W. Reinhard: Geschichte des modernen Staates

Cover
Titel
Geschichte des modernen Staates. Von den Anfängen bis zur Gegenwart


Autor(en)
Reinhard, Wolfgang
Reihe
Beck'sche Reihe
Erschienen
München 2007: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
128 S.
Preis
€ 7,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rüdiger von Krosigk, School of History, Classics and Archaeology, University of Edinburgh

„Europa hat den Staat erfunden“. Mit dieser provozierenden Feststellung eröffnet Wolfgang Reinhard seine Schrift „Geschichte des modernen Staates“. Sie ist in der Beck’schen Reihe „Wissen“ erschienen, die im Bereich Geschichte zum Ziel hat, historische Themen, Ereignisse und Figuren einem breiteren Publikum zu vermitteln. Bei dem Buch handelt es sich im Wesentlichen um eine synthetische Zusammenfassung der umfassenden Studie „Geschichte der Staatsgewalt“, die der Autor bereits vor einigen Jahren publiziert hat.[1]

Wolfgang Reinhards Feststellung, Europa habe den Staat erfunden, ist das Leitmotiv seiner Schrift. Der moderne Staat ist das Produkt einer europäischen Kultursynthese, die bis in die Antike zurückreicht (S. 33). Die historischen Entwicklungslinien des modernen Staates in Form der konstitutionellen Monarchie bzw. der demokratischen Republik des 19. und 20. Jahrhunderts führen über die Monarchie des Ancien Régimes. Im einleitenden ersten Kapitel legt Reinhard kurz wichtige Grundlagen und Grundfragen für seine Darstellung offen. Zur Definition des „modernen Staates“ übernimmt er die klassischen, von Georg Jellinek und Max Weber aufgestellten Merkmale (die Einheitlichkeit von Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt, sowie das Monopol der legitimen Anwendung physischer Gewalt nach innen und außen). Zugleich geht er darüber hinaus: So ist der moderne Staat vor allem Rechts- und Verfassungsstaat, Nationalstaat und Demokratie (S. 12ff.). Weiterhin wird knapp auf das Verhältnis von Staat und Gesellschaft, Staat und Recht sowie auf die Bedeutung der Neueren Kulturgeschichte für das Verständnis des Politischen eingegangen.

Der Schwerpunkt liegt auf dem zweiten Kapitel „Aufstieg des modernen Staates“, das etwa zwei Drittel des Buches stellt. In diesem Kapitel wiederum widmet der Autor den meisten Raum der Ausbildung einer vormodernen Form der Staatsgewalt durch die Monarchien. In einzelnen in sich geschlossenen Abschnitten beschreibt er, wie die Monarchien allmählich das Gewaltmonopol nach innen gegen Adel, Kirche und Gemeinden durchzusetzen vermochten. Bereits am Ende des 18. Jahrhunderts waren wichtige europäische Länder nicht mehr weit von Jellineks und Webers Kriterien moderner Staatlichkeit entfernt. Nach Wolfgang Reinhards Erklärungsmodell wurde die Entstehung des modernen Staates vor allem vom „dynastischen Einheits- und Kontinuitätswillen“ der Fürsten im von politischem Pluralismus geprägten Mächtesystem Europas vorangetrieben – denn der moderne Staat gründet sich auf Gewalt und Krieg.

Die Bedeutung der Monarchie des Ancien Régimes sowie der Französischen Revolution für den Durchbruch des modernen Staates im 19. Jahrhundert wird nur skizziert. Hatten sich die Monarchien des Ancien Régimes bereits das Gewaltmonopol nach innen wie nach außen weitestgehend gesichert, so löste die Französische Revolution langfristige Entwicklungen gesellschaftlicher Modernisierung (Abschaffung der Ständegesellschaft) und politische Gleichberechtigung (Wahlrecht) aus. Da das Individuum als Staatsbürger nun unmittelbar auf den Staat bezogen war, weil dessen moderne bürokratische Verwaltung an die Stelle zwischenstaatlicher Instanzen getreten war, hatte der Staat nun direkten Zugriff auf jeden einzelnen Bürger (S. 86f.). Darüber hinaus bildeten parlamentarischer Konstitutionalismus bzw. die demokratische Republik die Grundlage für eine weitere Steigerung der Staatsgewalt. Der Staat war nun in der Lage, sich durch das politische Konstrukt von Konstitution und Partizipation selbst zu legitimieren: „Der Staat ist Selbstzweck geworden“. (S. 89)

Im Kontext von Nationalismus, Demokratie und Verfassung richtet sich der Fokus nun auf die emotionale und ideologische Dienstbarmachung des Individuums durch den Staat sowie die Legitimation staatlicher Autorität. Die Nation als fiktives Konstrukt und die demokratische Volkssouveränität als Illusion bilden für Wolfgang Reinhard die Grundlage für die emotionale Identifikation des Einzelnen mit dem Staat. In diesem Modell der emotionalen und ideologischen Einvernahme wird der Bürger gänzlich vom Staat durchdrungen. Im „demokratischen Nationalismus“ sieht er das Fundament des ausgereiften modernen Staates als Steuer-, Kriegs- und Sozialstaat.

Ein begrifflich und argumentativ weniger überzeugender Abschnitt widmet sich der Steigerung der Staatsgewalt zum „totalen“ Staat. Demokratie und Nationalismus bereiteten auch den Weg zum „totalen“ Staat. Bei diesem unterscheidet Reinhard zwischen der „weichen“ Variante des modernen Interventions- und Sozialstaates und der „harten“ Variante des „berüchtigten ‚totalen’ Staats“. „Das Ergebnis ist eine totale Politisierung aller Lebensbereiche, die schließlich die Organisation einer totalen Herrschaft über die Seelen anstrebt.“ (S. 104) Ein kurzer Exkurs zum internationalen Mächtesystem im 19. und 20. Jahrhundert beschließt den Hauptteil „Aufstieg des modernen Staates“. Auf die Expansion des modernen Staates in globaler Perspektive wird viel zu knapp in nur einem Absatz eingegangen.

Das abschließende dritte Kapitel „Niedergang des modernen Staates“ bietet einen Überblick über die verschiedenen Entwicklungen, die zum Niedergang des modernen Staates beitrugen. Delegitimation bzw. fehlende Identifikationsleistung des modernen Staates – man könnte auch von einer emotionalen und ideologischen Abwendung vom Staat sprechen –, der Verlust staatlicher Gestaltungs- und Handlungsfähigkeit werden hier voranging genannt (S. 110ff.).

Der moderne Staat, so kommt Wolfgang Reinhard zum Schluss, habe bereits aufgehört zu existieren (S. 122). Das Kriterium von Modernität – die Einheit von Staatsgewalt, Staatsgebiet und Staatshoheit (Souveränität) – treffe kaum mehr zu. Das staatliche Machtmonopol befindet sich in Auflösung, den souveränen Staat gibt es nicht mehr. Wie schwer es ist, neue Entwicklungen begrifflich und kategorisch zu erfassen, wenn ihre Bedeutung und weitere Entwicklung nicht absehbar ist, zeigt sich im Rückgriff auf die Allegorie eines „neuen Mittelalters“.[2] So scheint sich in Europa an Stelle des zentralisierten Staates ein „Gemeinwesen mit zahlreichen intermediären Instanzen herauszubilden, ein ‚neues Mittelalter’, dem aber die gemeinsamen Wertvorstellungen des Mittelalters fehlen“ (S. 123).

Für die Zukunft fällt Reinhards Blick unter dem Eindruck eines global enthemmten Kapitalismus eher pessimistisch aus. Das mögliche Szenario ist die Polarisierung zwischen Arm und Reich. In einer Zweidrittelgesellschaft von Armen würde Demokratie die rücksichtslose Bereicherung der Wohlhabenden gefährden und müsste autoritären Regimen weichen. Durch von Armut hervorgerufene Landflucht könnten die Slums in den Megastädten weiter anwachsen. Ein solcher „Planet der Slums“ würde ganz neuartige Konflikte hervorbringen (S. 124).

Abschließend sollen noch zwei Fragen aufgeworfen bzw. Kritikpunkte angeführt werden:
Die einleitende Feststellung „Europa hat den Staat erfunden“ ist eine zum Nachdenken anregende Provokation. Kann Europa tatsächlich für sich alleine in Anspruch nehmen, den Staat erfunden zu haben? Leider fehlt ein vergleichender und eingehender Blick auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Denn immerhin war es die ehemalige britische Kolonie, die sich als erstes westliches Staatswesen erfolgreich als demokratischer Verfassungsstaat etablieren konnte. Dabei konnten die Gründungsväter auf kein entwickeltes föderativ-demokratisches Verfassungsmodell zurückgreifen. Alexis de Tocquevilles Buch „De la démocratie en Amerique“ belegt, welchen Eindruck die demokratischen Zustände in den Vereinigten Staaten der 1830er- Jahre auf einen europäischen Besucher machen konnten. Auch zeichneten sich die amerikanischen Einzelstaaten in diesem Zeitraum durch gezielte staatliche Wirtschafts- und Finanzpolitik zur Förderung von Industrie und Handel, Bankwesen sowie öffentlicher Infrastrukturprojekte wie den Bau von Eisenbahnlinien, Straßen und Kanälen aus.[3] Die Frage nach den Besonderheiten der Vereinigten Staaten im Hinblick auf die Entwicklung eines „modernen“ Staates ist mehr als gerechtfertigt. So stellt sich die Frage, ob die Definition des modernen Staates, wie Wolfgang Reinhard sie vorstellt (S. 12f.), nicht bereits so eng gefasst ist, dass damit von vornherein andere historische Entwicklungsmodelle „moderner“ Staatlichkeit außerhalb Europas ausgeschlossen werden.

Zum zweiten spielen in dem Buch Prozesse der Machtkonzentration und der Ressourcenabschöpfung unter der Bedingung von Krieg eine zentrale Rolle. Es ist die Geschichte des Macht- und Kriegsstaates. Was die intellektuellen Grundlagen der Herausbildung der Staatsgewalt anbelangt, werden dementsprechend vor allem politische Theorien in Hinblick auf die Herausbildung souveräner Herrschaft bzw. eines staatlichen Gewaltmonopols betrachtet. Dagegen werden andere intellektuelle Grundlagen politischer Gemeinwesen und zur friedlichen Koexistenz von Staaten wie republikanische und konkordanzdemokratische Theorien und Modelle außer Acht gelassen. Hier stellt sich die Frage, ob der Begriff der „Moderne“ als Parameter für die Geschichte des modernen Staates nicht in diese Richtung erweitert werden müsste.[4]

Dessen ungeachtet bietet Wolfgang Reinhards „Geschichte des modernen Staates“ eine äußerst anregende Lektüre, die interessante Einblicke in sehr unterschiedliche Bereiche zur Staatsbildung gibt. Die kurzen Abschnitte lassen sich dabei als leicht verständliche, in sich geschlossene Abhandlungen zu einzelnen Themenfeldern lesen.

Anmerkungen:
[1] Reinhard, Wolfgang, Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1999; vgl. Martin Kirsch: Rezension zu: Wolfgang, Reinhard, Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 1999. In: H-Soz-u-Kult, 06.09.2000. <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=491>.
[2] Vgl. Oexle, Otto Gerhard, Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus. Studien zu Problemgeschichten der Moderne, Göttingen 1996.
[3] Vgl. Lipset, Seymour Martin, The First New Nation. The United States in Historical and Comparative Perspective, London 1963, S. 45ff.
[4] Vgl. Gelderen, Martin van, The State and Its Rivals in Early-Modern Europe, in: Skinner, Quentin; Stråth, Bo (Hrsg.), States and Citizens. History, Theory, Prospects, Cambridge 2003, S. 79–96.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.08.2008
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