die Vergangenheit kennt und jenseits aller Forschungspositionen weiß, was wahr ist und was nicht, sondern er beansprucht darüber hinaus auch noch den moralisch richtigen Standpunkt zu besitzen, um zu entscheiden, welche Geschichten über die Vergangenheit erzählt werden müssen und welche nicht erzählt werden dürfen.

Daneben stehen jedoch zwei andere Erzählperspektiven, die wesentlich eingeschränkter sind und in denen die Begrenztheit des Wissens des historischen Erzählers deutlich wird. In seinen Ausführungen über Kurt von Hammerstein und seine Töchter, von denen zwei dem Kommunismus zuneigten, und seine Söhne, von denen zwei zum Umfeld des konservativen Widerstandes gegen Hitler gehörten, stützt sich Enzensberger auf Archivquellen, autobiographische Erinnerungen und Interviews mit den noch lebenden Familienmitgliedern. Hier lässt er oftmals die Quellen für sich sprechen, montiert sie einfach nebeneinander (leider immer ohne genaue Quellenangaben, die er, wenn überhaupt, in der Narration nur andeutet) und enthält sich des wertenden Urteils. Dies resultiert vielleicht aus dem Respekt vor dem „Eigensinn“ der Hammersteinschen Familiensaga, vielleicht aber auch aus der Überforderung, jenseits der individuellen Perspektiven eine objektivistische einzuführen. Darüber hinaus bedient sich Enzensberger der „ehrwürdigen literarischen Form des Totengesprächs“ (S. 357), in der ein Herr E. sich mit den bereits verstorbenen Figuren seiner Geschichte unterhält. Auf der einen Seite erheben diese Totengespräche den Anspruch zu wissen, wie die historische Figur sich geäußert hätte. Aber auf der anderen Seite wird ihr jedoch zugleich eine eigene, von der Perspektive des Gesprächspartners und Erzählers verschiedene Sicht auf die Welt und ihre Lebensgeschichte zugestanden.

Nun ist das Totengespräch zum Glück heutzutage keine akzeptierte Form historiographischer Darstellung mehr, obwohl sich vielleicht so mancher literarisch ambitionierte Historiker vorstellen mag, er würde gern einmal aufschreiben, was Hitler und seine Entourage besprachen, als sie Anfang der 1920er-Jahre zusammen im Café saßen. Nichtsdestoweniger stellt sich die Frage, ob die Multiperspektivität auf Vergangenheit, die Enzensberger an verschiedenen Stellen bietet, nicht doch auch für die Geschichtswissenschaft interessant sein kann, gerade weil er immer dann scheitert, wenn er versucht, eine einzige hegemoniale Perspektive einzuführen. Selbstverständlich kann man, wie Volker Ullrich in „Die ZEIT“, darauf hinweisen, dass an vielen Punkten genauere Quellenkritik notwendig gewesen wäre. Zur historischen Einschätzung von Hammersteins Person hätte man gern ein präzises und quellengestütztes Urteil über seine Aktivitäten im Umfeld der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erhalten, anstatt mit verschiedenen Quellen und fiktiven Selbstzeugnissen konfrontiert zu werden. Versteht man Enzensbergers Anliegen aber weniger als die Darstellung der Geschichte der eigensinnigen Familie Hammerstein, sondern vielmehr als die Offenlegung des Eigensinns der Familie, so muss gerade die Multiperspektivität und auch Widersprüchlichkeit ihrer Selbstdeutungen dargestellt werden und darf eben nicht zugunsten einer hegemonialen Deutung aufgelöst werden.

Durch eine solche Form der multiperspektivischen Geschichtsschreibung kann die Geschichtswissenschaft, die mit einer hegemonialen Erzählperspektive arbeitet, keinesfalls ersetzt, aber vielleicht doch ergänzt werden, indem sie nämlich Perspektiven und Stimmen sichtbar macht, die unter der Dominanz einer Erzählung verloren gehen können. Das Verfahren zur Darstellung konkurrierender Perspektiven muss nicht – und sollte auch nicht – so frei sein, wie bei Enzensberger. Auch wenn viele Erzählungen möglich werden, sind doch nicht alle gleichermaßen zu rechtfertigen. Enzensbergers offenkundiges Interesse, Kurt von Hammerstein in die Liga der Widerstandskämpfer aufsteigen zu lassen, führt beispielsweise dazu, dass viele Aspekte seines Lebens unterbelichtet, wenn nicht ausgeblendet werden.[3] Dadurch reduziert er an vielen Stellen gerade die Multiperspektivität seiner Erzählung wieder und scheint statt dessen eher eine einheitliche Selbststilisierung der Hammersteins zu reproduzieren. In den stärkeren Passagen seines Buchs eröffnet Enzensberger jedoch interessante Einblicke in eine adlige Familie im 20. Jahrhundert, in der offenbar überraschend verschiedene Lebensentwürfe und Selbstdeutungen möglich waren.

Anmerkungen:
[1] Ullrich, Volker, Ein General im Zeitalter der Extreme I, Die ZEIT vom 17. Januar 2008; Aly, Götz, Im Geschichtskino, Süddeutsche Zeitung vom 15. Januar 2008; Lau, Jörg, Ein General im Zeitalter der Extreme II, Die ZEIT vom 17. Januar 2008; Cammann, Alexander, Vielleicht konfus, vor allem kühn, Die Tageszeitung vom 19. Januar 2008.
[2] White, Hayden, The Burden of History, in: ders., Tropics of Discourse. Essays in Cultural Criticism, Baltimore u.a. 1978, S. 27-50.
[3] Zu Recht verweist z.B. Götz Aly darauf, dass Hammersteins Kontakte zur politischen Rechten bei Enzensberger quasi unter den Tisch fallen.

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Veröffentlicht am
28.05.2008
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