M. Baleva u.a. (Hrsg.): Batak als bulgarischer Erinnerungsort

Cover
Titel
Batak kato mjasto na pametta / Batak als bulgarischer Erinnerungsort.


Herausgeber
Martina, Baleva; Brunnbauer, Ulf
Erschienen
Sofia 2007: Iztok-Zapad
Anzahl Seiten
158 S.
Preis
€ 5,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Weber, Hamburger Institut für Sozialforschung

In der umfangreichen Forschungsliteratur zu nationalen Erinnerungskulturen, ihrer politischen Wirksamkeit und handlungsleitenden Emotionalität in Ost- und Südosteuropa hat Bulgarien bisher kaum Beachtung gefunden. Ein Grund für die mangelnde Aufmerksamkeit lag sicher in der politischen Zurückhaltung und Ruhe, die das Land im Unterschied zu seinem westlichen Nachbarn Jugoslawien vermittelte. Geschichtsmythen und ein historischer Irredentismus, so der Eindruck, taugten in Bulgarien allenfalls für nächtliche Stammtischrunden oder als reflexhafte Beschwörungsformeln von marginalisierten rechtsextremen Parteien.

Wie sehr diese Ruhe trügt, haben zwei Wissenschaftler, der an der FU Berlin lehrende Historiker Ulf Brunnbauer und die dort promovierende bulgarische Kunsthistorikerin Martina Baleva auf drastische Art zu spüren bekommen. Auch in Bulgarien ist der nationale Erinnerungskanon ein Heiligtum, das zu hinterfragen als Sakrileg bestraft wird. Brunnbauer und Balevas von der Robert-Bosch-Stiftung gefördertes Projekt, die Konstruktionsmechanismen des nationalen Erinnerungsortes Batak nachzuzeichnen, wo im Jahr 1876 irreguläre osmanische Truppen ein Massaker an der christlichen Zivilbevölkerung verübten, führte im vergangenen Jahr zu einer bedrohlichen Hetzkampagne, an der sich nicht nur rechtspopulistische Kreise sondern auch renommierte Fachkollegen, wie die Historiker Georgi Markov oder Andrej Pantev beteiligten. Zusammengefasst lautete der Vorwurf, mit der historischen Untersuchung des Erinnerungsortes zugleich das brutale Massaker und somit die Gräuel der osmanischen „Fremdherrschaft“ abzustreiten. Jeder Erklärungsversuch, dass es Brunnbauer und Baleva nicht um die Leugnung der Gewalttat, sondern um die Frage nach der Entstehung eines nationalen Geschichtsmythos ging, lief ins Leere. Letztendlich mussten die für Mai 2007 geplante Ausstellung und eine Tagung abgesagt werden, nachdem auch der amtierende bulgarische Staatspräsident und studierte Historiker Georgi Parvanov erklärt hatte, dass „die bevorstehende Konferenz eine scharfe Provokation gegen die Nationalgeschichte und das Nationalgedächtnis“[1] darstelle. Vor dem Hintergrund dieser irrationalen, politisch aufgeheizten und instrumentalisierten Debatte unterstreicht das ursprünglich als Ausstellungskatalog geplante Buch den Anspruch der Organisatoren auf eine sachlich geführte historische Analyse und Argumentation. Sein Erscheinen ist nicht zuletzt der mutigen Hartnäckigkeit der Autoren und der Robert-Bosch-Stiftung zu verdanken.

Im Mittelpunkt des Buches steht die Erinnerungsarbeit des polnischen Malers Antoni Piotrowski, dessen Bild „Das Massaker von Batak“ die visuelle Vorstellung von der Tragödie bis in die Gegenwart maßgeblich prägte. Piotrowkis Gemälde, das im Jahr 1892 auf der Ersten Nationalen Ausstellung in Plovdiv der bulgarischen Öffentlichkeit vorgestellt wurde, war eine populäre Bildquelle für die erlittenen Grausamkeiten unter dem so genannten türkischen Joch. Die Überzeugungskraft der bildnerischen Darstellung wuchs mit der Existenz von fotografischen Zeugnissen, auf denen Piotrowskis Bild angeblich basierte. In ihrem Beitrag über die Entstehungsgeschichte des Gemäldes entzaubert Martina Baleva diese Authentizität. Anhand der 1911 erschienenen Biographie von Piotrowski, die Baleva quellenkritisch ausgewertet hat, weist sie nach, dass die häufig reproduzierten und in wissenschaftlichen Abhandlungen als Beweis herangezogenen Fotos von Piotrowski und einem angeheuerten Fotografen in den 1880er-Jahren nachgestellt wurden. „Wir inszenierten die Szene des Massakers vor der Schule“, so Piotrowski. „Die Christen hockten sich hin, und die Pomaken, die Ärmel ihrer türkischen Kleidung hochgekrempelt, standen breitbeinig und hielten in ihren Händen Krummsäbel, Dolche und Schwerter. Einige versuchten sogar, ihren Gesichtern einen grausamen Ausdruck zu verleihen.“ (Zit. S. 36) Es ist der Autorin anzurechnen, dass sie ihre Ergebnisse nicht als historische Sensation verkauft. Stattdessen bettet sie die Tatsache der nachträglichen Inszenierung einerseits in die zeitgenössischen Geschichtskämpfe ein, die um die Jahrhundertwende auch in Bulgarien zu einem wesentlichen Instrument machtpolitischer Legitimation wurden. Überzeugend verbindet sie die Vergangenheitsarbeit von Piotrowski und den Aufstieg Bataks in das Pantheon nationaler Erinnerungsorte mit der Geschichtspolitik der Ära Stambolov und der Rolle Zachari Stojanovs, dessen glorifizierende Aufzeichnungen zu den Aufständen 1876 zeitgleich die Deutungshoheit über die Epoche der so genannten bulgarischen Wiedergeburt gewannen. Baleva erklärt, warum der Fakt der nachträglichen Inszenierung zunächst bewusst verschwiegen und später schlichtweg vergessen worden ist.

Ihr Anliegen, das Fallbeispiel Batak zudem in den Kontext einer europäischen Erinnerungskultur des Nationalen zu setzen, ist eine weitere Stärke des Buches. Sowohl Baleva als auch Brunnbauer sehen in der Konstruktion des Erinnerungsortes keinen bulgarischen Sonderfall, sondern lediglich ein weiteres Beispiel für die Konstruktion mythischer Geschichtserzählungen, die den Prozess der Nationsbildungen im 19. Jahrhundert prägten. Selbst der Umstand, dass mit Antoni Piotrowski ein polnischer Maler das bekannteste Bild des Massakers anfertigte, ist, so betonen beide Herausgeber in der Einleitung, in der europäischen Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts keine Besonderheit. Jede Nation baute ihr Selbstverständnis auf mythischen Erinnerungen, die in den meisten Fällen an historische Gewaltereignisse geknüpft waren: an Kriege, an Schlachten und eben an Massaker. Wie sehr dabei europaweit das Feindbild der islamischen Bedrohung zum Einsatz kam, betont noch einmal der Beitrag von Monika Flacke, die bereits 1998 im Deutschen Historischen Museum Berlin die weit beachtete Ausstellung „Mythen der Nation. Ein europäisches Panorama“ kuratiert hat. Der Islam, so Flacke in ihrer allgemein gehaltenen, die bekannten Befunde der jüngeren Nationalismusforschung zusammenfassenden Darstellung, war im 19. Jahrhundert die ideale Chiffre, um die Nation nach innen zu festigen. Die historischen Fallbeispiele der einzelnen Länder, unter anderem Polen und Griechenland, – in der Berliner Ausstellung war Bulgarien nicht vertreten – lassen so eine gemeinsame Signatur an stereotypen Feindbildern und Konstruktionsmechanismen erkennen, deren Regeln auch die Entstehung des Erinnerungsortes Batak folgte.

Die Beiträge im zweiten Teil des Buches stellen „Batak“ in den größeren Zusammenhang der bulgarischen Meistererzählung nationaler Wiedergeburt, verweisen auf „vergessene“ Teile der Geschichte oder ihr Fortschreiben unter veränderten politischen Bedingungen. Dass die Entstehung der Batak-Erzählung eine schwierige Gratwanderung zwischen der notwendigen Reduktion historischer Komplexität und der Berücksichtigung lokaler multiethnischer Lebenswelten bedeutete, zeigen Ulf Brunnbauer, Evgenija Ivanova und Alexander Vezenkov am Beispiel des Umgangs mit der pomakischen Bevölkerung. Die Nationalisierung der Landschaft, die in der Batak-Erinnerung am Eigenbild der heroischen bulgarischen Opfer und dem Fremdbild der türkischen Mörder vollzogen wurde, stieß sich an der Existenz der Pomaken. Die Uneindeutigkeit dieser bulgarischsprachigen, aber muslimischen Minderheit wurde für den Batak-Mythos, der der strengen Trennung zwischen den bulgarisch-christlichen Opfern und den muslimischen Tätern bedurfte, zum Problem. Der bulgarische Nationalismus der sozialistischen Živkov-Ära, der in den Pomaken ohnehin eine zwangskonvertierte bulgarisch-christliche Bevölkerung erblickte, „löste“ das Problem. Ihre Existenz als historisch agierende ethnische Minderheit wurde nicht mehr thematisiert und ihre Geschichte in die nationale Opfererzählung der Bulgaren integriert. Die Tatsache, dass auch Pomaken aus den umliegenden Dörfern zu den marodierenden und in Batak wütenden Truppen gehört hatten, wurde folglich verschwiegen. Die Pomaken verschwanden im stereotypen Bild der heroischen bulgarischen Gebirgsbewohner und die diesem Nationalimage widersprechenden Berichte über pomakische Gewalttaten bezeichnete nicht nur der bekannte bulgarische Autor Nikolaj Chajtov in den 1970er-Jahren als „brudermörderisch und antibulgarisch“(Zit. S. 104). Die Beteiligung von Pomaken an den Aufständen auf Seiten der Täter ebenso wie auf der Seite der Opfer hätte jene Komplexitätsreduktion und Widerspruchslosigkeit in Frage gestellt ohne die mythische Erzählungen, unabhängig von ihrer politischen Instrumentalisierung, nicht funktionieren.

Das Buch „Batak als bulgarischer Erinnerungsort“ überzeugt durch die unterschiedlichen Perspektiven, die hier auf die Entstehung und Fortschreibung eines zentralen bulgarischen Erinnerungsortes geworfen werden. Dabei erscheinen gerade die schwierige Behandlung der ethnischen Minderheit der Pomaken und das Spannungsverhältnis von nationaler und lokaler Identitäts- und Gemeinschaftsstiftung als Aspekte, die in der ohnehin dünnen Literatur zu Bulgarien meist unterbelichtet sind. Neben der kunsthistorischen Aufarbeitung des Entstehungsprozesses von Piotrowkis Gemälde macht gerade dieser Schwerpunkt den innovativen Wert des Buches aus. Allein die Kürze und der teilweise kursorische Charakter der Beiträge, die der Konzeption des Buches als Ausstellungskatalog geschuldet sein dürften, sei hier als Mangel kritisiert. Man hätte gern noch mehr erfahren, beispielsweise über die fotografische Inszenierung von Gräuelbildern ermordeter bulgarischer Partisanen im Jahr 1944, deren Ähnlichkeit zu den von Piotrowski gestellten Fotos frappierend ist. Die geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung nationaler Erinnerungsorte und Mythen in Bulgarien dürfte noch einige Überraschungen bereithalten. Die Tatsache, dass die Konstruktionsmechanismen des Erinnerungsortes Batak – zumindest bis zur sozialistischen Ära – dabei stets den Formeln einer gesamteuropäischen Nationsbildung folgten, sollte auch die erhitzten Gemüter in Bulgarien abkühlen.

Anmerkung:
[1] Bulgarien: Umstrittene Mythen von Marinela Liptcheva-Weiss, DW-Radio, Fokus Ost-Südost vom 25.4.2007, www.dw-world.de/dw/article/0,2144,2459306,00.html.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.04.2008
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag